Vom Beten

Ich steh an der Ampel.
Die Autos rauschen vorbei. Ich drücke auf den großen gelben Schalter, der ist ja extra für uns Fußgänger da angebracht. Ich warte einen Moment. Nichts passiert. Drücke noch mal. Wieder nichts. Drücke dreimal hintereinander. Die Ampel bleibt rot.
Wussten Sie das? An den großen Einfallstraßen haben diese gelben Schalter an der Ampel nur einen Sinn: Sie sind nur da, damit wir Fußgänger was zu tun haben. So fällt uns das Warten leichter.
Ist ja eigentlich logisch! Die werden ja nicht die ganze Ampelschaltung in der Stadt umstellen, bloß damit ich schneller über die Straße komme. Und es stimmt: Wenn ich was zu tun habe, kann ich das Warten viel besser ertragen.
Beim Stau auf der Autobahn zum Beispiel: Auf der mittleren Spur geht es etwas schneller. Ich wechsle. Nach einer Weile steht wieder derselbe LKW neben mir.
Oder im Supermarkt – sollte ich nicht doch lieber an die andere Kasse…?
Es kann völlig Sinn frei sein, aber wenn ich was zu tun habe, geht es mir gleich besser.
Viele sagen: Mit dem Gebet ist es genauso. Du tust es nur für dich selbst.
Jesus scheint ihnen Recht zu geben. Er sagt: Glaubst du wirklich, dass Gott nicht weiß, was du brauchst? Glaubst du ernsthaft, du musst ihn daran erinnern, dass dein Nachbar krank ist? Er weiß das, noch bevor du auch nur einen Gedanken daran verschwendest.
Also warum dann beten?
Jesus hat uns das Vater unser geschenkt. In diesem Gebet geht es um den Himmel, das tägliche Brot, mein Leben – alles kommt von dir, unser Vater.
Ein gutes Gebet ist wie Musik:
Es öffnet mir das Herz. Ich lasse los. Ich sehe die Welt mit anderen Augen. Ich spüre die Kraft, die mich hält. Und ja, ich tue was – ich bete. Das ist nicht nötig, aber schön.
Und dann, irgendwann, wie von selbst, springt die Ampel auf Grün und ich ziehe fröhlich meiner Wege.

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Jetzt!

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat leidenschaftlich gern telefoniert. Das Gespräch mit einem Freund konnte schon mal zwei, drei Stunden dauern. Der hatte es ja noch gut. Zu seiner Zeit gab nur ein einziges Telefon im Haus. Wenn er gesprochen hat, war halt besetzt. Niemand hat gestört.
Bei mir ist das ganz anders. Ich spreche im Festnetz – da brummt das Handy. Was machst du jetzt? Rangehen oder weiter telefonieren? Ich schaue auf das Display. O Mann, es ist der Handwerker. Ich warte schon ewig auf seinen Rückruf. Egal, ich gehe jetzt nicht ran. Aber aus meinem Gespräch bin ich erst mal raus. Muss mich wieder ganz neu konzentrieren.
Eine andere Situation: Wir sind mitten im Taufgespräch. Da macht es in der Sakkotasche des stolzen Papas „Ping.“ Aha. Eine Kurznachricht. Von wem mag sie sein? Er schaut natürlich nicht gleich nach. Aber ich spüre deutlich: er ist nicht mehr so ganz bei der Sache. Es dauert eine Weile, bis er wieder im Gespräch ist.
Dietrich Bonhoeffer hat vor knapp 90 Jahren gesagt: Du kannst Gott nur in der Gegenwart erfahren. Wer aus der Gegenwart flieht, der flieht vor Gott. Wenn ich nicht hier bin, in diesem Moment, dann verpasse ich das Leben dann verpasse ich die Liebe – dann verpasse ich Gott.

Hier zu sein. In diesem Moment. Genau das fällt mir immer schwerer.

Dabei ist es das einzige, was ich habe: diesen Moment. Und es ist so leicht, ihn zu verpassen: mal eben die Mails checken, die neuesten Nachrichten lesen, das neue Video vom Enkelkind ansehen. Was um mich herum geschieht, verliert ganz schnell an Bedeutung.

Ich habe all diese Ping und Peng Töne bei meinem Smartphone abgeschaltet. Wenn ich in einem Gespräch bin, stelle ich das Teil in den Flugmodus, dann kann wirklich keiner mehr stören.

Ja, das Smartphone ist praktisch. Aber ich muss noch eine Menge lernen, damit ich das Leben nicht verpasse.

Tu was!

Tu was
„Im Übrigen ist in den letzten Jahrzehnten leider viel zu viel über das, was man tun sollte oder könnte geschrieben und geschwafelt worden – leider auch von mir. Jetzt gilt es vor allem, anzupacken.“ (Peter Bertold, Unsere Vögel, S. 16)
Das schreibt Peter Bertold, ein Mann, der weiß, wovon er spricht.
Peter Bertold kämpft seit Jahrzehnten für unsere heimischen Singvögel. Er war viele Jahre Leiter der Vogelwarte in Radolfzell. Dort hat er hautnah miterlebt, wie dramatisch die Zahl der Vögel zurückgeht. Peter Bertold hat gewarnt und gekämpft und er hat ein einfaches Konzept entwickelt: Wenn wir nur zehn Prozent unserer Fläche den Pflanzen und Tieren überlassen würden, dann wäre allen geholfen. Mit dieser Idee war er sogar beim damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl. Der fand die Idee spannend. Doch Helmut Kohl hatte auch seinen Landwirtschaftsminister dabei. Und Peter Bertold schreibt: „Als ich dem in die Augen sah, da wusste ich: Es hat keinen Zweck.“
Danach ist Peter Bertold in ein tiefes Loch gefallen. Er hatte das Gefühl: „Du kannst tun und lassen was du willst. Es hat keinen Sinn. Es ändert sich nichts.“
Doch irgendwann hat er sich wieder aufgerafft. Heute, mit 85 Jahren, ist er ein glücklicher und zufriedener Mann.
Was ist passiert?
Peter Bertold hat das getan, was er tun konnte: Gemeinsam mit anderen hat er erste Biotope in seiner Heimat am Bodensee angelegt: Er hat Hecken gepflanzt und Teiche angelegt. Und er hat leidenschaftlich dafür gekämpft, dass wir endlich anfangen, Amsel, Drossel, Fink und Star zu füttern – nicht nur im Winter, sondern das ganze Jahr über. Er sagt: „Wir werden die Welt nicht retten, aber wir können mit unserer Liebe das schlimmste verhindern.“
Es ist so: Man sollte – man könnte – man müsste – das treibt uns in die Ohnmacht. Aber die Liebe ist der Weg der kleinen Schritte.
Jesus drückt das so aus: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“

 

Magische Momente

Sonntagmorgen.
Ich sitze draußen, unter dem Dach im Innenhof, in eine dicke Decke gemummelt. Genieße diese besondere Stille. Plötzlich raschelt es im trockenen Laub. Die ersten Regentropfen fallen. Dann wird es wieder ganz still. Es beginnt zu schneien. Die ersten Schneeflocken schweben auf die Erde.

„Jede Schneeflocke fällt genau an den Ort, an dem sie liegen soll“

Eckhard von Hirschhausen erzählt in einem seiner Bücher von einem Besuch bei einem buddhistischen Mönch. Sie sitzen schweigend bei einer Tasse Tee, schauen dem Schneetreiben vor dem Fenster zu. Da sagt der Mönch diesen Satz: „Jede Schneeflocke fällt genau an den Ort, an dem sie liegen soll.“ Mir gefällt diese Vorstellung. Die Schneeflocke bleibt ja nicht allein. Sie wird Teil einer weißen Decke, wird selbst bedeckt. Sie bleibt auch nicht auf ewig hier liegen. Wird schmelzen, den Boden durchtränken und – wer weiß – im Frühjahr als Wassertropfen eine Rose zum Blühen bringen.
Ob das mit mir auch so ist? Bin ich genau da, wo ich sein soll? Manchmal habe ich dieses Gefühl. Dann geht es mir richtig gut.

Ja, ich brauche diese kleinen, magischen Momente. Sie geben mir Kraft für den Alltag. In der Bibel gibt es viele Geschichten, die davon berichten: Jakob träumt von der Himmelsleiter, Jesus geht mit seinen Jüngern auf einen Berg, Johannes sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Doch diese Momente sind nicht dazu da, damit ich abhebe. Sie geben mir Kraft für den Alltag. Auch daran werde ich an diesem Sonntag noch erinnert.
Auf dem Auto einer Freundin finde ich folgenden Satz:

„Vor der Erleuchtung musst du holzhacken. Danach auch.“

In der Tat: Ich musste am Abend noch heftig Schnee schippen…

Advent! Leg los!

