Monat: August 2015

Kinder und Ausländer

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung:

„Gibt es bei euch im Kindergarten auch Ausländer?“ fragt Tante Angela die kleine Emma.
„Nein. Nur Kinder.“ antwortet sie.
Ihre Tante erinnert sich daran, warum sie so froh ist, in Deutschland zu leben: weil es bei uns genau so sein soll: alle Menschen sind gleich! Es ist egal, wo sie herkommen, welcher Religion sie angehören oder welche Sprache sie sprechen. Wir Christinnen und Christen sagen: Wir sind alle Kinder Gottes.
Doch täuschen wir uns nicht, der Kindergarten ist kein Idyll.
„Hier gibt es nur Kinder, keine Ausländer“ heißt nicht, hier gibt es keinen Streit und keine Auseinandersetzungen, ganz im Gegenteil. In der Sandkiste geht es heiß her. Die Kinder sind eben noch ins Spiel vertieft – und streiten sich im nächsten Augenblick wie die Kesselflicker. Aber sie vertragen sich auch ganz schnell wieder
Doch „Ausländer“ ist da keine Kategorie. Heute spielt Emma mit Arzu, morgen spielt sie mit Sophie. Kinder verstehen sich. Sie lernen Sprachen ganz schnell. Auch die ohne Worte.
Wenn jemand aneckt und nervt, bekommt er vielleicht Ärger. Aber kein Kind fliegt aus dem Kindergarten, weil es einem anderen Kind nicht passt. Und kein Kind darf machen was es will, egal ob es blonde Haare hat und hochdeutsch spricht oder schwarzhaarig ist und gerade erst Deutsch lernt.
Ausländer? Was soll das sein?
Einer, der in einem anderen Land lebt. Das ist spannend, aber hier spielt das keine Rolle.
Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wenn es anderen schlecht geht oder sie ungerecht behandelt werden. Sie versuchen sofort zu helfen.
Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen. Ihnen gehört das Reich Gottes.“

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Pharisäer und Zöllner

Predigt am 16. August in St. Martini

Pharisäer und Zöllner
11. Sonntag nach Trinitatis
„Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Zöllner.“
Das Phänomen kennen wir alle. Als Täter und Opfer. Ich bin gern anders als die anderen – und ich leide darunter, wenn ich ausgeschlossen werde, weil ich nicht so bin wie sie: zu alt oder zu jung, zu reich oder zu arm, zu links oder zu rechts – nicht richtig eben…
Aber die Rolle wechselt: mal bin ich Pharisäer, mal Zöllner. Mal froh, auf der richtigen Seite zu stehen, mal traurig, weil ich nicht dazu gehöre.
Das Phänomen hat sich nicht geändert. Und doch frage ich mich, ob Jesus dieses Gleichnis heute noch genau so erzählen würde.
Wo finde ich ihn noch, den selbstzufriedenen Pharisäer, den, der weiß, dass alles gut ist, der immer auf der richtigen Seite steht?
*
Ich kenne diesen Typen nur aus dem Fernsehen, von Pegida Demonstrationen oder vor Flüchtlingsheimen:
„Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Ausländer.“
Diese Menschen, die dann anonyme Leserbriefe gegen die Dompredigerin schreiben – Briefe, die so übel sind, dass sie nicht veröffentlicht werden können.
Stehe ich jetzt selbst auf der anderen Seite?
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie diese Brandstifter und Heckenschützen?“
Nein, ich glaube nicht. Ich bin Cornelia Götz dankbar für ihr mutiges Interview. Es ist nötig, dass wir als Christinnen und Christen klar Stellung beziehen für die Ärmsten der Armen, für die, die unsere Hilfe brauchen.
Und doch höre ich Jesu Warnung vor Selbstgerechtigkeit sehr deutlich: Sei dir deiner selbst, sei dir deines Lebensstils nie zu gewiss. Mach dich selbst nicht groß dadurch, dass du andere klein machst.
Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Ich finde diesen feisten, selbstgewissen Typen nur noch selten – auch nur selten in mir selbst.
Ich bin mir meiner nicht mehr gewiss. Ganz im Gegenteil, ich würde mir das manchmal wünschen, endlich mal sagen zu können: Ich bin froh, dass ich so bin wie ich bin.
*
Woran das liegt?
Ganz einfach:
Du darfst nicht mehr stillstehen.
Du darfst nicht einfach so zufrieden sein mit dem, was ist. Du musst dich verbessern, ständig und stetig. In der Technik gilt: das Bessere ist der Tod des Guten. Das Iphone 6 ist besser als das fünfer.
Der bessere Mitarbeiter ist eine Gefahr für den guten: er ist jünger und schneller.
Die heutigen sechzigjährigen, sagt man, sind so fit wie früher die Menschen mit vierzig. Schön und gut. Also versuch, so fit zu sein wie mit dreißig…
Wir sind immer unterwegs, immer dabei, uns zu optimieren, wir stellen uns nicht einfach hin und sage: „Danke, dass ich so bin wie ich bin.“
Stillstand ist Rückschritt, also: Weiter! Weiter! Weiter!
Der Pharisäer ist so selbstzufrieden, weil er alles richtig macht.
Mal ehrlich: Wer wollte das heute von sich noch behaupten?
Nein, wir sind aus einem anderen Grund selbstzufrieden:
Wir sind auf dem richtigen Weg wir verbessern uns ständig. Wir laufen mit Schwung und selbstgewiss in den seelischen Tod.
*
Ein Arzt hat mir von einer neuen Krankheit erzählt, die in letzter Zeit stark um sich greift. Er hat jetzt die ersten Patienten bei sich in der Klinik.
Diese Krankheit heißt Orthorexie:
Milch ist tabu, Zucker sowieso, Weizenprodukte werden verschmäht, selbst Obst und Gemüse aus dem konventionellen Anbau kommen nicht mehr auf dem Tisch. Gegessen werden nur noch wenige ausgewählte Lebensmittel, im Extremfall vielleicht nur im eigenen Garten Angebautes. Manche Menschen beschäftigen sich so intensiv mit gesunder Ernährung, dass sie davon krank werden.
Diese Menschen haben oft auch das Gefühl der Überlegenheit und einen starken Missionierungseifer. Sie wollen andere von ihrer Art, sich zu ernähren überzeugen.
*
Schrecklich, oder?
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Mann mit seiner Orthorexie!“
Dann doch lieber herzhaft in die fette Bratwurst beißen:
„Herr, sei mir dickem Sünder gnädig.“
Sie sehen, die Grenzen sind fließend und ich habe immer beides in mir:
den Selbstgerechten – und den Selbstgerechten.
Entweder freue ich mich, dass ich vegan lebe, dass ich so sportlich bin – oder ich äußere mich abfällig gegenüber denen, die wenigstens versuchen, halbwegs gesund zu leben.
Doch krank werden können beide: die einen sind übervorsichtig, die anderen übergewichtig.
Im Grunde sind beide wie dieser Pharisäer.
Was macht der Zöllner anders?
*
„Herr, sei mir armem Sünder gnädig.“
Er verzichtet auf etwas, das uns Pharisäern so unendlich wichtig ist.
Er verzichtet auf den Stolz.
Die englische Schriftstellerin Zadie Smith sagt: „Stolz ist doch etwas merkwürdiges. Sollte ich stolz auf meinen weißen Vater sein – oder auf meine schwarze Mutter? Ich habe nichts dafür getan, oder? Ich bin froh, dass ich diesen tollen, warmherzigen Vater habe und diese Mutter, die mir so viel liebe gegeben hat. Ich freue mich, ja. Aber Stolz?
Ich bin dankbar, dass ich in Großbritannien lebe, aber stolz darauf, Engländerin zu sein? Ach, ich weiß nicht…“
*
Dass wünsche ich uns selbstgerechten Pharisäern – die sind wir als Christinnen und Christen ohne Zweifel immer wieder: Ich wünsche uns, dass wir unseren Stolz überwinden und einfach nur dankbar sind für das große Geschenk des Glaubens.
Dass ich wünsche ich uns grüblerischen, an uns selbst zweifelnden Zöllnern – denn auch das ist uns ja nicht fremd: dass wir froh sind über die Liebe, die uns begleitet auf unseren gerade und unsren krummen Wegen.
Amen.

Liebe und Talent

David Foster Wallace sagt über das Schreiben – über das Leben:

„Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mir Gags ausdenke oder irgendwelche formalen Kapriolen schlage, bis mir klar wird, dass dieser ganze Kram eigentlich gar nicht der Geschichte dient; vielmehr dient er dem sehr viel düstereren Zweck, dem Leser zu vermitteln:
Hey! Schau mich an! Schau dir an, was ich für ein guter Schriftsteller bin! Lieb mich gefälligst!“
„Ich bin inzwischen überzeugt, dass gute Texte gewissermaßen zeitlos lebendig und heilig sind. Das hat eigentlich gar nicht so viel mit Talent zu tun, nicht mal mit einem richtig schillernden. Talent ist nur ein Werkzeug. Wie wenn man einen Stift hat der schreibt, statt einem, der nicht schreibt…
Mir scheint doch, der große Unterschied zwischen großer Kunst und mittelprächtiger Kunst liegt irgendwo im Herzensanliegen dieser Kunst…
Das hat etwas mit Liebe zu tun. Damit, die Disziplin aufzubringen, den Teil von sich sprechen zu lassen, der lieben kann, und nicht nur den, der einfach geliebt werden will…
Anscheinend läuft es bei den wirklich großen Schriftstellern so, dass sie dem Leser oder der Leserin etwas „schenken.“ Die Leserin verlässt ein echtes Kunstwerk schwerer, als sie es betreten hat. Voller. Die ganze Aufmerksamkeit und der Einsatz und die Arbeit, die man seinen Lesern abverlangen muss, darf nicht einem selbst zugutekommen – es muss ihnen zugutekommen.
Unser heutiges kulturelles Umfeld ist deswegen so tödlich, weil man solche Angst davor haben muss, das durchzuziehen.

Gefunden bei und zitiert nach
Zadie Smith, Sinneswechsel.

Von den Talenten

Meine Predigt vom letzten Sonntag

Die anvertrauten Talente
9. Sonntag nach Trinitatis

Er ist der Älteste von drei Geschwistern.
Als er dreizehn ist stirbt sein Vater.
Er sagt: „Bei der Beerdigung, auf dem Friedhof, spürte ich das erste Mal, dass ich die Hand meiner Mutter hielt und sie nicht mehr die meine.“
Von nun an ist das Geld in der Familie knapp.
Neue Klamotten gibt es nur selten. Stattdessen geht es regelmäßig in die Kleiderkammer der Caritas. Da entwickelt der Junge einen Kniff: er sucht sich immer irgendwelche besonderen Accessoires aus und kombiniert sie auf die irrsten Weisen und erzählt seinen Mitschülern: „Das ist der neueste Schick!“ – Ja klar.
Sein Faible für extravagante, in den Augen der Anderen oft unmögliche Kleidung wird sein Leben lang bleiben.
Er liebt die Musik, lernt Klavier und Querflöte. Doch es ist ihm sehr schnell klar: zum Musiker wird es nicht reichen.
In der Schule läuft es quälend. Er gehört zu den null Bock Schülern, hört den ganzen Nachmittag Radio und muss mehrere Klassen wiederholen.
Schließlich schafft er dann doch mit Müh und Not das Abitur.
Seine Mutter drängt auf ein Studium, aus dem Jungen soll was Anständiges werden.
Er beginnt ein Lehramtsstudium.
Bricht es ab.
Er sagt von sich selbst: „Ich wollte eigentlich immer nur eins. Menschen unterhalten.“
Und das kann er gut. Schon in der Schule.
Aber was ist das schon?
*
Jesus erzählt seinen Jüngern folgende Geschichte:
Ein Mann hatte eine lange Reise vor. Bevor er sich auf den Weg machte, vertraute er einen Teil seines Vermögens seinen Sklaven an. Dem einen gab er fünf Talente Silber, dem zweiten zwei und dem dritten schließlich eines, je nach ihren Fähigkeiten.
Als er nach langer Zeit zurückkam, rief er seine Sklaven zu sich und fragte sie, was sie aus dem ihn anvertrauten gemacht hatten.
„Du hast mir fünf Talente Silber anvertraut – ich habe fünf weitere dazu gewonnen“ sagte der erste.
„Das hast du sehr gut gemacht!“ sagte der Mann, „Ich will dir noch mehr anvertrauen! Und ich lade dich ein zu meinem großen Fest!“
Mit dem zweiten war es ebenso. Er hatte aus seinen zwei Talenten vier gemacht.
Der dritte aber sagte: „Ich weiß, dass du ein harter Mann bist. Du forderst viel und du erntest, wo du nicht gesät hast. Darum habe ich das Talent vergraben. Hier hast du es zurück!“
Da wurde der Mann zornig und sagte: „Du fauler Sklave! Wenn du weißt, dass ich hart und unbarmherzig bin, dann hättest du das Geld wenigstens zur Bank bringen können und ich hätte Zinsen gekriegt! Jagt ihn hinaus!“

