Beten heißt leben, nicht lesen

Nach einer Hochzeit in der Kirche kommt ein junger Mann, auf die Pastorin zu.
Er sagt: 
„Vielen Dank, die Trauung war sehr schön! Ich hätte noch eine Bitte: Ich würde so gerne lernen zu beten. Können Sie mir nicht ein Buch empfehlen?“
Die Pastorin lächelt: „Natürlich. Ich könnte Ihnen jede Menge Bücher empfehlen. Aber die würden Sie nur ablenken. Beten, das muss man leben, nicht lesen.“
Der junge Mann schaut ganz verblüfft.
„Waren Sie schon mal so richtig verliebt?“ fragt ihn die Pastorin. 
Er lächelt ganz verträumt: „Ich bin es gerade!“
„Und? Haben Sie erst ein Buch gelesen? Wie verliebe ich mich richtig oder so was in der Art?“ 
„Natürlich nicht!“ lacht der junge Mann.
„Aber beten, das ist mir so fremd. Was soll ich tun?“
„Ach, nichts Spezielles.“  antwortet die Pastorin. „Tun Sie, was sie tun mit ganzem Herzen.“
Doch der junge Mann ist noch nicht zufrieden: „Ich dachte ich brauche dazu eine besondere Haltung – Achtsamkeit, so in die Richtung.“
Die Pastorin nickt: „Stimmt schon. Wenn Sie richtig bei der Sache sind, können Sie immer und überall beten: beim Kochen, beim Email-Lesen, im Meeting. Schauen Sie sich um! Gott ist überall. 
Beten muss man nur üben.“ 

Wenn dein Kind dich fragt…

Emmy hat zu ihrem vierten Geburtstag eine Kinderbibel bekommen.
Sie blättert darin und bleibt bei einem Bild hängen: Mose hat die Zehn Gebote bekommen, er trägt die zwei Steintafeln in der Hand. 
„Das sind aber komische Tablets!“ meint sie. 
Verrückt, oder?
Das erste Tablet kam vor gut acht Jahren auf den Markt. Heute ist es das Tor zur Welt.
Wo soll das noch hinführen?Wenn die Jugendlichen uns fragen: „Was ist wichtig für unsere Zukunft?“ 
Was sollen wir antworten?
Der Historiker Yuval Noah Harari meint: „Ich würde den Jugendlichen raten: Hört nicht auf die Erwachsenen! Sie meinen es sicher gut mit euch. Aber sie kommen einfach nicht mehr mit. Die Entwicklung ist zu schnell und zu unübersichtlich.“
Er hat recht. Wir können der nächsten Generation nicht sagen, was sie tun und was sie lassen soll. Das sollten wir uns auch gar nicht anmaßen. 
Kein Mensch weiß, was kommt.
Aber trotzdem. Wenn ein junger Mensch mich fragt, was ist wichtig für mein Leben, dann würde ich antworten:
„Die Haltung. Sei nicht nur für dich selbst da, sondern auch für andere. Mach dir klar: Dein Leben hat einen Sinn – und überleg dir immer wieder welchen. Setz dich für andere ein – für Menschen, Tiere und Pflanzen, für alles, was lebt. Dein Leben ist ein Geschenk. Mach was draus! Für dich und für uns. 
Dann bist du gesegnet. 

Smartphone und Freiheit

Wir haben uns lange nicht gesehen. Jetzt stehen wir in uns der St. Nicolai Kirche in Göttingen gegenüber. Wir freuen uns und wir wollen uns nicht wieder aus den Augen verlieren, also: noch schnell die Handynummern austauschen. Wir zücken unsere Smartphones. Da kommt ein Kollege auf uns zu und sagt: „Ihr wisst schon, dass Ihr hier in der Kirche seid, oder?“ Wir schauen uns an. Was soll das denn?
Ein paar Tage später lese ich in dem Roman „Willkommen in Lake Success“ folgende Episode: Barry ist pleite, seine Ehe am Ende. Er ergreift die Flucht. Barry wirft sein Handy in die Mülltonne, steigt in den nächsten Bus und fährt los. Als er sich ein wenig beruhigt hat, will er doch noch mal schnell im Büro anrufen. Er greift in die Sakkotasche. Er hat Aber kein Smartphone mehr! 
Er ist frei! 
Ja, es stimmt: Es macht es mich nicht frei, dass ich immer und überall erreichbar bin, ganz im Gegenteil. Am schlimmsten ist es, wenn ich vor einem Gespräch vergessen habe, das Handy abzustellen – wie peinlich! Aber ich fühle mich auch unwohl, fast nackt, wenn das Ding nicht in Reichweite liegt. Meine wichtigste Verbindung zur Welt ist ein kleiner, schwarzer Kasten. 
Romanheld Barry schmeißt sein Smartphone weg. 
Soweit werde ich nicht gehen. Aber es muss Orte der Freiheit geben. Da ist das Smartphone tabu. 
Die Kirche ist so ein Ort.

