Du bist überall Fremder sagt er.
Und Heimat ist da, wo du dein erstes Glas Wasser getrunken hast.
Heimweh ist sein steter Begleiter.
Autor: Friedhelm Meiners
In die Zukunft schauen…
Würdest du gern in die Zukunft schauen?
Die meisten antworten auf diese Frage:
Man gut, dass man das nicht kann.
Ist das so?
Von Jesus wird berichtet, dass er genau wusste, was auf ihn zukommt:
Folter und Kreuz. Er kündet es seinen Jüngern sogar an.
Wie kann er dann so gelassen sein? So gegenwärtig? Wie kann er so sorglos sein wie die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Felde?
Ach, das ist ja kein Geheimnis. Wir wissen es doch alle:
Du kommst durch die finstersten Täler und über die höchsten Berge – wenn du weißt:
Ich werde erwartet.
Frohes Neues Jahr!
Gott
Mein Sohn Johannes hat am Telefon einer Frau Frohe Weihnachten gewünscht.
Die hat schnippisch geantwortet: Wir haben damit nichts am Hut. Wenn Sie einen Gott haben, der sich für Sie interessiert, dann wünschen ich Ihnen eine gute Zeit
Wenn es einen Gott gibt, der sich für dich interessiert.
Das ist in der Tat die entscheidende Frage.
Wenn wir Christen sagen: Gott ist Mensch geworden, dann beginnt das im Stall von Bethlehem. Wenn alle anderen denken du bist am Ende, ist er da. In der Gestalt derer, die nicht lange fragen. Die einfach da sind. Gott ist Vater und Mutter geworden; Hirte, der beisteht, König, der schenkt.
So ist es bis heute. Im Hospiz, wo Verwandte und Schwestern nicht mehr fragen. Einfach da sind. Bei der Weihnachtsfeier für die, die heute Abend kein Zuhause haben. Wo Menschen Brötchen schmieren, den Baum schmücken, Kerzen anzünden. In den Familien, die es schwer haben, aber füreinander da sind, trotz allem. Der Gott, der sich für dich interessiert. Da kannst du ihn erleben. Mittendrin im Leben. Denn er ist Mensch. Geworden.
Kerzen
Neue Kerzen sind hübsch.
Brennende Kerzen sind schön.
Schenken Wärme und Licht.
Werden weich und werden kleiner.
Geben sich selbst.
"Er heißt Johannes"
Meine Predigt für heute.
Euch und Ihnen allen einen gesegneten 1. Advent – es schneit 🙂
I. Der Personalchef liest den Namen auf ihrer Bewerbung und schaut sie bedauernd an:
Sie haben es schwer, oder?
Die junge Frau nickt traurig.
Sie heißt mit Vornamen Chantal Paris.
Ihre Eltern haben es sicher gut gemeint. Aber sie haben ihr eine schwere Bürde auferlegt. Natürlich ist das Unsinn. Natürlich kann man niemanden nach seinem Namen beurteilen.
Und wir tun es doch.
Wenn wir einem Kind einen Namen geben, dann geht es nicht nur um Wohlklang. Dann geht es um Erwartungen.
Namen erzählen Geschichten. Die Geschichten der Eltern eines Kindes: Ihre Sehnsucht nach der großen, weiten Welt; ihren Dank und ihre Freude für dieses Kind, ihre Erinnerung an einen lieben Menschen. Und mit diesen Geschichten sind immer auch Erwartungen verbunden, bewusst oder unbewusst:
Es wäre schön, wenn du so wirst wie dein Großvater.
Wir wünschen dir, dass du die große, weite Welt kennenlernst, dass du Erfolg hast.
Wir geben dir einen normalen, unauffälligen Namen, damit du es leicht hast und gut durchs Leben kommst.
Wir geben dir einen außergewöhnlichen Namen, damit jeder gleich hört: Du bist etwas Besonderes.
All das schwingt mit im Namen eines Menschen mal bewusst, mal unbewusst. Und das Kind wird damit leben dürfen oder müssen, je nachdem.
