Autor: Friedhelm Meiners

Oper, Gottesdienst und Hochkultur

Mein erster Opernbesuch ist ewig her. Das war Mitte der siebziger. Ich bin noch zur Schule gegangen. Ich habe mich in meinen Anzug gezwängt, meine einzige Krawatte umgebunden und bin ins Staatstheater gegangen. Doch trotz Anzug und Krawatte – ich hab mich fremd gefühlt. In der Pause hab ich mit meinen Kumpels verunsichert am Rand gestanden.Oper, das war was für die bessere Gesellschaft, Hochkultur. 
Von einem Opernfreund habe ich nun gehört: 
„Das ist längst vorbei. Die Intellektuellen, die Schönen und Reichen, die gehen da nicht mehr hin. 
In die Oper gehen vor allem Liebhaber: die einen im Anzug, die anderen in Jeans und Turnschuhen. Die Kleidung spielt schon lange keine Rolle mehr.“

„Nein“ sagt er,, „die Oper ist keine Hochkultur. Sie ist Subkultur. Es ist da wunderschön. Du tauchst in eine ganz andere Welt ein. Aber da gehen nur noch Freaks hin, Liebhaber.“ 
Mir ist die Welt der Oper leider fremd geblieben – aber ich ahne ihren Zauber.
Mit unseren Gottesdiensten geht es vielen so wie mir mit der Oper: eine fremde Welt, Subkultur, etwas für Freaks, für Liebhaber.
Aber auch im Gottesdienst tauchen wir in eine andere Welt ein: Wir singen. Wir beten. Wir gehen in die Stille. 

Israel

Ein Kind wird geboren; unter elenden Bedingungen, umgeben von Gleichgültigkeit und Feindschaft. Die Eltern landen in einem Stall im heute palästinensischen Bethlehem. Das ist die Geburtsstunde des christlichen Glaubens. 
Aber es ist nicht die Geburtsstunde von Hass und Wut, sondern von tiefer Menschlichkeit. Der Mann aus Nazareth wird immer wieder angefeindet, verleumdet, gedemütigt und verfolgt. Aber er öffnet sein Herz für alle Menschen: für den Gelähmten aus seinem eigenen Volk, für den römischen Besatzer und für die ausländische Frau. 
Und wie immer jeder und jede von uns das versteht, dahinter steht der Glaube: 
Gott ist Mensch geworden, keine Idee, kein politisches System, keine Weltformel, sondern ein kleines, verletzliches, bedrohtes Menschenkind. Und weiter gedacht bedeutet das für mich: Gott wird immer wieder Mensch: in jedem Kind, das das Licht der Welt erblickt. Und Gott bleibt Mensch in jedem Mordopfer im Kibbuz, in jedem Jugendlichen, wehrlos erschossen auf dem Festival in der Negev, in jedem alten und kranken Menschen, verschleppt als Geisel in den Gazastreifen. Ja, Gott ist und bleibt auch Mensch in all denen, die nun im Gazastreifen um ihr Leben fürchten, die sich ängstigen um ihre Mütter und Väter, um ihre Söhne und Töchter.
Aber er ist ganz sicher nicht Mensch in denen, die dieses Massaker angerichtet haben, die für dieses unendliche Leid verantwortlich sind und auch nicht in denen, die das beklatschen. Die Mörder und ihre Schergen haben den Glauben an den menschlichen Gott, an das Göttliche im Menschen, verraten. 

