Gesegnet

Woran kann ich eigentlich spüren, ob mein Leben gerade gut ist, ob es gelingt?
Einer meiner Lieblingssätze aus der Bibel steht ganz am Anfang, im ersten Buch Mose. Dort heißt es:
„Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“
Dieser Satz wird zu Abraham gesagt, dem Urahnen unseres Glaubens. Der hat seine besten Jahre hinter sich. Doch sein Leben ist ihm zu eng geworden. Er bricht noch einmal auf. Gemeinsam mit seiner Frau Sarah zieht er in die Fremde. Sie haben keinen wirklichen Plan, aber diesen Satz im Herzen: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.“ Die beiden gehen durch viele Krisen, machen viele Fehler, ihre Ehe droht zu zerbrechen. Aber sie sind immer auch für andere da: Sie kämpfen für Lot, ihren Neffen, sie sorgen sich um Isaak, ihren Sohn.
Ob du gesegnet bist, ob dein Leben gelingt, das spürst du nicht daran, ob du erfolgreich bist oder viel Geld hast. Der wahre Reichtum ist das, was du für andere tust.
Egal, wie alt du bist: Sei ein Segen für die Menschen, die dir begegnen. 
Sei für sie da. 
Bleib offen für das, was dir geschenkt und was dir zugemutet wird. 
Lebe die Freiheit – für dich und für die Menschen, die dir anvertraut sind. 

Berlin Marathon

Berlin-Marathon.
Den bin ich auch mal gelaufen. Mit Mitte fünfzig. Das ist jetzt zehn Jahre her.
Mein Kumpel Klaus meinte: „Cool! Welche Zeit willst du laufen?“ 
„Persönliche Bestzeit!“ habe ich geantwortet. 
„Wie jetzt, persönliche Bestzeit? Was heißt das?“ 
„Na ja, ich bin noch nie einen Marathon gelaufen. Wenn ich ankomme, dann ist das meine Bestzeit.“
Und so kam es. Meine Zeit war nicht berauschend, aber ich habe es geschafft! Und ich habe jeden Kilometer genossen. Den Moment, als das Brandenburger Tor vor mir auftauchte, werde ich nie vergessen.
Im Ziel hat meine Familie mich gefeiert. Delia, die Nichte meiner Frau, sagte mit glänzenden Augen: „Ich würde ja auch gern mal mitlaufen…“
„Also“ habe ich im Überschwang der Gefühle gesagt, „wenn du nächstes Jahr läufst, bin ich dabei!“.
So kam es dann zu meinem zweiten Berlin-Marathon. Doch da habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe versucht, mit Delia mitzuhalten – doch sie ist über zwanzig Jahre jünger als ich. Bei Kilometer zehn musste ich abreißen lassen und habe mich in einer ganz miesen Zeit ins Ziel gequält. 
In einem alten irischen Segen heißt es: „Gib deine Jugend mit Anmut zurück, wenn sie endet.“
So ist es. Gib dein Bestes, lauf auch noch einen Marathon – aber finde deinen eigenen Rhythmus und versuch bloß nicht mit der Jugend mitzuhalten.
Da kannst du nur verlieren. 

Irgendwas geht immer

Wir sitzen bei einer Feier am selben Tisch.
Mein Tischnachbar fragt mich, wie es so ist in meinem Beruf als Pastor. Ich bin nicht so gut drauf und fange an zu klagen: „Ach, bei uns in der Kirche ist gerade schwierig. Eine Strukturreform jagt die nächste. Was das für Zeit kostet! Man kommt kaum noch zur eigentlichen Arbeit.“
Er nickt, fragt nach, hört mir geduldig zu. 
„Und Sie?“ frage ich irgendwann, „was machen Sie?“
„Ich bin der Chef einer großen Firma. Wir sind in den letzten drei Jahren fünfmal verkauft worden. Zweimal wurde ich sofort entlassen. Einmal durfte ich nicht mal mehr meine privaten Sachen aus dem Büro holen. Aber nach vier Monaten haben sie mich dann zurückgeholt.“
Ich schüttele entsetzt den Kopf.
Er wehrt ab: „Ach wissen Sie, ich habe in dieser Zeit gelernt: Irgendwas geht immer.“  
In diesem Moment fühle ich mich ganz klein.
Als Pastor kenne ich doch den Bibelvers:
„Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir. Dein Stecken und Stab trösten mich.“
Aber nicht ich verbreite hier Trost und Zuversicht, sondern dieser Mann.
Irgendwas geht immer.
Der Satz beschreibt meinen Glauben ganz gut.