II. Bei Zacharias, dem Vater von Johannes dem Täufer, ist das nicht anders. Eigentlich müsste sein Erstgeborener Zacharias heißen, so wie er oder zumindest irgendeinen anderen Namen aus der Familie tragen, nach einem Großvater oder Onkel benannt werden. Die Tradition verlangt es. Doch Zacharias wehrt sich. Genau das will er nicht. Er besteht auf einem neuen Namen:
Er heißt Johannes.
Und damit formuliert er eine Erkenntnis, die Erkenntnis seines Lebens. Er und seine Frau Elisabeth hatten Ewigkeiten auf ein Kind gewartet. Sie haben die Hoffnung längst aufgegeben, als es dann doch noch geschieht: Elisabeth wird schwanger, als niemand mehr damit rechnet. Und Zacharias ist stumm. Er kann nicht mehr reden. Aus Freude? Oder ist ihm der Schrecken in die Glieder gefahren? Er kann nicht mehr sprechen, doch er weiß, was er will. Sein Sohn soll einen ganz besonderen Namen tragen:
Er heißt Johannes.
Das bedeutet auf Deutsch: Gott ist gnädig. Dabei hätte auch der eigene Name gepasst, Zacharias. Der bedeutet: Gott erinnert sich.
O ja, Gott hat sich erinnert, an Elisabeth und Zacharias; spät, aber nicht zu spät. Er hat ihnen ein Kind geschenkt. Die Freude und die Sicherheit für ihr Alter. Doch kein Kind wird nur für seine Eltern geboren; jedes Neugeborene ist ein Geschenk Gottes an die Welt ein Johannes oder eine Johanna: Gott ist gnädig.
Und als die Entscheidung gefallen ist, als Zacharias den Namen seine Sohnes bestimmt hat, da tut sich sein Mund auf und sein Herz strömt über vom Lobgesang.
Dieser Lobgesang des Zacharias ist unser heutiger Predigttext. Er steht im Lukasevangelium im 1. Kapitel.
III. Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!
Denn er hat besucht und erlöst sein Volk
und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils
im Hause seines Dieners David
– wie er vorzeiten geredet hat
durch den Mund seiner heiligen Propheten
dass er uns errettete von unsern Feinden
und aus der Hand aller, die uns hassen,
und Barmherzigkeit erzeigte unsern Vätern
und gedächte an seinen heiligen Bund
und an den Eid, den er geschworen hat unserem Vater Abraham,
uns zu geben,
dass wir, erlöst von der Hand unserer Feinde,
ihm dienten ohne Furcht unser Leben lang
in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.
Und du, Kindlein,
wirst ein Prophet des Höchsten heißen.
Denn du wirst dem Herrn vorangehen,
dass du seinen Weg bereitest,
und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk
in der Vergebung ihrer Sünden,
durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes,
durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe,
damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes,
und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.
Herr, segne an uns dein Wort.
Amen.
Zacharias erinnert an den Gott Abrahams und Davids; an den Gott, der sein Volk begleitet, so lange es unterwegs ist zu ihm. Sein Lobgesang erinnert an die Wurzeln:
Wo komme ich her?
Was trägt mich, mein Familie, mein Volk?
Niemand wird im geschichtsleeren Raum geboren. Niemand fängt einfach so von vorne an. Kinder fragen ihre Eltern:
Was war eigentlich mein Urgroßvater für ein Mensch?
Wo hast du als Kind gelebt?
Zacharias erinnert an den Gott, der seinem Volk gnädig gewesen ist. Immer wieder.
Doch dann dieser Satz:
Du wirst ein Prophet des Höchsten sein.
Bitte? Geht es nicht ein bisschen kleiner, Zacharias? Wie kannst du so etwas sagen? Einem Kind eine solche Bürde aufladen? Er muss doch sein eigenes Leben leben, oder? Er soll seinen Weg finden und nicht den, den sein Vater ihm vorgibt! Ein Prophet des Höchsten sein. In einer Reihe stehen mit Jeremia, Jesaja und Ezechiel. Wie soll das gehen? Und woher will Zacharias das wissen?
