Wie kann ich dir helfen?

Wie kann ich dir helfen? Diese Frage klingt immer so nach Floskel, doch das täuscht:
Der Film „Aufbruch“ spielt Anfang der sechziger Jahre.
Er erzählt von einer jungen Frau. Sie lebt in ärmlichen Verhältnissen, steht kurz vor dem Abitur. Sie würde so gern studieren, doch dafür wird das Geld ihrer Eltern niemals reichen.
Da lernt sie einen netten, charmanten jungen Mann kennen. Die beiden verlieben sich Hals über Kopf. Er stammt aus einer sehr reichen Familie, darum zögert sie. Schließlich lädt sie ihn doch zu sich nach Hause ein. Sie sitzen in der kleinen Küche, ihre Mutter hat einen Kuchen gebacken. Der junge Mann ist plötzlich sehr wortkarg. Als sie ihn zu seinem Auto bringt, sagt er: „Du hast was Besseres verdient! Ich hole dich da raus!“
Sie schaut ihn ungläubig an, schüttelt traurig den Kopf und sagt: „Ich mag dich sehr. Aber mit uns, das wird nichts.“ Sie dreht sich um und lässt ihn stehen.
Recht hat sie! Hilfe, die nicht fragt, was ein Mensch wirklich braucht, Hilfe, die die Freiheit nimmt, ist keine Hilfe.
„Wie kann ich dir helfen?“ Das ist eine wichtige Frage. Jesus stellte sie fast immer, wenn er von Kranken um Hilfe gebeten wurde. Mit der Frage beginnt die Heilung.

 

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Mensch sein

Mensch sein

„Wenn ich ehrlich bin, bin ich enttäuscht. Als ich jung war, dachte ich, ich könnte das Menschsein überwinden. Jetzt bin ich sechzig und ich weiß, damit wird es nichts mehr, jedenfalls nicht in diesem Leben.“
Das sagt in dem Roman „Das Reich Gottes“ von E. Carrere ein frommer Mann zu seinem Freund. Der lacht ihn aus: „Das Menschsein überwinden hahaha! Sowas kannst auch nur du sagen. Wie naiv bist du eigentlich?“
„So, so, und warum treibst du Yoga?“ fragt der zurück.
Der Freund stutzt. Er könnte antworten: „um fit zu bleiben.“ Doch das wäre gelogen. Wenn er ehrlich ist, dann treibt er Yoga, um sein Bewusstsein zu erweitern.
Wie ist das bei mir?
Warum bin ich Christ? Warum beschäftige ich mich mit dem Glauben, versuche ein spirituelles Leben zu führen?
Wenn ich ehrlich bin, geht es mir genau darum: Ich will raus aus dem alltäglichen Kleinklein. Ich will mir keine Sorgen mehr machen um all den Schwachsinn, der mir das Leben schwermacht. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Doch das funktioniert nicht. Ich kann mein Menschsein nicht überwinden. Das Leben holt mich immer wieder ein. Das Leiden der anderen, der Ärger über mich selbst.
Aber was soll das Ganze dann? Warum soll ich mich überhaupt mit dem Glauben beschäftigen, wenn ich doch nur ein ganz normaler Mensch bleibe?
Jesus nennt sich selbst „Menschensohn“ – oder ganz einfach „Mensch.“ Er erzählt Geschichten aus dem Alltag: von Weinbauern, verlorenen Söhnen, von den Vögeln am Himmel und den Blumen auf dem Felde. Er ermutigt die Seinen: Seid füreinander da! Freut euch an euren Stärken und steht zu euren Schwächen.
Lasst euch an eure Bestimmung erinnern.
Seid Menschen.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Was trägt

Treffen im Meer zwei junge Fische einen alten. Sagte der alte Fisch: „Na Jungs, wie ist das Wasser heute?“
Die beiden jungen Fische schwimmen wortlos weiter. Nach einer Weile fragt der eine den anderen: „Was zum Teufel ist Wasser?“
So geht das. Du lebst vor dich hin und weißt gar nicht, was dich trägt. Alles ist so selbstverständlich. Aber was hätten die beiden jungen Fische davon, wenn sie wüssten, was Wasser ist? Na ja, sie würden sich nicht mehr wundern, dass es im Leben mal kalt und mal warm ist, denn Wasser hat nun mal nicht immer die gleiche Temperatur. Es wäre ihnen auch klar, dass sie manchmal von einer großen Welle getragen werden. Alles ist leicht, geht wie von selbst. Dann wieder müssen sie gegen mächtige Strömungen ankämpfen, müssen aufpassen, dass sie nicht mitgerissen werden. Aber das Wasser trägt sie immer. Darauf können sie sich verlassen.
Wer die Kräfte kennt, die sein Leben bestimmen, kann besser mit ihnen umgehen und weiß auch, dass er nicht alles selbst bestimmt.
Ich bin mit Wasser getauft. Manchmal lasse ich mich treiben wie im Meer an einem blauen Sommertag. Dann wieder wirbelt es mich durcheinander und ich muss aufpassen, dass ich nicht untergehe. Doch die Kraft, die mich trägt, ist immer da – es tut gut, das zu wissen.

