Monat: Mai 2013

Dein Wille geschehe

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung.

Samstagmorgen.
Ich stehe beim Bäcker in der Schlange. Draußen regnet es wie aus Kübeln.
„Na Herr Pastor,“ sagt die Frau neben mir, „das ist jetzt ja wohl das Wetter für das ganze Wochenende.“ Ihre Stimme klingt ein wenig vorwurfsvoll, als wollte sie sagen: „Als Pastor können Sie doch wohl wenigstens für gutes Wetter sorgen, oder?“
Wir wissen es ja alle: So funktioniert das nicht. Aber manchmal würden wir schon ganz gern unsere Bestellung aufgeben:
„Das Picknick ist vorbereitet, das Fahrrad aufgepumpt – jetzt musst Du nur noch für gutes Wetter sorgen. Ist ja nicht zu viel verlangt, oder?“
Das Gebet hat eine große Kraft, doch es ist keine Wunscherfüllungsmaschine.
Beten ist eher eine Haltung:
Dein Wille geschehe…
Dieser Wille ist zu groß für mein Begreifen. Ich verstehe Dich oft nicht. Ich weiß nicht, was Du heute mit mir, mit Deiner Welt vorhast.
Aber Dein Wille geschieht. Auch ohne dass ich etwas tue
*
Ich habe im Garten ein Stück Rasen umgebrochen, für die neue Saat vorbereitet.
Nun liegt die Erde dort, im satten Braun und krümelig und wartet.
Sie wartet auf Regen und Sonne. Die Erde nimmt, was kommt: den Grassamen, den wir aussäen – aber auch den Löwenzahn, vom Wind herbei gepustet.
Sie wartet auch auf das, was in ihr ruht: kleine Pflanzen, die ich nicht rausgesammelt habe; Samen, so klein, dass mein Auge sie nicht wahrnimmt. Das alles wird wachsen. Einfach so.
In einem alten irischen Segen heißt es:
„Ob du es merkst oder nicht,
ohne Zweifel entfaltet die Schöpfung sich so,
wie sie es soll.“
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

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Die Predigt zu Himmelfahrt

Gestern die Hummel an der Scheibe – heute die ganze Predigt.
Was sagt man an Himmelfahrt?
Frohe Himmelfahrt ja eher nicht…
Also: Euch und Ihnen einen schönen Tag!

