Autor: Friedhelm Meiners

Tempo, Tempo

Wir kriegen jetzt schnelles Internet, Glasfaserkabel.
Zuerst habe ich gedacht: „Super! Da kannst du Zeit sparen!“ 
Wenn etwas schneller geht, finde ich das immer erst mal gut.
Aber ich werde jetzt den Tatort nicht in doppelter Geschwindigkeit sehen, bloß weil ich „schnelles Internet“ habe. Meine Emails kann ich auch nicht schneller schreiben, das braucht seine Zeit – und wenn sie eine Zehntelsekunde schneller ankommen, na ja…
„Immer schneller“ führt bei mir auch nicht dazu, dass ich mehr Zeit habe, ganz im Gegenteil: Ich werde immer ungeduldiger. 
Der ICE braucht von Braunschweig nach Berlin nur noch 1 ½ Stunden. Phantastisch! Aber wehe, er kommt zehn Minuten zu spät…
Ich stehe im Baumarkt an der Kasse und vor mir hat einer unendlich viel Kleinkram – du meine Güte, wird der denn nie fertig?
Geschwindigkeit ist kein Wert an sich und ich kann auch keine Zeit „sparen.“ 
„Alles hat seine Zeit“ steht in der Bibel (Prediger 3) Da wird ganz viel aufgezählt: Pflanzen und ernten hat seine Zeit, abbrechen und bauen hat seine Zeit, weinen und lachen… 
Und am Ende heißt es: 
Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit. 
Er hat auch die Ewigkeit in dein Herz gelegt… 
Und manchmal, ja manchmal kann ich sie spüren, die Ewigkeit: 
Wenn ich die Zeit einfach Zeit sein lasse…

Liebe, Hoffnung, und Respekt

Esther Perel ist Paartherapeutin. Sie ist berühmt für ihr Einfühlungsvermögen und ihre humorvolle und warmherzige Art.
Ihre Eltern Sala und Icek stammen aus Polen. Ein jüdisches Paar. Sie haben das Konzentrationslager überlebt. 
In einem Interview wird Esther Perel gefragt: „Sie wirken immer so offen und optimistisch, so voller Lebensfreude. Wo nehmen Sie das her?“
„Das habe ich von meinem Vater Icek“ hat sie geantwortet. „[Er ist nur drei Jahre zur Schule gegangen, aber er hat sich immer für Menschen interessiert.] Mein Vater hat gesagt: „Wo immer du einem Menschen triffst, achte nur darauf, ob er oder sie dir mit Respekt und Achtung begegnet. Solchen Menschen bin ich auch an den schrecklichsten Orten begegnet – aber natürlich auch den anderen…“ 
„Danach versuche ich, zu leben“, sagt Esther Perel.
Wir reden gerade viel über KI, über Künstliche Intelligenz. Mag sein, dass sie viele unserer Probleme lösen wird. Aber KI steht auch für „Kalte Intelligenz“. Es sind Computer, Maschinen, sie können vielleicht sogar Gefühle simulieren, aber was ihnen fehlt ist: Herz; und das macht uns Menschen aus, sagt die Bibel.
Wir dürfen das Entscheidende niemals vergessen: die wichtigste Bildung, die ein Mensch erfahren kann, ist die Herzensbildung. 
Liebe, Achtung und Respekt vor seinen Mitmenschen. 
Ohne Liebe ist das Leben nichts. Sie ist die Einzige, die wirklich trägt. 
Die Liebe vergeht niemals.

