Schlagwort: NSA

Gott spielen

Andacht auf NDR 1 Radio Niedersachsen – Mittwoch, 12.02.14 – Gott spielen

Ich habe mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden eine kleine Phantasiereise gemacht. Dabei müssen alle für einen Moment still sitzen und – wenn möglich – die Augen schließen. Dann beginnt die Phantasiereise:
Stell dir vor, es ist Sonntagnachmittag. Das Wetter ist schön und dir ist langweilig. Du checkst über das Internet kurz, wo alle deine Freunde sind, dann rufst du sie zu einem kleinen Grillen im Park zusammen. Jeder bringt was mit und ihr habt eine Menge Spaß. Nur Melanie nicht. Die sitzt die ganze Zeit nur da. Sie sieht auch ganz verheult aus. Du fragst sie, was los ist. Sie fängt an zu weinen. Sven, ihr Freund, ist in letzter Zeit so komisch. Hat kaum noch Zeit für sie. Du gehst kurz beiseite, ziehst dein Smartphone heraus und überprüfst das mal eben. Tatsächlich! Sven hat sich in den letzten Tagen vier Mal mit dieser Mona aus der Parallelklasse getroffen! Du nimmst ihn sofort beiseite: „Hör zu! Wenn du Melanie verarschst, bist du hier raus, ist das klar?“ Sven senkt sofort schuldbewusst den Kopf und nickt: „Entschuldige! Wird nicht wieder vorkommen!“ Er geht ganz schnell zu Melanie und nimmt sie in den Arm. Die beiden sind wieder glücklich. „Wie schön ist das Leben!“ denkst du, „Ich habe alles im Griff und alle sind glücklich.“

Soweit die kleine Phantasiereise. „Wenn das ginge, das wäre doch super!“ meinen die Konfirmanden. Mit der Vorstellung, Sven zu überwachen und ihn zur Not auch aus der Clique zu schmeißen, haben sie kein Problem. „Wieso? Der hat hoch selber Schuld! Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt…“

Ich frage nach: „Wie würdet ihr euch denn in Svens Situation fühlen?“
„Na ja, toll wäre das nicht. Ich würde mich irgendwie gestalkt fühlen“, sagt Hannah. „Aber das geht doch sowieso nicht!“, sagt Ben. „Ist ja alles nur Phantasie.“

„Von wegen!“, sagt Dennis, „das ist überhaupt kein Problem! Das ist technisch schon lange möglich. Wir müssen uns nur alle bei einer `Freunde App` anmelden. Das ist kostenlos. Und schon weiß jeder von uns, was der andere tut!“

Meine Konfis werden nachdenklich.
Wir reden lange über die Frage: Darf man das? Alles über einen anderen wissen? Ihm alles sagen, was er zu tun und zu lassen hat? Dürfen wir — Gott spielen? 

Smartphones oder NSA im Kleinen

Wir waren mit unseren Konfirmanden einen Tag pilgern. Das Wetter war gut, die Stimmung bestens. Nur eins hat gewaltig genervt: In jeder Pause hatten die Kids sofort ihre Smartphones in der Hand und tickerten los.
Das hat mich zu einer kleinen Phantasiereise inspiriert:

Stell dir vor: Du hast dein Leben total im Griff.
Du hast Zugang zu allem Wissen, was du brauchst!
Die Mathearbeit ist total schwer. Allen um dich herum steht der Angstschweiß auf der Stirn. Für dich ist das überhaupt kein Thema. Nach zehn Minuten bist du durch damit und glotzt gelangweilt an die Decke.
Du fährst mittags ganz entspannt mit der Straßenbahn nach Hause.
Den Typen dir gegenüber kennst du irgendwoher.
Aber du kannst dich beim besten Willen nicht erinnern. Du scannst ihn kurz und schon hast du das Bild vor dir: Klar! Das ist dieser Schläger aus deiner ehemaligen Schule! Dem gehst du besser aus dem Weg. Da pöbelt er dich auch schon an.
Doch kein Problem: Du hast immer Kontakt zu deinen Freunden und weißt genau, wo sie gerade sind. Ein Flüstern ins Mikro genügt und sie helfen dir. An der nächsten Haltestelle steigen zwei deiner Freunde ein und setzen sich dir gegenüber. Das Großmaul, das dich eben noch angemacht hat, ist auf einmal so klein mit Hut.
Schularbeiten? Musst du nicht mehr machen. Der Nachmittag gehört dir. Du kuckst erst mal in aller Ruhe deine Lieblingsserie, doch dann wird dir langweilig. Du checkst kurz, wo alle deine Freunde sind, dann rufst du sie zu einem kleinen Grillerchen im Park zusammen. Jeder bringt was mit und ihr habt eine Menge Spaß. Nur Melanie nicht. Die sitzt die ganze Zeit nur da. Sie sieht auch verheult aus. Du fragst sie, was los ist.
Und sie fängt auch gleich an zu weinen. Sven, ihr Freund, ist in letzter Zeit so komisch. Hat kaum noch Zeit für sie. Du checkst das mal eben. Tatsächlich! Der hat sich in den letzten vier
Mal mit dieser Schlampe aus der Parallelklasse getroffen! Du nimmst ihn sofort beiseite und machst ihm unmissverständlich klar: „Hör zu! Wenn du Melanie verarschst, bist du hier raus, ist das klar?“
Sven senkt sofort schuldbewusst den Kopf und nickt: „Entschuldige! Wird nicht wieder vorkommen! Versprochen!“ Er geht ganz schnell zu Melanie und nimmt sie in den Arm. Die beiden sind wieder glücklich.
„Wie schön ist das Leben!“ denkst du, als du abends im Bett liegst. Ich habe alles im Griff und alle sind glücklich.
Du bestellst dir noch schnell einen schönen Traum und schläfst selig ein.

Die Kids hatten glänzende Augen. „Wenn das ginge, das wäre doch super!“ meinten sie. Auch die Vorstellung, Sven zu überwachen und ihn zur Not auch aus der Clique zu schmeißen war kein Problem. Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt…
Erst als ich nachgefragt habe: „Wie würde es euch selber in seiner Situation gehen?“ wurden sie etwas nachdenklicher. Aber sie meinten schon: „Wir würden uns nicht mehr mit der anderen treffen.“
„Aber das geht ja sowieso nicht“ meinten sie dann. „Ist ja alles nur Phantasie.“
Von wegen.
Das Wissen der Welt steht über Google und Co zur Verfügung. Ich bin sicher, dass man die Lösung von Matheaufgaben finden kann und wenn ich das geschickt anstelle, brauche ich mich vor keiner Arbeit mehr zu fürchten.
Das Scannen von Personen ist schon möglich. Und spätestens wenn die Google Brille auf dem Markt ist, wird das zum Massenphänomen: „Wer ist die schöne Kleine da am Tisch gegenüber? Wo geht sie zur Schule? Was sind ihre Hobbies?“ Die Kids wurden ganz still, als sie das hörten.
Und schließlich: eine Clique zu überwachen, ist überhaupt kein Problem. Sie müssen sich nur alle bei „Meine Freunde suchen“ anmelden. Die App ist kostenlos. Und schon weiß der große Boss, was jeder tut.
Meine Konfis wurden sehr nachdenklich.
In der nächsten Stunde werden wir „10 Gebote zum Umgang mit Smartphones“ aufstellen. Ich bin gespannt.