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Essen und Teambuilding

Essen als „Teambuilding“
Thomas Tuchel, inzwischen Trainer bei Paris Saint German, hat mal über sein erstes Trainingslager mit der Mainzer Mannschaft erzählt. „Da ging es im Grunde nur darum, uns kennenzulernen. Nach dem Auftakt-Training habe ich der Mannschaft gesagt: ‚Wir treffen uns um halb acht zum Abendessen.‘ Als ich dann pünktlich in den Speisesaal ging, kamen mir einige Spieler entgegen. Die hatten schon gegessen. Kurz nach halb acht saß ich dann alleine am Tisch.“
Das ärgert den Trainer. Am nächsten Tag sagt Thomas Tuchel zur Mannschaft: „Okay. Mittagessen ist um 12.30 Uhr. Aber ich möchte, dass wir gemeinsam beginnen. Ich sage guten Appetit – erst dann fangen wir an.“
Doch auch das läuft schief. Als er die Suppe gegessen hat, gehen die ersten Spieler schon wieder. Also verschärft Thomas Tuchel noch einmal die Regel: „Wir beginnen gemeinsam und bleiben mindestens 20 Minuten am Tisch sitzen.“
Und diese Ansage funktioniert. Die Spieler sitzen fast eine Stunde am Tisch, reden, lachen, warten bis der letzte aufgegessen hat, berichtet Thomas Tuchel.
In der modernen Sprache nennt man so eine Maßnahme „Teambuilding.“ Früher hätte man wohl „Benimmunterricht“ dazu gesagt. Egal: Gemeinsames Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme. Es verbindet, bringt Freude ins Leben.
Wir Christen kennen das vom Abendmahl. Wir essen einen Bissen Brot, trinken einen Schluck Wein. Wir feiern damit das Leben und sagen: Wir gehören zusammen, sind verbunden mit der ganzen Schöpfung.

Wer lebt, stört.L

„Wer lebt, stört“ hab ich neulich gelesen. Das stimmt: Wer lebt, stört.
Aber das gilt auch umgekehrt: „Wer nicht stört, lebt nicht.“
Ich sitze im Café. Neben mir ein junges Paar mit ihrem Kind, so ungefähr zwei Jahre alt. Die Eltern sind ins Gespräch vertieft, die Kleine sitzt still in ihrem Buggy. Nach 20 Minuten kommt mir das seltsam vor. Warum ist das Kind so ruhig? Warum quengelt sie nicht und will raus aus ihrer Karre? Dann sehe ich es: die Kleine hat ein Smartphone in der Hand! Spielt irgendein „lustiges Kinderspiel“ und ist völlig in den Bann gezogen.
Ich sitze daneben und sage kein Wort. Geht mich ja nichts an…  Aber irgendwer müsste doch diesen Eltern mal was sagen! Das Kind wird doch hyperaktiv und kann nachts nicht schlafen…
Aber ich will ja nicht stören.
Da schaut die Kleine hoch, schmeißt das Smartphone weg und schreit. Der Papa sucht hektisch nach dem Gerät, die Mama springt auf und nimmt das Kind aus dem Buggy. Die Kleine läuft fröhlich kreischend durchs Café und verschwindet hinterm Tresen. Einige Erwachsene gucken genervt.
Wer lebt, stört. Und wer stört, macht sich nicht beliebt. Aber wer nicht stört auch nicht.

Wie kann ich dir helfen?

Wie kann ich dir helfen? Diese Frage klingt immer so nach Floskel, doch das täuscht:
Der Film „Aufbruch“ spielt Anfang der sechziger Jahre.
Er erzählt von einer jungen Frau. Sie lebt in ärmlichen Verhältnissen, steht kurz vor dem Abitur. Sie würde so gern studieren, doch dafür wird das Geld ihrer Eltern niemals reichen.
Da lernt sie einen netten, charmanten jungen Mann kennen. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf. Er stammt aus einer sehr reichen Familie, darum zögert sie. Schließlich lädt sie ihn doch zu sich nach Hause ein. Sie sitzen in der kleinen Küche, ihre Mutter hat einen Kuchen gebacken. Der junge Mann ist plötzlich sehr wortkarg. Als sie ihn zu seinem Auto bringt, sagt er: „Du hast was Besseres verdient! Ich hole dich da raus!“
Sie schaut ihn ungläubig an, schüttelt traurig den Kopf und sagt: „Ich mag dich sehr. Aber mit uns, das wird nichts.“ Sie dreht sich um und lässt ihn stehen.
Recht hat sie! Hilfe, die nicht fragt, was ein Mensch wirklich braucht, Hilfe, die die Freiheit nimmt, ist keine Hilfe.
„Wie kann ich dir helfen?“ Das ist eine wichtige Frage. Jesus stellte sie fast immer, wenn er von Kranken um Hilfe gebeten wurde. Mit der Frage beginnt die Heilung.

 

Mensch sein

Mensch sein

„Wenn ich ehrlich bin, bin ich enttäuscht. Als ich jung war, dachte ich, ich könnte das Menschsein überwinden. Jetzt bin ich sechzig und ich weiß, damit wird es nichts mehr, jedenfalls nicht in diesem Leben.“
Das sagt in dem Roman „Das Reich Gottes“ von E. Carrere ein frommer Mann zu seinem Freund. Der lacht ihn aus: „Das Menschsein überwinden hahaha! Sowas kannst auch nur du sagen. Wie naiv bist du eigentlich?“
„So, so, und warum treibst du Yoga?“ fragt der zurück.
Der Freund stutzt. Er könnte antworten: „um fit zu bleiben.“ Doch das wäre gelogen. Wenn er ehrlich ist, dann treibt er Yoga, um sein Bewusstsein zu erweitern.
Wie ist das bei mir?
Warum bin ich Christ? Warum beschäftige ich mich mit dem Glauben, versuche ein spirituelles Leben zu führen?
Wenn ich ehrlich bin, geht es mir genau darum: Ich will raus aus dem alltäglichen Kleinklein. Ich will mir keine Sorgen mehr machen um all den Schwachsinn, der mir das Leben schwermacht. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Doch das funktioniert nicht. Ich kann mein Menschsein nicht überwinden. Das Leben holt mich immer wieder ein. Das Leiden der anderen, der Ärger über mich selbst.
Aber was soll das Ganze dann? Warum soll ich mich überhaupt mit dem Glauben beschäftigen, wenn ich doch nur ein ganz normaler Mensch bleibe?
Jesus nennt sich selbst „Menschensohn“ – oder ganz einfach „Mensch.“ Er erzählt Geschichten aus dem Alltag: von Weinbauern, verlorenen Söhnen, von den Vögeln am Himmel und den Blumen auf dem Felde. Er ermutigt die Seinen: Seid füreinander da! Freut euch an euren Stärken und steht zu euren Schwächen.
Lasst euch an eure Bestimmung erinnern.
Seid Menschen.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Ich gönn mir das

Artischocken gebacken, Tomatensugo, Pamesan…  Die Speisekarte klingt fantastisch. Aber die Preise sind es auch, soll ich wirklich…?
Da weht vom Nachbartisch ein Gesprächsfetzen herüber: „Ich schlafe jede Nacht acht Stunden“ sagt jemand. „Brauchst du das?“ fragt sein Gesprächspartner mit ernster Stimme. „Nö“ ist die fröhliche Antwort, „ich gönne mir das!“
„Wie schön!“ denke ich, „das habe ich ja lange nicht mehr gehört!  Einer, der sich was gönnt,  einfach so.
Mir begegnet oft genau das Gegenteil: Alles was der Mensch tut, ist ungeheuer sinnvoll. Und alles ist medizinisch oder sportwissenschaftlich abgesichert. Sonst geht gar nichts. Einen mächtigen Schub kriegt diese Art zu leben durch die digitaleTechnik.
Im Moment sind Fitnessarmbänder sehr in Mode. Du kannst ganzen Tag kontrollieren, wie viele Schritte du gehst, wie viele Kalorien du verbrennst, wie hoch dein Puls ist. Und am Abend weißt du dann genau, ob du ein richtig gutes und gesundes Leben geführt hast. Aber das ist noch nicht alles. Du kannst das Ding auch nachts tragen.  Und morgens, das ist der Clou, kannst du ablesen, wie gut du geschlafen hast. Und wenn du dann wirklich mal acht Stunden schläfst, kannst du das fein begründen: „Weißt du, ich brauche das, weil meine Tiefschlafphase ist viel zu kurz.“
Aber will ich das? Will ich wirklich so leben? Will ich alles kontrollieren und alles immer nur richtigmachen? Klar, manchmal schlafe ich schlecht. Aber das spüre ich morgens auch so, dafür brauche ich kein Messgerät. Sicher, es kann sinnvoll sein, genauen Regeln und Gesetzen zu folgen: Mönche halten einen genauen Tagesablauf ein, mit festen Zeiten für die Arbeit und fürs Gebet. Künstler geben für ihre Musik alles, üben jeden Tag stundenlang. Junge Sportler leben absolut asketisch. Wenn wir ein Ziel haben, dann müssen wir das auch verfolgen. Sonst bleibt es ein Traum. Das ist sinnvoll, doch es nicht der Sinn des Lebens.
Ich brauche auch das andere, ich brauche auch den freien Blick zum Himmel, dieses Gefühl: Das Leben ist schön! Einfach so! Du musst es dir nicht verdienen.
„Ich gönn mir das!“ hat der Mann am Nachbartisch gesagt. Recht hat er. Ich schaue noch mal in die Speisekarte: Ahrenhorster Edelwaller, glasiert, an chinesischem Blätterkohl.. Lecker!
Das gönn ich mir jetzt. Einfach mal so.

Andacht für NDR 1 „Himmel und Erde“

Die Kirchturmuhr

Jennifer ist schlau. Sie klemmt ihren Scheitel immer hinters linke Ohr, trägt eine kluge Brille wie man sie gerade so trägt, liest anspruchsvolle Bücher und kommt immer pünktlich zum Konfirmandenunterricht. Und sie stellt kluge Fragen. Neulich hat sie mich gefragt. „Warum sind an so vielen Kirchtürmen Uhren?“ „Das hat einen guten Grund“ habe ich ihr geantwortet. Die Kirchen stehen meistens mitten im Ort, oft am Marktplatz. Man kann sie von überall sehen und vor allem hören. Die Menschen hatten früher noch keine Armanduhren. Aber so wusste trotzdem jeder im Ort, wie spät es ist. Die Kirchturmuhren waren nicht besonders genau. Ob es nun in Braunschweig zehn Minuten früher oder später war als in Hannover – was spielte das für eine Rolle? Jeder Ort hatte seinen eigenen Rhythmus.
„Cool!“ meinte Jennifer. „Warum ist das heute nicht mehr so?“
Das wurde anders mit der Erfindung der Eisenbahn. Die Orte rückten näher zusammen, man kam schnell von A nach B. Jetzt brauchte man eine genauere Zeit, eine, die für alle Orte galt.  Und nach und nach wurde aus dem Zeitrhythmus der Takt: immer gleichmäßiger und immer genauer.
„Und jetzt ist Pünktlichkeit eine Tugend“ habe ich Jennifer erklärt. „Es ist ganz wichtig, dass man nicht zu spät kommt..“
Jennifer schüttelt den Kopf. „Also das ist bei uns nicht mehr so schlimm,“ sagt sie. „Ich habe ja schließlich mein Handy dabei. Wenn es später wird, schick ich meiner Freundin eine SMS und fertig.“
„Aber wenn ich Sonntag Abend den Tatort kucken will, dann muss ich immer noch absolut pünktlich sein,“ kontere ich,  „sonst verpasse ich den Anfang!“
„Aber Herr Pastor!“ sagt Jennifer und lächelt „haben Sie noch nie was von der Mediathek gehört? Im Internet können Sie Ihren Tatort kucken wann sie wollen!“
Jennifer hat Recht. Es ist ja wirklich so: Unsere Generation war  genau getaktet. Morgens pünktlich am Zug  abends pünktlichst vor der Tagesschau, immer auf die Minute genau!  Pünktlichkeit war eine große Tugend: „Wer nicht pünktlich ist, verpasst das Leben!“
Das ändert sich gerade.
Fast jeder hat ein Handy in der Tasche. Das Nachteile. Du bist immer erreichbar. Wenn du nicht aufpasst, wirst du ständig gestört, kannst nicht mehr in Ruhe arbeiten. Auf der anderen Seite: Wenn du zu etwas zu spät kommst, ist das mehr nicht mehr so schlimm – ein kurzer Anruf oder eine SMS genügt: „Bin in zehn Minuten da.“ Und wenn du am Sonntag den Tatort nicht pünktlich schaffst, dann schaust du ihn dir halt in der Mediathek an.
Wie wird das weitergehen?
Bin ich bald nur noch fremdbestimmt?
Oder kann ich wieder stärker meinem eigenen Rhythmus folgen, schauen, was jetzt gerade für mich dran ist?
Ich bin gespannt.
Aber eins gilt nach wie vor:

Wenn du Gott zum Lachen bringen willst – erzähl ihm von deinen Plänen.

Andacht für NDR 1 „Himmel und Erde“

Ich bin getauft

 

Ich bin getauft
Meine Eltern haben mich taufen lassen, als ich ein Baby war. Hat das heute noch eine Bedeutung für mich?
Der Schriftsteller David Foster Wallace schildert in „Für immer ganz oben“, wie ein 13jähriger Junge das erste Mal vom 10 m Turm springt.
Er steht im Freibad in der Schlange am Sprungturm: „Von einem bestimmten Punkt an sind in der Schlange mehr Menschen hinter dir als vor dir.“
Schließlich steht er auf der Leiter: „Auf der Leiter wiegst du wirklich etwas. Die Erde will dich wieder.“
Es geht langsam nach oben. Es ist windig hier. „Wenn du erst mal auf der Leiter stehst, gibt es kein zurück mehr.“ Er steht ganz oben. Vor ihm noch eine ältere Frau, dann ist er dran. Er sieht sie abspringen. Sie verschwindet aus seinem Blickfeld.
Er horcht. Viel zu lange hört er nichts. Dann klatscht sie ins Wasser.
Ein Geräusch, ein paar Spritzer, Wellen, Luftblasen, die aufsteigen, dann ist das Wasser wieder ruhig. Als sei nichts gewesen.
„Hey! Junge! Was ist los? Ich will hier nicht ewig warten!“ Die Stimme hinter ihm. Jetzt ist er dran.
Klar, der Sprung ist schwer. Lass dich fallen. Vertrau darauf, dass die Liebe dich umfängt wie das Wasser der Taufe. Lebe. Und stirb. Lass deine Ängste sterben. Auch die vor dem großen Tod. Egal, ob sie dich schubsen oder ob du springst, es wird dich umfangen, aufnehmen. Wichtig ist nur: das Wasser, das Leben, macht dir keine Angst mehr. Im Wasser bist du fast nackt. Nichts unterscheidet dich von den anderen und doch bist du einzigartig.

Du bist getauft.

(Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung)