Schlagwort: Sehen

Ostern

In den USA hat man einer Gruppe von Menschen einen kleinen Film gezeigt, ungefähr 30 Sekunden lang. In diesem Film spielten zwei Gruppen, eine im weißen und eine im schwarzen Trikot, Basketball.
Die Zuschauer bekamen folgende Aufgabe: „Zählt bitte genau, wie oft die weiße Mannschaft den Ball auf den Boden prellt. Und sie zählten gut. Fast alle hatten die richtige Zahl.
„Gut gemacht!“ sagte man ihnen, „aber habt ihr noch irgendwas anderes gesehen? Ist euch irgendetwas aufgefallen?“
„Nein! Was soll uns aufgefallen sein?“
„Es ist ein Mensch in einem Gorilla Kostüm einmal quer über den Platz gelaufen, hat euch angeschaut und sich auf die Brust geklopft!“
Die Beobachter schüttelten den Kopf: „Das kann gar nicht sein!“
Man zeigte ihnen den Film ein zweites Mal – und tatsächlich! Da war der Gorilla! Keiner von ihnen hatte ihn gesehen!
Dieses Experiment ist oft wiederholt worden, immer mit dem gleichen Ergebnis: Niemand hat den Gorilla gesehen – das heißt, so ganz stimmt das nicht: später hat man bei den Zuschauern die Augen beim Beobachten gemessen:
fast alle hatten den Gorilla mindestens eine Sekunde angeschaut – aber niemand hatte ihn gesehen.
Wenn wir uns auf eine Aufgabe konzentrieren, dann nehmen wir Fremdes nicht mehr wahr – selbst wenn wir es sehen.
Ob es uns mit Ostern auch so geht?
Ob wir vor lauter Erbsenzählerei nicht sehen, wo die Auferstehung uns begegnet?
In den Osterglocken, die gerade blühen, im Blau des Himmels, in den Augen eines Menschen?
Wir sehen, aber wir nehmen nicht wahr.
Doch es ist.
Frohe Ostern!

Reisezeit

Wir waren in Pont-Aven. Dort hat Paul Gauguin eine Weile gelebt, eine Malschule gegründet.
Ich war ein wenig enttäuscht. Ganz hübsch, ja, aber nichts besonderes, ein Ort wie viele. Und das Kreuz in der Kirche, das Gauguin zu seinem gelben Christus inspiriert hat? Na ja…
Aber was habe ich erwartet? Ich war für einen Nachmittag da, wollte möglichst viel sehen und habe mitgekriegt, was Touristen eben so mitkriegen. Ein paar Stunden reichen nie für einen Ort. Du siehst nur, was alle sehen.
Gauguin war monatelang hier.
Und er seinen eigenen Augen getraut, hat gemalt, was nur er sehen konnte: den gelben Christus, die Badenden an der Mühle im Bois d‘ Amour.
Reisen braucht Zeit.
Und den Mut zum eigenen Blick.

Vollmacht und Zweifel

meine Predigt für morgen:

Vollmacht und Zweifel

Quasimodogeniti
St. Martini, den 15. April 2012

Jesus kommt zu den Seinen.
Als die Türen verschlossen sind.
Als Furcht herrscht vor der Bosheit der Welt.
Als keiner von ihnen weiß, wie es weitergehen soll.
Jesus kommt zu seinen Jüngern, als keiner damit rechnet – und keiner von ihnen etwas dafür tut. Denn: keiner von ihnen wäre auch nur auf die Idee gekommen, die Tür zu öffnen. Die Angst war viel zu groß.
Also: Dies ist kein Appell, endlich die Türen aufzureißen, endlich Luft rein zu lassen in unser Leben, endlich aktiv zu werden.
Wir machen das ja zu gern mit Menschen, die in einer Krise sind, die nicht weiter wissen: Wir versuchen sie wach zu rütteln, wir sagen ihnen: „Mach die Tür auf, stell dich der Welt! Überwinde deine Angst!“
Beim Auferstandenen ist das nicht so.
Er erscheint in verschlossenen Räumen; mitten in der Angst, die lähmt und das Leben verdunkelt.
„Friede sei mit euch!“ Das sind seine Worte, als er mitten unter sie tritt. Christus schenkt seinen Frieden. Mitten in Angst und Verzweiflung. Und seine Jünger erkennen ihn an den Wundmahlen; an den Zeichen von Schmerz, Leiden und Tod.
Da werden sie froh.
Christ sein, das heißt seit dem: Hinschauen auf die Wunden und Leiden diese Welt; hinschauen und wissen: hier finde ich Gott. Er ist bei den Verkrümmten, bei den Leidenden, bei denen, die nicht mehr weiter wissen.
Er ist auch bei mir, wenn ich nicht mehr weiter weiß.
Ich erkenne ihn an den Wunden dieser Welt; auch an meinen eigenen.
Er schenkt mir seinen Frieden, der höher ist als alle Vernunft.
Christus bläst seine Jünger an. Er haucht ihnen Leben ein; so wie Gott Adam, dem ersten Menschen, das Leben eingehaucht hat. Liebe Gemeinde, ob wir es wissen oder nicht: Der Auferstandene ist bei uns; in jedem Atemzug, in Windhauch, den wir auf unserer Haut spüren; seine Kraft kann all unsere Grenzen sprengen, so wie die Luft zum Atmen.
„Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“
Er sendet sie mitten ins Leben. Und das wird kein Spaziergang. Denn in diesem Leben werden sie aus seiner Stärke und aus seiner Liebe leben; sie werden aber auch Wunden davon tragen, so wie er.
Und er schenkt den Seinen die Vollmacht, Sünden zu erlassen und zu behalten.
Sünden vergeben; uns scheint das gar nicht so wichtig; vielleicht, weil wir eine etwas naive Vorstellung von „der Sünde“ haben.
Jemandem die Sünden behalten, das heißt: Ich halte dich fest im Gestern. Ich gebe dir keine Chance, keine Zukunft mehr.
Du bist und du bleibst das, was du getan und nicht getan, was du gefühlt und gedacht hast.
Jedem Strafgefangenen werden seine Sünden behalten. Er wird in ihnen festgehalten, im wahrsten Sinne des Wortes. Oft über viele Jahre.
Jeder, der sich nicht von seiner Vergangenheit lösen kann, wird in ihr festgehalten, kann kein neues Leben entwickeln; die Jünger können das übrigens auch nicht; die Türen sind fest verschlossen.
Österlicher Glaube heißt: dir ist vergeben! Du kannst den Raum deiner Vergangenheit verlassen!
Wir erkennen die Wundmahle; wir erkennen dich selbst; aber du bist doch wie ein neugeborenes Kind; auferstanden aus den Fesseln deiner Vergangenheit.
Wir Christen, wir Jüngerinnen und Jünger Jesu, wir Getauften können Menschen ein neues Leben schenken; wir können sie aus dem Gefängnis ihrer Vergangenheit entlassen.
Das ist das größte und schönste Geschenk, das Christus uns an Ostern gemacht hat.
*
„Halt!
Moment!
Was ich nicht mit meinen eigenen Augen sehe, was ich nicht mit meinen Händen fühle, das kann ich nicht glauben!“
Thomas, der große Zweifler, war nicht dabei, als Jesus seinen Jüngern das erste Mal erschien.
Und was er nicht sieht, das kann er nicht glauben. Ein Bericht aus zweiter Hand ist ihm zu wenig.
Thomas ist der Jünger der Neuzeit.
Seine Art zu denken hat dieser Welt einen unglaublichen Schub gegeben.
Menschen, wie er, Menschen, die nichts einfach so hinnehmen, die nichts einfach so glauben, die alles hinterfragen, die hinter die Kulissen schauen. Sie haben die Welt voran gebracht.
Die Medizin hat in den letzten hundert Jahren eine unglaubliche Entwicklung genommen; wir leben länger und wir leben besser seit wir etwas wissen über die Entstehung von Krankheiten und über ihre Bekämpfung.
Hier sind Menschen wie Thomas der Zweifler am Werk; und ich will gar nicht reden von unserem Alltag: von Autos und Handies, von Maschinen, die uns das Leben erleichtern, vom Internet, vom Fernseher –
Nun gut, beim Fernseher schlägt das Ganze um: Beim Fernseher glauben die Menschen alles, was sie sehen; es kann der größte Schwachsinn sein, aber es war ja im Fernsehen.
Thomas, der Zweifler, ist der erfolgreichste unter den Jüngern.
Er ist erfolgreich, aber nicht selig.
Was fehlt ihm?
Wir merken die Grenzen seiner Art zu denken und zu leben ja auch in unserem Alltag, in unserer Gesellschaft.
Wir sind unglaublich erfolgreich. Noch nie hat es eine Zivilisation zu so einem Reichtum, zu so einer Blüte gebracht. Aber wir sind nicht glücklich – nicht selig.
Was fehlt uns?
Der Jünger Thomas, der erste unter den christlichen Zweiflern, ist misstrauisch; und das aus gutem Grund: Er kennt die Menschen; er kennt auch seine Freunde; er weiß, wie schnell sie sich selbst etwas in die Tasche lügen, nur um ihren Kummer und ihren Schmerz zu überwinden.
Darum will er sehen und fühlen.
Er braucht die Wahrheit des Glaubens ganz handfest.
Und Christus verweigert ihm das nicht.
Doch als er sieht und als er fühlt, da fällt er in die Knie: „Mein Herr und mein Gott!“
Thomas überwindet sein Misstrauen. Und das unterscheidet ihn von uns, von den Zweiflern der Moderne.
Der moderne Zweifler bleibt in seinem Misstrauen verhaftet.
Er sieht – und er sieht doch nicht.
Der moderne Zweifler sieht das Wunder des Lebens – er sieht, wie unglaublich komplex und kompliziert es ist. Er sieht das Wunder und erklärt es als Phänomen.
Er sagt nicht „Mein Herr und mein Gott“, er sagt: „Ist schon phänomenal, wie das alles funktioniert!“
Biblisch gesprochen: Die Augen des modernen Zweiflers sind gehalten. Er erkennt wohl das Geheimnis des Lebens, er sieht aber nicht den, der dahinter steht.
Der Jünger Thomas überwindet seine Zweifel aus zwei Gründen:
Er erkennt Gott im Leiden – in dem, der gelitten hat. Das ist eine ganz andere Perspektive als die moderne Suche nach einem göttlichen Leben jenseits allen Leidens.
Und: Er erkennt, dass Christus den Tod überwunden hat. Es gibt keine wirkliche Grenze mehr zwischen Gott und den Menschen.
Das kann er nicht sehen; das kann er nur glauben.
Amen.