Himmelfahrt und Pfingsten

Zuerst kommt Himmelfahrt, dann Pfingsten. Dazwischen liegen nur zehn Tage.
Das ist kein Zufall.
Diese beiden Feste gehören eng zusammen. Menschen staunen – und verstehen sich. Das eine geht nicht ohne das andere.
An Himmelfahrt stehen die Jünger still da. Ihre Augen sind in den Himmel gerichtet. Sie staunen und sie begreifen: Es gibt noch eine andere Welt, eine andere Kraft – jenseits und mitten in unserem Leben. Sie stehen eine ganze Weile so. Sie staunen über etwas, das sie nicht für möglich gehalten hätten zwischen Himmel und Erde. 
Im Kleinen kenne ich das auch: Ich sitze im Garten, höre die Amsel singen. Ich rieche den Duft der Rosen, spüre den Wind auf meiner Haut. Die Sonne bricht durch die Wolken. Der Himmel geht auf. 
In solchen Momenten ahne ich, was die Jünger Jesu an Himmelfahrt erlebt haben. 
Eine Wolke nimmt das Leben auf, trägt es über sich selbst hinaus. Alles wird leicht. Alles wird eins. 
Ich glaube, ohne diese magischen Momente, ohne diese Himmelfahrt ist Pfingsten nicht möglich.
Wenn ich staune, dann spüre ich die Kraft, die alles zusammenhält, den Geist, der alles durchweht. Ich bin ein Teil der großen Schöpfung – und die anderen sind es auch. 
Die Jünger können diesen Moment nicht festhalten. Sie müssen zurück in den Alltag, zurück zu den Menschen. Das kenne ich gut. Der Moment ist vorbei. Aber es hat sich etwas verändert. Wir reden miteinander, doch die Wörter sind nicht wichtig. Wir wissen, was wirklich zählt. 

Ein wenig stelle ich mir das so vor wie in einem Lied von Namika: Eine junge Frau reist nach Paris. Sie kann kein Wort Französisch. Ein junger Franzosen läuft ihr über den Weg. Er spricht sie an. Sie denkt: „Ich verstehe kein Wort, doch bitte sprich weiter.“

Die Liebe ist größer als alles, was uns trennt.

Frohe Pfingsten!

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Die Wahrheit sagen

„Mal ehrlich! Sieben Wochen ohne Lügen.“ 
Unter diesem Motto steht in diesem Jahr die evangelische Fastenaktion „Sieben Wochen ohne.“ Sie geht nun in die letzte Woche. 
Ehrlich sein. Einfach mal die Wahrheit sagen. Klingt gut. Ist aber schwieriger als gedacht. Was ist, wenn das, was ich für „die Wahrheit“ halte – oder was tatsächlich wahr ist – den anderen verletzt, ihn in die Lüge treibt? 
Dietrich Bonhoeffer schildert folgende Szene: 
In der Schule fragt der Lehrer einen Schüler vor versammelter Klasse: „Trinkt dein Vater eigentlich immer noch?“ Der Schüler schüttelt traurig den Kopf: „Nein!“ 
Er lügt. Sein Vater hat ein schweres Alkoholproblem. 
Bonhoeffer stellt nun die Frage: „Wer trägt die Schuld an der Lüge? 
Der Schüler doch wohl nicht. Es ist der Lehrer, der ihn mit seiner erbarmungslosen Frage in die Lüge treibt.“
„Mal ehrlich!“ Das klingt so einfach. Aber die Wahrheit ist komplex. Ihr Gegenteil ist nicht immer die Lüge und oft genug dient das, was wir für „die Wahrheit“ erklären nur dazu, den anderen in die Enge zu treiben, ihn bloßzustellen. Oft genug verwechsele ich auch die Wahrheit mit dem, was ich für wahr halte. Dann werde ich böse und rücksichtslos – egal, ob ich eine Mauer bauen will oder jemandem einfach mal die Meinung geigen.
Die Wahrheit, das sind nicht nur Fakten. Sie hat im menschlichen Miteinander viele Facetten. Sie verlangt Respekt gegenüber dem anderen.
Wie anders wäre es gewesen, wenn der Lehrer seinen Schüler beiseite genommen hätte: „Du hör mal, ich mach mir Sorgen um dich… “ 
Wahrheit braucht Zuneigung, braucht Liebe. 
Der Dichter Antoine de Saint Exupery betet: 
„Schick mir im rechten Augenblick einen Menschen, der den Mut hat, mir die Wahrheit in Liebe zu sagen.“

Hex! Hex!

