Meine Sonnenblume im Oktober.
Ihre Blüten sind zerfranst und aschgelb.
Sie sieht aus wie ein zauseliger alter Mann,
neigt ihren Kopf müde gen Boden.
Und trägt Früchte.
Playlist
Im Internet kann ich mir meine eigene Musik zusammenstellen, meine Playlist. Ich kann den ganzen Tag die Musik hören, die mir gefällt: morgens Hardrock zum Wachwerden und abends was Kuscheliges.
Das ist praktisch, aber ich stehe auf das gute alte Radio. Sicher, der Sender muss passen. Da finde ich das Vertraute, meine Lieblingslieder; aber ich werde auch immer wieder überrascht. Neulich lief Joyride von Roxette. Mein Freund Christian hat es geliebt.
Mit dem Glauben ist es bei mir wie mit der Musik: Ich brauche das Vertraute, habe meine Lieblingstexte. Gut, Weihnachten ist noch ein bisserl hin, aber die Weihnachtsgeschichte gehört für mich absolut dazu: „Es begab sich aber zu der Zeit …“
Aber dann brauche ich auch das Neue, den anderen Blickwinkel.
Der Theologe Klaas Huizing schreibt:
„Das Christentum startet mit der Krippe, nicht mit dem Kreuz.“
So hatte ich das noch nie gehört. Auf meiner Playlist stand: „Das Christentum beginnt mit Karfreitag und Ostern, mit Kreuz und Auferstehung.“ Aber es stimmt: Das Christentum startet mit der Krippe, mit dem Wunder der Geburt. Jeder Mensch ist ein Kind Gottes, einfach so.
Übrigens: Neulich lief hier auf NDR1 Niedersachsen „Drei Männer her“ von Ina Müller. Ein wunderbares Lied über die Freundschaft. Hatte ich noch nie gehört, stand auch nicht auf meiner Playlist…
Klaas Huizing, Lebenslehre, S. 335
Starre Bilder
Unsere Freundin Anke seufzt:
„Oh Mann, ich werde dieses Jahr sechzig – und mein Papa 85… Er hört den ganzen Tag Radio, immer NDR1. Aber wenn ich zu Besuch komme, stellt er sofort ab. Er weiß ja, dass ich nicht so auf seine Musik stehe.“
„Wie jetzt? Dein Papa hört NDR1? Aber du nicht, oder?“
„Nee, Schlager sind nicht so meins. Ich stehe eher auf die Musik der achtziger, neunziger.“
Ich muss lachen: „Was denkst du denn, was auf NDR1 gespielt wird? Whitney Houston, Camouflage, Norma, Abba natürlich…“
Anke staunt: „Wie? Das hört mein Papa?“
Seltsam, wie sehr wir an alten Bildern hängen: auf NDR1 gibt es nur Schlager und Papa hört nichts anderes. Das war einmal. Die heutigen Senioren sind mit den Rolling Stones aufgewachsen, Joni Mitchel, Bob Dylan. Wenn wir mal genau hinschauen, dann staunen wir, wie modern „die Alten“ sind…
Und in der Kirche?
Ich komme mal wieder in die Martinikirche Braunschweig, hier bin ich lange Gemeindepastor gewesen. Und auch hier ein neues Bild: Vor dem Hochaltar sitzen an gedeckten Tischen Jung und Alt, Arm und Reich und essen gemeinsam zu Abend. Es kostet nichts. Alle sind eingeladen. Später gibt es noch ein Konzert, der Eintritt ist frei. Das Ganze nennt sich Vesperkirche. Ich freue mich. Es tut sich was bei uns. Man muss aber auch mal hinschauen und zuhören. Ankes Lieblingssender ist übrigens inzwischen NDR1 Niedersachsen…
Die HasenEnte
Ich zeige meinem Sohn Johannes eine Zeichnung: „Was siehst du?“
„Einen Hasen!“
„Richtig!“
Ich drehe das Papier, zeige ihm das Bild noch einmal anders.
„Was siehst du jetzt?“
Er ist verblüfft: „Eine Ente!“
Stimmt auch!
Eben waren es noch die Ohren vom Hasen, jetzt ist es der Schnabel der Ente.
Es ist ein sogenanntes Kipp Bild, sozusagen eine Hasen-Ente.
Mal siehst du den Hasen, mal die Ente – beides stimmt, aber du kannst nie beides gleichzeitig sehen! Du siehst immer eins: nur den Hasen – oder nur die Ente.
Es kommt auf den Blickwinkel an! Ein entweder – oder gibt es da nicht: Es ist eben nicht entweder eine Ente oder ein Hase. Es ist beides: ein Hase und eine Ente.
Ich finde das wichtig in einer Welt, in der es oft nur noch um ja oder nein geht, um Freund oder Feind.
Wer weiß, vielleicht meint Jesus auch das, wenn er sagt: „Liebe deine Feinde!“
Hört ihnen zu. Schau sie zwei Mal an, wechsele die Perspektive.
