Schlagwort: Trauer

Abschied nehmen?

Wir haben ich einen alten Pastor beerdigt. Er hatte ein gesegnetes Leben.
Auf dem Rückweg vom Grab spricht mich ein alter Kollege an:
„Sie haben zweimal gesagt „Wir nehmen Abschied.“ 
Ich nicke und schaue ihn fragend an.
„Aber das stimmt doch gar nicht!“ sagt er.  „Wir nehmen nicht Abschied! Ich bin jetzt über achtzig Jahre alt und ich lebe mit so vielen Toten: mit meinem Bruder. Er ist im Krieg vermisst. Wir haben noch lange gehofft. Er hat mich nie wirklich verlassen. Oder meine Mutter. Sie begegnet mir heute noch in meinen Träumen. Manchmal lächelt sie freundlich. Manchmal ist sie gar nicht einverstanden.“
Wir bleiben einen Moment stehen. So habe ich das noch nie gesehen. Die Verstorbenen gehen von uns – und bleiben doch. 
Mir fällt eine Szene ein: 
In seinen Memoiren beschreibt der Psychoanalytiker Irving Yalom einen Alptraum: Er rast auf einen schwarzen Abgrund zu. Plötzlich sieht er im Augenwinkel seine Mutter. Er ruft ihr zu: „Hallo Mama! Bist du zufrieden mit mir?“ 
In diesem Moment schreckt er auf. Irving Yalom schreibt: „Ich hatte diesen Traum mit 85 Jahren! Kann es sein, dass das Urteil meiner Mutter das einzige ist, was mich mein Leben lang angetrieben hat? Lebe ich für den Applaus von genau zwei Händen – von zwei Händen, die schon lange nicht mehr applaudieren?“
Ja, mein alter Kollege hat Recht – und er hat nicht Recht. Wir nehmen Abschied und wir tun es nicht. Das macht das Ganze nicht einfacher, im Gegenteil. Du spricht mit deiner Mutter, siehst deinen Vater. Manchmal kämpfst du innerlich mit ihnen. Manchmal machen sie dir Mut.
Es ist so: Wichtige Menschen bleiben, sie verlassen uns nie.
Manchmal helfen sie. Manchmal hindern sie uns am Leben. 

Was muss ich tun?

Andacht beim Abschiedsgottesdienst im Hospiz.

Samstag, 20. Oktober
Ein Mann, der seine Frau verloren hat, kommt auf Jesus zu:
„Guter Mann! Was muss ich tun, um wieder glücklich zu werden?
Ich will endlich wieder ein normales Leben führen!“
Jesus reagiert genervt:
„Was nennst du mich gut?“
„Und warum fragst du mich? Du brauchst keinen anderen! Du weißt es doch selbst! Was musst du machen, um aus deinem Tief zu kommen, um ins Leben zurück zu finden? Sag´s selbst!“
Er stellt den Mann auf eine Probe: Was bist du für einer? Einer von den vielen, die ihr Leben aus der Hand geben, die von irgend einem Guru das Rezept für ein gelungenes Leben haben wollen?
Du bist mein ein Star, hol mich hier raus?
Ist er nicht.
Der Mann gibt eine vernünftige, durchdachte Antwort. Er ist einer von denen, die sich wirklich Gedanken machen.
Was muss ich tun, um mit meiner Trauer zu leben, sie zu überwinden?
Er sagt: „Ich versuche ja zu akzeptieren, dass ich traurig bin.
Ich will mich drauf einlassen.
Ja, ich weiß auch um die Gefahr:
Zu den wenigen Dingen, die einen Menschen auf Dauer unglücklich und krank machen gehört die Depression, die tiefste Form der Traurigkeit. Und sie droht, wenn ich meiner Trauer freien Lauf lasse. Sie droht aber auch, wenn ich meine Trauer verdränge, nichts von ihr wissen will.
Was muss ich also tun, um damit fertig zu werden, um mich nicht von der Trauer überwältigen zu lassen?
Ich rede mit anderen – mit Menschen, die meine Gefühle auch kennen, die dasselbe durchmachen wie ich.
Ich weiß, wie wichtig Bewegung ist und frische Luft!
In der Natur spüre ich das:
Das Leben ist stärker, das Licht ist stärker als deine Trauer, als der Tod.
Ich versuche auch, mich trösten zu lassen. Und meine Kinder sind so nett zu mir. Sie sagen immer: „Papa wir brauchen dich! Komm uns doch mal besuchen!“
„Das habe ich alles schon versucht“ sagt der Mann mit trauriger, resignierender Stimme.
„Aber es hilft alles nichts. Ich komme da nicht raus.“
In diesem Moment schaut Jesus ihn das erste Mal wirklich ins Gesicht.
Und er spürt: Dieser Mann fragt wirklich. Aus der Tief seiner Seele. Er tut ihm leid. Und er gewinnt ihn lieb.
Jesus zögert einen Moment.
Dann sagt er: „Eine Sache fehlt dir noch.“
„Lass los. Lass alles hinter dir. Fang ein neues Leben an.“
Da wird der Mann noch trauriger.
Er schüttelt den Kopf.
„Das kann ich nicht.“
Er ist so reich an Erinnerungen:
Die wunderschönen Urlaube. Die ganzen schönen Orte, an denen sie zusammen waren. Er will da wieder hin.
Das Haus, das sie ganz allein eingerichtet hatte.
Die Musik, ihre Musik. Er muss nur eintauchen, dann ist sie wieder da: ihre Stimme, ihre Aura.
Alles eben.
Das will er nicht verlieren. Auf keinen Fall.
*
Seinen Reichtum loslassen, die Erinnerungen als das akzeptieren, was sie sind.
Erinnerungen eben.
Sich wieder trauen zu träumen, zu leben.
Den Blick frei bekommen für das Leben.
Darf ich das?
Das ist doch Verrat an unserer Liebe!
Ich muss diese Liebe doch festhalten so lange es geht!
Nein. Musst du nicht.
Sie geht ohnehin, wenn es an der Zeit ist.
Aber wir haben uns doch ewige Liebe geschworen!
Nein. Das habt ihr nicht. Nur bis der Tod euch scheidet.
Lass los.
Und die Liebe wird sich verwandeln.
Und sie wird zu dir zurückkehren.
Als Dankbarkeit für alles, was euch verbunden hat.
Du wirst lächeln, wenn du dich erinnerst.
Du wirst Kraft spüren, die Werte zu leben, die euch beide wichtig waren –
so wie vorher und doch ganz anders.
Las einfach los.