„Advent“ heißt „Ankunft.“
Wo wollen wir ankommen?
Worauf warten wir eigentlich?
Erst mal auf einen schönen Heiligabend: Behaglichkeit, gutes Essen, Lichterglanz.
Klar, bis dahin ist noch viel zu tun – geschenkt, wir schaffen das, haben wir ja jedes Jahr. Aber so richtig Weihnachten ist, wenn die Kerzen brennen. Der magische Moment. Erleuchtet, perfekt, am besten für immer.
Das ist das Geheimnis: Wir warten auf den magischen Moment. Dafür arbeiten wir. Dafür lohnt die ganze Schinderei, der Stress, der Wahnsinn.
Wir warten auf den Kuss des Lebens, die große, ewige Liebe, die mich nie, niemals enttäuscht. Und dann, ja dann geht es los. Aber so richtig. Das ist mein ganz persönlicher Advent. Wenn ich endlich angekommen bin. Dann kann mich nichts und niemand mehr. Dann fange ich an zu leben.
Bethlehem ist anders. Zwei enttäuschte Menschen: frustriert von der Macht, die sie hin und her schubst, in die Fremde jagt.
Sie sind auch einander gar nicht so sicher:

„Von wem ist das Kind, Maria?“
„Warum reicht es nicht mal für eine vernünftige Unterkunft, warum sind wir hier gestrandet, in diesem elenden Stall, Josef? Was soll aus unserem Sohn bloß werden?“
Und doch: am Heiligen Abend stelle ich mir diese beiden als die glücklichsten Menschen der Welt vor. Sie sind angekommen; im Glück, im Leben, bei Gott.
Advent. Ankunft. Es mag dunkel sein in deinem Leben, mühsam und schwer. Doch wenn es einen einzigen Menschen gibt, für den du da sein kannst – wenn es einen einzigen gibt, der sich um dich sorgt, dann ist Advent. Dann bist du angekommen. Dann musst du nicht länger warten.

Dann leg los.

Sehnsucht

Wenn irgendwo Fahnen im Wind knattern, wenn es grau ist wie heute, dann überkommt mich die Sehnsucht nach dem Meer.
Die Nordsee, am liebsten.
Grau und stürmisch. Lange Spaziergänge am Strand. Der Wind bläst dich fast weg. Sand peitscht dir ins Gesicht. Du drehst dich weg. Schaust übers Meer.
Es zieht dich an und lässt dich erschauern.
Sich raus wagen in das Unbekannte.
Halt suchen, wo es keinen gibt. Alles riskieren.
Den Sternen vertrauen, sie kennen die Richtung.
Dich tragen lassen in der kleinen Nussschale, die du dein Leben nennst.
Das Meer.
Aus ihm kommt alles Leben – dorthin kehrt es zurück.
Wovon rede ich?
Vom Meer? Von Gott?
Von meiner Ahnung von beidem.

Einmal „Nein“ braucht dreimal „Ja“

 

 

Es klingelt an der Haustür. Vor mir steht eine junge Frau in Feuerwehruniform, eine ehemalige Konfirmandin. Sie ist schon seit Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in Rüningen. „Hallo!“ sagt sie und lächelt mich an, „Ich wollte dir nur schnell Bescheid sagen: Wir räumen gerade den Baum weg, den der Sturm hinter der Kirche zerlegt hat.“ Und schon höre ich die Kettensäge aufheulen. Keine Stunde später ist der Weg wieder frei.
Vor gut einer Woche ist „Xavier“ über uns weggefegt ist. Was für ein Chaos! Der Hagenmarkt ein Ort der Verwüstung, überall in der Stadt Bäume auf den Straßen. Auch die wunderschöne Trauerweide an der Martinikirche hat der Sturm entwurzelt. Das ist erst zehn Tage her, doch heute sieht man schon so gut wie nichts mehr davon.
Die Feuerwehr, Alba und viele Gartenbaubetriebe haben ganze Arbeit geleistet.
Eigentlich ein Grund zur Dankbarkeit. Doch so sind wir nicht. Wir werden höchstens ärgerlich, wenn es nicht schnell genug geht: „Was denn, die Züge fahren immer noch nicht wieder planmäßig? Typisch!“ Was nicht klappt, sticht sofort ins Auge. Das Schöne halten wir für normal.
Ein guter Freund hat einmal gesagt: Wenn Du einmal „Nein“ sagst, musst du dreimal „Ja“ sagen, um das „Nein“ auszugleichen.
Wie viele Menschen demotivieren wir durch unser ständiges „Nein!“
Sie geben alles. Doch es reicht nicht. Es könnte höher, schneller besser sein. Es ist nie gut genug.
Dabei beginnt jeder Tag mit dem Ja zu mir.
Ja, die Welt ist immer noch ein schöner, ein hilfreicher Ort. Es gibt so viele Menschen, die einfach für mich da sind.
Dafür bin ich dankbar.