Meine Enkeltochter Ada ist drei Jahre alt. Sie liebt „Bibi und Tina.“ Das ist eine Zeichentrickserie über zwei Mädchen, die viele Abenteuer erleben. Eine von beiden, Bibi, kann „zaubern.“ 
Ada sitzt also vor dem Fernseher, schaut Bibi und Tina und ruft: „Opa! Limo!“ Ich frage sie: „Ada, wie heißt das Zauberwort?“ Sie strahlt mich an: „Auf die Plätze – fertig – los!“ Ich muss lachen. Ada hat gewonnen. Die Limo kommt sofort.
Ich erzähle die Geschichte einem Freund, seine Tochter Mia ist im selben Alter. 
Er lacht und nickt: „Das kenne ich. Mia hatte neulich im Kindergarten Zoff mit ihrer besten Freundin. Abends hat sie dann gebetet: 
„Lieber Gott, ich habe mich heute mit Marie gestritten. 
Bitte, bitte mach, dass Morgen alles wieder gut ist!
Hex! Hex!“
Ja, Kinder beten ganz unbekümmert. Sie wollen, dass ihre Probleme gelöst werden, ganz schnell und sofort. Kinder sagen dann schon mal „Hex! Hex!“ statt „Amen.“ Ich würde mich das nicht trauen. Aber wenn ich verzweifelt bin, wenn ich keinen Ausweg mehr weiß, dann fühle ich mich ganz genauso. Dann will ich auch, dass mein Gebet Zauberkraft hat: „Lass alles wieder gut werden! Ganz schnell und einfach so!“
Doch leider funktioniert das nicht. Ein Gebet ist keine Zauberformel. 
Bei „Bibi und Tina“ klappt das übrigens auch nicht. Wenn Bibi ruft „Hex! Hex!“ dann wird nicht alles sofort wieder gut. Aber: Die beiden Mädchen haben wieder Mut, sie trauen sich was. Und wirklich: Ihre Pferde schaffen den Sprung über den Graben! Doch springen müssen sie schon selbst. 
Wer betet lässt los und vertraut auf die Kraft, die uns hilft, im Leben zu bestehen.  
Ob Bibi gar nicht zaubert, sondern betet? Wer weiß…

Gesegnetes Neues Jahr


Wir begegnen uns zufällig in der Fußgängerzone. 
Ein kurzes Hallo und ich wünsche dem jungen Mann ein gesegnetes neues Jahr. 
„Gesegnet?“  fragt er und lächelt resigniert: 
„Glauben Sie wirklich, es gibt einen Gott, der sich für mich interessiert?“ 
Der junge Mann hat ein schweres Jahr hinter sich. Beruflich und privat. 
Er ist sehr selbstkritisch. Er hat immer geglaubt: Wenn du dich anstrengst, wenn du alles richtig machst, dann wird alles gut. Gott kann er sich nur als jemanden vorstellen, der alles in Ordnung bringt. 
Ehe ich etwas erwidern kann, ist in der Menge verschwunden. 
Schade.  
Ich hätte ihn gern an Maria und Joseph erinnert. 
Was haben die beiden falsch gemacht? Hätten sie dem Befehl des Kaisers nicht gehorchen sollen? Hätte Joseph auf seinem Recht auf eine vernünftige Unterkunft für seine Frau pochen sollen? Naive Fragen, ganz klar. Aber so denken wir, damit alles seine Ordnung hat. Und wenn nicht, dann muss irgendeiner Schuld haben. 
Maria und Joseph ziehen voll Vertrauen nach Bethlehem. Sie werden Opfer von Willkür und Gleichgültigkeit. Und Gott befreit sie nicht aus ihrer Not. Im Gegenteil. Auf den Stall folgt die Flucht nach Ägypten. Aber ihr Glaube wird nicht erschüttert, er wird verwandelt. 
Sie begegnen dem Gott, der sich für sie interessiert.
Sie sehen ihn in den Hirten, die ihre Scheu überwinden und Maria und Joseph in ihrem Elend besuchen. Sie spüren seine Kraft in den drei Weisen aus dem Morgenland, die das Licht der Welt suchen und es finden in diesem wehrlosen Kind. 
Sie fragen nicht nach dem Warum. 
Sie feiern das Leben, mitten in Wahnsinn und Angst. 
Das ist die Geburt des Glaubens. 
Das ist Segen – und nicht der naive Glaube, es müsse alles glatt gehen im Leben. 
Das hätte ich dem jungen Mann gern erzählt, damit er weiß, was ich meine, wenn ich ihm wünsche:
Gesegnetes neues Jahr!