Er erinnert an so viele Mütter und Väter, die ihre Kinder mit hohen Erwartungen überfrachten:
Fußballspieler soll er werden! Bei Deutschland sucht den Superstar soll sie gewinnen! Unser Kind ist hochbegabt!
Wie viele Kinder zerbrechen an den Erwartungen ihrer Eltern. Die sind enttäuscht, kritisieren nur noch, wenn der Weg des Kindes ein anderer ist.
Du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen.
Geht es nicht ein bisschen kleiner, lieber Zacharias? Reicht es nicht aus, dass das Kind wächst und gedeiht, zur Freude seiner Eltern?
Doch schauen wir genauer hin.
Wir haben es hier nicht mit den Träumen eines überengagierten Vaters zu tun. Zacharias hat keinen Masterplan für seinen Sohn in der Tasche.
Zacharias lobt Gott. Den Gott Israels; den, der sein Volk begleitet, von Anfang an der Großes getan hat in der Geschichte. Er lobt den Gott, der sein Volk rettet und befreit, der es begleitet auf allen seinen Wegen. Dieser Gott begegnet Zacharias in diesem Säugling. Nur in diesem? O nein, dieser Gott begegnet allen Eltern. In jedem kleinen Kind. Zacharias sieht das nur deutlicher, weil er so lange hat warten müssen, weil seine Sehnsucht so groß war und weil sein Glaube gewachsen ist in der Zeit des Wartens.
Zacharias gelingt, was uns oft so schwer fällt. Er denkt das Große und das Kleine zusammen. Er besingt den Gott, der die Geschichte seiner Menschheit schreibt in dem Kind in seinem Arm. Der kleine Mensch und die Menschheit sind eins.
Im Leben eines Kindes wird die Liebe Gottes sichtbar. Eltern spüren das, wenn sie ihr Neugeborenes im Arm halten. Doch leider vergessen sie es in der Sorge des Alltags meist ganz schnell wieder.
Du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten sein.
IV. Was ist ein Prophet?
Ein Prophet ist ein Bote der Wahrheit Gottes. Er spricht, er handelt so, dass diese Wahrheit darin aufleuchtet, sichtbar wird. So ein Prophet begegnet dem Vater Zacharias in seinem Sohn. Als er sein Kind im Arm hält, da spürt und sieht er:
Das Leben ist verletzlich und kostbar. Es ist getragen von der Liebe Gottes und weist über sich selbst hinaus.
Johannes. Gott ist gnädig.
Zacharias singt, was er sieht. Er singt, was jeder sehen kann, wenn er in einen Kindewagen schaut.
Du sollst nicht nur ein Prophet des Höchsten sein, du bist es schon.
Der erste Schrei kündet von der Liebe, die stärker ist als jede menschliche Kraft: Gott ist gnädig. Er schenkt Leben.
Zacharias muss seinen Sohn nicht erst zum Propheten ausbilden. Johannes ist von Beginn an das, was er sein soll.
Dieses Kind, jedes Kind, ist ein Prophet des Höchsten – wenn wir es denn nur lassen.
V. Was könnte das heißen für die Erziehung heute, für eine christliche Erziehung, eine Erziehung im Glauben?
Der Evangelist Lukas berichtet mit keinem Wort, wie Zacharias seinen Sohn erzieht. Es gibt in der Bibel keinen Leitfaden für die Ausbildung zum erfolgreichen Propheten. Und auch in der Geschichte Jesu wird nur die Geburt berichtet. Seine Ausbildung wird mit keinem Wort erwähnt. Das könnte heißen:
Unsere Kinder werden das, was wir in ihnen sehen:
Dieses Kind ist ein Geschenk Gottes Gott ist gnädig ein Geschenk, das über sich selbst hinaus weist oder es ist ein Lebewesen, dass ich erst noch zu dem formen muss, was es werden soll.
Natürlich wird auch dieses Kind noch viel lernen müssen. Natürlich wird es erzogen. Doch das ist zweitrangig.
Viel wichtiger ist dies: Du bist nicht allein, Johannes. Und du bist nicht nur für sich selber da. Du trägst die Geschichte Gottes mit den Menschen in dir. Und du trägst sie weiter.