Sieh die Welt für einen Moment mit ihren Augen – und staune:
„Jetzt verstehe ich dich: Was für mich eine Ente ist, ist für dich ein Hase…
Stimmt beides, wie in einem Kippbild…
Wissen und Geheimnis
Als ich ihm erzähle, dass ich Pastor bin, lächelt er nur müde: „Ach wissen Sie, mit dem Glauben habe ich es nicht so, ich bin Naturwissenschaftler…“
Also für mich ist das ein Gegensatz, Glauben und Wissen.
Ich liebe es, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler mir die Welt erklären. Ihre Geschichten sind so spannend. Und je mehr ich verstehe, desto mehr staune ich über das Geheimnis des Lebens. Ein kleines Beispiel: Bei mir am Vogelhaus ist jeden Morgen gewaltig was los: Da tummeln sich Meisen, Spatzen und Stare – sogar ein Buntspecht kommt ab und zu vorbei.
Plötzlich ertönt ein schriller Warnruf und alle sind verschwunden.
In einem Buch über die geheimnisvolle Welt der Vögel erklärt die Autorin: „Vögel können viel mehr, als wir bisher wussten. Sie sind hochintelligent. Sie verstehen nicht nur den Warnruf, sie hören sogar raus, ob ein Sperber aus der Luft im Anflug ist – oder eine Katze sich am Boden anschleicht.“
Die Welt ist so schön, so vielfältig – aber wir wissen nicht, wie das alles möglich ist.
Je mehr ich weiß, desto tiefer wird mein Glaube.
Natürlich glaube ich auch nicht, dass Gott die Welt an sechs Tagen erschaffen hat; das ist ein uraltes Bild für die Kraft und die Liebe, die wirkt, im großen Geheimnis des Lebens.
Was Liebe braucht
Ein afrikanisches Sprichwort sagt: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“
Stimmt, es sind ja auch eine Menge Menschen an der Erziehung unserer Kinder beteiligt: Eltern und Geschwister, Großeltern, Lehrerinnen und Lehrer, Freundinnen und Freunde…
Ich glaube, bei einer guten Partnerschaft ist es genauso.
Da gab es mal so einen Schlager – Michaela, gesungen von Bata Illic, 1972: „Du bist alles für mich, denn ich liebe nur dich, Michaela.“ Arme Michaela, sie soll alles sein: beste Freundin, Liebhaberin, Mutter, Vertraute…
Gut, „Michaela“ war schon sehr heftig, aber die Charts sind voll von Hymnen auf die große Liebe. Und immer geht es um zwei Menschen, die sich genug sind. „You are the sunshine of my life“ singt Steve Wonder.
Das kann nicht funktionieren. Für eine gute Partnerschaft braucht es auch ein ganzes Dorf:
Mit Holger und Ralph rede ich über unseren Beruf, mit Robert über Fußball, das interessiert meine Frau nicht die Bohne, mit Mike über spannende Sachbücher; mit Frank teile ich einen Humor, auf den sie gar nicht kann – und wenn sie mit ihren Freundinnen Siedler von Catan spielt, bin ich raus. Das sind nur ein paar Menschen aus unserem Dorf.
Zwei allein? Das klappt schon bei Adam und Eva nicht. Wir brauchen einander.
Vom Sorgen
„Wie der klettern kann Opa!“
Ich bin mit Ada, meiner Enkeltochter, im Zoo in Berlin.
Gleich hinter dem Eingang steht ein riesiger Felsen. Dort leben die Steinböcke. Ada ist sehr beeindruckt, vor allem von einen großen Tier mit riesigen Hörnern:
Ihre Augen strahlen, sie ist wie gebannt, will gar nicht weiter.
Nach ein paar Minuten werde ich ungeduldig:
„Komm Ada! Wir müssen weiter, sonst schaffen wir es nicht! Es gibt noch so viele spannende Tiere zu sehen!“
Dann habe ich mich über mich selbst geärgert: „Du arbeitest den Zoobesuch ab wie eine To- do-Liste:
Du stehst vor den Eisbären, denkst ans Affenhaus – da müssen wir unbedingt auch noch hin! Bei den Affen musst du schnell weiter zu den Elefanten – und den Tiger nicht vergessen!“ – aber der hat sich versteckt…
So geht es mir oft: Ich bin nicht wirklich bei der Sache, denke nur darüber nach, was wohl als nächstes kommt..
In der Bibel steht:
„Alles hat seine Zeit.“ Stimmt wohl. Gut, wenn du erkennst, was gerade dran ist – und es dankbar annehmen.
Wir hatten dann doch einen schönen Tag – am schönsten war es bei den Pinguinen.
Ich hätte ihnen stundenlang zusehen können.
Freundschaft
Jürgen sagt über sich selbst, nicht ganz ohne Stolz: „Ich bin inzwischen uralt, 98 Jahre.“
Er hat unglaublich viel erlebt, aber er ist immer noch neugierig auf das Leben. Jürgen reist immer noch gern und er schreibt noch richtige Briefe, mit Tinte auf Papier. In seinem letzten Brief denkt er über die Freundschaft nach. Er schreibt: „Ich habe neue Freunde gefunden. In meinem Alter ein großes Glück.“
Da hat er Recht. Freundinnen und Freunde sind ein großes Glück, in jedem Alter.