Buß und Bettag: Hier steh ich nun…

Hier stehe ich nun…
„Hier stehe ich nun und kann nicht anders.“
Für diesen Satz habe ich Martin Luther immer bewundert: Einer, der für seine Überzeugung steht.
Ganz anders der Mann am Kiosk: „Hier stehe ich und kann nicht anders.“ Schon wieder. Wie jeden Morgen. Er kommt nicht los.
Wem von den beiden stehe ich näher? Wie ist das mit meinen liebgehassten Gewohnheiten?
Kann ich anders?
Nur, wenn ich glaube mein Leben ist sinnvoll, kann ich etwas bewirken. Ich kann nicht anders, wenn ich denke, es ist sowieso alles egal, auf mich kommt es nicht an.
Anders leben. Martin Luther und der Mann am Kiosk. Wollen tun es beide. Aber es ist schwer. Luther hat nicht alles verändert. Vieles ist ganz anders gelaufen, als er sich das gedacht hat. Er war ein Held und eine tragische Figur. Getrieben von seinen Feinden und von seinem ungeduldigen, oft maßlosen Charakter. „Wir sind Bettler das ist wahr.“ Das soll sein letzter Satz gewesen sein. Aber er ist nicht stehengeblieben. Er ist losgegangen.
Der Philosoph Hans Jonas hat sinngemäß geschrieben: „Der Mensch ist nur frei, wenn er auch Dinge lassen kann.“ Das könnte heute unser Hauptproblem sein. Wir können unsere Art zu leben nicht lassen. Wie der Mann am Kiosk. Drohungen helfen da gar nichts. Es braucht Menschen und es braucht ein Ziel:
Was kann ich tun für eine lebensfreundliche Welt, ohne Leid und ohne Tränen? Ohne Ziele wird die Welt freudlos und grau.
Ich weiß im Grunde, was dran ist. Ich kenne die Richtung. Aber allein schaffe ich es nicht. Wie der Mann am Kiosk.
Buß- und Bettag. Ein Tag zum Innehalten. Mich orientieren. Um Kraft bitten für die Veränderung zum Leben.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Himmelfahrt oder Der Himmel auf Erden

„Was steht ihr da und seht zum Himmel?“ 
Das fragen zwei Männer in weißen Gewändern die Jünger, als sie Jesus bei seiner geheimnisvollen „Himmelfahrt“ hinterherschauen. 
Mich hat diese Frage immer geärgert: „Ja was? Soll ich nicht mehr in den blauen Himmel schauen und träumen? Soll ich mich mit dem grauen Alltag abfinden? Den Blick nach unten?“
Da halte ich es doch lieber mit dem Astronauten von Sido. Der schaut nicht nur nach oben, der fliegt: „Ich heb ab, nichts hält mich am Boden. Bin lange nicht geflogen. Wie ein Astronaut.“ 
Es gibt so viel Kraft, sich ab und zu in den Himmel zu träumen. Soll das verboten sein? 
Ich glaube nicht. Ich denke die Männer in Weiß, diese beiden Engel, meinen etwas anderes: 
Du schaust in den blauen Himmel. Siehst die Weite. Du spürst, das Leben ist größer und schöner als deine Gedanken es fassen können. Das tut gut. 
Doch du kannst da nicht ewig stehen bleiben. Du musst weiter, zurück in den Alltag. Das ist nicht schlimm. Nimm die Kraft des Himmels mit. Suche Spuren der Unendlichkeit in deinem Leben. Such den Himmel auf Erden. 
Du magst ihn in der Natur finden: Am Schloss Richmond blühen gerade gelbe Wildtulpen. Und endlich, endlich singt die Nachtigall wieder! Für mich zeigt sich im Frühling der Himmel auf Erden.Aber auch in der stillen Liebe, in der Fürsorge:
Eine junge Frau geht jeden Morgen an unserem Haus vorbei mit ihrem uralten Pferd spazieren. Reiten kann sie es schon lange nicht mehr. 
Himmelfahrt. Aufschauen, das Leben preisen. Und das Leid aushalten.
Der, dem die Jünger hinterherschauen, war ein verletzlicher Mensch. Er hat alles erlebt: ein erfülltes, schönes Leben und unendliches Leid am Kreuz. 
Alles ist aufgehoben in der Liebe des Himmels.
Das ist für mich Himmelfahrt. 

Von Engeln

„Er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen.“ 
Diesen Satz aus den Psalmen mag ich sehr:
Ich bin behütet, auf allen Wegen meines Lebens, egal, was kommt. Behütet von geheimnisvollen Kräften, wir nennen sie Engel.
Meine Lieblingsengelgeschichte ist die von Sarah und Abraham. Die beiden haben ihren sehnlichsten Wunsch gerade begraben. Sie wollten so gern ein Kind. Doch jetzt ist ihnen endgültig klar: Das wird nichts mehr. Sarah und Abraham gehen durch ein tiefes Tal. 
Da bekommen sie Besuch. Drei Fremde sind für einen kurzen Moment bei ihnen zu Gast. Und die prophezeien das Unmögliche: „Ihr werdet noch ein Kind bekommen!“ Sarah kann nur den Kopf schütteln und lachen. Wie soll das gehen? Aber es wird wahr. Sie bekommen einen Sohn. Isaak. Ihr Leben blüht neu. 
Ich finde meine Lieblingsengelgeschichte passt gut in unsere Zeit. Menschen begegnen sich für einen kurzen Moment. Sie kommen einander nicht wirklich nahe, müssen Abstand halten. Aber sie werden zu Engeln, zu Boten der Liebe Gottes. 
Engel sind in der Bibel oft Menschen. Menschen, die Mut machen und dann weiterziehen. Und er hat auch mir befohlen, ein Engel zu sein. Ich darf da sein für die Menschen, die er mir anvertraut.

Die Karwoche und Ostern

Die Woche vor Ostern, die Karwoche und Ostern. In diesem Jahr wird besonders deutlich, wie nahe sie unserem Alltag sind. Vieles von dem, was das vergangene Jahr geprägt hat, begegnet uns in den biblischen Geschichten dieser Woche.

Gründonnerstag. Das Abendmahl

An den schönen und den schweren Tagen rücken wir normalerweise zusammen. Wir nehmen uns in den Arm, machen uns Mut.
Jesus weiß, was ihm droht. Und trotzdem feiert er mit seinen Freunden. Sie genießen das Essen, trinken Wein. Sie feiern das erste Abendmahl.
Es gibt nichts Schöneres, als mit Freunden und der Familie an einem festlich gedeckten Tisch zu sitzen. Das können wir in diesem Jahr nicht und das macht diese Krise so unendlich schwer. Es droht eine unsichtbare Gefahr, doch wir dürfen nicht zusammenrücken, müssen Abstand halten. Wir spüren schmerzlich: Wir brauchen die großen Feste! Wir brauchen Musik und Tanz, die festliche Tafel, den guten Wein! Wir haben genug zu Essen und zu Trinken. Aber das wichtigste fehlt: die Menschen. Wir brauchen einander in diesen dunklen Wochen und Monaten.

Karfreitag. Das Kreuz.

In jeder Kirche steht ein Kreuz. 
Es erinnert daran: Das Leid gehört zum Leben. Ich kann hadern, ich kann mich wehren, aber ich komme nicht daran vorbei. Ich muss da durch. Muss mein Kreuz tragen, muss ertragen, mich, mein Schicksal und die Sorgen um meine Lieben. Das Leben ist gefährdet. Immer. Es gibt kein Entrinnen. 
Der Karfreitag ist in unseren Kirchen ein stiller Tag. Die Glocken schweigen. Wir denken an das Leid des einen und der vielen. Wir beten für sie. Und wir beten dafür, dass wir menschlich bleiben, wenn Unglück uns trifft. Menschlich wie der Gottessohn. Karfreitag ist der Tag der abgrundtiefen Verlassenheit. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das sind die letzten Worte Jesu.

Ostern. Die Auferstehung.

Ostern. Das finstere Tal ist durchschritten, der Tod besiegt. Als erste erfahren es die Frauen am Grab.  Es verschlägt ihnen die Sprache. Er ist auferstanden! Die Jünger können es gar nicht glauben. Da zeigt er ihnen seine Hände. Sie erkennen ihn an seinen Wunden. 
An deinen Wunden wirst du erkannt. Versteck sie nicht. 
Das Leid dieser schweren Zeit wird uns verändern. Aber es wird uns nicht besiegen. So wie es ihn nicht besiegt hat. 
Möge es uns an Ostern so gehen wie den Menschen in Goethes Osterspaziergang: 

„Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
denn sie sind selber auferstanden:
aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
sind sie alle ans Licht gebracht.“

