Monat: Februar 2015

Der ausgefallene Karneval in Braunschweig

Seit 11 Jahren feiern wir in Braunschweig am Rosenmontag einen Gottesdienst zum „Schoduvel,“ unserem Karnevalsumzug. Dieses Jahr ist er wegen einer Terrorwarnung ausgefallen. Alle waren sehr geschockt und traurig.
Meine Predigt von heute:

Der ausgefallene Karneval

In Spiegel Online ist zu lesen: „der traurigste Karneval der Welt.“
Und dazu Bilder aus Braunschweig:
Ein paar Clowns laufen traurig durch die menschenleere Stadt.
Ja, es ist der traurigste Karneval der Welt, wenn Menschen in Angst und Schrecken versetzt werden. Wenn die Arbeit von einem Jahr zunichte gemacht wird. Wenn wir Tränen sehen statt lachende Gesichter. Ich sehe im Fernsehen unseren fassungslosen Zugmarschall Gerhard Baller, der nur noch sagen kann:
„Ich bin traurig!“
In mir kommt die Frage hoch:
„Was haben die aus uns gemacht?“
Doch Stopp!
So weit ist es noch nicht! Die Frage lautet nicht, was haben die aus uns gemacht! Die Frage muss lauten:
„Was wollen die aus uns machen?“
Denn noch haben sie es nicht geschafft!
Ein weiteres Bild aus der Stadthalle. Jemand hat auf eine Tüte geschrieben:
„Wir haben verloren.“
O nein! Das hätten die gern, aber das haben wir nicht!
Und wir sollten alle tun, damit das so bleibt!
Sicher, wir haben hier in Braunschweig den Zug abgesagt – aber das ist keine Niederlage, denn u n s sind Menschenleben das wichtigste.
Und wenn die Verantwortlichen unseres Karnevals ehrlich sind: Wir haben doch alle immer Angst, dass etwas passieren könnte: darum die Rad Engel, darum all die Sicherheitsmaßnahmen. Wir danken hier im Gottesdienst immer auch dafür, dass alles gut gegangen ist.
Ja, wir haben immer Angst, dass was passieren könnte. Aber doch nicht so was!
Was sind das für Menschen?
Was ist ihr Ziel?
Und was können wir dagegen tun?
*
Als die Nachricht gestern kam, war meine Predigt für heute Morgen schon fertig. Ich will Euch sagen, worum es eigentlich gehen sollte:
Ich wollte über den Papst lästern. Über seinen Spruch aus der Ecke „Ein paar Schläge haben noch keinem Kind geschadet.“
Ja, Religion hält das aus, wenn man sie durch den Kakao zieht.
Der Karneval hat da ja eine große Tradition, wenn es gegen feiste Pfaffen und Bischöfe geht. Und die Kirchen haben oft genug versucht, euch das zu verbieten. Doch das ist nie gelungen. Gott sei Dank! Lasst es Euch auch in Zukunft nicht verbieten! Von niemandem! Und lasst uns den Blasphemie Paragraphen abschaffen! Wenn religiöse Gefühle verletzt werden, dann werden wir uns dagegen wehren. Mit Worten – aber nie mit Waffen! Wir halten das aus! Auch der Islam hält das aus!
*
Ich wollte heute eigentlich auch ein wenig über die Kölner herziehen. Weil sie den Wagen aussortiert haben, auf dem die Bleistifte die Gewehre verstopfen.
Und soll ich Euch was sagen?
Ich hatte Recht damit!
Kuschen hilft nicht!
Sicher, diese Typen freuen sich, wenn wir kuschen. Aber letztlich ist es ihnen egal. Oder hattet ihr hier in Braunschweig irgendeinen Wagen in diese Richtung dabei? Na also. Ihr könntet alle Wagen verpacken und grau anstreichen. Das wäre denen auch egal. Sie zeigen uns das doch. Weltweit. Jeden Tag.
Wenn wir die Schere im Kopf ansetzen, wenn wir uns bewusst oder unbewusst in die Unterdrückung fügen, dann haben wir verloren.
Nach den Anschlägen von Paris habe ich immer wieder Stimmen gehört, die gesagt haben: „Die müssen sich doch nicht wundern! Bei den Karikaturen…“
Ja geht es noch? Ich muss nicht alles toll finden, was Künstler machen. Aber ich muss es ertragen. Und wenn wir so anfangen, wenn wir sagen: „Die haben doch selber Schuld!“ – dann haben wir verloren.
Lasst uns heute mal einen anderen Karnevalsruf probieren: „Brunswiek Charlie!“
*
Und wer glaubt, es geht hier um den Kampf des Islam gegen die freie Welt – der schaue mal nach Syrien oder nach Nigeria. Dort geschieht gerade die größte Katastrophe seit dem 2. Weltkrieg. Schaut genau hin: Es sind dieselben Typen. Die werfen ihre Bomben wahllos. Hier wie dort. Nein. Denen geht es nicht um Religion. Denen geht es um die Unterjochung der Menschheit. Dafür hetzen sie uns gerne aufeinander.
Und wenn wir das zulassen, dann haben wir verloren.
*
Aber warum greifen die gerade den Karneval an?
Das hat einen einfachen Grund:
Nichts fürchten Terroristen mehr, als dass man über sie lacht. Denn dann stehen sie da in des Kaisers neuen Kleidern. Dann ist all ihre aufgepumpte Würde dahin. Das können sie überhaupt nicht ertragen.
Eure Waffe ist der furchtlose Humor!
Wenn ihr Euch den nehmen lasst, dann haben wir verloren. Aber das wird ja wohl nicht passieren, oder?
Wolfang Labersweiler hat mir gestern am Telefon gesagt: „Wir machen weiter! Wir lassen uns nicht kleinkriegen!“
Möge der Gott der Liebe, der Freiheit und des Humors Euch die Kraft dazu geben!