Und er macht mir mit seinen Zeilen auch ein schlechtes Gewissen; meine Freundinnen und Freunde sind ein großes Glück, aber ich habe zu wenig Zeit für sie. Habe ich zu wenig Zeit – oder nehme ich mir zu wenig? Ist wohl eine Mischung aus beidem.
Zeit für meine Lieben.
Jürgen, der alte Mann, schreibt weiter:
„Den Weg der Freundschaft muss man häufig gehen, damit kein Gras drüber wächst.“
Was für ein schönes Bild: Der Weg der Freundschaft ist eben nicht gerade und gepflastert; der Weg der Freundschaft ist verschlungen, führt über Berge und durch Täler, ist manchmal kaum zu erkennen und wenn ich ihn nicht gehe, dann verschwindet er irgendwann.
Danke, lieber Jürgen, alter Freund, für diese Erinnerung…
Derby in Braunschweig oder: Seid niemals Feinde!
Fußball, die schönste Nebensache der Welt.
Na ja…
Ich bin Fan der Braunschweiger Eintracht und war letzten Sonntag beim Derby gegen Hannover 96 im Stadion. Das schönste war die Choreographie am Anfang, ein Meer in Blau-Gelb. Das war´s dann aber auch. Es wurden Raketen auf die Tribüne geschossen und so laute Böller gezündet, dass es auch in einiger Entfernung noch in den Ohren weh tat.
Es wurden auf beiden Seiten deutlich Grenzen überschritten und für uns, die „normalen Fans“ war das alles andere als lustig. Und wenn Eltern sich vorwerfen lassen müssen, warum sie „bei so einem Spiel“ denn mit ihren Kindern ins Stadion gehen – dann stimmt etwas überhaupt nicht mehr.
Klar, beim Derby gehen die Emotionen hoch. Ich denke immer noch gern an ein Pokalspiel gegen 96. Ich hatte Freunde aus Hannover eingeladen. Die Eintracht hat überraschend gewonnen und die Jungs waren so sauer, dass sie nach dem Spiel nicht mal mehr ein Bier mit mir trinken wollten. Ich finde, das gehört dazu, das ist eine gesunde Rivalität. Aber eben Rivalität und nicht Feindschaft. Wir haben das Bier dann später nachgeholt.
Die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens hat nun vorgeschlagen, bei den Derbys keine gegnerischen Fans mehr ins Stadion zu lassen. Das fände ich sehr, sehr schade.
Aber klar, auf dem Platz ist das ja auch ganz klar geregelt: Du willst mit aller Kraft gewinnen, aber wenn du deinen Gegner willentlich verletzt, dann siehst du die rote Karte.
Dabei zeigt die Geschichte der beiden Vereine: es geht auch anders.
Die Fans von Eintracht und 96 waren nie gute Freunde – aber als der Braunschweiger Fußballer Jürgen Moll und seine Frau tödlich verunglücken, gibt es im Eintracht Stadion ein Benefizspiel für ihre Töchter. Vor 21.000 Zuschauern und Zuschauerinnen spielt eine Bundesliga Auswahl gegen eine Mannschaft mit Spielern von Eintracht Braunschweig und Hannover 96.
Das ist jetzt ziemlich genau 55 Jahre her.
Also Fans, macht euch locker, schließt daran an:
Seid Fans, seid Gegner – aber seid niemals Feinde.
Es kommt anders…
Neulich habe ich an einer Küchenwand einen schönen Satz gelesen:
„Es kommt anders, wenn du denkst.“
Stimmt. Es ist immer gut, erst mal nachzudenken.
Es kommt nicht nur anders, als du denkst, es kommt auch anders, wenn du denkst.
Man könnte meinen: Wenn die Vernunft mein ganzes Leben bestimmt, dann wird alles gut, mein Leben wäre perfekt. Ich würde mich immer genug bewegen, gesund ernähren, nur gute Bücher lesen…
Aber ich würde auch kein Eis mehr essen, ich würde nie mehr mit Freundinnen und Freunden spät nachts beim Bier sitzen oder im Sturm an der Nordsee spazieren gehen.
Ich würde das Leben nicht küssen.
In der Bibel wird immer wieder berichtet, wie Jesus das Leben feiert: er sitzt mit seinen Freundinnen und Freunden zusammen, er freut sich über die Vögel am Himmel und die Lilien auf dem Felde. Im Grunde sagt er damit: Jeder Tag ist ein Geschenk. Die Vernunft kann mir helfen, dieses Geschenk dankbar anzunehmen und sorgsam damit umzugehen. Aber dazu braucht es auch Liebe, Spontanität, Dankbarkeit und Weisheit…
Dann kommt es nicht nur anders, wenn du denkst, dann wird dein Leben auch schöner, gesegnet…