Kategorie: Allgemein

Advent! Leg los!

„Advent“ heißt „Ankunft.“
Wo wollen wir ankommen?
Worauf warten wir eigentlich?
Erst mal auf einen schönen Heiligabend: Behaglichkeit, gutes Essen, Lichterglanz.
Klar, bis dahin ist noch viel zu tun – geschenkt, wir schaffen das, haben wir ja jedes Jahr. Aber so richtig Weihnachten ist, wenn die Kerzen brennen. Der magische Moment. Erleuchtet, perfekt, am besten für immer.
Das ist das Geheimnis: Wir warten auf den magischen Moment. Dafür arbeiten wir. Dafür lohnt die ganze Schinderei, der Stress, der Wahnsinn.
Wir warten auf den Kuss des Lebens, die große, ewige Liebe, die mich nie, niemals enttäuscht. Und dann, ja dann geht es los. Aber so richtig. Das ist mein ganz persönlicher Advent. Wenn ich endlich angekommen bin. Dann kann mich nichts und niemand mehr. Dann fange ich an zu leben.
Bethlehem ist anders. Zwei enttäuschte Menschen: frustriert von der Macht, die sie hin und her schubst, in die Fremde jagt.
Sie sind auch einander gar nicht so sicher:

„Von wem ist das Kind, Maria?“
„Warum reicht es nicht mal für eine vernünftige Unterkunft, warum sind wir hier gestrandet, in diesem elenden Stall, Josef? Was soll aus unserem Sohn bloß werden?“
Und doch: am Heiligen Abend stelle ich mir diese beiden als die glücklichsten Menschen der Welt vor. Sie sind angekommen; im Glück, im Leben, bei Gott.
Advent. Ankunft. Es mag dunkel sein in deinem Leben, mühsam und schwer. Doch wenn es einen einzigen Menschen gibt, für den du da sein kannst – wenn es einen einzigen gibt, der sich um dich sorgt, dann ist Advent. Dann bist du angekommen. Dann musst du nicht länger warten.

Dann leg los.

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Sehnsucht

Wenn irgendwo Fahnen im Wind knattern, wenn es grau ist wie heute, dann überkommt mich die Sehnsucht nach dem Meer.
Die Nordsee, am liebsten.
Grau und stürmisch. Lange Spaziergänge am Strand. Der Wind bläst dich fast weg. Sand peitscht dir ins Gesicht. Du drehst dich weg. Schaust übers Meer.
Es zieht dich an und lässt dich erschauern.
Sich raus wagen in das Unbekannte.
Halt suchen, wo es keinen gibt. Alles riskieren.
Den Sternen vertrauen, sie kennen die Richtung.
Dich tragen lassen in der kleinen Nussschale, die du dein Leben nennst.
Das Meer.
Aus ihm kommt alles Leben – dorthin kehrt es zurück.
Wovon rede ich?
Vom Meer? Von Gott?
Von meiner Ahnung von beidem.

Einmal „Nein“ braucht dreimal „Ja“

 

 

Es klingelt an der Haustür. Vor mir steht eine junge Frau in Feuerwehruniform, eine ehemalige Konfirmandin. Sie ist schon seit Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in Rüningen. „Hallo!“ sagt sie und lächelt mich an, „Ich wollte dir nur schnell Bescheid sagen: Wir räumen gerade den Baum weg, den der Sturm hinter der Kirche zerlegt hat.“ Und schon höre ich die Kettensäge aufheulen. Keine Stunde später ist der Weg wieder frei.
Vor gut einer Woche ist „Xavier“ über uns weggefegt ist. Was für ein Chaos! Der Hagenmarkt ein Ort der Verwüstung, überall in der Stadt Bäume auf den Straßen. Auch die wunderschöne Trauerweide an der Martinikirche hat der Sturm entwurzelt. Das ist erst zehn Tage her, doch heute sieht man schon so gut wie nichts mehr davon.
Die Feuerwehr, Alba und viele Gartenbaubetriebe haben ganze Arbeit geleistet.
Eigentlich ein Grund zur Dankbarkeit. Doch so sind wir nicht. Wir werden höchstens ärgerlich, wenn es nicht schnell genug geht: „Was denn, die Züge fahren immer noch nicht wieder planmäßig? Typisch!“ Was nicht klappt, sticht sofort ins Auge. Das Schöne halten wir für normal.
Ein guter Freund hat einmal gesagt: Wenn Du einmal „Nein“ sagst, musst du dreimal „Ja“ sagen, um das „Nein“ auszugleichen.
Wie viele Menschen demotivieren wir durch unser ständiges „Nein!“
Sie geben alles. Doch es reicht nicht. Es könnte höher, schneller besser sein. Es ist nie gut genug.
Dabei beginnt jeder Tag mit dem Ja zu mir.
Ja, die Welt ist immer noch ein schöner, ein hilfreicher Ort. Es gibt so viele Menschen, die einfach für mich da sind.
Dafür bin ich dankbar.

