Klimasünden

Die größten Klimasünden

Im Internet gibt es eine Rangliste der größten Klimasünden.
Auf Platz drei dieser Liste steht: „Ein eigenes Auto haben.“ 
Klar, wenn ich viel mit dem Auto unterwegs bin, ist das schlecht für das Klima. 
Die zweitgrößte Sünde ist – logisch – „gelegentlich fliegen.“ 
Aber die größte Klimasünde auf dieser Liste macht mich wütend. 
Sie lautet: „Ein Kind in die Welt setzen.“ 
Also wenn es das Ziel wird, die Menschen von der Erde verschwinden zu lassen, hört es bei mir auf.
Ja, wir müssen unseren Lebensstil ändern. 
Aber: Jeder der sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde hat das Recht, hier zu sein, hat das Recht auf ein menschenwürdiges Leben. Und was bedeutet es eigentlich, wenn wir der nächsten Generation das Lebensrecht verweigern? 
Trauen wir ihnen nicht zu, anders zu leben als wir? 
Sie stehen gerade auf, demonstrieren jeden Freitag gegen unsere Art, die Ressourcen der Welt zu verschwenden. Sie suchen nach einem neuen Lebensstil. Wir sollten sie dabei unterstützen! Und erinnern wir uns: 
Es geht auch anders. Meine Großmutter war sehr sparsam. 
In ihrem Wohnzimmer stand ihr Leben lang immer derselbe runde Esstisch. 
Sie hat nachhaltig gelebt.
Den Tisch gibt es immer noch. An ihm isst jetzt mein Enkelkind.
Die Hoffnung in eine bessere Welt ist die Hoffnung in eine neue Generation. Die jungen Menschen wollen anders leben. Ich bin überzeugt, sie können das auch. Gott segne sie auf ihrem Weg.

Abschied nehmen?

Wir haben ich einen alten Pastor beerdigt. Er hatte ein gesegnetes Leben.
Auf dem Rückweg vom Grab spricht mich ein alter Kollege an:
„Sie haben zweimal gesagt „Wir nehmen Abschied.“ 
Ich nicke und schaue ihn fragend an.
„Aber das stimmt doch gar nicht!“ sagt er.  „Wir nehmen nicht Abschied! Ich bin jetzt über achtzig Jahre alt und ich lebe mit so vielen Toten: mit meinem Bruder. Er ist im Krieg vermisst. Wir haben noch lange gehofft. Er hat mich nie wirklich verlassen. Oder meine Mutter. Sie begegnet mir heute noch in meinen Träumen. Manchmal lächelt sie freundlich. Manchmal ist sie gar nicht einverstanden.“
Wir bleiben einen Moment stehen. So habe ich das noch nie gesehen. Die Verstorbenen gehen von uns – und bleiben doch. 
Mir fällt eine Szene ein: 
In seinen Memoiren beschreibt der Psychoanalytiker Irving Yalom einen Alptraum: Er rast auf einen schwarzen Abgrund zu. Plötzlich sieht er im Augenwinkel seine Mutter. Er ruft ihr zu: „Hallo Mama! Bist du zufrieden mit mir?“ 
In diesem Moment schreckt er auf. Irving Yalom schreibt: „Ich hatte diesen Traum mit 85 Jahren! Kann es sein, dass das Urteil meiner Mutter das einzige ist, was mich mein Leben lang angetrieben hat? Lebe ich für den Applaus von genau zwei Händen – von zwei Händen, die schon lange nicht mehr applaudieren?“
Ja, mein alter Kollege hat Recht – und er hat nicht Recht. Wir nehmen Abschied und wir tun es nicht. Das macht das Ganze nicht einfacher, im Gegenteil. Du spricht mit deiner Mutter, siehst deinen Vater. Manchmal kämpfst du innerlich mit ihnen. Manchmal machen sie dir Mut.
Es ist so: Wichtige Menschen bleiben, sie verlassen uns nie.
Manchmal helfen sie. Manchmal hindern sie uns am Leben. 

Sorge dich nicht!

Ich stehe im Garten und schaue noch oben. 
Über mir übt eine Gruppe junger Schwalben fliegen. Ich habe sie die „Schwalben Gang“ getauft.
Jesus sagt: „Sorgt Euch nicht! Seht die Vögel unter dem Himmel. Sie säen nicht, sie ernten nicht und euer himmlischer Vater ernährt sie doch.“ 
„Na ja,“ denke ich, „die Schwalbeneltern haben sich schon sehr um ihre Jungen gesorgt: Sie haben das Nest repariert, dann gebrütet und dann die Jungen gefüttert, von morgens bis abends.
Ob die überhaupt mal zur Ruhe kommen?“
Neulich habe ich dazu eine spannende Zahl gefunden. 
Es ging um die Frage: Wie viel Zeit ihres Lebens sind Vögel in Bewegung? 
Also wenn ich an meine Schwalben denke – bestimmt 90%, oder?
Falsch!
Vögel sind nur ein Drittel ihres Lebens mit Brüten, Füttern. Fliegen beschäftigt. Die meiste Zeit ruhen sie sich aus, baden, putzen ihr Gefieder… Und wir Menschen? 
Egal, ob im Beruf oder in der Freizeit: Wir sind ständig beschäftigt, haben immer was vor, müssen was schaffen.
Jesus sagt: „Sorgt euch nicht um morgen, es reicht, dass jeder Tag seine eigne Plage hat.“
Genau so leben die Schwalben: Sie tun immer das, was gerade dran ist: Nest bauen, brüten, die Jungen füttern. Dann ist gut. 
Wenn wir das könnten, dann hätten wir auch Zeit, einfach mal so. Wir wären frei, könnten fliegen, zumindest in Gedanken…

Mir fehlt nichts

Ich habe oft das Gefühl: Es muss vorangehen. Mein Leben soll anders werden, besser. Irgendwas fehlt immer. 
Einer Freundin ist es genauso gegangen. Sie wollte vor allem ruhiger und ausgeglichener werden. 
Sie ist dann nach Taize gereist, in dieses wunderbare Kloster in Burgund. Dort hat man viel Zeit für sich: Zeit zum Meditieren, Zeit zum Beten, Zeit für Stille. Aber man ist auch mit vielen Menschen zusammen. Man feiert dreimal am Tag Gottesdienst mit wunderbaren Gesängen, man redet über die Probleme der Welt.
Die Freundin hat die Zeit genossen – sie ist ein ganzes Jahr geblieben. 
Als sie zurückkommen ist, habe ich sie gefragt: 
„Was hast du aus Taize mitgebracht?“
Sie überlegt einen Moment. 
„Eigentlich.. nichts“ sagt sie. 
„Ich hatte ja schon alles, als ich hingegangen bin.“

„Was?“ frage ich „Dann war das ganze Jahr umsonst?“
Sie schüttelt den Kopf: „Nein! Auf keinen Fall!“ 
„Es fehlt mir an nichts! Das habe ich in Taize gelernt.“
Ich muss lachen: 
Sie hat Recht: Mir fehlt es auch an nichts. Ich habe alles. 
Es ist nur die Frage, was ich draus mache.

Beten heißt leben, nicht lesen

Nach einer Hochzeit in der Kirche kommt ein junger Mann, auf die Pastorin zu.
Er sagt: 
„Vielen Dank, die Trauung war sehr schön! Ich hätte noch eine Bitte: Ich würde so gerne lernen zu beten. Können Sie mir nicht ein Buch empfehlen?“
Die Pastorin lächelt: „Natürlich. Ich könnte Ihnen jede Menge Bücher empfehlen. Aber die würden Sie nur ablenken. Beten, das muss man leben, nicht lesen.“
Der junge Mann schaut ganz verblüfft.
„Waren Sie schon mal so richtig verliebt?“ fragt ihn die Pastorin. 
Er lächelt ganz verträumt: „Ich bin es gerade!“
„Und? Haben Sie erst ein Buch gelesen? Wie verliebe ich mich richtig oder so was in der Art?“ 
„Natürlich nicht!“ lacht der junge Mann.
„Aber beten, das ist mir so fremd. Was soll ich tun?“
„Ach, nichts Spezielles.“  antwortet die Pastorin. „Tun Sie, was sie tun mit ganzem Herzen.“
Doch der junge Mann ist noch nicht zufrieden: „Ich dachte ich brauche dazu eine besondere Haltung – Achtsamkeit, so in die Richtung.“
Die Pastorin nickt: „Stimmt schon. Wenn Sie richtig bei der Sache sind, können Sie immer und überall beten: beim Kochen, beim Email-Lesen, im Meeting. Schauen Sie sich um! Gott ist überall. 
Beten muss man nur üben.“ 