Zacharias kann seinem Sohn das Leben nicht ersparen. Johannes Weg wird ein harter, steiniger werden. Doch er hat einen Sinn. Und er wird dem vorangehen, von dem wir am Ende der Adventszeit hören werden:
Euch ist heute ein Kindlein geboren
Gott ist gnädig.
Amen.
Leben mit den Toten
Kultur entsteht, wenn sich die Lebenden ihrer Toten erinnern. Die Lebenden unterstehen der Hoheit der Toten. Sie sind die Autoren unserer Welt, die wir von ihnen erben.
(Robert Harrison Die Herrschaft des Todes“)
Menschliches Leben ist nur möglich mit den Toten.
Ohne sie geht gar nichts.
Was wäre ich geworden, ohne meine Mutter, die tagelang mit mir auf dem Sofa gelegen hat, als ich kleines Kind so schwer Asthma hatte? Ich kann mich nicht daran erinnern. Ich weiß das nur aus Erzählungen.
Was wäre mein Glaube ohne Paulus?
Was wäre ich ohne den Erbauer meines Hauses, der schon so lange nicht mehr auf der Erde ist?
Es sind ja viel mehr als Spuren, viel mehr als Erinnerungen, die die Toten hinterlassen. Und wenn wir einzelne, große Figuren nennen, dann meinen wir immer eine ganze Generation. Die Steine an St. Martini. Niemand kennt mehr die Steinmetze, die sie behauen und eingesetzt haben. Aber ihre Steinmetz Zeichen sind noch da. Und ihre Steine sowieso. Was wäre das Stadtbild ohne die Kirchen – was wäre mein Glaube? So ist das. Auch wenn ich die Theologie der Steine manchmal verfluche, auch wenn ich unter ihr stöhne. Es nutzt ja nichts.
Menschliches Leben ist Leben mit den Toten. Mit ihrem Fluch und mit ihrem Segen. Ohne sie ist nichts. Wir begraben tatsächlich nur die äußere Hülle.
Buß- und Bettag
Ein Gedanke zum Buß- und Bettag für die Braunschweiger Zeitung.
Abwarten und Tee trinken!
Früher war das ein geflügeltes Wort. Ich habe es seit Ewigkeiten nicht mehr gehört. Kein Wunder. Der Coffee to go ist das Symbol unserer Zeit. Und natürlich gibt es längst auch Tee im Pappbecher. Wir sind immer unterwegs, immer muss irgendetwas getan werden. Abwarten? Gepflegt und in aller Ruhe einen Tee trinken? Das kann sich keiner mehr leisten.
Und Buße?
Die geht heute so:
Stopp!
Analysiere deine Fehler!
Wechsle die Richtung!
Lauf weiter!
Wir vergessen dabei das Beten.
Beten ist nur an der Oberfläche ein Tun. Beten ist eine Haltung. Du lässt dich auf den ein, der dir das Leben schenkt. Du empfängst seine Liebe.
Wie kann ich heute beten, am Buß- und Bettag?
Ein schlichtes Vater unser genügt.
Ich falte die Hände. Werde still. Ich erinnere mich an die Schönheit der Welt. Nehme alles aus der Hand Gottes: das täglich Brot, den Sinn meines Lebens, Gerechtigkeit, die Erlösung von dem Bösen. Für diesen Moment lasse ich alles los und bekomme alles geschenkt.
Und was soll ich tun?
Auch darauf finde ich im Vater unser die Antwort:
Vergib deinen Schuldigern. So wie Gott dir vergibt.
Alter…
Heute im „Konfer.“
Ein Mädchen muss eine alte Frau spielen.
„Wie alt warst du eigentlich?“ fragt hinterher ihre Freundin.
„Keine Ahnung. 34 oder so.“
Was ist der Mensch?
Predigt am 11.11. 2012
Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast.
Wie eine Blume blüht er und verwelkt, so wie ein Schatten ist er plötzlich fort.
Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen, du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!
Du musst doch wissen, dass er unrein ist, dass niemals etwas Reines von ihm ausgeht!