 

Gott?

Gott?

 

„Glauben Sie an Gott?“
Das fragt in der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ ein 16jähriger, schwer kranker Junge den Chefarzt. „Nein!“ antwortet der sofort. Dann sagt er zögernd: „Aber ich hatte mal eine Nahtoderfahrung. Seitdem bin ich mir nicht mehr so sicher, ob da wirklich nur Synapsen und Hormone am Werk sind..“
Der Arzt glaubt, dass da etwas sein könnte, etwas Großes, das er nicht in Worte fassen kann – aber der Begriff „Gott“ passt nicht.
So geht es vielen Menschen. Sie sind auf der Suche, haben eine Ahnung – aber das Wort „Gott“ löst bei ihnen Unbehagen aus. Sie meinen: „Wenn ich an „Gott“ glaube, dann kaufe ich ein uraltes, vollmöbliertes Haus. Ich kann einziehen. Aber für meine eigenen Vorstellungen und Gedanken ist kein Platz. Wenn du mich fragst, ob ich an Gott glaube, nagelst du mich fest.“
Das geht auch meinen Konfis so. Die sagen dann: „Ich glaube nicht, dass Gott die Welt an sieben Tagen erschaffen hat.“ Sie ganz erstaunt, wenn ich ihnen antworte: „Ich auch nicht.“
Für mich ist die Geschichte von der Erschaffung der Welt kein Tatsachenbericht. Sie ist ein Bild für die Quelle der Liebe, aus der alles entspringt.
Glauben ist nicht Wissen. Glauben ist suchen, tasten. Das ist mühsam, aber ich kann auch nicht damit aufhören. Die Frage nach dem, was alles trägt wird mich immer begleiten. Ich werde immer suchen.
Und die Bibel? Sie erinnert mich: Der Name Gottes ist unaussprechlich, viel zu groß für meinen Verstand. Ich soll mir auch kein Bild machen von dem, was wir „Gott“ nennen. Die Bibel ist voller Geschichten und Weisheiten. Das sind Samen, die mir ins Herz gelegt werden. Was daraus wird, liegt nicht bei mir. Manches wird blühen – anderes erreicht mich gar nicht.
Ich suche – und werde gefunden.

Die Sprache Gottes

„Gott hat viele Sprachen. Eine davon ist die Musik“

(David Foster Wallace).