Wenn dein Kind dich fragt…

Emmy hat zu ihrem vierten Geburtstag eine Kinderbibel bekommen.
Sie blättert darin und bleibt bei einem Bild hängen: Mose hat die Zehn Gebote bekommen, er trägt die zwei Steintafeln in der Hand. 
„Das sind aber komische Tablets!“ meint sie. 
Verrückt, oder?
Das erste Tablet kam vor gut acht Jahren auf den Markt. Heute ist es das Tor zur Welt.
Wo soll das noch hinführen?Wenn die Jugendlichen uns fragen: „Was ist wichtig für unsere Zukunft?“ 
Was sollen wir antworten?
Der Historiker Yuval Noah Harari meint: „Ich würde den Jugendlichen raten: Hört nicht auf die Erwachsenen! Sie meinen es sicher gut mit euch. Aber sie kommen einfach nicht mehr mit. Die Entwicklung ist zu schnell und zu unübersichtlich.“
Er hat recht. Wir können der nächsten Generation nicht sagen, was sie tun und was sie lassen soll. Das sollten wir uns auch gar nicht anmaßen. 
Kein Mensch weiß, was kommt.
Aber trotzdem. Wenn ein junger Mensch mich fragt, was ist wichtig für mein Leben, dann würde ich antworten:
„Die Haltung. Sei nicht nur für dich selbst da, sondern auch für andere. Mach dir klar: Dein Leben hat einen Sinn – und überleg dir immer wieder welchen. Setz dich für andere ein – für Menschen, Tiere und Pflanzen, für alles, was lebt. Dein Leben ist ein Geschenk. Mach was draus! Für dich und für uns. 
Dann bist du gesegnet. 

Smartphone und Freiheit

Wir haben uns lange nicht gesehen. Jetzt stehen wir in uns der St. Nicolai Kirche in Göttingen gegenüber. Wir freuen uns und wir wollen uns nicht wieder aus den Augen verlieren, also: noch schnell die Handynummern austauschen. Wir zücken unsere Smartphones. Da kommt ein Kollege auf uns zu und sagt: „Ihr wisst schon, dass Ihr hier in der Kirche seid, oder?“ Wir schauen uns an. Was soll das denn?
Ein paar Tage später lese ich in dem Roman „Willkommen in Lake Success“ folgende Episode: Barry ist pleite, seine Ehe am Ende. Er ergreift die Flucht. Barry wirft sein Handy in die Mülltonne, steigt in den nächsten Bus und fährt los. Als er sich ein wenig beruhigt hat, will er doch noch mal schnell im Büro anrufen. Er greift in die Sakkotasche. Er hat Aber kein Smartphone mehr! 
Er ist frei! 
Ja, es stimmt: Es macht es mich nicht frei, dass ich immer und überall erreichbar bin, ganz im Gegenteil. Am schlimmsten ist es, wenn ich vor einem Gespräch vergessen habe, das Handy abzustellen – wie peinlich! Aber ich fühle mich auch unwohl, fast nackt, wenn das Ding nicht in Reichweite liegt. Meine wichtigste Verbindung zur Welt ist ein kleiner, schwarzer Kasten. 
Romanheld Barry schmeißt sein Smartphone weg. 
Soweit werde ich nicht gehen. Aber es muss Orte der Freiheit geben. Da ist das Smartphone tabu. 
Die Kirche ist so ein Ort.