Casting des Lebens

Casting des Lebens

Im Film Lalaland läuft die junge Schauspielerin Mia von einem Casting zum anderen. Sie ist immer top vorbereitet. Das eine Mal spielt sie eine ergreifend tragische Szene. Sie fängt sogar an zu weinen – in dem Moment klopft es an der Tür. Die Jury hat Kaffee bestellt. Mia ist raus. Beim nächsten Mal wird sie nach zehn Sekunden unterbrochen: „Danke, es reicht.“ Mia lächelt unsicher, packt ihre Sachen und bedankt sich auch noch. Vorbei.

Mia ist so eine tolle junge Frau, hängt sich voll rein, doch das interessiert keinen. Zuletzt ist sie nur noch ausgelaugt, fühlt sich wie eine Null. Es reicht eben nicht zur Schauspielerin. Doch sie weiß nicht, warum. Ihre Richter bleiben stumm.

Im Casting des Lebens bin auch ich oft so ein stummer Richter: gefühllos, desinteressiert. Ich komme aus der Bäckerei und kann schon nicht mehr sagen, wie die Verkäuferin ausgesehen hat. Jemand erzählt mir von seinen Problemen und ich werde nervös: „Mach hinne, ich muss weiter,“ bin gedanklich schon wieder ganz woanders.

Leben geht anders. Leben heißt: Ich bin jetzt hier, ich bin für dich da, jetzt in diesem Moment.

Mia findet dann doch noch ihre Rolle, weil sie jemanden an ihrer Seite hat, der an sie glaubt, der für sie da ist, im richtigen Moment.

 

Bethlehem oder: Worum es wirklich geht

 

Eine Szene aus dem Film „Aufbruch:“
Frühe 60er Jahre. Eine junge Frau in ärmlichen Verhältnissen. Sie lernt fürs Abitur im Gartenschuppen, will unbedingt studieren. Doch dafür wird das Geld nicht reichen. Da verliebt sie sich in einen jungen Mann. Er ist sehr nett und charmant, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Sie ist im siebten Himmel. Der junge Mann ist reich, sehr reich. Nach langem Zögern lädt sie ihn zu sich nach Hause ein. Er soll ihre Eltern kennenlernen und die Großmutter. Die wohnt auch in der viel zu kleinen Wohnung.
Nach dem Besuch sagt er zu ihr: „Ich hole dich da raus! Du hast was Besseres verdient!“
Sie macht sofort Schluss.

Bethlehem.
Versuch nicht, jemanden „da raus“ zu holen. Sei einfach da, wie die Heiligen Drei Könige. Schenk dich. Gib, was du kannst. Doch stell keine Bedingungen. Begegne auch dem Ärmsten mit Respekt. Lass ihm seine Würde. Und sein Leben.

12 Minuten geschenkt

Ich habe bei der Autorin Susanne Niemeyer einen Adventskalender bestellt. Sie schickt mir jetzt jeden morgen eine Email, ein„freudenwort.“
Heute schreibt Susanne:

Am Nachmittag tut sich plötzlich eine Lücke auf. Passanten schauen neugierig hinein. „Was ist da?“ „Nichts.“ Enttäuscht gehen sie weiter.
Warum eigentlich?

Wenn dir heute eine Stunde geschenkt würde, was würdest du tun?
Und was, wenn es 12 Minuten wären?

 

Ich fühle mich ertappt. Sie kommt gern mal zu spät. Ruft aber nie an. Hat ihr Handy meist nicht mal dabei. Und ich werde dann stinksauer: “ Wenn ich wüsste, wann du kommst – in drei, zwölf oder dreißig Minuten –  dann könnte ich ja was damit anfangen. Aber so? Verlorene Zeit!
Doch wenn die Lücke ein Geschenk ist? Ich könnte ein schönes Lied hören, das mich zu Tränen rührt (ist mir schon passiert). Aus dem Fenster gucken, was die Vögel am Futterhaus so treiben. Jemandem eine richtig nette SMS schreiben. Träumen. Vom Strand auf Sylt. Und von den Bergen in Südtirol.