Ich komme in die Küche und schaue zum Fenster.
Eine Hummel kracht verzweifelt gegen die Scheibe. Das Leben ist dahinter; der blaue Himmel, die Blumen, das saftige grün. Sie kann es sehen, doch sie kommt nicht hin.
Das Fenster ist einen Spalt breit offen. Aber sie kann den Spalt nicht finden. Weil sie Leben mit Panik verwechselt. Weil ihr Leben nur noch Panik ist.
Du siehst das Leben, dein Leben. Aber du kommst nicht hin. Rast an der Scheibe lang. Hoch und runter. Hoch und runter. Hörst das Leben nicht mal mehr. Bist gefangen in den Geräuschen deiner Angst. Und wenn dich jemand in die richtige Richtung stupsen willst, dann wehrst du dich. Weißt ja genau, wo es langgeht. Rauf und runter. Rauf und runter.
Irgendwann bist du am Ende.
Sitzt resigniert auf der Fensterbank.
Wartest auf den Tod.
Ich stülpe ein Glas über die Hummel. Bringe sie nach draußen. Sie sitzt auf dem Rand. Zögert einen Moment, als ob sie es noch gar nicht fassen könnte und dann fliegt sie davon. Ihre ganz persönliche Himmelfahrt.
„Du kannst fliegen!“ denke ich.
*
Himmelfahrt.
Die Sehnsucht nach Freiheit. Endlich fliegen können. Abheben. Alles hinter sich lassen. All den Kram, den Alltag – alles, was mich beschwert, am Boden hält, niederdrückt.
Manchmal habe ich das ja auch.
„An Tagen wie diesen.“
„Über den Wolken.“
„Und alles, was uns groß und wichtig erscheint – ist plötzlich nichtig und klein.“
Ich brauche diese Momente.
Poesie.
Verliebt sein ins Leben.
Warum kann das nicht immer so sein?
Warum kann ich dieses Gefühl, diese Lebenshaltung nicht festhalten?
Glaube ich nicht genug?
*
Die kleine Hummel düst los.
Versonnen schaue ich ihr nach.
Sie zieht ihre Kreise.
Genießt ihre Freiheit.
„Hallo! Ihr Männer aus Galliläa!
Was glotzt ihr in den Himmel? Da werdet ihr ihn nicht finden!“
Was wird die kleine Hummel tun?
Dasselbe wie immer.
Nektar sammeln, zum Nest fliegen, Nektar sammeln.
Alles wie immer.
Und ich?
Für mich wird es auch Zeit. Der Abwasch wartet. Dafür bin ich ja schließlich in die Küche gekommen.
Der Glaube entscheidet sich im Alltag. In den kleinen Dingen des Lebens.
*
Jesus fastet vierzig Tage und Nächte in der Wüste und ist Gott besonders nahe.
Er steigt mit seinen Jüngern auf einen hohen Berg und sie werden verklärt. Sie treffen Mose und Elia.
Christi Himmelfahrt.
Immer wieder werden uns solche besonderen spirituellen Erlebnisse geschildert.
Und immer wieder werden wir auch davor gewarnt.
Nach vierzig Tagen und Nächten Fasten in der Wüste ist Jesus Gott sehr Nahe – aber auch dem Teufel. Er ist versucht, seine neue Kraft nur für sich allein zu nutzen.
Die Jünger wollen auf dem Berg der Verklärung bleiben. Sie wollen Hütten bauen. Aber das geht nicht. Sie müssen wieder runter, in den Alltag.
Und nun die Himmelfahrt.
Die Jünger schauen versonnen hinterher. Sie würden so gerne mit. In den Himmel. Wie die Hummel hinter der Scheibe.
Aber das geht nicht. Die Männer in Weiß schicken sie zurück in ihren Alltag.
„Hey! Ihr habt eine Aufgabe! Nehmt euer Leben gefälligst ernst!“
An Tagen wie diesen, in solchen besonderen, heiligen Momenten bekommt ihr neue Kraft. Aber sie ist kein Selbstzweck! Nutzt sie für die Welt, für die Menschen, die Gott euch anvertraut!
Ihr seid gerade Gott begegnet, sicher.
Aber in eurem Alltag tut ihr das auch.“
Wir werden in der Bibel immer wieder davor gewarnt, solche spirituellen Erlebnisse über zu bewerten, sie mit dem Leben zu verwechseln.
Warum?
*
Ich arbeite im Braunschweiger Hospiz mit.
Da herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Die Gäste fühlen sich aufgehoben, zu Hause.
„Fühlen Sie sich wohl hier?“ habe ich einen Gast gefragt. Er hat gelächelt: „Sich wohl fühlen drückt das gar nicht aus. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie gut es mir hier geht.“
So ähnlich höre ich das ganz oft.
Woran liegt das?
Der ehemalige Leiter, Michael Knobel, hat das auf den Punkt gebracht.
Er hat immer gesagt:
„Wir sind hier nicht heilig. Wir machen einfach unseren Job.“
Und genau so ist es.
Die Schwestern und Krankenpfleger und auch die ganzen Ehrenamtlichen sind Menschen wie du und ich. Sie machen ihren Job. Und sie machen ihn richtig gut. Sie sind für die Menschen da, die ihnen anvertraut sind. Sie tun alles, damit sie sich wohl fühlen. Und sie gehen abends nach Hause, manchmal kaputt wie ein Bauarbeiter nach acht Stunden Steine schleppen.
Aber: Sie sind nicht heilig. Sie tun nicht so, als ob das Hospiz ein ganz besonderer Ort wäre, mit einer ganz besonderen Atmosphäre – obwohl das so ist. Hier leben ganz normale Menschen – liebenswürdig und mackig, bescheiden und mit ganz verrückten Wünschen. Ein Gast wollte zum Beispiel die Glocken von St. Martini noch mal hören. Kein Problem: Volles Geläut an einem ganz normalen Mittwoch um 17 Uhr. Wir haben ihm eine Freude gemacht. Nicht mehr und nicht weniger.
Nein, sie sind nicht heilig. Ich bin immer wieder erstaunt, wie normal es im Hospiz zugeht. Wie normal, aber auch wie freundlich und zugewandt.
„Wir sind hier nicht heilig.“
Was ist damit gemeint?
Wer heilig ist, sondert sich ab, will etwas besonderes sein.
Das sind die Mitarbeiter im Hospiz nicht, das wollen sie auch nicht sein. Und gerade das macht sie besonders.
*
Starrt nicht in den Himmel. Seid gewiss, dass ihr gerade da, wo ihr jetzt seid, genau richtig seid. Träumt nicht von einem anderen, einem heiligen Leben.
Tut das, was gerade jetzt dran ist.
*
Und was ist mit den ganz besonderen spirituellen Erfahrungen, wie bei den Jüngern an Himmelfahrt?
Sie sind schön. Sie schenken uns Kraft.
Aber sie sind auch gefährlich. Weil wir uns ganz schnell einbilden, wir wären heilig, etwas Besonderes. Und weil wir denken, das müsste jetzt immer so sein.
Es ist ein bisschen so wie verliebt sein:
ein tolles Gefühl. Manchmal vergeht es. Und manchmal wird Liebe draus. Aber wenn ein Paar nach zwanzig Jahren immer noch so tut, als ob sie sich gerade kennengelernt hätten – dann ist das merkwürdig, oder?
Gott ist uns in den Mühen des Alltags genau so nahe wie in den besonderen Momenten.
Leben wir beides.
Der Himmel ist nicht hinter der Scheibe.
Er ist mitten unter uns.
Amen.

Himmelfahrt?

Die Hummel kracht verzweifelt gegen die Scheibe.
Das Leben ist dahinter; der blaue Himmel, die Blumen, das saftige grün. Sie kann es sehen, doch sie kommt nicht hin.
Das Fenster ist einen Spalt breit offen. Aber sie kann den Spalt nicht finden. Weil sie Leben mit Panik verwechselt. Weil ihr Leben nur noch Panik ist.
Du siehst das Leben, dein Leben. Aber du kommst nicht hin. Rast an der Scheibe lang. Hoch und runter. Hoch und runter. Hörst das Leben nicht mal mehr. Bist gefangen in den Geräuschen deiner Angst. Und wenn dich jemand in die richtige Richtung stupsen willst, dann wehrst du dich. Weißt ja genau, wo es langgeht. Rauf und runter. Rauf und runter.
Irgendwann bist du am Ende.
Sitzt resigniert auf der Fensterbank.
Wartest auf den Tod.
Ich stülpe ein Glas über die Hummel. Bringe sie nach draußen. Sie sitzt auf dem Rand. Zögert einen Moment, als ob sie es noch gar nicht fassen könnte und dann fliegt sie davon. Ihre ganz persönliche Himmelfahrt.
Du wirst paar Kreise ziehen. Die Freiheit genießen. Und dann? Dasselbe wie immer. Nektar sammeln, zum Nest fliegen, Nektar sammeln.
Alles wird sein wie immer.
Oder?

Das Goldene Kalb

Meine Predigt für heute.

DAS GOLDENE KALB UND MOSES FÜRBITTE

2. Buch Mose 32, 1-14
Das goldene Kalb.

Die Geschichte ist uns allen bekannt. Der Tanz um das goldene Kalb ist sprichwörtlich geworden. Doch ich habe mich lange Zeit gefragt: Warum ist Gott so zornig? Was soll das eigentlich?
Was ist denn daran so schlimm, daß sie sich ein Abbild machen und es vor sich hertragen?
Es ist nicht Gott selbst, gut. Aber was kann das schon groß schaden?
Erst jetzt, erst bei der Vorbereitung für diese Predigt ist mir klar geworden, warum Gott so zornig ist., warum er sein Volk sogar vernichten will.
Es ist nicht so sehr das Kalb.
Es ist die Vermischung von Gott und Kalb.
Aaron sagt: „Morgen ist des Herrn Fest.“
Er will mit dem Kalb ein Fest Gottes feiern. Er glaubt ernsthaft: Gott ist im Gold. Er meint, man könnte beides gleichzeitig haben, den Glauben an den lebendigen Gott und den Glauben an das Gold. Dahinter steckt der Glaube: Was wir bis jetzt mit Gott erlebt haben, was wir von ihm gelernt haben, was wir von ihm wissen, das können wir irgendwie einbauen in unsere neue Sicht der Welt.
Gott und Gold müssen sich nicht widersprechen. Sie werden verschmolzen.
Das ist der eigentliche Grund für den Zorn Gottes. Denn sie wissen nicht was sie tun. Sie wissen nicht, was sie tun, wenn sie meinen, sie könnten Gott so einfach kaufen, wenn sie meinen, er ist im Gold.
Jesus sagt: „Du kannst nicht Gott und dem Mammon dienen.“
Er stößt die Tische der Händler im Tempel um. Er wird zum Werkzeug des Zorns Gottes.
Der Tanz um das goldene Kalb.
Und Gott wird zornig. Er wird zornig auf die Menschen, die meinen, man könnte ihn kaufen. Er wird zornig auf die, die morgens das Vater unser beten und dann den ganzen Tag nur daran denken, wie sie möglichst schnell möglichst viel Geld verdienen können. Er wird zornig, weil sie den Widerspruch nicht einmal merken. Weil sie meinen: „Das ist schon alles in Ordnung so. Ich kriege das schon alles unter einen Hut! Vergebung brauchen die anderen, nicht ich!“
Gott will sein Volk vernichten.
Wie sollte er nicht, nach allem, was er für sie getan hat?
Er hat ihnen Leben und Freiheit geschenkt, doch sie können nicht damit umgehen.
Das Kalb ist fertig. Was werden sie als nächstes machen?
Sie werden Menschen aussondern, die dieses Kalb tragen müssen, quer durch die Wüste. Sie werden diesen Menschen sagen: „Es ist eine Ehre, daß du das darfst! Sei froh, daß du für unser Kalb deine Gesundheit ruinieren darfst! Sie werden das Kalb mit Schmuck behängen, daß es immer schwerer wird und die Last für die Träger immer größer. Sie werden nicht mehr nach dem richtigen Weg fragen, sie werden nur noch auf das goldene Kalb starren. Jeder wird möglichst nahe dran sein wollen, um etwas von seinem Glanz abzubekommen. Sie werden im Kreis herumziehen, immer hinter dem Goldenen Kalb her. Sie wollen gar nicht mehr in das gelobte Land.
Die Wüste wird ihr zu Hause. Die Wüste, so gelb wie das Gold.
Und sie werden beten, so wie sie es gelernt haben; aber nicht mehr zum lebendigen Gott, sondern zum toten Kalb.
Rogate, heißt der heutige Sonntag, Betet!
Aber beten und beten ist nicht dasselbe. Es kommt auf den Adressaten an. Und nur weil ich Gott sage, meine ich noch lange nicht den lebendigen Gott, den Vater Jesu Christi.
Ich erkenne mich wieder in diesem Volk bei seinem Tanz ums Goldene Kalb. Oft genug bin ich einer von ihnen in meiner Begeisterung für die Technik, in der Sorge um mein Konto, in meiner scheinbar so gläubigen Gottvergessenheit.
Gott ist zornig auf sein Volk.
Er will es vernichten.
Wie sollte er nicht?
Und Mose betet für sein Volk; für all die Menschen, die ihm so viel Kummer machen.
Dabei bekommt er doch ein großes Angebot. „Laß uns Schluß machen mit diesem Volk, laß uns einen ganz neuen Anfang machen, nur du, Mose, hast es verdient!“
Ich sehe viele Parallele zu uns heute. Der Tanz um das goldene Kalb wurde vielleicht noch nie so begeistert, so besinnungslos getanzt. Wir sind auf dem besten Wege, diese Welt zu einer Wüste zu machen, unbewohnbar für Mensch und Natur. Wir setzen alles auf die Karte Gold – und wissen eigentlich schon, so kann es nicht weitergehen. Doch wir können uns nicht ändern.
Aus dem Mittelalter ist uns ein rätselhaftes Phänomen überliefert: der Feixtanz. Menschen begannen ohne ersichtlichen Grund plötzlich zu tanzen und sie konnten einfach nicht wieder aufhören, bis sie tot umfielen. Und keiner weiß, warum das so war. Manchmal habe ich das Gefühl, in unserer Gesellschaft ist das so ähnlich. Wir tanzen um das goldene Kalb, bis nichts mehr geht.
Gott ist zornig auf sein Volk.
Er will sie vernichten.
Doch Mose betet für sie. Mose betet nicht für eine Idee vom Menschen, für einen Menschen, wie er sein sollte. Er betet auch nicht für die Gerechten. Mose betet für die Schwachen und Verführbaren, für die bösartigen und wankelmütigen. Mose betet für die, die so viel lieber an das goldene Kalb glauben als an den lebendigen Gott.
Mose bittet Gott für die Menschen, die er liebt.
Und er erinnert Gott an die wenigen Gerechten, an die wenigen Zeugen des Glaubens: Abraham, Isaak und Jakob. Um ihretwillen – laß sie leben.
Das ist das Gebet des Glaubens, die Fürbitte. Wir beten für Menschen, nicht weil sie so gut sind, sondern weil sie die Hilfe Gottes brauchen. Wir schließen uns nicht denen an, die meinen, es ist sowieso alles zu spät, mit diesen Menschen ist die Welt nicht zu retten. In der Fürbitte erinnern wir Gott an seine Liebe, an seine grundlose Liebe. Und wir wissen gleichzeitig: es betet jemand für uns.
Doch Mose betet nicht nur. Er bekämpf die falschen Götter.
Als er vom Berg kommt, wirft er das goldene Kalb ins Feuer.
Herr gib uns Kraft und Mut zu beidem:
zum Gebet für die Menschen und zum Kampf gegen das Goldene Kalb in den Köpfen und Herzen der Menschen.
Amen.