Schlagwort: Reinhard Mey

22.222 Tage

22.222 Tage

Was für ein Sommer! Und ich hatte einen Ohrwurm. Mit einem Mal war er da. Ein Lied von Reinhard Mey:
„So viele Sommer mit dir verbracht,
mit dir geliebt und geweint und gelacht.
Lass uns den Sommertag heut‘ glücklich leben,
wie viele Sommer mag es noch geben?“

O ja, dieser Sommer hatte für mich viele glückliche Tage. Und dann gab es für mich ein ganz besonderes Jubiläum. Ich habe das zufällig mitgekriegt: Ich bin in diesem Sommer genau 22.222 Tage alt geworden. Klingt ganz schön alt. Aber ganz ehrlich: 22.222 – so wahnsinnig viel finde ich das gar nicht. Wenn mich jemand gefragt hätte: „Wie viele Tage bist du schon auf der Erde?“ dann hätte ich noch eine Null drangehängt. Denn in meinen 61 Jahren habe ich schon ganz schön viel erlebt.
Ich finde, das ist ein gutes Zeichen: Wenn sich das Leben sich so reich anfühlt. Dafür bin ich dankbar. Und die schönsten Tage? Es waren die Tage der Liebe.
Noch einmal Reinhard Mey:
Die Liebe überstrahlt alles im Leben,
alle Gestirne verblassen daneben.
Die einzige Botschaft, der einzige Sinn,
die einzige Zuflucht liegt doch darin,
einander Trost und Wärme zu geben.
Die Liebe überstrahlt alles im Leben.
Das wünsche ich Ihnen heute: einen Tag, an dem die Liebe alles überstrahlt.

 

 

 

Die Sprache Gottes

„Gott hat viele Sprachen. Eine davon ist die Musik“

(David Foster Wallace).

Sie war krank. Fünfzehn lange Jahre. Die Familie hat sich gekümmert, ist bis an die Grenzen gegangen. Zuletzt saß sie im Rollstuhl, konnte nichts mehr, diese einst so blühende Frau, Mutter, Schwester und Freundin. Und nun heißt es Abschied nehmen. Ein Lied aussuchen, das zu ihr passt. Reinhard Mey hat sie immer gern gehört. Seine Alben haben wir immer noch für sie gespielt, bis zum Schluss. Wir hören noch mal rein. „Gute Nacht Freunde…“ Schon bei den ersten Klängen öffnen sich bei mir alle Schleusen, „es wird Zeit für mich zu gehen.“  Der Schmerz, die Trauer, alles bricht raus. Ich habe das Gefühl, Reinhart Mey hat das Lied nur für sie geschrieben. Ich sitze wieder in ihrem verwunschenen Garten. Sie ist mir ganz nah, die große Gastgeberin, die warmherzige Freundin, die immer ein offenes Ohr für mich hat, eine Zigarette und natürlich ein letztes Glas im Stehen. Die letzten fünfzehn Jahre, die Krankheit, all das Leid, sind für einen Moment wie weggefegt. Sie ist wieder da, diese tolle Frau, die mir so viel gegeben hat. Dieser Moment tut so weh und so gut.
„Gute Nacht Freunde…“ wie oft habe ich das schon gehört und nichts ist passiert. Jetzt zerreißt es mich.
Die Musik entfaltet eine ungeheure Kraft. Sie weckt Gefühle, Erinnerungen, entführt in eine andere Welt. Du kannst das nicht steuern. Mal dringt sie dir tief ins Herz, mal erreicht sie dich gar nicht. Du kannst ihre Wirkung auch nicht einfach wiederholen, weißt nie, was beim nächsten Hören geschieht. Musik ist wunderschön und unverfügbar. Sie trägt dich in ungeahnte Höhen und stürzt dich in tiefste Tiefen.
Ja, Musik ist die Sprache Gottes.