Schlagwort: Zeit

Reisezeit

Wir waren in Pont-Aven. Dort hat Paul Gauguin eine Weile gelebt, eine Malschule gegründet.
Ich war ein wenig enttäuscht. Ganz hübsch, ja, aber nichts besonderes, ein Ort wie viele. Und das Kreuz in der Kirche, das Gauguin zu seinem gelben Christus inspiriert hat? Na ja…
Aber was habe ich erwartet? Ich war für einen Nachmittag da, wollte möglichst viel sehen und habe mitgekriegt, was Touristen eben so mitkriegen. Ein paar Stunden reichen nie für einen Ort. Du siehst nur, was alle sehen.
Gauguin war monatelang hier.
Und er seinen eigenen Augen getraut, hat gemalt, was nur er sehen konnte: den gelben Christus, die Badenden an der Mühle im Bois d‘ Amour.
Reisen braucht Zeit.
Und den Mut zum eigenen Blick.

Keine Zeit?

Urlaub.
Endlich Zeit zum Lesen!
Ein Buch über die Zeit: Marc Wittmann, „Gefühlte Zeit – Kleine Psychologie des Zeitempfindens.“
Er zitiert Martin Heidegger:
„Das keine Zeit haben, das so aussieht wie der strengste Ernst, ist vielleicht die größte Verlorenheit an die Banalitäten des Daseins.“
Wenn der Mensch keine Zeit hat, hat er sich selbst verloren.
Ohne Zeit kein Ich.
Auf der anderen Seite: Wenn ich (zu viel) Zeit habe, werde ich nervös: „Will keiner was von mir? Bin ich abgehängt, nicht wichtig?“
Wir spüren die Zeit in der Bewegung und in der Ruhe – in der Arbeit und der Meditation. Auf die Balance kommt es an.
Balancieren.
Ich sehe den Jungen auf der Slackline. Es wirkt so spielerisch – und braucht so viel Übung. Er fällt immer wieder runter. Aber was soll´s? Er hat ja Zeit…

Keine Zeit?

 

Urlaub.

Endlich Zeit zum Lesen – ein Buch über die Zeit:

Marc Wittmann, Gefühlte Zeit – Kleine Psychologie des Zeitempfindens.

Er zitiert Martin Heidegger:

„Das keine Zeit haben, das so aussieht wie der strengste Ernst,
ist vielleicht die größte Verlorenheit an die Banalitäten des Daseins.“

Wenn der Mensch keine Zeit hat, hat er sich selbst verloren.

Ohne Zeit kein Ich.

Auf der anderen Seite: Wenn ich (zu viel) Zeit habe, werde ich nervös: „Will keiner was von mir? Bin ich abgehängt, nicht wichtig?“

Wir spüren die Zeit in der Bewegung und in der Ruhe – in der Arbeit und der Meditation. Auf die Balance kommt es an.

Balancieren.

Ich sehe den Jungen auf der Slackline.
Es wirkt so spielerisch – und braucht so viel Übung. Er  fällt immer wieder runter.
Aber was soll´s? Er hat  ja Zeit…

 