Pepe

Carlos, ein guter Freund von meinem Sohn Johannes, lebt in Spanien, in Malaga. Diesen Herbst haben wir ihn besucht. Es war wunderbar. Am zweiten Abend lernte ich Pepe kennen, Carlos Papa. Der kam zur Tür hereinspaziert, begrüßte mich mit einem strahlenden Lächeln und stellte eine Schale Scampi auf den Tisch. Ich hob hilflos die Hände: „Wie soll ich die denn essen?“
Pepe lachte und machte es mir vor: Er hob einen Scampi hoch, knipste die Scheren ab, pulte die Schuppen vom Fleisch und schob es sich genussvoll in den Mund. 
Ich musste ein bisschen üben – Pepe hat sich sehr amüsiert – doch dann konnte ich auch ganz gut Scampi puhlen und Pepe hat mir applaudiert.
Es wurde ein wunderbarer Abend – obwohl ich kein Wort Spanisch kann – und Pepe kein Wort Deutsch. 
Es ist ja wirklich so: Wenn wir zusammen am Tisch sitzen, gemeinsam essen und trinken, dann braucht es keine Worte. Daran erinnern wir uns, wenn wir in der Kirche Abendmahl feiern, aber auch wenn wir am Mittagstisch sitzen – mit unseren Lieben oder mit Menschen, die uns noch fremd sind. 
Jesus hat mit allen zu Tisch gesessen: mit seinen Jüngerinnen und Jüngern und mit den Fremden, die er gerade eben erst kennengelernt hat. 

Zeitmanagement

Wie kann ich meinen Tag am besten gestalten?
Also wie kann ich meine Zeit so einteilen, dass ich möglichst viel davon habe? 
Auf einer Fortbildung zum Thema Zeitmanagement hatten wir den Personalchef einer großen Firma eingeladen. Er trug Verantwortung für über 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wir waren sehr gespannt, wie der das wohl gemanagt kriegt. Meine erste Frage lautete:
„Wie planen Sie Ihren Tag?“
Er runzelte die Stirn: „Was meinen Sie damit?“
„Na ja, was sind Ihre Prioritäten, wie teilen Sie sich Ihren Tag ein?“
„Den Tag planen, einteilen?“ meinte er, „Wie soll das denn gehen?
Wenn ich morgens ins Büro komme, weiß ich doch noch gar nicht, was auf mich zukommt.“
Diese Antwort hat mich total verblüfft. Ich dachte immer, Topmanager sind super strukturiert, haben ihr Leben im Griff. Doch dieser Mann lebt mit dem Chaos – wie eine Mutter mit ihrem Kleinkind: Du weißt nie, was kommt.
Ja, es ist wohl so: Die Frage: „Was will ich tun, was erwarte ich vom Leben?“ ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Frage ist mindestens genauso wichtig: 
„Was soll ich tun? Was erwartet das Leben von mir?“ 
Und was wird dann aus meinen Plänen? 
Ein kluger Mensch hat mal gesagt: 
„Wenn du Gott zum Lachen bringen willst, erzähl ihm von deinen Plänen.“

Setz die Segel und lass dich treiben

Ich bin jetzt im Ruhestand, das ist eine ganz neue Erfahrung: Keine Sitzungen mehr, fast keine Termine, jede Menge Zeit für mich. 
Wunderbar!
Ich werde immer wieder gefragt: „Was machst du denn jetzt so? Was sind deine Projekte?“
Ich habe erst mal keine. Ich will mich auf das einlassen, was kommt, will die Freiheit erst mal spüren. 
Aber die Frage hat mich am Anfang schon nervös gemacht: Brauche ich nicht doch ein Projekt?
Dann sind wir im Urlaub an der Nordsee gewesen. In einem Souvenir Laden habe ich einen wunderbaren Spruch gefunden, er war auf ein Mobile mit lauter kleinen Segeln geschrieben:
„Setz die Segel und lass dich treiben.“
So soll es sein! 
Ich lasse mich treiben, schaue mal, was kommt und was das Leben von mir fordert. 
Und was treibt mich an?
Ich habe endlich mehr Zeit für Ada, meine Enkeltochter. 
Ich habe meine Armbanduhr abgelegt, muss nicht mehr so genau wissen, wie spät es ist. Ich treffe mich mit Freunden und es ist egal, wie lange es dauert.
Ich habe Zeit zum Schreiben und Lesen. 
Vor meinem Fenster pocht ein Buntspecht eine Höhle in den Baum – ich wusste gar nicht, dass der hier lebt. 
Setz die Segel und lass dich treiben.
Es geht voran, auch wenn ich nicht jede Minute verplane – oder verplanen lasse. 

Bequemlichkeit schlägt Schönheit

Mein Freund Bukki sagt: „Früher habe ich mir morgens immer als erstes einen Kaffee aufgebrüht. In aller Ruhe, mit Wasserkocher und Porzellanfilter. Die ganze Küche hat nach Kaffee geduftet. Herrlich!
Jetzt haben wir einen Vollautomaten. Das ist viel bequemer und es geht schneller.“
Ja, so ist das. 
Bequemlichkeit schlägt Schönheit.
Ich gehe so gern in meine Buchhandlung. Ich stöbere in den Neuerscheinungen – nehme die Bücher in die Hand, blättere drin – freue mich an ihrem Geruch. Ich plaudere mit der Buchhändlerin. Manchmal treffe ich einen Freund und wir gehen noch einen Kaffee trinken. 
Aber dann wieder, wenn es schnell gehen muss – oder wenn ich keine Lust habe, loszugehen, dann bestelle ich im Netz.
Das ist ja so schön schnell und bequem:
Ein paar Klicks und das Buch liegt morgen im Briefkasten.
„Wie schmal ist der Weg, der zum Leben führt.“ (Mt 7,14) hat Jesus mal gesagt. Vielleicht ist damit ja auch gemeint:
Sicher, die breiten Wege sind schnell und bequem – aber oft auch langweilig und grau.
Die schmalen, verschlungenen Pfade sind mühsamer, aber auch schöner: 
Jeder Schritt lohnt; hinter jeder Kehre wartet eine neue Welt. 
Die schmalen Wege führen mitten ins Leben.

Ohne Smartphone?

Unsere Konfirmandinnen und Konfirmanden sind in den Sommerferien für drei Wochen in den Alpen gewesen. Was für ein Abenteuer! Allerdings hat es eine harte Regel gegeben: 
Keine Smartphones! Drei Wochen lang!
Wir haben das heftig diskutiert. Ich hab zu denen gehört, die meinen: „Das geht doch gar nicht! Das kann man heute nicht mehr machen! Das Smartphone ist ein Teil ihres Lebens.“
Doch dann bin ich überrascht worden: für die meisten Konfis ist das überhaupt kein Problem gewesen.
Vielleicht brauche ich das ja auch ab und zu: Smartphone freie Zeit, und wenn es nur für eine Stunde ist. 
Mir geht es ja wie den Konfis: Wenn mir langweilig ist, greife ich ganz schnell zum Smartphone -und verdaddele die Zeit.
Unsere Konfis haben das in den drei Wochen anders geregelt: 
Wenn ihnen langweilig gewesen ist, dann sind sie halt ins Nachbarzimmer gegangen und haben gefragt, was so geht – oder zum Basketballkorb und haben eine Runde mitgespielt. 
Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. 
Das ist das höchste Gebot. 
Das kann man ja auch so verstehen: Mach etwas mit dem, der in deiner Nähe, der dir jetzt gerade am nächsten ist – und leg das Smartphone mal für eine Weile an die Seite. 

Stöpsel im Ohr

Ich fahre mit dem E-bike durch den Park. Neben mir schwebt eine junge Frau auf ihrem E-Scooter. Wir sind ungefähr gleich schnell. Dann trennen sich unsere Wege. Zwei Minuten später fährt sie wieder neben mir.  „Oh,“ sage ich zu ihr und lächle: „da sind Sie ja wieder!“ Doch sie reagiert nicht. 
„Au!“ denke ich, „bist du alter Mann ihr zu nahe getreten?“ und lasse mich zurückfallen. 
Da sehe ich: Falsch! Die junge Frau hat mich gar nicht gehört. Sie hat Stöpsel in den Ohren.
Im Geschäft und auf der Straße, beim Fahrradfahren und Joggen: überall haben Menschen Stöpsel im Ohr. 
Irgendwo anders scheint es immer interessanter zu sein als da, wo wir gerade sind 
Klar, ich habe auch Kopfhörer.
Ich höre gern Podcasts und auch Musik – aber beim Abwaschen und nicht beim Fahrradfahren.
Alles hat seine Zeit.
Ist die Musik wirklich schöner als ein Gespräch mit meiner Frau beim Bohnen schnippeln fürs Mittagessen?
Ich glaube: zu oft Stöpsel im Ohr macht einsam und unempfindlich für die Schönheit der Welt. 
Ich kann nur lieben, was ich auch wahrnehme. 
Alles hat seine Zeit…

