Monat: November 2013

Advent

Advent
In der Tradition ist der Advent auch eine harte Zeit: die kleine Fastenzeit.
Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen.
Dabei ist es so naheliegend:
Zwei Menschen müssen in die Dunkelheit. Gemeinsam und jeder für sich allein. Eine unsinnige Reise. Befohlen von einer fremden Macht.
Ein gefährlicher Weg liegt vor dir.
Was tust du in so einer Situation?
Du hältst inne. Wappnest dich für das, was vor dir liegt.
Du kannst nur mitnehmen, was du tragen kannst. Wähle es sorgfältig aus.
Besinn dich auf deine Kräfte. Besinn dich auf den Mut und die Liebe, die in dir wohnen. Du weißt nicht, ob du das Ziel erreichst. Es hängt nicht nur von dir ab.
Bald geht es los. Du wirst Abschied nehmen von deinen Verwandten und Freunden. Dabei wirst du manche schöne und manche böse Überraschung erleben. Wer ist dein Freund? Wer hat Angst und keine Zeit? Du bist auf dich allein gestellt. Und bist es nicht. Sammle deine Kräfte für den Weg in die Dunkelheit. Oder durch die Dunkelheit? Am Anfang des Weges weiß man das nie.
Es wird keinen Raum geben in der Herberge. Die Gefahren sind groß, die Menschen hartherzig. Du wartest. Fassungslos. Wehrlos. Auf den Fluren der Krankenhäuser. In den Mühlen der Bürokratie.
Sei klug bei jedem Schritt, den du tust. Doch bleib auch offen: Du wirst überrascht sein, wie viel Liebe und Sympathie dir begegnen.
Es ist Raum in der Herberge, im Stall. Und sie sind da: Fremde mit großen, offenen Herzen. Sie können dir nichts abnehmen. Aber sie sind behutsam. Sie achten dich in deiner Angst und in deiner Not. Sie werden dir beistehen. Sie werden deinem Körper Gutes tun und deiner Seele Kraft schenken. Sie werden die besten Kräfte in dir wecken. Sie begleiten dich nur einen Moment. Ganz und gar. Und können dir schenken, was du am nötigsten brauchst:
Hoffnung.
Advent.

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Buße…

„Es geht mir gut, solange ich mich wehren kann.“

Sie war Jahrgang 1919. Und das war ihr Leitspruch. Ihr Leben lang.

Sich diesen Satz zu Herzen nehmen, kann auch eine Form der Buße sein:
Ich werde mein Leben selbst in der Hand behalten.
Auch gegen die, die es gut mit mir meinen.

Kriegsgräber

Kriegsgräber
Wir wandern mit unseren Konfirmanden durch den Harz, zum Soldatenfriedhof zwischen Torfhaus und Oderbrück. Der Friedhof ist sehr gepflegt, die Inschriften gut zu erkennen. Hier liegen junge Menschen begraben, fast noch Kinder, sechzehn, siebzehn Jahre alt. Erschossen in den letzten Wochen und Tagen des Krieges. Einige noch im Mai 1945. Die Konfirmanden gehen von Grabstein zu Grabstein. Lesen. Schweigen.
Als wir weitergehen, finden sie ihre Sprache wieder. Kurze Sätze: „Mein Bruder ist sechzehn.“ „Ich hätte dann ja nur noch zwei Jahre…“ Einer erzählt von seiner Großmutter. Ihr Bruder ist in Russland vermisst.
Sie fragen: „Wie konnte das passieren? So junge Menschen!“
„Sie waren das letzte Aufgebot. Häuserkampf in Braunlage. Sollten verteidigen – ja was eigentlich?“
Der zweite Weltkrieg. Für vierzehnjährige ist das eine Ewigkeit her. Doch auf dem Soldatenfriedhof kommt die Geschichte näher. Krieg. Sie bekommen eine Ahnung, was das heißt.
Heute, am Samstag vor dem Volkstrauertag, sammeln Braunschweiger Bürger in der Innenstadt für die Kriegsgräberfürsorge. Sie stoßen dabei auch auf Unverständnis: „Was soll das noch? Der Krieg ist doch schon lange vorbei!“ Nein. Er ist nicht vorbei. Nicht für die, die sich noch erinnern an ihre Väter und Brüder, an den Bräutigam, der nicht zurückkam. Sie brauchen Orte der Erinnerung. Er ist auch nicht vorbei für die Jüngeren. Sie brauchen diese Orte des stummen Protestes der Toten: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!