Monat: November 2022

Gesegnet

Woran kann ich eigentlich spüren, ob mein Leben gerade gut ist, ob es gelingt?
Einer meiner Lieblingssätze aus der Bibel steht ganz am Anfang, im ersten Buch Mose. Dort heißt es:
„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“
Dieser Satz wird zu Abraham gesagt, dem Urahnen unseres Glaubens. Der hat seine besten Jahre hinter sich. Doch sein Leben ist ihm zu eng geworden. Er bricht noch einmal auf. Gemeinsam mit seiner Frau Sarah zieht er in die Fremde. Sie haben keinen wirklichen Plan, aber diesen Satz im Herzen: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Die beiden gehen durch viele Krisen, machen viele Fehler, ihre Ehe droht zu zerbrechen. Aber sie sind immer auch für andere da: Sie kämpfen für Lot, ihren Neffen, sie sorgen sich um Isaak, ihren Sohn.
Ob du gesegnet bist, ob dein Leben gelingt, das spürst du nicht daran, ob du erfolgreich bist oder viel Geld hast. Der wahre Reichtum ist das, was du für andere tust.
Egal, wie alt du bist: Sei ein Segen für die Menschen, die dir begegnen. 
Sei für sie da. 
Bleib offen für das, was dir geschenkt und was dir zugemutet wird. 
Lebe die Freiheit – für dich und für die Menschen, die dir anvertraut sind. 

Berlin Marathon

Berlin-Marathon.
Den bin ich auch mal gelaufen. Mit Mitte fünfzig. Das ist jetzt zehn Jahre her.
Mein Kumpel Klaus meinte: „Cool! Welche Zeit willst du laufen?“ 
„Persönliche Bestzeit!“ habe ich geantwortet. 
„Wie jetzt, persönliche Bestzeit? Was heißt das?“ 
„Na ja, ich bin noch nie einen Marathon gelaufen. Wenn ich ankomme, dann ist das meine Bestzeit.“
Und so kam es. Meine Zeit war nicht berauschend, aber ich habe es geschafft! Und ich habe jeden Kilometer genossen. Den Moment, als das Brandenburger Tor vor mir auftauchte, werde ich nie vergessen.
Im Ziel hat meine Familie mich gefeiert. Delia, die Nichte meiner Frau, sagte mit glänzenden Augen: „Ich würde ja auch gern mal mitlaufen…“
„Also“ habe ich im Überschwang der Gefühle gesagt, „wenn du nächstes Jahr läufst, bin ich dabei!“.
So kam es dann zu meinem zweiten Berlin-Marathon. Doch da habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe versucht, mit Delia mitzuhalten – doch sie ist über zwanzig Jahre jünger als ich. Bei Kilometer zehn musste ich abreißen lassen und habe mich in einer ganz miesen Zeit ins Ziel gequält. 
In einem alten irischen Segen heißt es: „Gib deine Jugend mit Anmut zurück, wenn sie endet.“
So ist es. Gib dein Bestes, lauf auch noch einen Marathon – aber finde deinen eigenen Rhythmus und versuch bloß nicht mit der Jugend mitzuhalten.
Da kannst du nur verlieren. 

Irgendwas geht immer

Wir sitzen bei einer Feier am selben Tisch.
Mein Tischnachbar fragt mich, wie es so ist in meinem Beruf als Pastor. Ich bin nicht so gut drauf und fange an zu klagen: „Ach, bei uns in der Kirche ist gerade schwierig. Eine Strukturreform jagt die nächste. Was das für Zeit kostet! Man kommt kaum noch zur eigentlichen Arbeit.“
Er nickt, fragt nach, hört mir geduldig zu. 
„Und Sie?“ frage ich irgendwann, „was machen Sie?“
„Ich bin der Chef einer großen Firma. Wir sind in den letzten drei Jahren fünfmal verkauft worden. Zweimal wurde ich sofort entlassen. Einmal durfte ich nicht mal mehr meine privaten Sachen aus dem Büro holen. Aber nach vier Monaten haben sie mich dann zurückgeholt.“
Ich schüttele entsetzt den Kopf.
Er wehrt ab: „Ach wissen Sie, ich habe in dieser Zeit gelernt: Irgendwas geht immer.“  
In diesem Moment fühle ich mich ganz klein.
Als Pastor kenne ich doch den Bibelvers:
„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“
Aber nicht ich verbreite hier Trost und Zuversicht, sondern dieser Mann.
Irgendwas geht immer.
Der Satz beschreibt meinen Glauben ganz gut.