Schlagwort: Frühling

Wer singt, blüht auf

„Oh Mann, ihr traut euch was!

In der Kirche solo für den lieben Gott singen, das könnte ich nicht.“
Das hat mal ein NDR 1-Moderator zu uns Pastorinnen und Pastoren gesagt. Ich wusste sofort, was er meint. Zu mir hat mal eine Kirchenvorsteherin gesagt: „Also Herr Pastor, Sie müssen die Liturgie nicht singen.“ Ich musste lachen und seitdem habe ich es dann auch gelassen. 
Solo Gesang ist nicht so meins – höchstens im Auto, von NDR 1 begleitet.
Dabei macht Singen glücklich: Wenn ich meine Angst überwinde und wir in einer Runde gemeinsam singen: dann blühe ich auf. 
„Wer singt blüht auf!“ Das ist das Motto für eines kirchlichen Mitsingfestival in Niedersachsen. Es geht über den ganzen Mai. 
Das Angebot ist bunt, jeder und jede kann mitsingen:
Sonntagmorgen um fünf war in Buxtehude schon ein „Singen vom Kirchturm zum Sonnenaufgang.“ In Ricklingen laden „Vier Chöre für ein Halleluja“ ein. Es gibt ein „Hordenträllern“, eine „Radtour mit Gesang und abschließendem Grillen.“ Besonders schön finde ich ja das „Schlagerfeuer“ in Brelingen.
Wer singt blüht auf! Es stimmt ja: Wenn wir uns trauen, wenn wir gemeinsam singen, dann blühen wir auf – wie eine bunte Wiese im Mai.

Ehrenpreis und Gänseblümchen

Ich liebe den Frühling. Unser Garten verändert sich mit jedem Tag. Es gibt so viel zu entdecken: Pflanzen, von denen ich noch nie etwas gehört habe. 
Ehrenpreis und Spindelstrauch, Schneeball und Wolfsmilch, Weicher Frauenmantel und Hirschzungenfarn. 
Wer hat sich all diese wunderschönen Namen ausgedacht? Da schwingt so viel Phantasie, so viel Poesie mit, so viel Liebe zur Schöpfung. 
Besonders schön finde ich die „gefiederte Sockenblume.“  
Ihr wissenschaftlicher Name klingt ganz nüchtern: Epimedium Pinnatum. 
Oder Bellis Perennis. Das ist der lateinische Begriff für unser Gänseblümchen. 
So muss es im Garten Eden gewesen sein: Adam und Eva haben nicht nur den Tieren Namen gegeben, sondern auch den Pflanzen – und wenn eine Blume einen liebevollen Namen trägt, dann ist sie mir besonders nahe. 

Dunkle Tage

An dunklen Tagen fehlt mir oft die Phantasie, dass es irgendwann mal wieder hell werden könnte.
Ich bin gern draußen in der Natur. Das Licht tut gut; gerade jetzt, wo die Tage noch kurz sind. 
Auf einer Wanderung stehe ich vor einer uralten Eiche.  Ein knorriger Stamm, mächtige Äste, ein paar welke Blätter. Unterm Baum liegen Unmengen Eicheln. 2020 war für die Eiche wohl ein gutes Jahr. 
Ich denke: Wenn du noch nie einen Baum im März gesehen hättest, wenn du nicht wüsstest, dass es bald wieder Frühling wird, dann könntest du dir überhaupt nicht vorstellen, dass diese kahle Eiche jemals wieder grün wird.
Ach, es gibt so viel Leben, das ich nicht sehe.
Ich sehe die Eiche; ihren mächtigen Stamm, die Äste. 
Doch ihre Wurzel sehe ich nicht. 
Aber die Eiche wächst ja nicht nur in die Höhe; sie wächst auch nach unten, ein Baum braucht Tiefe. 
Je tiefer sie in der Erde verwurzelt ist, desto näher kommt sie dem Himmel.
Ja, die Wurzel bleibt für immer im Dunkel. 
Sie wird den Himmel niemals sehen. 
Doch sie wird sie wieder treiben zu neuem Grün im Mai, die alte Eiche.
Es wird wieder hell.

Ein bisschen mehr Amsel

Heute Morgen hat mich eine Amsel geweckt. Mitten im Januar. Es ist dunkel und kalt – und sie singt ihr Frühlingslied. Sie singt von dem, was ich eigentlich ja auch weiß: Es wird wieder Frühling. Ich kann mich drauf freuen. Klar, es bleibt noch eine ganze Zeit dunkel und kalt. Aber ganz langsam wird es schon wieder heller. 
In dieser schweren Zeit wünsche ich mir ein bisschen mehr Amselgesang. Zu oft tue ich so, als ob es für immer Winter bleibt. Als ob ich nur noch diese Landschaft sähe: kahle Bäume, grauer Himmel.
Dabei muss ich mir nur einen Moment Zeit nehmen und genau hinschauen: Im Garten wachsen Winterlinge, Schneeglöckchen, Gänseblümchen. Die Boten des Frühlings zeigen sich schon. 
Und dann höre ich Gesang der Amsel. Wie schön. Sie erinnert mich:
Auch in diesen so harten Zeiten, es wird wieder Frühling.
Der indische Dichter Tagore schreibt: „Der Glaube ist der Vogel, der das Tageslicht spürt, bevor der Morgen dämmert.“