Leben ohne Uhr

Andacht für den NDR

Sie arbeitet hart und viel, ist der reinste Wirbelwind.
Aber wenn es drauf ankommt, hat sie Zeit. Sie hat für jeden ein freundliches Lächeln; Zeit für einen kurzen Plausch, für ein langes Gespräch.
Irgendwann fällt mir auf: Sie trägt gar keine Uhr – und das bei ihrem Pensum.
„Nein, ich habe keine Uhr“ sagt sie und lächelt mich an. „Schon lange nicht mehr. Brauche ich nicht.“
Wie macht die das?
Sie hat Zeit – aber keine Uhr.
Ich dagegen habe eine Uhr – aber keine Zeit.
Mein Tag ist genau getaktet. Und wehe, es stört mich jemand! Dann werde ich schnell nervös, wimmle ihn ab. Muss schnell weiter. Meinen Plan einhalten. Ist noch so viel zu tun!
Und abends bin ich dann müde und ausgelaugt, frage mich: „Was hast du eigentlich den ganzen Tag gemacht?“
Woran liegt das?
In der Bibel wird folgende kleine Szene geschildert:
In Jerusalem, am Eingang zum Tempel, sitzt einer, der sich nicht mehr rühren kann. Als Petrus vorübergeht, hofft er auf ein Almosen. Doch Petrus bleibt nur ruhig vor ihm stehen, schaut ihm in die Augen und sagt: „Geld habe ich keins. Doch im Namen von Jesus aus Nazareth sage ich dir: Steh auf und geh umher.“
Steh auf und geh umher.
Nichts weiter.
Wenn ich mich gelähmt fühle, mich nicht mehr rühren kann, dann neige ich dazu, so eine Art Masterplan aufzustellen.
Ich sage mir dann: „Reiß dich zusammen! Überleg dir genau, was heute dran ist und was du heute Abend geschafft haben willst – und dann geh los!“
Petrus macht keine Pläne. Er gibt auch keinen Ratschlag.
Er sagt nur: „Geh umher. Suche nicht. Lass dich finden.
Lebe dein Leben. Bleib bei dem stehen, der dich gerade braucht. Lache mit ihm – oder weine mit ihm.
So wie diese Frau: Sie hat so viel zu tun. Aber sie braucht keine Uhr. Ich will das in Zukunft auch versuchen, wenigstens ab und zu: aufs Herz hören und nicht aufs Ziffernblatt starren.

Alles hat seine Zeit

mein „Wort zum Sonntag“ für die Braunschweiger Zeitung:

Alles hat seine Zeit

„Alles hat seine Zeit“ heißt es in der Bibel:
„Einpflanzen hat seine Zeit – und Ausreißen hat seine Zeit.
Weinen hat seine Zeit – und Lachen hat seine Zeit.“
Du musst es nehmen, wie es kommt. Du kannst dem Fluss der Zeit nicht entrinnen.
Das klingt ja fast schon buddhistisch und widerspricht unserem Weltbild.
Wir haben Zeit – oder wir haben keine. Aber dass die Zeit uns hat, das wollen wir nicht wissen.
Älter werden hat seine Zeit.
Wer will das hören in einer ewig jungen Gesellschaft?
Krankheit hat ihre Zeit.
Wie soll das gehen?
Alles hat seine Zeit? Wir haben ein anderes Verständnis.
In der Wirtschaft heißt es:
„Wachstum hat seine Zeit – und Wachstum hat seine Zeit.“
Und wehe, wenn nicht! Dann geht die Welt unter! Dass die chinesische Wirtschaft im vergangenen Jahr „nur“ um acht Prozent gewachsen ist, ist schon ein Alarmzeichen.
Die Werbung schreit uns den ganzen Tag an:
„Lachen hat seine Zeit – und Lachen hat seine Zeit.“
Und wenn du mal nicht lachen kannst, dann machst du etwas falsch!
Im Berufsleben haben viele Menschen das Gefühl:
„Funktionieren hat seine Zeit – und Funktionieren hat seine Zeit.“
Und wenn du nicht funktionierst, dann sieh zu, dass du dich möglichst schnell reparieren lässt.
Doch wie sollen unsere Kinder Kinder sein, wenn sie nicht mehr selbstvergessen spielen dürfen? Wie sollen unsere Jugendlichen erwachsen werden, wenn wir ihnen keine Fehler und Umwege mehr zugestehen? Und wie sollen wir in Würde alt werden, wenn wir ewig jung bleiben wollen?
Alles hat seine Zeit; auch die dunklen, traurigen Seiten des Lebens.
Eine Gesellschaft, die das nicht akzeptiert, ist krank.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Leben.

„Ich habe keine Uhr“ sagt sie.
„Brauch ich nicht.“
Sie ist den ganzen Tag für andere da.
Hat Zeit. Aber keine Uhr.

Petrus sagt zu einem, der sich nicht mehr rühren kann:
„Im Namen von Jesus aus Nazareth, steh auf und geh umher.“

Umhergehen.
Einfach so.
Kein Ziel vor Augen.
Kein Masterplan.
Bei dem stehen bleiben, der dich gerade braucht. Mit ihm lachen und weinen. Die Zeit vergessen. Im Namen von Jesus Christus aus Nazareth.

Genieße!

 

P1060962
„Nimm dir Zeit, 
so lange dir welche bleibt.
Ganz egal, wozu du dich entschließt,
wer das Leben genießt, 
der kann kein Versager sein.“

Annett Louisan