Bethlehem oder: Worum es wirklich geht

 

Eine Szene aus dem Film „Aufbruch:“
Frühe 60er Jahre. Eine junge Frau in ärmlichen Verhältnissen. Sie lernt fürs Abitur im Gartenschuppen, will unbedingt studieren. Doch dafür wird das Geld nicht reichen. Da verliebt sie sich in einen jungen Mann. Er ist sehr nett und charmant, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Sie ist im siebten Himmel. Der junge Mann ist reich, sehr reich. Nach langem Zögern lädt sie ihn zu sich nach Hause ein. Er soll ihre Eltern kennenlernen und die Großmutter. Die wohnt auch in der viel zu kleinen Wohnung.
Nach dem Besuch sagt er zu ihr: „Ich hole dich da raus! Du hast was Besseres verdient!“
Sie macht sofort Schluss.

Bethlehem.
Versuch nicht, jemanden „da raus“ zu holen. Sei einfach da, wie die Heiligen Drei Könige. Schenk dich. Gib, was du kannst. Doch stell keine Bedingungen. Begegne auch dem Ärmsten mit Respekt. Lass ihm seine Würde. Und sein Leben.

12 Minuten geschenkt

Ich habe bei der Autorin Susanne Niemeyer einen Adventskalender bestellt. Sie schickt mir jetzt jeden morgen eine Email, ein„freudenwort.“
Heute schreibt Susanne:

Am Nachmittag tut sich plötzlich eine Lücke auf. Passanten schauen neugierig hinein. „Was ist da?“ „Nichts.“ Enttäuscht gehen sie weiter.
Warum eigentlich?

Wenn dir heute eine Stunde geschenkt würde, was würdest du tun?
Und was, wenn es 12 Minuten wären?

 

Ich fühle mich ertappt. Sie kommt gern mal zu spät. Ruft aber nie an. Hat ihr Handy meist nicht mal dabei. Und ich werde dann stinksauer: “ Wenn ich wüsste, wann du kommst – in drei, zwölf oder dreißig Minuten –  dann könnte ich ja was damit anfangen. Aber so? Verlorene Zeit!
Doch wenn die Lücke ein Geschenk ist? Ich könnte ein schönes Lied hören, das mich zu Tränen rührt (ist mir schon passiert). Aus dem Fenster gucken, was die Vögel am Futterhaus so treiben. Jemandem eine richtig nette SMS schreiben. Träumen. Vom Strand auf Sylt. Und von den Bergen in Südtirol.

Advent

Wenn wir uns berühr’n
gibt das Glück uns ’n Kuss
und Schluss

(Silly, Findelkinder)

Ein cooles Motto für Advent und Weihnachten.
Lass dich berühren
wie Maria und Joseph, die Hirten, die Weisen
und das Glück gibt dir nen Kuss.
und Schluss.

Wofür stehst du?

Wofür stehst du?
Im Jahr 2010 tummelten sich 800 Lutherfiguren auf dem Marktplatz in Wittenberg. Sie waren aus Plastik und nur einen Meter groß. Eine tolle Installation. Das große Luther Denkmal wurde vom Sockel geholt und auf ein Metermaß reduziert. Die Figuren waren bunt: es gab rote, blaue schwarze und grüne Plastik-Reformatoren.
Martin Luther hätte das gefallen. Er war ja kein Heiliger und wollte das auch nie sein. Heilige machen keine Fehler. Mit Heiligen kann man nicht reden, denen kann man nur zuhören, die wissen alles.
Nach der Aktion konnte man die Figuren kaufen, leider war ich zu spät dran. Ich hätte gern so einen kleinen roten Plastik Luther gehabt, einen der mich immer wieder an die entscheidenden Fragen erinnert:
Wofür stehst du?
Was treibt dich an, was ist dein Credo?
Schwierige Fragen. Die Antwort kann dir keiner abnehmen, die musst du dir selber geben, mit Herz und Verstand. Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich. Das hat Martin Luther immer wieder betont.
Also, was ist mein Credo?
Ich glaube, dass ich mich um meine Mitmenschen kümmern muss, um meine Mitwelt und um Gott. Humanität, Ökologie und Spiritualität sind drei in eins wie Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.
Ich glaube, als Kind Gottes bin ich frei, ich kann mein Leben genießen. Aber ich bin auch gefesselt. Ich darf die nicht verletzen, die ich liebe – und die anderen auch nicht. Ich glaube, dass ich aus der Liebe komme und in sie zurückkehre, wie immer das sein mag.
Gut, mein „Credo“ ist eher klein und ein bisschen schräg, wie der Reformator aus Plastik. Aber es ist ein Versuch – und ich werde es weiter versuchen.
Wofür stehst du?
Eine spannende Frage, nicht nur für das Reformationsjahr 2017

 

 

Himmlische Ruhe

Ich sitze frühmorgens im Garten.
Himmlische Ruhe.
Nicht mal die Vögel singen. Die Schwalben sind schon wieder gen Süden unterwegs.
Und die Amseln? Ab und zu sitzt eine unterm Baum, grau und zerrupft. Sie pickt an einem heruntergefallenen Apfel. Sonst hört und sieht man sie nicht.
Fast alle erwachsenen Amseln sind jetzt in der Mauser. Ihre Federn haben sich abgenutzt, müssen ersetzt werden. Sie brauchen jetzt Ruhe, können nicht hoch hinaus.