*

Der „faule“ Knecht hat Recht.
Das Leben ist nicht gerecht. Den einen fällt alles zu und die, die sowieso schon nichts können, können sich gleich begraben.
Wir sorgen uns unendlich um unsere Kinder:
„Mach was aus deinem Leben!
Sei fleißig und zielstrebig!
Lern was Anständiges!
Lass deine Talente bloß nicht verkümmern!“
Das führt zu den verrücktesten Blüten:
„Unser Junge ist in der Schule zappelig und hat überhaupt keinen Bock auf das Ganze?
Nein, das liegt nicht daran, dass er den ganzen Nachmittag am PC sitzt und kaum Bewegung hat! Der Junge ist hochbegabt, der langweilt sich!“
Die Bewertung fängt im Kindergarten an und schon in der Grundschule streiten Eltern um die Beurteilung ihrer Kinder. Und die Lehrer sichern sich ab, wo sie nur können.
Das ist verrückt, aber eigentlich können sie sich doch auf diese Geschichte von Jesus berufen, oder?
Wer viel hat, dem wird viel gegeben. Wer nichts hat, dem wird das bisschen auch noch genommen, was er hat.
Aber Vorsicht!
So einfach ist das nicht.
Ich kenne genug Leute mit irrsinnig vielen Talenten, die absolut nichts daraus machen. Menschen, die ihre Gaben verschleudern, weil ihnen immer alles zugefallen ist – und weil sie meinen, dass müsste immer so bleiben.
Nach dem Einser Abitur nichts mehr auf die Reihe gekriegt.
Die anderen sind unzufrieden, weil ihnen ihre Gaben, ihre Talente nie reichen. Sie benehmen sich wie einer, der im Lotto fünf Millionen gewinnt und sich ärgert – im Jackpot letzte Woche waren schließlich zehn Millionen.
Jesus wird für diese Geschichte oft kritisiert. Weil sie scheinbar die herrschenden Verhältnisse zementiert.
Doch hier geht es nicht um die Menge der Fähigkeiten und Talente.
Hier geht es um die Frage, an welchen Gott du glaubst.
Glaubst du an den Gott der Härte, an den, der dich bestraft für jeden kleinen Fehler? Glaubst du an den Gott, der dir nichts verzeiht und dich gnadenlos aussortiert, wenn du nicht funktionierst?
Dann wirst du immer den vernünftigen Weg gehen, den sicheren. Dann wirst du dein Talent begraben, im Grunde dich selbst:
Dein Talent ist nicht wichtig.
Du bist nicht wichtig.
Hauptsache du funktionierst.
Dabei ist es ganz egal, ob du ein, drei oder fünf Talente anvertraut bekommst.
*
Was ist aus diesem Jungen geworden, der so früh seinen Vater verloren hat, dem jungen Mann, der nur ein Talent hatte?
Er läuft immer noch in schrägen Klamotten rum und unterhält die Menschen, mehr kann er ja nicht.
Er ist einer der bekanntesten Männer dieses Landes:
Thomas Gottschalk.
Nein, es geht nicht um die Menge der Gaben und Talente, die du mitbekommst.
Es geht in dieser Geschichte darum, an welchen Gott du glaubst:
den harten, unbarmherzigen, den „so ist das Leben nun mal“ Gott –
oder glaubst du an den Gott der Liebe, der dir deine Gaben schenkt,
der will, dass du lebst, dass du deine Gaben wachsen lässt; der an dich glaubt, auch wenn du es selbst nicht kannst – der dir wieder aufhilft, auch wenn du mal richtig krachen gehst – und der dich am Ende einlädt zu seinem großen Fest.
Amen.