Sie war krank. Fünfzehn lange Jahre. Die Familie hat sich gekümmert, ist bis an die Grenzen gegangen. Zuletzt saß sie im Rollstuhl, konnte nichts mehr, diese einst so blühende Frau, Mutter, Schwester und Freundin. Und nun heißt es Abschied nehmen. Ein Lied aussuchen, das zu ihr passt. Reinhard Mey hat sie immer gern gehört. Seine Alben haben wir immer noch für sie gespielt, bis zum Schluss. Wir hören noch mal rein. „Gute Nacht Freunde…“ Schon bei den ersten Klängen öffnen sich bei mir alle Schleusen, „es wird Zeit für mich zu gehen.“  Der Schmerz, die Trauer, alles bricht raus. Ich habe das Gefühl, Reinhart Mey hat das Lied nur für sie geschrieben. Ich sitze wieder in ihrem verwunschenen Garten. Sie ist mir ganz nah, die große Gastgeberin, die warmherzige Freundin, die immer ein offenes Ohr für mich hat, eine Zigarette und natürlich ein letztes Glas im Stehen. Die letzten fünfzehn Jahre, die Krankheit, all das Leid, sind für einen Moment wie weggefegt. Sie ist wieder da, diese tolle Frau, die mir so viel gegeben hat. Dieser Moment tut so weh und so gut.
„Gute Nacht Freunde…“ wie oft habe ich das schon gehört und nichts ist passiert. Jetzt zerreißt es mich.
Die Musik entfaltet eine ungeheure Kraft. Sie weckt Gefühle, Erinnerungen, entführt in eine andere Welt. Du kannst das nicht steuern. Mal dringt sie dir tief ins Herz, mal erreicht sie dich gar nicht. Du kannst ihre Wirkung auch nicht einfach wiederholen, weißt nie, was beim nächsten Hören geschieht. Musik ist wunderschön und unverfügbar. Sie trägt dich in ungeahnte Höhen und stürzt dich in tiefste Tiefen.
Ja, Musik ist die Sprache Gottes.

 

 

Wahre Freunde

Wenn jemand den Sechser im Lotto gewinnt, dann bekommt er Besuch von einem Experten der Lottogesellschaft. Der berät ihn dann, wie er sein vieles Geld am besten anlegt. Aber nicht nur das. Er sagt ihm auch, wie er sich verhalten soll. Ein ganz wichtiger Rat ist immer dabei: „Erzählen Sie erst mal niemandem von Ihrem Glück.“
Das ist doch seltsam, oder?
Entschuldigung! Ich habe im Lotto gewonnen! Mir steht die Welt offen! Warum soll ich das für mich behalten?
„Sag besser erst mal nichts…“
Hinter diesem Rat steckt eine wichtige Erkenntnis, die mir lange nicht klar gewesen ist.
Wir sagen ja immer: Wahre Freunde erkennst du, wenn du sie brauchst. Sie sind für dich da in der Not.
Das ist nur die eine Seite. Die andere vergessen wir leicht:
Wahre Freunde erkennst du, wenn du Erfolg hast. Wahre Freunde sind die, die sich mit dir freuen. Die nicht neidisch werden und denken: „Warum der und nicht ich? Ich arbeite doch genauso viel!“
Judas hat Jesus nicht verraten, weil er erfolglos war. Ganz im Gegenteil…

Wer lebt, stört.L

„Wer lebt, stört“ hab ich neulich gelesen. Das stimmt: Wer lebt, stört.
Aber das gilt auch umgekehrt: „Wer nicht stört, lebt nicht.“
Ich sitze im Café. Neben mir ein junges Paar mit ihrem Kind, so ungefähr zwei Jahre alt. Die Eltern sind ins Gespräch vertieft, die Kleine sitzt still in ihrem Buggy. Nach 20 Minuten kommt mir das seltsam vor. Warum ist das Kind so ruhig? Warum quengelt sie nicht und will raus aus ihrer Karre? Dann sehe ich es: die Kleine hat ein Smartphone in der Hand! Spielt irgendein „lustiges Kinderspiel“ und ist völlig in den Bann gezogen.
Ich sitze daneben und sage kein Wort. Geht mich ja nichts an…  Aber irgendwer müsste doch diesen Eltern mal was sagen! Das Kind wird doch hyperaktiv und kann nachts nicht schlafen…
Aber ich will ja nicht stören.
Da schaut die Kleine hoch, schmeißt das Smartphone weg und schreit. Der Papa sucht hektisch nach dem Gerät, die Mama springt auf und nimmt das Kind aus dem Buggy. Die Kleine läuft fröhlich kreischend durchs Café und verschwindet hinterm Tresen. Einige Erwachsene gucken genervt.
Wer lebt, stört. Und wer stört, macht sich nicht beliebt. Aber wer nicht stört auch nicht.