Der Bergdoktor

Ich liebe Schnulzen.
Gut, es muss nicht gerade Rosamunde sein, aber den Bergdoktor, den mag ich. Ich freue mich schon auf die nächste Staffel.
Was gefällt mir so an Martin Gruber, dem Bergdoktor?
Er lebt ein bisschen so, wie ich das immer wollte. Klar, er hat reichlich Probleme: mit seinem Bruder und seiner Tochter, dem Hof, mit den Frauen und natürlich auch mit seinen Patientinnen und Patienten. 
Aber: Er nimmt sich Zeit. 
Martin Gruber ist immer da, wenn er gebraucht wird. Er fährt mit der Patientin ins Krankenhaus, berät sich mit den Kolleginnen und Kollegen. Hört zu. Operiert auch selbst, wenn es sein muss. 
Kurz und gut: Er ist mit Leib und Seele dabei. 
Natürlich weiß ich dass das ein Märchen ist. Sein Wartezimmer ist leer, er hat immer nur eine Patientin oder einen Patienten. 
Die Realität unserer Ärztinnen und Ärzte sieht ganz anders aus. 
Aber der Bergdoktor erinnert mich an meine Ideale: 
Ja, ich will in einer guten Gemeinschaft leben, ich will Zeit haben für die Menschen, die Gott mir anvertraut. 
Und ich freue mich immer, wenn es mir gelingt:
Wenn ich in einem Gespräch die Zeit vergesse; wenn ich das Gefühl habe, einem Menschen zu helfen.
Nicht Bergdoktor, aber Bergpastor, das wär ich schon gern…

Glück oder: Du musst nicht alles schaffen

Es gibt unzählige Ratgeber für ein besseres Leben.
Und es ist immer dasselbe:
„Du schaffst deine Arbeit nicht? Wirst nie fertig? Du hast abends immer das Gefühl, du hast nichts geschafft?
Ja dann hast du noch nicht die richtige Technik drauf. Lies unseren Ratgeber, dann hast du bald abends alle deine To do Listen abgebarbeitet, alles ist erledigt und du kannst ganz zufrieden das Leben feiern.“ 
Darf ich wirklich erst feiern und zufrieden sein, wenn ich alles erledigt habe?
Wann soll das sein?
Das ist so, als ob ich mit Vollgas über die Autobahn rase und mir sage: Erst wenn ich den letzten überholt habe, nehme ich den Fuß vom Gas.
Ich habe nie alles erledigt und das kann auch nicht der Sinn meines Lebens sein. 
Aber mich überbekommt natürlich auch immer wieder diese Hektik: 
„Du musst alles schaffen, dann wird dein Leben gut.“ 
An guten Tagen hilft mir dann an einen Satz von Jesus:
„Sorgt euch nicht. Seht die Vögel unterm Himmel. Sie sähen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“

Wenn ich dann noch einen Bussard am Himmel kreisen sehe, dann denke ich: 
Er wartet auch nicht, bis er alles erledigt hat. 
Vielleicht fliegt er heute ja einfach mal so – auch aus purer Lust am Leben.

Du wirst ein Segen sein

Woran kann ich erkennen, dass mein Leben gut und erfolgreich ist?  
Wann ist mein Leben gesegnet?
Wenn ein Pastor in den Ruhestand geht, dann wird er in einem Gottesdienst verabschiedet und bekommt von guten Freundinnen und Freunden noch einen Segenswunsch mit auf den Weg. Als es bei mir diesen Juni so weit war, hat mein Freund Ralph mir einen besonderen Segen mitgegeben. In der Bibel wird er Abraham zugesprochen, einem alten Mann auf dem Weg in die Fremde – und irgendwie ist für mich der Ruhestand auch so eine fremde Welt. Ich weiß nicht so genau, was auf mich zukommt. 
Ralphs Segenswunsch lautet: „Ich will dich segnen und du wirst ein Segen sein.“
Und es stimmt: Wenn ich für andere ein Segen bin, wenn ich ihnen guttue, dann bin ich glücklich – gesegnet. 
Kann sein, dass du im Lotto gewinnst; kann sein, dass du viel freie Zeit geschenkt bekommst; dann hast du noch lange kein ein gutes, glückliches, gesegnetes Leben. 
Es kommt darauf an, was du daraus machst, für dich und für deine Mitmenschen.
Das wünsche ich Ihnen für diesen Tag: 
Sein Sie ein Segen für Ihre Lieben – und für die anderen auch.

Warum ich Christ bin

Noch einmal Gerhard Meier:
Der Schweizer Schriftsteller hat seinen Glauben in drei Sätzen formuliert:
Der erste lautet:

„Ich mag das Haschen nach Wind.“
Ich mag es auch, das Haschen nach Wind:
Ich höre sein Rauschen in den Pappeln. Ich weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht. Ich werde ihn nie zu fassen kriegen. Aber ich höre ihm gern zu: wie er brüllt, wie er rauscht, wie er säuselt.

„Als Christ darf ich arm sein und schwach“,
so lautet der zweite Glaubenssatz von Autor Gerhard Meier:
Er hat seinen gut bezahlten Beruf als Ingenieur aufgegeben. Er wollte von nun an nur noch eins: schreiben. Seine Frau Dorli hat als Kioskverkäuferin gearbeitet, von diesem Geld haben sie jahrelang gelebt, mehr schlecht als recht.
Mach dich arm, mach dich schwach für das, was zählt in deinem Leben. Für Gerhard Meier ist es das Schreiben gewesen. 

Sein dritter Glaubenssatz lautet:
„Als Christ darf ich wissen, dass wir Vertriebene sind – aber heimfinden.“ 
Nein, ich lebe nicht im Paradies. Aber ich finde seine Spuren: in den Blumen im Garten, in der Schönheit der Schöpfung und in der Liebe der Menschen, die mir nahestehen. Manchmal, für einen Moment, führen sie mich zurück ins Paradies.

Die Bibel als Bastelbuch für eine Glücksmaschine

Der Schweizer Schriftsteller Gerhard Meier schreibt: „Für mich ist die Bibel ein Bastelbuch, um daraus eine Glücksmaschine zu bauen.“ 
Zuerst habe ich gedacht: „Was soll das denn? Die Bibel ein Bastelbuch? Und dann auch noch für eine „Glücksmaschine?“ Was soll das sein? Aber inzwischen gefällt mir diese Vorstellung ganz gut. Ich finde auch: Die Bibel ist keine Gebrauchsanweisung und auch keine Landkarte für ein gutes Leben. Vielleicht doch eher ein Bastelbuch …. 
Beim Basteln musst du improvisieren, du nimmst alles, was du hast – und du wirst nie fertig. Es muss nicht perfekt werden, nur gerade so gut, wie es in diesem Moment geht. Basteln hat immer auch etwas Spielerisches: Probieren wir es mal aus…
In der Bibel finde ich vieles, was ich brauche, um an meinem Glück zu basteln: Sie spricht von der Liebe, die alles zusammenhält. Die Bibel handelt von der Ehrfurcht vor dem Leben, macht mich bescheiden in dem, was ich schaffe: Es hält nicht ewig, muss es auch nicht sein. Die Bibel erinnert mich daran: Gemeinsam macht das Basteln, das Leben viel mehr Spaß und es ist gut, wenn ich noch staunen kann wie ein Kind. Ich darf auch ruhig mal scheitern, fange wieder von vorne an. Ja, ich glaube, ich verstehe jetzt ein wenig, was Gerhard Meier meint mit seiner Bibel und seiner Glücksmaschine: 
Sie ist nicht perfekt, läuft nicht immer rund – aber sie schenkt viel Glück. 

Egon ist nicht vergessen

Egon hat kein leichtes Leben gehabt. Er ist der Briefträger von List auf Sylt gewesen, sozusagen der nördlichste Briefträger Deutschlands. Und wie es früher auf dem Dorf eben so war, wenn jemand Geburtstag hatte – oder Goldene Hochzeit, oder was es sonst so zu feiern gab, dann hat man den Briefträger schon mal reingerufen: „Egon, kum rinn, drink eenen mit!“ 
Und Egon hat sich nie lange bitten lassen. 
So kam es, wie es kommen musste: Egon ist unter die Räder gekommen. Der Alkohol wurde sein bester Freunde. Er ist 1973 verstorben, nur 27 Jahre alt. Eine tragische Geschichte. 
Doch vergessen ist er nicht. Die alten Sylter und Sylerinnen erinnern sich noch an ihren Briefträger Egon Jepsen. Und einer von ihnen hat ihm ein Denkmal gesetzt. Er hat ihm einen Grabstein gestiftet, mit einer ganz schlichten Aufschrift: „Hier ruht Egon.“ Und so ruht er nun auf dem wunderschönen Dünenfriedhof von List, ganz in der Nähe von Wolfgang von Gronau, einem berühmten Pionier der Luftfahrt. 
Jeder Mensch mit seiner Liebenswürdigkeit und seiner Tragik verdient es, erinnert zu werden, denn wir sind und wir bleiben Gottes Kinder. 
So wie Egon.

Wer ist der Bedeutendste unter uns? (Mk 9,33ff)

Wir Männer neigen ja manchmal dazu, uns gegenseitig zu überbieten. Das ist bei den Jüngern Jesu nicht anders gewesen. Als die Jüngerinnen einmal nicht da sind, streiten sie sich, leise aber heftig: „Wer ist hier der Größte, der Bedeutendste unter uns?“
Jesus bekommt das mit und fragt sie: „Hey! Warum streitet ihr?“ 
Doch die Jünger schweigen. Klar, ist ja auch peinlich. 
Und dann stellt Jesus ein Kind in ihre Mitte – so einen kleinen Windeldopper, zwei, drei Jahre alt. Der findet das erst mal ganz witzig. Wackelt von einem zum anderen, strahlt die jungen Kerle an – aber die reagieren nicht, sind unsicher. Da fängt der Kleine an zu weinen.
„Was soll das?“ fragen sich die Jünger.
Da nimmt Jesus das Kind auf den Arm und sagt: „Das ist die Antwort auf Eure Frage: „Wer sich um ein Kind kümmert, ist der bedeutendste unter allen Menschen.“
Die, die unter Schmerzen ein Kind zur Welt bringt – die, die nachts aufsteht, wenn das Kind schreit; die trotz aller Müdigkeit stillt und Windeln wechselt – das ist der bedeutendste Mensch unter uns. 
Im Grunde sagt Jesus: „Die bedeutendsten Menschen sind die Mütter.“
So viel weiter als die Jünger damals sind wir Männer auch heute noch nicht gekommen. Aber wir arbeiten dran. 
Hoffentlich…

Die Krönung

Die Krönung

Die Krönung von Charles und Camilla. 
Fast sechs Stunden live Spektakel aus einer anderen Zeit: 
Die goldene Kutsche, die Krönung in Westminster Abbey und das unvermeidliche Winken vom Balkon. Meins ist das nicht – aber reingeschaut habe ich natürlich trotzdem.
Charles Rede Ende März im Bundestag hat viele Menschen bewegt: endlich mal wieder ein Brückenbauer zwischen unseren Ländern.
Und nun die Krönung. Ist ja schon spannend, diese pompöse, scheinbar heile Welt. 

In der Bibel wird auch Gott als König bezeichnet; aber ich kann mit diesem Bild nichts anfangen. Nein, die Zeit der Könige ist vorbei. Gott sei Dank. Wir wissen längst, dass die Sehnsucht nach dem starken Mann eine gefährliche Illusion ist. 
Mir sind andere Bilder aus der Bibel viel näher. Geschichten von Menschen, die im Kleinen für ein gutes Leben kämpfen; so wie Abraham und Sarah. Sie sind schon alt, als sie in die Fremde ziehen. Sie halten an ihren Träumen fest. 
Oder dieser Vater: Sein Sohn ist gnadenlos gescheitert. Doch als der zurück kommt, feiern sie ein Riesenfest.
Und schließlich Jesus, dieser schlichte, wehrlose Mann ohne jede Macht. Er feiert mit allen, egal ob arm oder reich. 
Darauf kommt es an: Wir gehören alle zusammen bei der Feier des Lebens. Jede und jeder ist wichtig, damit diese Welt ein besserer, ein geschwisterlicher Ort wird.