Monat: Januar 2012

Leben im Hospiz

Predigt, gehalten am 29.1. in einem Radiogottesdienst für den NDR:

Steve Jobs, der Gründer von Apple, hat vor seinem Tod eine vielbeachtete Rede vor Studenten gehalten. Er sagte: „Mir ins Gedächtnis zu rufen, dass ich bald sterbe, ist das wichtigste Hilfsmittel, um weitreichende Entscheidungen zu treffen. Fast alles – alle Erwartungen von außen, jegliche Art von Stolz, alle Angst vor Peinlichkeit oder Versagen – das alles fällt im Angesicht des Todes einfach ab. Nur das, was wirklich zählt, bleibt. Sich daran zu erinnern, dass man eines Tages sterben wird, ist in meinen Augen der beste Weg, um nicht zu denken, man hätte etwas zu verlieren. Man ist bereits nackt. Es gibt keinen Grund, nicht dem Ruf des Herzens zu folgen.“

An Steve Jobs muss ich denken, als ich unser Hospiz in Braunschweig besuche.
Als ich das erste Mal hierher kam, wusste ich nicht, was mich hier erwarten würde. Vor allem: Wer? Und kann ich das überhaupt? Menschen begleiten, die auf ihrem letzten Weg sind? Was soll ich sagen, wenn ich überhaupt etwas raus kriege?
Inzwischen bin ich mehrmals die Woche im Hospiz:
Eine weiße Villa mit großen Fenstern, hell und licht. Wenn ich sie betrete, stehe ich zunächst in einer lichtdurchfluteten Halle. Im Dach sind große Glasflächen eingebaut und wenn ich nach oben schaue sehe ich den Himmel.
Helle, leichte Möbel, ein großes Mobile mit Natur- und Kinderbildern spielt im Wind, ein Tisch mit Infomaterial. Hier ist alles so ganz anders, als manche vermuten. Was wir so gerne trennen, hier kannst du lernen: es gehört zusammen – Leben UND Tod. Aber das zu lernen – ist nicht leicht…

Ja, es ist ein Sterbehaus, aber es ist kein dunkles Haus mit einer bedrückenden Atmosphäre. Der Leiter des Hauses sagt: „Im Hospiz wird gelebt, bis zum letzten Moment. Wenn unsere Gäste einen Wunsch haben, dann sehen wir zu, dass wir ihn möglichst erfüllen können. Wünsche aufschieben können wir hier nicht.

Genau das habe ich in den letzten fünf Jahren erlebt: Das Hospiz ist ein Ort des Lebens – mit seinen schönen und mit seinen tragischen und dramatischen Seiten. Die Menschen, die hier leben, sind Gäste und keine Patienten. Sie brauchen Unterstützung und medizinische Versorgung. Ihre letzten Monate und Wochen verbringen sie, soweit sie es noch können, selbstbestimmt. Hier wird gelebt. Aber hier ist auch der Tod gegenwärtig. Verdrängen, weglaufen und wegsehen – all das findet hier nicht statt. Vieles gelingt noch – vieles aber auch nicht mehr. Hier wird gestorben und Abschied genommen.

In der Küche, bei einer Tasse Kaffee, begegne ich einer älteren Frau. Sie wirkt müde und verunsichert. „Wissen Sie, ich habe meinen Mann lange zu Hause gepflegt. Aber es ging nicht mehr. Ich habe es einfach nicht mehr geschafft. Mein Mann und ich hatten das schon lange so besprochen. Und wir sind beide froh, dass er jetzt hier ist. Aber unsere Kinder verstehen das überhaupt nicht. Papa ist im Hospiz? Das geht doch nicht! Zuhause ist es doch am schönsten!“

Zuhause ist es am schönsten… – diesen Satz höre ich immer wieder. Aber wo ist ein Mensch denn „zuhause“?
Wo seine Möbel stehen?
Mein Zuhause ist da, wo ich mich geborgen fühle, wo meine Lieben nicht nur da sind, sondern auch Zeit für mich haben. Eben nicht den ganzen Tag mit der Organisation des Alltags und der medizinischen Versorgung beschäftigt.
Mal eine Stunde am Bett sitzen können; einfach nur da sein, reden und schweigen –.
das ist Zuhause.
Wo ist ein Mensch in seinen letzten Wochen am besten aufgehoben? Zuhause oder im Hospiz? Ich maße mir keine Antwort auf diese Frage an. Aber eins habe ich gelernt: Egal ob zuhause oder im Hospiz: Wenn dir ein Menschen anvertraut ist, wenn du für ihn sorgen musst, dann glaub nicht, dass du es alleine schaffen kannst oder musst; dann hol dir so viel Hilfe und Unterstützung, wie du bekommen kannst. Du hast immer noch genug zu tun.

Sie sitzt mir gegenüber, die ältere Dame in der Küche, dreht die Kaffeetasse unruhig in der Hand. Sie war immer stark, hat immer gekämpft. Sie hat die Kunst der Ärzte als großen Segen erlebt. Sie ist dankbar für die schönen Jahre, die ihnen trotz der Krankheit noch geschenkt wurden.
Sie erinnert sich aber auch genau an seinen letzten Krankenhausaufenthalt, an den Tag, als der Arzt sagte: „Wir können nichts mehr für ihren Mann tun.“
„Keine Chemo mehr… – bricht er dann nicht zusammen?“, ging es ihr sofort durch den Kopf.

„Und meinem Mann ging es ganz ähnlich“ erzählt sie. „Der dachte: Wenn ich ihr jetzt sage, dass ich übers Hospiz nachdenke, nehme ich ihr dann nicht den letzten Hoffnung?“
Kämpfen oder fügen? Im Krankenhaus oder zu Hause ums Leben ringen – oder im Hospiz in Frieden sterben? Es ist oft unendlich schwer, den richtigen Zeitpunkt für diese Entscheidung zu finden. Und es ist noch viel schwerer, darüber zu reden. Aber es ist wie so oft im Leben: Wenn Dinge unausgesprochen zwischen uns stehen, wenn wir uns nicht trauen zu reden, verlieren wir kostbare Zeit.
„Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf das ich klug werde.“ heißt es in der Bibel:
Damit ich den richtigen Zeitpunkt nicht verpasse – und furchtlos über meine Gefühle rede – über das, worüber ich mich freue – und wovor ich Angst habe.

Ich denke an Karl. Ein Gast, der diesen Schritt schon vor einiger Zeit gegangen ist. In seinem Zimmer hängen überall an den Wänden wunderschöne Gemälde: leuchtende Blumen, bunte Landschaften, lachende Menschen. „Die sind aber schön!“. sage ich. „Wo haben Sie die denn her?“
Karl lächelt stolz: „Die sind von mir. Alle im letzten halben Jahr gemalt.“
Und dann erzählt er: „Wissen Sie, ich habe Kunst studiert. Aber dann wurde unsere älteste Tochter geboren. Und mir war gleich klar: Mit deiner Kunst kannst du keine Familie ernähren. Also bin ich in die Industrie gegangen. Ich war beruflich ziemlich erfolgreich, aber zum Malen bin ich nicht mehr gekommen. Erst in der Therapie habe ich wieder damit angefangen. Und es ging noch! Nach all den Jahren! Ich bin dann jeden Morgen um fünf aufgestanden. Bis das Leben im Haus langsam erwachte habe ich erst mal zwei Stunden gemalt.“ Offen sein für die Geschenke, die das Leben mir macht. Verschüttete Talente wieder entdecken und entfalten. Karl hat mir gezeigt: das geht. Auch in den schweren Zeiten des Lebens, manchmal sogar bis ganz zuletzt.

„Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf das ich klug werde.“
Damit ich meine Talente nutze und mich und andere mit ihnen erfreue.

Wir sitzen noch immer in der Küche, der Kaffee ist längst kalt geworden, sie hat nur wenig getrunken. Sie ist verzweifelt. Es ging alles so rasend schnell.
Ihr Mann war immer kerngesund. Sie erinnert sich an den Anfang der Krankheit. Erst klagte er über Schmerzen. Dann die Diagnose, Heilungsversuche, nun das Hospiz…

Ja, Leben kann schön sein, kann gelingen bis zum Schluss. Aber es gibt auch die dunklen Täler. Es gibt Tage, da bleibt dir nichts als Tränen und Klage. Tage, an denen du froh bist, wenn einfach jemand da ist. Ein Mensch, der deinen Schmerz aushält, der schweigen kann. Einer, der dir nicht widerspricht; auch nicht, wenn du nur noch sagen kannst: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“
Heinz Zahrnt schreibt: „Wohin der Tod auch kommt, dort ist immer schon Gott.“
Wenn ich ihr doch etwas von dieser Zuversicht mitgeben könnte. Ich wünsche ihr so sehr, dass sie das glauben kann.
Wir stehen auf, ich begleite sie an seine Zimmertür. „Es ist alles so furchtbar!“, schluchzt sie. Da hören wir aus dem Zimmer die Stimme ihres Mannes, sie klingt fest, fast fröhlich:
„Nichts ist furchtbar!“.

Amen.

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Maria auf der Flucht

Mein „Wort zum Sonntag“ für die Braunschweiger Zeitung.

Maria auf der Flucht
Die Figur war auf der Fensterbank hinter einen Blumentopf gerutscht. Eine wunderschöne Schnitzarbeit: Maria, das Kind im Arm, auf einem Esel reitend. „Die ist mir beim Wegräumen doch glattweg durchgerutscht“ dachte sie lächelnd.
Der Weihnachtsschmuck war noch nie so früh aus ihrer Wohnung verschwunden wie in diesem Jahr. Für die große Silvesterparty hatte sie gleich in der Woche zwischen dem Fest alles wieder in die Truhe im Keller geräumt. Und auch der Baum lag schon am Altjahrsabend am Straßenrand. „Komisch“ dachte sie. „Ich hatte mich so auf Weihnachten gefreut. Aber irgendwie geht das Fest immer schneller vorbei. Als ich Kind war, stand der Baum ewig bei uns im Wohnzimmer, mindestens bis zum Dreikönigstag. Wir haben immer noch mal die Kerzen angezündet. Und wenn er dann Mitte Januar abgeplündert wurde, war ich traurig. Jetzt kann es mit dem Wegräumen gar nicht schnell genug gehen.“
Und nun hält sie diese Figur in der Hand, ein altes Erbstück. Sie schaut genauer hin: Maria reitet auf einem Esel und trägt das Kind im Arm.
Da wird ihr klar: Natürlich! Das ist gar keine Weihnachtsfigur! Jesus ist ja schon geboren! Sie sind schon auf der Flucht nach Ägypten!
„Passt gut zu mir“ denkt sie. „Ich bin dauernd unterwegs, das Leben wird immer hektischer. Ich weiß nicht wovor und ich weiß nicht wohin, aber ich bin ständig auf der Flucht. Von einem Ereignis zum nächsten. Ich finde kaum noch Ruhe.“
Nachdenklich stellt sie die alte Schnitzerei auf ihren Schreibtisch.
Maria, das Kind und der Esel.
Sie werden sie das ganze Jahr über begleiten.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Gibt es die Hölle?

Eine Szene im Himmel:

„Und die Hölle?“ fragte ich.
„Was ist damit?“
„Gibt es eine Hölle?“
„Ach nein,“ antwortete sie, „das war nur notwendige Propaganda.“
„Das hat mich nämlich beschäftigt. Weil ich Hitler begegnet bin.“
„Das tun viele. Er ist so eine Art … Touristenattraktion, im Grunde genommen. Wie fanden Sie ihn?“
„Oh, ich habe ihn nicht kennengelernt,“ sagte ich bestimmt. „Er ist ein Mann, dem ich nicht die Hand geben würde. Ich hab ihn hinter einem Gebüsch beobachtet, wie er vorbeigegangen ist.“
„Ach, ja. Ziemlich viele machen es so.“
„Und da habe ich mir gedacht, wenn der hier ist, kann es keine Hölle geben.“
„Ein einleuchtender Schluss.“

aus: Julian Barnes, Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Tagen

Genie oder Verbundenheit?

Der Musiker und Schriftsteller Thomas Meinecke im Interview mit der SZ von heute auf die Frage, was ihn als Autor antreibt:
„Meine Lust am Sekundären, am Nachgestellten, Nicht-Eigenen, am abhängigen Autorsubjekt.
Das Genie ist eine Männerchimäre, ich glaube nicht daran.
Hat sich eigentlich jemals eine Frau selbst als Genie bezeichnet?“