Oper, Gottesdienst und Hochkultur

Mein erster Opernbesuch ist ewig her. Das war Mitte der siebziger. Ich bin noch zur Schule gegangen. Ich habe mich in meinen Anzug gezwängt, meine einzige Krawatte umgebunden und bin ins Staatstheater gegangen. Doch trotz Anzug und Krawatte – ich hab mich fremd gefühlt. In der Pause hab ich mit meinen Kumpels verunsichert am Rand gestanden.Oper, das war was für die bessere Gesellschaft, Hochkultur. 
Von einem Opernfreund habe ich nun gehört: 
„Das ist längst vorbei. Die Intellektuellen, die Schönen und Reichen, die gehen da nicht mehr hin. 
In die Oper gehen vor allem Liebhaber: die einen im Anzug, die anderen in Jeans und Turnschuhen. Die Kleidung spielt schon lange keine Rolle mehr.“

„Nein“ sagt er,, „die Oper ist keine Hochkultur. Sie ist Subkultur. Es ist da wunderschön. Du tauchst in eine ganz andere Welt ein. Aber da gehen nur noch Freaks hin, Liebhaber.“ 
Mir ist die Welt der Oper leider fremd geblieben – aber ich ahne ihren Zauber.
Mit unseren Gottesdiensten geht es vielen so wie mir mit der Oper: eine fremde Welt, Subkultur, etwas für Freaks, für Liebhaber.
Aber auch im Gottesdienst tauchen wir in eine andere Welt ein: Wir singen. Wir beten. Wir gehen in die Stille. 

Israel

Ein Kind wird geboren; unter elenden Bedingungen, umgeben von Gleichgültigkeit und Feindschaft. Die Eltern landen in einem Stall im heute palästinensischen Bethlehem. Das ist die Geburtsstunde des christlichen Glaubens. 
Aber es ist nicht die Geburtsstunde von Hass und Wut, sondern von tiefer Menschlichkeit. Der Mann aus Nazareth wird immer wieder angefeindet, verleumdet, gedemütigt und verfolgt. Aber er öffnet sein Herz für alle Menschen: für den Gelähmten aus seinem eigenen Volk, für den römischen Besatzer und für die ausländische Frau. 
Und wie immer jeder und jede von uns das versteht, dahinter steht der Glaube: 
Gott ist Mensch geworden, keine Idee, kein politisches System, keine Weltformel, sondern ein kleines, verletzliches, bedrohtes Menschenkind. Und weiter gedacht bedeutet das für mich: Gott wird immer wieder Mensch: in jedem Kind, das das Licht der Welt erblickt. Und Gott bleibt Mensch in jedem Mordopfer im Kibbuz, in jedem Jugendlichen, wehrlos erschossen auf dem Festival in der Negev, in jedem alten und kranken Menschen, verschleppt als Geisel in den Gazastreifen. Ja, Gott ist und bleibt auch Mensch in all denen, die nun im Gazastreifen um ihr Leben fürchten, die sich ängstigen um ihre Mütter und Väter, um ihre Söhne und Töchter.
Aber er ist ganz sicher nicht Mensch in denen, die dieses Massaker angerichtet haben, die für dieses unendliche Leid verantwortlich sind und auch nicht in denen, die das beklatschen. Die Mörder und ihre Schergen haben den Glauben an den menschlichen Gott, an das Göttliche im Menschen, verraten.