Im Voraus setzt du fest, wie alt er wird, auf Tag und Monat hast du es beschlossen. Du selbst bestimmst die Grenzen seines Lebens, er kann und darf sie niemals überschreiten. Darum blick weg von ihm, lass ihn in Ruhe und gönne ihm sein bisschen Lebensfreude!
(Hiob Kapitel 14)
Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Ein nichts, einer von 7 Milliarden.
Tendenz steigend. Er ist ein verbrauchendes Verbrauchsmittel. Störend auf dem Planeten. Es treffen sich zwei Menschen, schlafen miteinander, tauschen ihre Gene – und der nächste ist da. In jeder Sekunde kommen 2,6 dazu. Das sind pro Tag 220.000. Knapp so viele wie in Braunschweig wohnen.
Was macht ihr Religiösen also für ein Gewese um den Menschen, von einer Frau geboren? Kind Gottes? Was soll das? Er ist ein Massenprodukt. Nicht mehr und nicht weniger.
Und genau so wird er dann behandelt.
Der Grieche taugt nichts. Liegt den ganzen Tag am Strand.
Der Chinese ist fleißig. Wird den Amerikaner als Weltmacht bald ablösen.
Der Russe säuft Wodka.
Der Deutsche…
Moment mal! Einspruch! Das gilt vielleicht für viele, aber doch nicht für mich! Ich nicht! Ich bin kein Massenprodukt! Ich bin etwas ganz besonderes! Sieht man doch gleich!
Was ist der Mensch, von einer Frau geboren?
Sein Leben ist nur kurz, doch voller Unrast.
Ich habe keine Zeit! Ich muss noch so viel schaffen!
Ziele formulieren – Ziele erreichen. Springen, rennen, immer unterwegs.
Wo sind die Jahre geblieben?
Was habe ich geschafft, was nicht?
Kann ich zufrieden sein mit dem, was ich erreicht habe?
Sei ja nicht zufrieden! Niemals! Oder nur für einen kurzen Moment, an deinem fünfzigsten Geburtstag, vielleicht.
Dann aber hopp, hopp! Weiter! Du musst neue Ziele formulieren! Dich wieder auf den Weg machen! Wer rastet, der rostet!
Das Leben ist viel zu kurz!
Und voller Unrast.
Mach was draus!
Wie eine Blume blüht er und verwelkt, wie ein Schatten ist er plötzlich fort.
Und trotzdem lässt du ihn nicht aus den Augen, du ziehst ihn vor Gericht, verurteilst ihn!
Gut, ich bin eine von vielen Blumen auf der bunten Wiese der Menschheit. Ganz schön anzuschauen, wenn mal einer genauer hinschaut. Aber nicht lange. Verwelkt schon vor dem ersten Frost. Schaue lieber nicht in den Spiegel. Du meine Güte…
Du lässt mich nicht aus den Augen…
Du?
Wer ist du?
Gott?
Ach, du bist kein religiöser Mensch?
Na und? Brauchst du auch nicht.
Es lässt dich trotzdem nicht in Ruhe.
Dein Richter ist klein.
Sitzt im Gehirn. Beäugt dich kritisch. Jede Minute deines Lebens.
Was machst du da gerade?
Wolltest du nicht aufhören zu rauchen?
Geht das nicht noch ein bisschen besser?
Hattest du dir nicht vorgenommen…?
Dein Richter ist groß.
Springt dich an, wenn du dich auf den Markt des Lebens begibst.
Das können wir doch besser, oder?
Haben Sie Ihren Auftrag erledigt? Den Termin eingehalten? Prima! Dann auf zum nächsten!
Dein Richter ist groß. Steht dir gegenüber.
Wie sieht die denn aus? So kriegt die doch nie einen Kerl!
Du ziehst dich vor Gericht.
Erbarmungslos.
Du?
Oder sind es doch die anderen?
Keine Ahnung, ist ja kaum zu unterscheiden.
Darum blick weg von ihm, lass ihn in Ruhe und gönne ihm ein bisschen Lebensfreude.
Wo kommt die Ruhe her? Die Lebensfreude?
Will ich das überhaupt?
Kann ich das überhaupt wollen?
Oder gehört dieser Richter zu meiner Natur? Ist er meine Natur?
Das Movens meines Lebens.
Kenne ich Menschen, die er, die es in Ruhe lässt? Oder Momente, in denen ich das spüre?
Man müsste noch mal zwanzig sein und so verliebt wie damals!
Das Lied ging Thomas am Tag nach seinem fünfzigsten Geburtstag gar nicht mehr aus dem Kopf. Sie hatten es beim Einzug der Überraschungsgäste gespielt. Seine Frau Sabine hatte sie heimlich eingeladen: alte Freunde aus der Schulzeit und dem Studium. Und er hatte sich unglaublich gefreut. Ein paar von ihnen hatte er seit Jahren nicht gesehen. Und dazu eben dieses Lied: Man müsste noch mal zwanzig sein.
Am Morgen nach der großen Feier war Thomas auch irgendwie froh, dass er es geschafft hatte. Nein, nicht die fünfzig Jahre, die Feier mit allem drum und dran! Ja klar, es war schön gewesen, aber vorher hatte er doch so gemischte Gefühle gehabt. Aber das zählte jetzt nicht mehr. Er war nicht nur erleichtert, er schwebte auf Wolke sieben.
Thomas hatte das Gefühl: Du wirst mit jeder Menge Proviant in die zweite Halbzeit geschickt. Es waren so viele liebe Menschen da und die haben sich so viel Mühe gegeben.
Seine Geschwister hatten eine Diashow mit Bildern aus der Kindheit vorbereitet, die Arbeitskollegen ein Lied geschrieben. Und er hatte viele tolle Geschenke bekommen. Es waren auch ein paar interessante Bücher dabei. In der Mitte des Lebens von Margot Käsmann, zum Beispiel. Er blätterte es ein bisschen skeptisch durch. Aber er würde es lesen.
Er hatte sich auch Geld gewünscht für seine Wanderausrüstung. Und Klaus, ein Freund aus der Jugendgruppe, hatte einen Klingelbeutel aus Holz und Stoff gebastelt. Das war richtig nett.
Die letzten Gäste waren am frühen Morgen gegangen.
Und über allem schwebte immer noch dieser uralte Schlager: Man müsste noch mal zwanzig sein.
Müsste man? Thomas fand das gar nicht. Sicher, die alten Freunde hatten ihn auch an seine alten Träume erinnert. Die meisten waren ziemlich hochtrabend gewesen, so wie es sich für junge Leute gehört. Aber wenn er es sich recht überlegte: Die wichtigsten waren in Erfüllung gegangen. Er wollte unbedingt Ingenieur werden, Autos bauen. Das hatte er geschafft. Und Thomas liebte seinen Beruf immer noch. Und auch wenn er das als zwanzigjähriger nie zugegeben hätte: Er wollte schon damals eine Familie, Frau und Kinder. Und dass ihre Ehe gehalten hatte, dafür war er zutiefst dankbar. Ja, auch daran hatten die alten Freunde ihn erinnert.
Sicher, es gab auch Träume, die er sich noch nicht erfüllt hatte: eine Alpenüberquerung, zum Beispiel. Und er wollte unbedingt noch mal ehrenamtlich was für Menschen tun; in der Bahnhofsmission vielleicht oder in einem Treff für Obdachlose. Aber mit fünfzig war ja noch nicht aller Tage Abend, oder? Und er hatte immer noch Träume. Sie waren nur realistischer als mit zwanzig. Man müsste noch mal zwanzig sein. Das Lied war ein netter Gag gewesen. Aber für Thomas passte heute ein Satz aus der Bibel viel besser:
Siehe, ich will euch tragen bis ins Alter.
Tag der Freiheit
Martin Luder
entdeckt das
„th“
im griechischen „eleutheria – Freiheit“
für sich.
Und nennt sich am 31. Oktober 1517
das erste Mal
mit seinem neuen Namen:
Martin Luther.
(nach Heinz Schilling, Martin Luther Rebell in einer Zeit des Umbruchs)