Seid barmherzig

„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“
hat Jesus gesagt. Dieser Satz wird viele Menschen durch das Jahr 2021 begleiten. Es ist die Jahreslosung.
Barmherzigkeit. Was für ein schönes, altmodisches Wort. 
Barmherzig.
Was könnte man noch dafür sagen? Tolerant? Ach, das trifft es nicht so ganz. Barmherzigkeit ist mehr als Toleranz. Im Wort barmherzig steckt das Wort Herz. Das Herz ist der Sitz der Liebe. Man könnte vielleicht sagen: Barmherzigkeit ist Toleranz, wenn du liebst, wenn es wehtut.
Ich habe meine Konfirmandinnen und Konfirmanden gefragt: „Glaubt ihr, dass die Natur uns liebt?“ 
Sie haben energisch den Kopf geschüttelt: „Auf keinen Fall! Bei allem was wir ihr antun! Die Natur kann uns gar nicht lieben“ 
Sie haben ja Recht. Aber Liebe kann ich mir nicht verdienen. Sie ist einfach da. Ich glaube: Die Liebe der Natur, die Liebe des Schöpfers, ist eine barmherzige. Eine Liebe, die wehtut. 
Ich werde geliebt, obwohl ich so bin wie ich bin. 
„Sei barmherzig, wie auch dein Vater, dein Schöpfer, wie auch die Natur barmherzig ist.“
Wie kann ich barmherzig sein? 
Ich möchte Ihnen heute ein altes Segenswort mit auf den Weg geben:
Mögest du sicher und in Frieden sein. 
Mögest du freundlich und fürsorglich zu dir selbst sein. 
Mögest du dich so akzeptieren und lieben wie du bist – dich und die anderen auch. 
Das ist für mich Barmherzigkeit. 

Dunkle Tage

An dunklen Tagen fehlt mir oft die Phantasie, dass es irgendwann mal wieder hell werden könnte.
Ich bin gern draußen in der Natur. Das Licht tut gut; gerade jetzt, wo die Tage noch kurz sind. 
Auf einer Wanderung stehe ich vor einer uralten Eiche.  Ein knorriger Stamm, mächtige Äste, ein paar welke Blätter. Unterm Baum liegen Unmengen Eicheln. 2020 war für die Eiche wohl ein gutes Jahr. 
Ich denke: Wenn du noch nie einen Baum im März gesehen hättest, wenn du nicht wüsstest, dass es bald wieder Frühling wird, dann könntest du dir überhaupt nicht vorstellen, dass diese kahle Eiche jemals wieder grün wird.
Ach, es gibt so viel Leben, das ich nicht sehe.
Ich sehe die Eiche; ihren mächtigen Stamm, die Äste. 
Doch ihre Wurzel sehe ich nicht. 
Aber die Eiche wächst ja nicht nur in die Höhe; sie wächst auch nach unten, ein Baum braucht Tiefe. 
Je tiefer sie in der Erde verwurzelt ist, desto näher kommt sie dem Himmel.
Ja, die Wurzel bleibt für immer im Dunkel. 
Sie wird den Himmel niemals sehen. 
Doch sie wird sie wieder treiben zu neuem Grün im Mai, die alte Eiche.
Es wird wieder hell.

Die Postkarte

O Mann, er hat ganz vergessen, sich bei seiner Patentante für das Geburtstagsgeschenk zu bedanken. Anrufen traut er sich nicht. Er ist vierzehn, Reden ist nicht so sein Ding. Eine WhatsApp wär auch ein bisschen schlapp. Was soll er machen?
„Schreib ihr doch eine Postkarte!“ schlage ich vor. „Da freut sie sich bestimmt. Und so furchtbar viel schreiben musst du auch nicht.“ 
Er ist begeistert, sucht eine Karte aus. Vorne drauf steht in großen bunten Buchstaben „Danke!“ 
Er nimmt den Stift in die Hand, doch dann zögert er: „Wo muss denn hier die Adresse hin?“ Ich erkläre es ihm: „Ins rechte Feld, auf die Linien.“ 
„Und was kommt zuerst? Die Straße?“
Wie rasend schnell sich unsere Welt verändert. Er hat noch nie in seinem Leben eine Postkarte geschrieben!
Ich finde auch nur noch selten eine Karte im Briefkasten. Und schreiben tue ich auch kaum noch welche. WhatsApp ist praktischer und geht schneller.
Keine Karten mehr im Briefkasten.
Postkarten schreiben, gemeinsam singen, ja, auch mal in die Kirche gehen. So viele gute alte Traditionen verschwinden. Das macht unsicher, das tut uns nicht gut. 
Aber: Was selten ist, bekommt auch wieder einen besonderen Wert. Die Patentante hat sich sehr über die Postkarte gefreut.