In unserem Garten steht ein alter Apfelbaum.
Er hat viele Stürme hinter sich, ist schon arg zerrupft.
Letzten Herbst hat der Wind einen großen Ast abgebrochen.
Auch die Menschen sind nicht zimperlich mit ihm umgegangen. Er wurde oft beschnitten. Lange Jahre hieß es ja: „Du musst einen Hut durch seine Äste werfen können, dann trägt der Apfelbaum gut.“
Im Grunde ging es immer nur um den Ertrag.
Aber jetzt kann unser alter Apfelbaum aussehen, wie er will – und wieviel er trägt ist uns auch egal.
Jetzt ist er nur noch ein alter Baum; seine knorrigen Äste wachsen in alle Richtungen.
Auf mich wirkt er irgendwie frei; manchmal finde ich es sieht so aus, als ob er tanzt, bereit für alles, was das Leben ihm noch bescheren mag an Regen und Sonne, Stürmen und Frost.
„Siehe, ich will euch tragen bis ins Alter“ lese ich in der Bibel.
Schlagwort: Natur
Sonnenblume im Oktober
Meine Sonnenblume im Oktober.
Ihre Blüten sind zerfranst und aschgelb.
Sie sieht aus wie ein zauseliger alter Mann,
neigt ihren Kopf müde gen Boden.
Und trägt Früchte.
Wissen und Geheimnis
Als ich ihm erzähle, dass ich Pastor bin, lächelt er nur müde: „Ach wissen Sie, mit dem Glauben habe ich es nicht so, ich bin Naturwissenschaftler…“
Also für mich ist das ein Gegensatz, Glauben und Wissen.
Ich liebe es, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mir die Welt erklären. Ihre Geschichten sind so spannend. Und je mehr ich verstehe, desto mehr staune ich über das Geheimnis des Lebens. Ein kleines Beispiel: Bei mir am Vogelhaus ist jeden Morgen gewaltig was los: Da tummeln sich Meisen, Spatzen und Stare – sogar ein Buntspecht kommt ab und zu vorbei.
Plötzlich ertönt ein schriller Warnruf und alle sind verschwunden.
In einem Buch über die geheimnisvolle Welt der Vögel erklärt die Autorin: „Vögel können viel mehr, als wir bisher wussten. Sie sind hochintelligent. Sie verstehen nicht nur den Warnruf, sie hören sogar raus, ob ein Sperber aus der Luft im Anflug ist – oder eine Katze sich am Boden anschleicht.“
Die Welt ist so schön, so vielfältig – aber wir wissen nicht, wie das alles möglich ist.
Je mehr ich weiß, desto tiefer wird mein Glaube.
Natürlich glaube ich auch nicht, dass Gott die Welt an sechs Tagen erschaffen hat; das ist ein uraltes Bild für die Kraft und die Liebe, die wirkt, im großen Geheimnis des Lebens.
Dunkle Tage
An dunklen Tagen fehlt mir oft die Phantasie, dass es irgendwann mal wieder hell werden könnte.
Ich bin gern draußen in der Natur. Das Licht tut gut; gerade jetzt, wo die Tage noch kurz sind.
Auf einer Wanderung stehe ich vor einer uralten Eiche. Ein knorriger Stamm, mächtige Äste, ein paar welke Blätter. Unterm Baum liegen Unmengen Eicheln. 2020 war für die Eiche wohl ein gutes Jahr.
Ich denke: Wenn du noch nie einen Baum im März gesehen hättest, wenn du nicht wüsstest, dass es bald wieder Frühling wird, dann könntest du dir überhaupt nicht vorstellen, dass diese kahle Eiche jemals wieder grün wird.
Ach, es gibt so viel Leben, das ich nicht sehe.
Ich sehe die Eiche; ihren mächtigen Stamm, die Äste.
Doch ihre Wurzel sehe ich nicht.
Aber die Eiche wächst ja nicht nur in die Höhe; sie wächst auch nach unten, ein Baum braucht Tiefe.
Je tiefer sie in der Erde verwurzelt ist, desto näher kommt sie dem Himmel.
Ja, die Wurzel bleibt für immer im Dunkel.
Sie wird den Himmel niemals sehen.
Doch sie wird sie wieder treiben zu neuem Grün im Mai, die alte Eiche.
Es wird wieder hell.
Von Bäumen und Menschen
Der Förster Peter Wohlleben redet gern von der „menschlichen Seite“ der Bäume.
Das klingt ja erst mal etwas seltsam. Aber dann erzählt er in seinem Buch von einem uralten Buchenstumpf in seinem Wald. Der schlägt immer wieder aus.
Peter Wohlleben sagt: „Mir wurden in diesem Moment klar: Dieser Baumstumpf wird von den gesunden, großen Buchen mitversorgt. Sie sorgen für ihn wie Kinder für ihre alte Eltern. Die Bäume stehen in ganz engem Kontakt!“
Ein Biologe schüttelt den Kopf. Er sagt in einem Interview: „Was mich an Wohlleben am meisten ärgert, ist, dass er die Bäume vermenschlicht. Die alte Wurzel ist streng genommen ein Schmarotzer. Gerade bei Buchen herrscht ein knallharter Kampf ums Überleben. Nur die wenigsten schaffen es bis ganz nach oben.“
„So, so“ denke ich. „Vermenschlichung ist schlecht…“
Aber du sprichst vom „Kampf ums Überleben.“
Dabei stehen die Buchen doch einfach nur im Wald rum und wachsen vor sich hin. Die „kämpfen“ doch gar nicht.“
Mir ist klar geworden: Wir brauchen diese Bilder, diese Vermenschlichung, um die Welt zu verstehen.
Wir Christen sagen in der Karwoche: „Gott leidet mit diesem Menschen am Kreuz.“
Andere sagen: „So ein Unsinn! Wenn es überhaupt einen Gott gibt, dann leidet der nicht. Wir sind dem total egal. Jeder muss sehen, wo er bleibt.“
Auch hier zwei Bilder, die einander gegenüberstehen:
Ewiger Kampf – oder ewige Liebe.
Beweisen kann ich nichts. Aber ich kann an den Bilder erkennen, wie ich zum Leben stehe, auch zu meinem eigenen.
Ich glaube nicht an den kalten, harten Kampf ums Überleben.
Ich glaube, dass die Liebe bei uns ist.
Auch im Kreuz, auch im Leiden.
Magische Momente
Sonntagmorgen.
Ich sitze draußen, unter dem Dach im Innenhof, in eine dicke Decke gemummelt. Genieße diese besondere Stille. Plötzlich raschelt es im trockenen Laub. Die ersten Regentropfen fallen. Dann wird es wieder ganz still. Es beginnt zu schneien. Die ersten Schneeflocken schweben auf die Erde.
„Jede Schneeflocke fällt genau an den Ort, an dem sie liegen soll“
Eckhard von Hirschhausen erzählt in einem seiner Bücher von einem Besuch bei einem buddhistischen Mönch. Sie sitzen schweigend bei einer Tasse Tee, schauen dem Schneetreiben vor dem Fenster zu. Da sagt der Mönch diesen Satz: „Jede Schneeflocke fällt genau an den Ort, an dem sie liegen soll.“ Mir gefällt diese Vorstellung. Die Schneeflocke bleibt ja nicht allein. Sie wird Teil einer weißen Decke, wird selbst bedeckt. Sie bleibt auch nicht auf ewig hier liegen. Wird schmelzen, den Boden durchtränken und – wer weiß – im Frühjahr als Wassertropfen eine Rose zum Blühen bringen.
Ob das mit mir auch so ist? Bin ich genau da, wo ich sein soll? Manchmal habe ich dieses Gefühl. Dann geht es mir richtig gut.
Ja, ich brauche diese kleinen, magischen Momente. Sie geben mir Kraft für den Alltag. In der Bibel gibt es viele Geschichten, die davon berichten: Jakob träumt von der Himmelsleiter, Jesus geht mit seinen Jüngern auf einen Berg, Johannes sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Doch diese Momente sind nicht dazu da, damit ich abhebe. Sie geben mir Kraft für den Alltag. Auch daran werde ich an diesem Sonntag noch erinnert.
Auf dem Auto einer Freundin finde ich folgenden Satz:
„Vor der Erleuchtung musst du holzhacken. Danach auch.“
In der Tat: Ich musste am Abend noch heftig Schnee schippen…
Seufzen
Können Vögel beten?
Wer weiß…
Können Menschen beten?
Paulus scheint das nicht zu glauben. Er spricht vom Seufzen und Stöhnen. Davon, dass wir nicht in der Lage sind, unsere Bitten vernünftig vor Gott zu bringen.
Aber wie sollten wir auch? Sprechen zu dem, der die Welt erschaffen hat. Uns an ihn wenden mit unserem Kleinkram.
Was sollst du beten?
Wie sollst du es in Worte fassen?
Mag sein, dass die Tiere nicht beten jedenfalls nicht bewusst. Aber ist mein Gestammel wirklich besser? Habe ich irgendeinen Grund, mich über sie zu erheben?
Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Haben eine seltsame Sicht auf alles, was uns umgibt. Trennen zwischen Mensch und Nichtmensch. Bilden uns was darauf ein.
Dabei ist alles nur ein Stöhnen.
Unaussprechlich. Verworren. Ungeordnet.
Manchmal verstehe ich die Vögel besser als die Menschen. Dann kommen mir solche Gedanken wie von ihrem Klagen und Flehen. Sie teilen mit uns den Atem. Den Atem, den die Bibel den Geist nennt, den Ruach, den Wind. In guten Momenten weiß ich das.
Und in guten Momenten weiß ich auch, dass ich keinen Menschen wirklich verstehe dass ich mir nicht einmal anmaßen sollte, das zu glaube – jemanden zu verstehen; nicht mal mich selbst.
Was treibt mich?
Warum bin ich so wie ich bin?
Oft ist es die Angst, das Seufzen:
Was soll bloß werden?
Das Seufzen. Verworren. Unaussprechlich. Tief aus mir.
Ich bin ein Mensch des Wortes.
Mache mir Sorgen, wenn ich es nicht in Sätze packen kann. Wenn ich nichts zustande bringe außer einem tiefen Seufzer.
Und das, sagt Paulus, ist der Heilige Geist.
Er seufzt. Tief in die dir.
Wie sollte er nicht?
Das Leben ist Leiden. sagt der neugewordene Buddhist ganz stolz. Für ihn eine völlig neue Erkenntnis.
Ach ja?
Was denkst du, warum das Kreuz in der Kirche hängt?
Bruder Vogel. Schwester Buddhistin.
Wir gehören zusammen. Im Seufzen. In der Klage über das, was uns quält. Was wir nicht verstehen.
Gedanken zu Römer 8,26
Ich glaube…
Mai.
Alles blüht und gedeiht. Einfach so. Es braucht mich nicht. Aber ich darf dabei sein.
Sich selbst nicht so wichtig nehmen. Wird mir immer wichtiger. Irgendwo schwirrt eine kleine Meisen rum. Ich höre sie. Da sitzt sie plötzlich vor mir. Kuckt mich an. Fliegt wieder ab. Spinnweben am Strandkorb. Der Fingerhut fängt an zu blühen. Der Mohn war heutemorgen noch fast geschlossen. Jetzt blüht er in seiner ganzen Pracht. Das braucht mich alles nicht. Aber ich darf dabei sein. Die Sonne auf der Haut spüren. Sehen. Gott meine Augen leihen. Morgenlicht.
Ich glaube an Gott, den Schöpfer…
Über den Glauben reden ist im Mai wie Wasser am Fluss verkaufen.