Wenn Religion meine Sprache wär…

Aus einem Interview der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung mit Daniel Radcliffe, dem Harry Potter Darsteller:

FAS:
„Ihr Vater ist ein nordirischer Protestant, ihre Mutter ist jüdisch. Sind Sie religiös?“

Daniel Radcliffe:
„Überhaupt nicht. Meine Mutter ist jüdischer Abstammung, aber sie praktiziert ihren Glauben nicht wirklich. Meine Großmutter lebt noch koscher. Und mein Vater, ich denke, ich denke, meine Eltern glauben beide an Gott, aber ich bin nicht sicher. Wir reden nicht wirklich drüber.“

Elternglück und Bibelworte

Mich fröstelt. Der Frühling hat sich wieder verzogen. Und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Ich stehe vor einem gemütlichen Café. Drinnen ist es warm. Ich rieche den Kaffee durch die Scheibe.
Direkt am Fenster sitzt eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn auf dem Schoß. Sie hält ihm ein Bilderbuch hin. Noch schaut er rein – und sie gelangweilt in die Gegend.
Sie wirkt angestrengt und leicht genervt.
Wo soll sie bei diesem Wetter auch hin mit ihrem Kind.
Auf den Spielplatz?
Vergiss es.
Durch die Fußgängerzone bummeln? Der Kleine bleibt an jeder Ecke stehen. Und dir frieren die Füße ab.
So ist sie im Café gestrandet. Hier ist es warm. Auszuhalten, solange der Kleine halbwegs ruhig bleibt.
Elternglück ist kein Zuckerschlecken.
Sie schaut auf. Merkt, dass ich sie beobachte. Ich gehe schnell weiter.
Ich bin in Hannover auf einer Fortbildung und jetzt für eine Stunde in der Stadt unterwegs, weil ich mir Gedanken über ein Bibelwort machen soll:

„… der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.“

Ich würde die junge Mutter zu gern fragen, wie sie diesen Satz versteht. Natürlich traue ich mich nicht. Sie würde sich nur blöd angemacht fühlen:
„Komm, lass mich in Ruhe. Für so was habe ich gerade wirklich keinen Nerv!“
Aber , spannend fänd ich schon, was ihr dazu einfällt…

Über die Hoffnung…

„Die Hoffnung kann wie ein Pflanze sein,
die sprießt und wächst
und den Menschen am Leben erhält,
aber auch wie eine Wunde,
die nicht heilen will.“
Carsten Jensen, Wir Ertrunkenen, S. 71

Nichts besitzen – alles haben

„Ich besitze nichts und habe alles“ schreibt Paulus.
Ich kenne dieses Gefühl:
als ich das erste Mal so richtig verliebt war, bei der Geburt unserer Söhne, auf meinem ersten Dreitausender, im Ziel beim Berlin Marathon.
Du besitzt nichts und hast alles.
Im Grunde ist das die Formel fürs glücklich sein.
Bei mir sind das immer nur kurze Momente.
Wenn ich Paulus richtig verstehe, dann sagt er: „das ist mein Grundgefühl.“
Geht das?
Und wenn das geht, dann will ich das auch…

Der Mensch bleibt immer derselbe…

„Der Mensch ist immer derselbe.
Man ist, wie man mit zwei Jahren war oder als Säugling und bleibt bis zum Ende so.
Was einen ausmacht, verliert man nicht.“

(Der ungarische Schriftsteller Peter Nadas in einem Interview der FAS am 19. Februar 2012)

Ich hoffe und ich fürchte er hat Recht: Der Mensch ändert sich nicht. Was mich ausmacht, bleibt.
Aber vielleicht lerne ich ja, besser mit mir umzugehen – im Laufe meines Lebens?