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Valentin und die Blumen

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung.

Es gibt viele Vorstellungen von der Liebe:
Ewig soll sie sein, wie der Ring, den ich dir an den Finger stecke, ohne Anfang und ohne Ende. Unvergänglich soll sie sein, wie sein Gold. Keine Liebe ohne den Wunsch nach Ewigkeit. Das wollen wir versuchen. Das versprechen wir uns. Was wäre eine Hochzeit ohne Ringwechsel?
Aber auch bunt soll die Liebe sein. Was wäre sie ohne die Blumen? Wie sie zur christlichen Hochzeit kamen erzählt eine alte Legende:
Der Heilige Valentin hat im Römischen Reich Paare christlich getraut, obwohl das streng verboten war. Sicher hat er dabei auch aus der Bibel vorgelesen, aus dem Hohelied der Liebe des Apostel Paulus: „Die Liebe hört niemals auf.“
Doch Valentin hat gewusst: Neben der Ewigkeit braucht die Liebe auch das andere: Sie soll bunt und lebendig sein, leicht und voller Poesie. Sie soll halten, aber sie ist nicht aus Gold geschmiedet, sondern zart und manchmal auch zerbrechlich. Das hat er ganz ohne Worte zum Ausdruck gebracht. Valentin hat den Paaren zur Hochzeit Blumen geschenkt. Nichts kann die leichte, verletzliche Seite der Liebe besser zum Ausdruck bringen als Blumen.
Ein Blumenstrauß ist einzigartig, egal, ob du ihn kaufst oder auf der Wiese pflückst. So wie jede Liebe. Jede Blume spricht ihre eigene Sprache: die Rose steht für die ewige Liebe, die Tulpe für das Leben, die Lilie für das Licht. Blumen können stachelig sein, oder empfindlich wie Mimosen. Blumen brauchen viel Pflege, aber kein Mensch kann sie zum blühen bringen – so wie die Liebe.
Und ja, die Liebe muss auch vergänglich sein wie die Lilien auf dem Felde, damit sie immer wieder neu werden kann.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini