Monat: April 2012

Selbstbetrachtung

„Wenn ich bin,
was ich sehe,
wenn ich in den Spiegel schaue,
bin ich auf der Stelle tot.“

Michael Lentz, Textleben

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Ich selbst?

nun sag schon
der da stromert das bin doch nicht ich
ganz anders hab ich mich
in erinnerung selbst es muss
da mal aufgeräumt werden
und durch das ganze
geht ein strich.

aus: Michael Lentz, anschauen, ein ausland
zitiert nach Michael Lentz Textleben S. 101

Vollmacht und Zweifel

meine Predigt für morgen:

Vollmacht und Zweifel

Quasimodogeniti
St. Martini, den 15. April 2012

Jesus kommt zu den Seinen.
Als die Türen verschlossen sind.
Als Furcht herrscht vor der Bosheit der Welt.
Als keiner von ihnen weiß, wie es weitergehen soll.
Jesus kommt zu seinen Jüngern, als keiner damit rechnet – und keiner von ihnen etwas dafür tut. Denn: keiner von ihnen wäre auch nur auf die Idee gekommen, die Tür zu öffnen. Die Angst war viel zu groß.
Also: Dies ist kein Appell, endlich die Türen aufzureißen, endlich Luft rein zu lassen in unser Leben, endlich aktiv zu werden.
Wir machen das ja zu gern mit Menschen, die in einer Krise sind, die nicht weiter wissen: Wir versuchen sie wach zu rütteln, wir sagen ihnen: „Mach die Tür auf, stell dich der Welt! Überwinde deine Angst!“
Beim Auferstandenen ist das nicht so.
Er erscheint in verschlossenen Räumen; mitten in der Angst, die lähmt und das Leben verdunkelt.
„Friede sei mit euch!“ Das sind seine Worte, als er mitten unter sie tritt. Christus schenkt seinen Frieden. Mitten in Angst und Verzweiflung. Und seine Jünger erkennen ihn an den Wundmahlen; an den Zeichen von Schmerz, Leiden und Tod.
Da werden sie froh.
Christ sein, das heißt seit dem: Hinschauen auf die Wunden und Leiden diese Welt; hinschauen und wissen: hier finde ich Gott. Er ist bei den Verkrümmten, bei den Leidenden, bei denen, die nicht mehr weiter wissen.
Er ist auch bei mir, wenn ich nicht mehr weiter weiß.
Ich erkenne ihn an den Wunden dieser Welt; auch an meinen eigenen.
Er schenkt mir seinen Frieden, der höher ist als alle Vernunft.
Christus bläst seine Jünger an. Er haucht ihnen Leben ein; so wie Gott Adam, dem ersten Menschen, das Leben eingehaucht hat. Liebe Gemeinde, ob wir es wissen oder nicht: Der Auferstandene ist bei uns; in jedem Atemzug, in Windhauch, den wir auf unserer Haut spüren; seine Kraft kann all unsere Grenzen sprengen, so wie die Luft zum Atmen.
„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“
Er sendet sie mitten ins Leben. Und das wird kein Spaziergang. Denn in diesem Leben werden sie aus seiner Stärke und aus seiner Liebe leben; sie werden aber auch Wunden davon tragen, so wie er.
Und er schenkt den Seinen die Vollmacht, Sünden zu erlassen und zu behalten.
Sünden vergeben; uns scheint das gar nicht so wichtig; vielleicht, weil wir eine etwas naive Vorstellung von „der Sünde“ haben.
Jemandem die Sünden behalten, das heißt: Ich halte dich fest im Gestern. Ich gebe dir keine Chance, keine Zukunft mehr.
Du bist und du bleibst das, was du getan und nicht getan, was du gefühlt und gedacht hast.
Jedem Strafgefangenen werden seine Sünden behalten. Er wird in ihnen festgehalten, im wahrsten Sinne des Wortes. Oft über viele Jahre.
Jeder, der sich nicht von seiner Vergangenheit lösen kann, wird in ihr festgehalten, kann kein neues Leben entwickeln; die Jünger können das übrigens auch nicht; die Türen sind fest verschlossen.
Österlicher Glaube heißt: dir ist vergeben! Du kannst den Raum deiner Vergangenheit verlassen!
Wir erkennen die Wundmahle; wir erkennen dich selbst; aber du bist doch wie ein neugeborenes Kind; auferstanden aus den Fesseln deiner Vergangenheit.
Wir Christen, wir Jüngerinnen und Jünger Jesu, wir Getauften können Menschen ein neues Leben schenken; wir können sie aus dem Gefängnis ihrer Vergangenheit entlassen.
Das ist das größte und schönste Geschenk, das Christus uns an Ostern gemacht hat.
*
„Halt!
Moment!
Was ich nicht mit meinen eigenen Augen sehe, was ich nicht mit meinen Händen fühle, das kann ich nicht glauben!“
Thomas, der große Zweifler, war nicht dabei, als Jesus seinen Jüngern das erste Mal erschien.
Und was er nicht sieht, das kann er nicht glauben. Ein Bericht aus zweiter Hand ist ihm zu wenig.
Thomas ist der Jünger der Neuzeit.
Seine Art zu denken hat dieser Welt einen unglaublichen Schub gegeben.
Menschen, wie er, Menschen, die nichts einfach so hinnehmen, die nichts einfach so glauben, die alles hinterfragen, die hinter die Kulissen schauen. Sie haben die Welt voran gebracht.
Die Medizin hat in den letzten hundert Jahren eine unglaubliche Entwicklung genommen; wir leben länger und wir leben besser seit wir etwas wissen über die Entstehung von Krankheiten und über ihre Bekämpfung.
Hier sind Menschen wie Thomas der Zweifler am Werk; und ich will gar nicht reden von unserem Alltag: von Autos und Handies, von Maschinen, die uns das Leben erleichtern, vom Internet, vom Fernseher –
Nun gut, beim Fernseher schlägt das Ganze um: Beim Fernseher glauben die Menschen alles, was sie sehen; es kann der größte Schwachsinn sein, aber es war ja im Fernsehen.
Thomas, der Zweifler, ist der erfolgreichste unter den Jüngern.
Er ist erfolgreich, aber nicht selig.
Was fehlt ihm?
Wir merken die Grenzen seiner Art zu denken und zu leben ja auch in unserem Alltag, in unserer Gesellschaft.
Wir sind unglaublich erfolgreich. Noch nie hat es eine Zivilisation zu so einem Reichtum, zu so einer Blüte gebracht. Aber wir sind nicht glücklich – nicht selig.
Was fehlt uns?
Der Jünger Thomas, der erste unter den christlichen Zweiflern, ist misstrauisch; und das aus gutem Grund: Er kennt die Menschen; er kennt auch seine Freunde; er weiß, wie schnell sie sich selbst etwas in die Tasche lügen, nur um ihren Kummer und ihren Schmerz zu überwinden.
Darum will er sehen und fühlen.
Er braucht die Wahrheit des Glaubens ganz handfest.
Und Christus verweigert ihm das nicht.
Doch als er sieht und als er fühlt, da fällt er in die Knie: „Mein Herr und mein Gott!“
Thomas überwindet sein Misstrauen. Und das unterscheidet ihn von uns, von den Zweiflern der Moderne.
Der moderne Zweifler bleibt in seinem Misstrauen verhaftet.
Er sieht – und er sieht doch nicht.
Der moderne Zweifler sieht das Wunder des Lebens – er sieht, wie unglaublich komplex und kompliziert es ist. Er sieht das Wunder und erklärt es als Phänomen.
Er sagt nicht „Mein Herr und mein Gott“, er sagt: „Ist schon phänomenal, wie das alles funktioniert!“
Biblisch gesprochen: Die Augen des modernen Zweiflers sind gehalten. Er erkennt wohl das Geheimnis des Lebens, er sieht aber nicht den, der dahinter steht.
Der Jünger Thomas überwindet seine Zweifel aus zwei Gründen:
Er erkennt Gott im Leiden – in dem, der gelitten hat. Das ist eine ganz andere Perspektive als die moderne Suche nach einem göttlichen Leben jenseits allen Leidens.
Und: Er erkennt, dass Christus den Tod überwunden hat. Es gibt keine wirkliche Grenze mehr zwischen Gott und den Menschen.
Das kann er nicht sehen; das kann er nur glauben.
Amen.

Ich glaube…

Wie formulieren junge Menschen ihren Glauben?
Formulieren sie ihn überhaupt?
Es wird ihnen ja gern unterstellt, dass sie sich darüber keine Gedanken machen. Das Gegenteil ist der Fall.
Ich hatte in den letzten Wochen einige Gespräche Jugendlichen, die mir sehr nachgehen. Dabei ging es um den Glauben, nur um den Glauben.
Ich habe zum Beispiel gefragt:
„Betest du?“
„Ja, sicher. Als meine Oma krank war, da hab ich viel gebetet. Jetzt nicht mehr so.“
„Glaubst du an Gott?“
„Ja schon. Aber nicht so… Ich weiß nicht. Na ja, nicht an einen Vater oder so.
Für mich ist das eher so eine Energie, die alles gemacht hat und alles lenkt.“
„Was meinst, geht es nach dem Tod irgendwie weiter?“
„Ganz bestimmt. Ich stelle mir das so vor wie: Man geht in einen anderen Raum. Wie das genau ist, weiß ich aber nicht.“
O ja, unsere Jugendlichen haben sehr klare Vorstellungen. Sie decken sich nicht unbedingt mit dem, was wir so denken und fühlen.
Oder doch?
Wir sollten viel mehr mit ihnen darüber reden.

Taqwacore – oder: Zweifel am Glauben

Michael Muhammed Knight beschreibt in seinem Roman „Taqwacore“ das Leben in einer Kommune islamischer Punks: junge Amerikaner, die versuchen, ihren Glauben zu leben. Eine Szene:

Lynn, eine junge Muslima mit tiefen Zweifeln, sagt zu Yusuf, einem Freund:

„Ich bin ein spiritueller Mensch,
„Ich glaube an Allah, auch wenn ich Ihn nicht immer Allah nenne, und ich bete so, wie ich beten will. Manchmal sehe ich nur rauf zu den Sternen und mir wird ganz bang vor lauter Liebe, weißt du? Und manchmal sitze ich in einer Kirche und höre zu, wie sie über Isa (Jesus) reden, und habe statt des Gesangbuchs ein Buch von Hafiz in der Hand.
Und weißt du was, Yusuf?
Manchmal, nicht sehr oft, hole ich meinen alten Teppich heraus und bete, so wie Mohammed gebetet hat. Ich den Kram nie auf Arabisch gelernt und meine Knie sind nicht bedeckt, aber wenn Allah ein Problem damit hat, an was für einen Allah glauben wir dann?“
„Ich weiß es nicht.“
Michael Muhammed Knight, Taqwacore, S. 52f

PS
Es fällt leicht, der Zweiflerin zuzustimmen. Geht ja um den Islam. Nur: Junge Christinnen haben ähnliche Fragen…

Ostern

Direkt unter dem Nistkasten hängt ein Spiegel.
Und die Meise?
Sie fliegt hektisch hoch und runter, ist völlig irritiert, weiß nicht, was sie von ihrem Spiegelbild halten soll.
Der Eingang zu ihrem Nest liegt direkt vor ihr. Sie schaut kurz rein, kommt wieder raus. Sie kann nicht rein! Muss erst ihren imaginären Feind erst besiegen!

Matthias Claudius dichtet:

„So sind wohl machen Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsere Augen sie nicht sehen.“

– So sind wohl Illusionen,
die immer in uns wohnen,
weil unsere Augen nur sie sehn.

Scheingefechte und Spiegelbilder, die uns kaputt machen.
Wann ist Ostern? Wenn diese Scheingefechte aufhören; wenn wir aufhören uns zu spiegeln in unseren Illusionen, Selbstbildern; dem, was wir für die einzige Wirklichkeit halten. Ja, wenn auch die Zweifel am Ende sind, ein Ende haben.
Bei der Meise ist es einfach. Ich habe den Spiegel umgedreht. Der Feind, der nie da war, ist verschwunden.
Bei mir ist das schon schwerer. Ich kehre immer wieder in mein Spiegelkabinett zurück…

Gesang

Die Amsel
singt am lautesten
kurz vor Sonnenaufgang
und kurz nachdem sie wieder untergegangen ist.

Wenn ich es nicht besser wüsste,
würde ich gern denken:
Sie singt das Licht in die Welt.
Und sie verabschiedet es wieder.