Schlagwort: Pfingsten

Ein Gedanke zu Pfingsten

Der französische Anthropologe Philippe Descola sagt, dass die ganze Menschheit ein gemeinsames Unterscheidungssystem verbindet:

„das Bewusstsein, dass ich, ebenso wie die anderen Entitäten meiner Umwelt, von einem immateriellen inneren Fluss beseelt bin… “
(Philippe Descola, Die Ökologie der anderen, 107)

Wir Christen nennen diesen immateriellen inneren Fluss „Geist“ – und verwechseln ihn gern mit dem Verstand.
Doch der ist materiell.

Frohe Pfingsten!

Seufzen

Können Vögel beten?
Wer weiß…
Können Menschen beten?
Paulus scheint das nicht zu glauben. Er spricht vom Seufzen und Stöhnen. Davon, dass wir nicht in der Lage sind, unsere Bitten vernünftig vor Gott zu bringen.
Aber wie sollten wir auch? Sprechen zu dem, der die Welt erschaffen hat. Uns an ihn wenden mit unserem Kleinkram.
Was sollst du beten?
Wie sollst du es in Worte fassen?
Mag sein, dass die Tiere nicht beten – jedenfalls nicht bewusst. Aber ist mein Gestammel wirklich besser? Habe ich irgendeinen Grund, mich über sie zu erheben?
Wir leben in einer merkwürdigen Welt. Haben eine seltsame Sicht auf alles, was uns umgibt. Trennen zwischen Mensch und Nichtmensch. Bilden uns was darauf ein.
Dabei ist alles nur ein Stöhnen.
Unaussprechlich. Verworren. Ungeordnet.
Manchmal verstehe ich die Vögel besser als die Menschen. Dann kommen mir solche Gedanken wie von ihrem Klagen und Flehen. Sie teilen mit uns den Atem. Den Atem, den die Bibel den Geist nennt, den Ruach, den Wind. In guten Momenten weiß ich das.
Und in guten Momenten weiß ich auch, dass ich keinen Menschen wirklich verstehe – dass ich mir nicht einmal anmaßen sollte, das zu glaube – jemanden zu verstehen; nicht mal mich selbst.
Was treibt mich?
Warum bin ich so wie ich bin?
Oft ist es die Angst, das Seufzen:
Was soll bloß werden?
Das Seufzen. Verworren. Unaussprechlich. Tief aus mir.
Ich bin ein Mensch des Wortes.
Mache mir Sorgen, wenn ich es nicht in Sätze packen kann. Wenn ich nichts zustande bringe außer einem tiefen Seufzer.
Und das, sagt Paulus, ist der Heilige Geist.
Er seufzt. Tief in die dir.
Wie sollte er nicht?
„Das Leben ist Leiden.“ sagt der neugewordene Buddhist ganz stolz. Für ihn eine völlig neue Erkenntnis.
Ach ja?
Was denkst du, warum das Kreuz in der Kirche hängt?
Bruder Vogel. Schwester Buddhistin.
Wir gehören zusammen. Im Seufzen. In der Klage über das, was uns quält. Was wir nicht verstehen.

Gedanken zu Römer 8,26

Pfingsten oder: Tauben und Wellensittiche

Mein Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung.
Frohe Pfingsten!

Von Tauben und Wellensittichen
Auf einem Spaziergang steht plötzlich eine Frau vor mir. Sie streckt mir ihren Arm entgegen und bittet mich freundlich aber bestimmt: „Bitte warten Sie einen Moment!“
Ich halte an. Mitten auf dem Weg steht ein Vogelkäfig. Von außen flattert ein knallgelber Wellensittich verzweifelt gegen die Gitterstäbe. Er findet den Eingang nicht. Irritiert schauen wir zu. Nach einer ganzen Weile hat er es endlich geschafft. Er ist im Käfig!
Gerettet?
Du meine Güte!
Manchmal lebe ich genau so, vermesse nur die Größe meines Käfigs, bin gefangen in den Grenzen meiner Erfahrungen: „Das haben wir schon immer so gemacht!“
Ich verstecke mich hinter den Gitterstäben meiner Vorurteile und Ängste:
„Das darf man nicht!“ „Das klappt doch nie!“
An Pfingsten feiern wir den Heiligen Geist.
Sein Symbol ist die Taube.
Die Taube ist frei. Sie ist ausdauernd, kann unglaublich weite Strecken fliegen. Keiner weiß wie, aber sie findet immer wieder nach Hause zurück. Die Taube gilt als scheu und treu.
Bei der Taufe Jesu erscheint sie am Himmel und es ist eine Stimme zu hören: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Ich höre darin eine Verheißung an jeden Menschen, ein Versprechen auf Freiheit und Heimat. „Du kannst loslassen. Verlass den Käfig deiner Ängste und Vorurteile. Folge deiner Bestimmung. Lebe in Freiheit und du wirst dein Ziel erreichen.“
Pfingsten ist das Fest der Freiheit.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini