Kategorie: Allgemein

Die Postkarte

O Mann, er hat ganz vergessen, sich bei seiner Patentante für das Geburtstagsgeschenk zu bedanken. Anrufen traut er sich nicht. Er ist vierzehn, Reden ist nicht so sein Ding. Eine WhatsApp wär auch ein bisschen schlapp. Was soll er machen?
„Schreib ihr doch eine Postkarte!“ schlage ich vor. „Da freut sie sich bestimmt. Und so furchtbar viel schreiben musst du auch nicht.“ 
Er ist begeistert, sucht eine Karte aus. Vorne drauf steht in großen bunten Buchstaben „Danke!“ 
Er nimmt den Stift in die Hand, doch dann zögert er: „Wo muss denn hier die Adresse hin?“ Ich erkläre es ihm: „Ins rechte Feld, auf die Linien.“ 
„Und was kommt zuerst? Die Straße?“
Wie rasend schnell sich unsere Welt verändert. Er hat noch nie in seinem Leben eine Postkarte geschrieben!
Ich finde auch nur noch selten eine Karte im Briefkasten. Und schreiben tue ich auch kaum noch welche. WhatsApp ist praktischer und geht schneller.
Keine Karten mehr im Briefkasten.
Postkarten schreiben, gemeinsam singen, ja, auch mal in die Kirche gehen. So viele gute alte Traditionen verschwinden. Das macht unsicher, das tut uns nicht gut. 
Aber: Was selten ist, bekommt auch wieder einen besonderen Wert. Die Patentante hat sich sehr über die Postkarte gefreut. 

Eine Last

Vor einem Stehcafe stehen zwei Männer an einem Tisch. Der eine sieht sehr traurig aus. 
„Ich bin dir doch nur noch eine Last…“ seufzt er.
„Ja,“ sagt der andere. „aber du bist mein Freund.“
Ganz ehrlich? 
Ich könnte für viel mehr Menschen ein Freund sein – wenn sie nicht diese verrückte Angst hätten, dass sie mir zur Last fallen. 
Aber wer bittet schon gern um Hilfe! Ich wurschtele mich auch lieber alleine durch und tue so, als ob es mir gut geht. Ich will auch keine Schwäche zeigen – hat doch jeder genug mit sich selbst zu tun.  
Ja, umgekehrt stimmt es auch: Ich könnte viel mehr gute Freundinnen und Freunde haben, wenn ich nicht diese verrückte Angst hätte, ihnen zur Last zu fallen. 
Dabei gibt es so viele, die gerne für mich da sind; Menschen, die sich freuen, wenn auf die Frage „Wie geht es dir?“ mehr kommt als „Danke, gut.“ 
Freundschaft zeigt sich nicht nur im Sonnenschein… Ab und zu brauche ich jemanden, der auch in meinen Stürmen gut schläft. Der die Übersicht behält. Der mich trägt, auch wenn ich ihm eine Last bin. Einen Freund eben. 
Aber stimmt schon: Freundschaft musst du auch zulassen. 

Ein bisschen mehr Amsel

Heute Morgen hat mich eine Amsel geweckt. Mitten im Januar. Es ist dunkel und kalt – und sie singt ihr Frühlingslied. Sie singt von dem, was ich eigentlich ja auch weiß: Es wird wieder Frühling. Ich kann mich drauf freuen. Klar, es bleibt noch eine ganze Zeit dunkel und kalt. Aber ganz langsam wird es schon wieder heller. 
In dieser schweren Zeit wünsche ich mir ein bisschen mehr Amselgesang. Zu oft tue ich so, als ob es für immer Winter bleibt. Als ob ich nur noch diese Landschaft sähe: kahle Bäume, grauer Himmel.
Dabei muss ich mir nur einen Moment Zeit nehmen und genau hinschauen: Im Garten wachsen Winterlinge, Schneeglöckchen, Gänseblümchen. Die Boten des Frühlings zeigen sich schon. 
Und dann höre ich Gesang der Amsel. Wie schön. Sie erinnert mich:
Auch in diesen so harten Zeiten, es wird wieder Frühling.
Der indische Dichter Tagore schreibt: „Der Glaube ist der Vogel, der das Tageslicht spürt, bevor der Morgen dämmert.“ 

Glücklich sein

Menschen wollen vor allem eins: glücklich sein.
Ist das nicht egoistisch und selbstbezogen? 
Ich glaube nicht.
Wenn ich unglücklich bin, dann läuft gar nichts, dann werde ich unausstehlich, dann kreisen meine Gedanken nur um mich selbst. Ich bin zu nichts zu gebrauchen…
Aber wenn ich glücklich bin, dann bin ich kreativ, dann bin ich auch offen für die Sorgen und Nöte der anderen. Wenn ich glücklich bin, kann ich viel besser zuhören.
Glücklich sein ist wichtig. Aber was macht mich wirklich glücklich?
Mit Schülerinnen und Schülern hat man folgendes Experiment gemacht:
Als sie morgens den Klassenraum betraten, hat man sie gebeten: „Vervollständige für dich selbst folgenden Satz: 
 „Ich bin froh, dass ich…“
Also zum Beispiel „Ich bin froh, dass Lea meine beste Freundin ist.“
Sie mussten den Satz fünfmal wiederholen. Die Atmosphäre in der Klasse war den ganzen Tag über gut.
Am folgenden Tag sollten sie einen anderen Satz zu vervollständigen und fünfmal zu wiederholen:
„Ich wäre lieber…“
Zum Beispiel: „Ich wäre lieber so cool wie Tom.“ 
Die Stimmung in der Klasse war an diesem Tag gereizt und schlecht. 
Ja, so ist das wohl: im Unglück vergleiche ich mich mit anderen – im Glück bin ich dankbar für das, was mir geschenkt ist. 

„Gottesbringdienst“ Heiligabend

Liebe Leserinnen und Leser!

Da Ihr nicht in die Kirche kommen könnt, bringen wir Euch einen Gottesdienst zum Heiligen Abend nach Hause. Die Lieder werden in St. Martini gesungen von Mitgliedern des Ensembles der „Braunschweiger Weihnachtsgeschichte“ und dazu einige Gedanken zur Weihnacht.

Euch und Ihnen allen Frohe Weihnachten!

Hannah geht

Hannah war damals so ungefähr fünf Jahre alt. Sie wusste schon sehr genau, was sie wollte – und sie ging keinem Streit mit ihrer Mutter aus dem Weg.  Eines Tages reichte es ihr: „Mama, ich gehe jetzt!“ sagte sie wütend und holte, ihren kleinen Koffer aus der Spielecke. 
„Ist gut mein Kind!“ sagte ihre Mutter und half ihr beim Packen. Gemeinsam packten sie alles ein, was man mit fünf so zum Leben braucht: Hannahs Kuscheltier, ihr Lieblingsbuch…
Ihre Mutter schmierte ihr sogar noch ein Brot und schnitt ihr einen Apfel, damit sie unterwegs nicht hungern musste. 
Dann machte Hannah sich auf den Weg. Ihre Mutter stand an der Tür und winkte ihr hinterher. 
Doch schon an der nächsten Straßenecke bekam sie so ein Heimweh, dass sie ganz schnell wieder nach Hause lief. Und da stand ihre Mutter immer noch in der Tür, strahlte sie an und nahm ihr Kind in die Arme: „Das ist aber schön, dass du wieder da bist!“
Wenn Jesus die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt, dann meint er im Grunde genau das: 
Nicht nur unsere Kinder, auch wir Erwachsenen brauchen genau das: Dieses Gefühl, wir können loslassen – wir können uns auf den Weg machen – und wir können doch immer wieder zurückkehren – nach Hause! 
Hannah ist übrigens inzwischen eine sehr selbstbewusste, tolle junge Frau.

Was glaubst du?

Der Sohn sitzt lange am Sterbebett seiner alten, lebenssatten Mutter. 
Er hat sich nie getraut, sie zu fragen, heute ist die letzte Gelegenheit. 
„Glaubst du an Gott?“ fragt er sie schließlich.
Sie zögert einen Moment. 
„Ich weiß nicht…“ sagt sie dann. 
„Zumindest bete ich zu ihm.“
Sie weiß nicht. Aber sie betet. Sie weiß, zu wem sie sprechen kann. 
Der Glaube ist manchmal nur eine vage Hoffnung. 
Aber was heißt hier „nur?“ 
Hoffnung ist im Leben oft genug mehr, als man erwarten kann.
Der Sohn wird mutiger. Er fragt weiter: 
„Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?“
„Ach nein!“ antwortet sie. „Einmal leben reicht nun wirklich hin!“ 
„Das meine ich nicht. Glaubst du, dass du ins Paradies kommst?“
Die alte Frau lächelt, schüttelt den Kopf: „Dazu fehlt mir die Phantasie.“
Sie braucht nicht viel, kein Konzept, keine großen Bilder. 
So ist es oft mit dem Glauben.
Manchmal ist da nur ein Hauch, eine Ahnung, ein Suchen. Man kann es kaum in Worte fassen.
„Zumindest bete ich zu ihm“ sagt sie. 
Sie betet zu einer großen Kraft, die sie nicht kennt, von der sie wenig weiß.
Es ist wie mit allem Großen im Leben – auch mit den Menschen, die ich liebe. 
Ich kenne sie nicht wirklich. Oft genug habe ich nur eine vage Ahnung von dem, was sie gerade bewegt. 
Jeder Mensch hat ein Geheimnis. Jeder Mensch ist ein Geheimnis.
Lieben ist immer auch glauben: vertrauen, ohne zu wissen. 
Glaubst du an Gott?
Ja. Auch wenn ich dir nicht genau sagen kann was und warum. 
Aber ist das so wichtig?

In schwerer Zeit

(geschrieben für die Hospiz Zeitschrift)

Erst war es nur so ein Geräusch in der Ferne, ein Gerücht. Ja, da ist irgendwas. Aber es ist weit weg. Wird schon nicht so schlimm sein. Dann kommt es näher, wird größer. Und plötzlich überrollt es dich mit aller Macht. Nichts ist mehr wie vorher. Von einem Tag auf den anderen wird dein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. 
Du musst nicht arbeiten, hast viel Zeit. Das hast du dir immer gewünscht. Doch jetzt kannst du nichts mit der Zeit anfangen. Du musst nicht arbeiten? Du darfst nicht! Das frühe Aufstehen, der nörglige Kollege. Plötzlich fehlt es dir. 
Du siehst es nicht, du hörst es nicht hörst. Doch es hat die Macht übernommen. Es regiert dein Leben. Du bist wütend auf dich selbst, auf die anderen. Das kann doch nicht sein, dass mich das so gefangen nimmt! Dass ich an nichts anderes mehr denken kann! Du hast Angst. Was wird kommen? Wird es jemals wieder so wie vorher? 
Dabei geht es dir doch gut! Du hast doch alles: dein Zuhause, zu essen und zu trinken, die Sonne scheint…
Leben in Zeiten von Corona. 
So fühlt sich das für mich gerade an. 
Wenn diese Zeit irgendetwas Gutes hat, dann dies: Ich bekomme eine Ahnung, wie es Menschen geht, die plötzlich aus der Kurve geworfen werden, oft von einem Tag auf den anderen, weil sie selbst erkrankt sind oder ein geliebter Mensch. Ich bekomme eine Ahnung von ihrer Angst, ihrer Wut, ihrer Ohnmacht. 
Ich spüre auch, was in solchen Zeiten am meisten fehlt: die Familie, die Freunde – aber auch all die anderen, die uns mehr oder weniger zufällig über den Weg laufen. 
Wir können auf vieles verzichten, doch ohne Menschen können wir nicht sein. 
Wir leben in schwerer Zeit. 
Auch im Hospiz gibt es Einschränkungen, die uns allen wehtun. Wir können zurzeit nicht einfach so vorbeischauen. 
Nutzen wir unsere Phantasie. Sein wir kreativ, wir können so viel tun: Nachrichten schreiben, Fotos schicken, ein Geschenk abgeben… 
All die kleinen Zeichen sagen: 
„Ich bin bei Dir. Ich hab Dich lieb.“