*

Was bist du für ein komischer Vogel!
Glaubst, du brauchst das nicht: Ruhe für die Seele. Doch auch ihre Kräfte nutzen sich ab. Du kannst nicht immer hoch hinaus, brauchst Zeiten der Erneuerung; bist dann verletzlich, musst neue Kräfte sammeln.
Zeit für dich.
Himmlische Ruhe.

 

Lieb haben

„Lasst uns einander liebhaben“ heißt es im 1. Johannesbrief.
Was für ein schöner, schlichter Satz. Keine großen, aufwallenden Gefühle, kein stürmisches Meer, eher die ruhige See; schön, einfach und selbstverständlich.
Seit füreinander da. Einfach so. Nicht mehr und nicht weniger.
Der barmherzige Samariter hat den Schwerverletzten lieb, ist im entscheidenden Moment für ihn da, mehr nicht. Er wird ihn wohl nie wiedersehen. Doch das ist nicht wichtig.
Einander liebhaben. Das klingt so einfach. Doch warum will uns das so oft nicht gelingen?Ein Grund ist sicher: Wir meinen, keine Zeit zu haben.
„Wir sollten uns mal wieder treffen!“
„Komm doch mal vorbei.“
„Wenn du Zeit hast…“
Floskeln einer höflichen Gleichgültigkeit.
Einander Liebhaben braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Einander Liebhaben hütet sich aber auch vor zu großen Erwartungen.
In den Charts steht zurzeit ein Lied gerade ganz oben:
„I only miss you when I’m breathing,“
„Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.“
In der deutschen Übersetzung klingt das so:
„Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Ich brauch dich nur, wenn mein Herz schlägt.
Du bist die Farbe, die ich blute.
Du bist das Einzige, an das ich glaube.
Ich weiß, du kommst zurück zu mir und
ich werde hier auf dich warten, bis zum Ende.
Ohne deine Liebe weiß ich nicht, wie ich überleben soll.
Du bist, was mich am Leben erhält.
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Du bist die Droge, die ich brauche,
das Paradies nach dem ich suche.
Ich lebe und hoffe, dass da ein Grund ist.
Kann meine Lippen nicht bewegen, aber mein Herz schreit:
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Ich schreie deinen Namen, aber du antwortest mir nicht.
Schlage Alarm, erzähle es jedem.
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme…
Dieser Schlager klingt wie ein Psalm: Der Beter drängt, er hofft, er setzt alles auf eine Karte. Der Beter will in den Arm genommen werden, es soll ihm gutgehen. Er will sich verlieren, will das Gefühl: Ich bin etwas Besonderes, meine Liebe ist heilig. Er richtet sich an einen Menschen. Er kann und darf nur das Schöne an ihm sehen, alles andere wird ausgeblendet.
Doch was, wenn die Geliebte unter die Räuber fällt? Wo bleibst du dann mit deiner reinen, unbefleckten Sehnsucht?
Aber selbst wenn ich dieses Gebet als an Gott gerichtet verstehen wollte, wäre es mir unheimlich.
Nein, Gott, ich vermiss dich nicht, wenn ich atme, du bist ja immer da. Ich vermiss dich nur, wenn mir die Luft ausgeht, wenn ich nicht mehr weiterweiß.
Und was, wenn du, Gott unter die Räuber fällst? Wenn du ans Kreuz genagelt wirst? Ist das dann Gotteslästerung, eine Verletzung meiner religiösen Gefühle? Muss ich mir dann ein neues Objekt für meine Liebe suchen, ein heiliges, unantastbares?
„Wer liebt kennt Gott.“
Wir Christen sagen: Gott ist ein leidender, geschundener Mensch geworden, verlassen von allen; einer, der Hilfe braucht.
Der barmherzige Samariter hat das verstanden. Er ist einfach da, als er gebraucht wird. Er fragt ganz schlicht: „Was kann ich für diesen Menschen tun?“
„Lasst uns einander liebhaben, lasst uns für die Verfolgten, Geschundenen da sein und wir werden verstehen, was das heißt:
Gott ist die Liebe.
Ja, wir schaffen das.