Schlagwort: Gerechtigkeit

Wer lebt, stört.L

„Wer lebt, stört“ hab ich neulich gelesen. Das stimmt: Wer lebt, stört.
Aber das gilt auch umgekehrt: „Wer nicht stört, lebt nicht.“
Ich sitze im Café. Neben mir ein junges Paar mit ihrem Kind, so ungefähr zwei Jahre alt. Die Eltern sind ins Gespräch vertieft, die Kleine sitzt still in ihrem Buggy. Nach 20 Minuten kommt mir das seltsam vor. Warum ist das Kind so ruhig? Warum quengelt sie nicht und will raus aus ihrer Karre? Dann sehe ich es: die Kleine hat ein Smartphone in der Hand! Spielt irgendein „lustiges Kinderspiel“ und ist völlig in den Bann gezogen.
Ich sitze daneben und sage kein Wort. Geht mich ja nichts an…  Aber irgendwer müsste doch diesen Eltern mal was sagen! Das Kind wird doch hyperaktiv und kann nachts nicht schlafen…
Aber ich will ja nicht stören.
Da schaut die Kleine hoch, schmeißt das Smartphone weg und schreit. Der Papa sucht hektisch nach dem Gerät, die Mama springt auf und nimmt das Kind aus dem Buggy. Die Kleine läuft fröhlich kreischend durchs Café und verschwindet hinterm Tresen. Einige Erwachsene gucken genervt.
Wer lebt, stört. Und wer stört, macht sich nicht beliebt. Aber wer nicht stört auch nicht.

Von den Talenten

Meine Predigt vom letzten Sonntag

Die anvertrauten Talente
9. Sonntag nach Trinitatis

Er ist der Älteste von drei Geschwistern.
Als er dreizehn ist stirbt sein Vater.
Er sagt: „Bei der Beerdigung, auf dem Friedhof, spürte ich das erste Mal, dass ich die Hand meiner Mutter hielt und sie nicht mehr die meine.“
Von nun an ist das Geld in der Familie knapp.
Neue Klamotten gibt es nur selten. Stattdessen geht es regelmäßig in die Kleiderkammer der Caritas. Da entwickelt der Junge einen Kniff: er sucht sich immer irgendwelche besonderen Accessoires aus und kombiniert sie auf die irrsten Weisen und erzählt seinen Mitschülern: „Das ist der neueste Schick!“ – Ja klar.
Sein Faible für extravagante, in den Augen der Anderen oft unmögliche Kleidung wird sein Leben lang bleiben.
Er liebt die Musik, lernt Klavier und Querflöte. Doch es ist ihm sehr schnell klar: zum Musiker wird es nicht reichen.
In der Schule läuft es quälend. Er gehört zu den null Bock Schülern, hört den ganzen Nachmittag Radio und muss mehrere Klassen wiederholen.
Schließlich schafft er dann doch mit Müh und Not das Abitur.
Seine Mutter drängt auf ein Studium, aus dem Jungen soll was Anständiges werden.
Er beginnt ein Lehramtsstudium.
Bricht es ab.
Er sagt von sich selbst: „Ich wollte eigentlich immer nur eins. Menschen unterhalten.“
Und das kann er gut. Schon in der Schule.
Aber was ist das schon?
*
Jesus erzählt seinen Jüngern folgende Geschichte:
Ein Mann hatte eine lange Reise vor. Bevor er sich auf den Weg machte, vertraute er einen Teil seines Vermögens seinen Sklaven an. Dem einen gab er fünf Talente Silber, dem zweiten zwei und dem dritten schließlich eines, je nach ihren Fähigkeiten.
Als er nach langer Zeit zurückkam, rief er seine Sklaven zu sich und fragte sie, was sie aus dem ihn anvertrauten gemacht hatten.
„Du hast mir fünf Talente Silber anvertraut – ich habe fünf weitere dazu gewonnen“ sagte der erste.
„Das hast du sehr gut gemacht!“ sagte der Mann, „Ich will dir noch mehr anvertrauen! Und ich lade dich ein zu meinem großen Fest!“
Mit dem zweiten war es ebenso. Er hatte aus seinen zwei Talenten vier gemacht.
Der dritte aber sagte: „Ich weiß, dass du ein harter Mann bist. Du forderst viel und du erntest, wo du nicht gesät hast. Darum habe ich das Talent vergraben. Hier hast du es zurück!“
Da wurde der Mann zornig und sagte: „Du fauler Sklave! Wenn du weißt, dass ich hart und unbarmherzig bin, dann hättest du das Geld wenigstens zur Bank bringen können und ich hätte Zinsen gekriegt! Jagt ihn hinaus!“

*

Der „faule“ Knecht hat Recht.
Das Leben ist nicht gerecht. Den einen fällt alles zu und die, die sowieso schon nichts können, können sich gleich begraben.
Wir sorgen uns unendlich um unsere Kinder:
„Mach was aus deinem Leben!
Sei fleißig und zielstrebig!
Lern was Anständiges!
Lass deine Talente bloß nicht verkümmern!“
Das führt zu den verrücktesten Blüten:
„Unser Junge ist in der Schule zappelig und hat überhaupt keinen Bock auf das Ganze?
Nein, das liegt nicht daran, dass er den ganzen Nachmittag am PC sitzt und kaum Bewegung hat! Der Junge ist hochbegabt, der langweilt sich!“
Die Bewertung fängt im Kindergarten an und schon in der Grundschule streiten Eltern um die Beurteilung ihrer Kinder. Und die Lehrer sichern sich ab, wo sie nur können.
Das ist verrückt, aber eigentlich können sie sich doch auf diese Geschichte von Jesus berufen, oder?
Wer viel hat, dem wird viel gegeben. Wer nichts hat, dem wird das bisschen auch noch genommen, was er hat.
Aber Vorsicht!
So einfach ist das nicht.
Ich kenne genug Leute mit irrsinnig vielen Talenten, die absolut nichts daraus machen. Menschen, die ihre Gaben verschleudern, weil ihnen immer alles zugefallen ist – und weil sie meinen, dass müsste immer so bleiben.
Nach dem Einser Abitur nichts mehr auf die Reihe gekriegt.
Die anderen sind unzufrieden, weil ihnen ihre Gaben, ihre Talente nie reichen. Sie benehmen sich wie einer, der im Lotto fünf Millionen gewinnt und sich ärgert – im Jackpot letzte Woche waren schließlich zehn Millionen.
Jesus wird für diese Geschichte oft kritisiert. Weil sie scheinbar die herrschenden Verhältnisse zementiert.
Doch hier geht es nicht um die Menge der Fähigkeiten und Talente.
Hier geht es um die Frage, an welchen Gott du glaubst.
Glaubst du an den Gott der Härte, an den, der dich bestraft für jeden kleinen Fehler? Glaubst du an den Gott, der dir nichts verzeiht und dich gnadenlos aussortiert, wenn du nicht funktionierst?
Dann wirst du immer den vernünftigen Weg gehen, den sicheren. Dann wirst du dein Talent begraben, im Grunde dich selbst:
Dein Talent ist nicht wichtig.
Du bist nicht wichtig.
Hauptsache du funktionierst.
Dabei ist es ganz egal, ob du ein, drei oder fünf Talente anvertraut bekommst.
*
Was ist aus diesem Jungen geworden, der so früh seinen Vater verloren hat, dem jungen Mann, der nur ein Talent hatte?
Er läuft immer noch in schrägen Klamotten rum und unterhält die Menschen, mehr kann er ja nicht.
Er ist einer der bekanntesten Männer dieses Landes:
Thomas Gottschalk.
Nein, es geht nicht um die Menge der Gaben und Talente, die du mitbekommst.
Es geht in dieser Geschichte darum, an welchen Gott du glaubst:
den harten, unbarmherzigen, den „so ist das Leben nun mal“ Gott –
oder glaubst du an den Gott der Liebe, der dir deine Gaben schenkt,
der will, dass du lebst, dass du deine Gaben wachsen lässt; der an dich glaubt, auch wenn du es selbst nicht kannst – der dir wieder aufhilft, auch wenn du mal richtig krachen gehst – und der dich am Ende einlädt zu seinem großen Fest.
Amen.

Arm und reich?

Gedanken zu Jakobus 2,1-13

Martin Luther schätzte den Jakobusbrief überhaupt nicht. Er hätte ihn am liebsten aus dem Kanon der biblischen Schriften gestrichen. Folgende Begebenheit lässt ahnen warum.
Am Tag vor Heiligabend klingelt im Pfarramt das Telefon. Es meldet sich der Referent des neuen Oberbürgermeisters. Der ist erst vor wenigen Wochen gewählt worden. „Guten Tag Herr Pastor!“ sagt der Referent. „Der Herr Oberbürgermeister möchte gern an Heiligabend zu Ihnen in den Gottesdienst kommen.“ „Das ist aber schön!“ antwortet der Pastor. „Da freuen wir uns! Er ist wie jeder andere Christ herzlich willkommen!“
„Na fein. Könnten Sie bitte vier Plätze reservieren? Für ihn, seine Frau und die beiden Kinder?“
Der Pastor zögert keinen Moment: „Das tut mir leid! Reservierte Plätze gibt es in unserer Kirche nur für Rollstuhlfahrer. Ansonsten sind alle gleich und an Heiligabend gilt das Malerprinzip: Wer zuerst kommt, der malt zuerst. Wenn Herr Oberbürgermeister rechtzeitig erscheint, bekommt er auch gute Plätze, gleich in der ersten Reihe.“
Als er auflegt, ist er stolz auf sich. Er hat der Versuchung widerstanden. Die Reichen, die Angesehenen, werden in seiner Gemeinde nicht anders behandelt als die Armen. Ganz so, wie Jakobus es fordert.
Als er die Geschichte am Mittagstisch erzählt, ist sein Ältester ganz begeistert. „Richtig so! Das wäre ja noch schöner, dass wir für einen Politiker Plätze reservieren! Die wollen doch nur im letzten Moment kommen und dann sehen und gesehen werden. Das kommt überhaupt nicht in Frage!“
In der Woche nach Weihnachten kommt der Pastor ins Seniorenheim zur Andacht. Der Leiter begrüßt ihn ganz aufgeregt: „Stellen Sie sich vor! An Heiligabend war der neue Oberbürgermeister hier! Er hat sich richtig Zeit für uns genommen! Obwohl er noch weiter musste! Er wollte noch zur Polizei und ins Krankenhaus!“
„Aber es stand ja gar nichts darüber in der Zeitung!“ sagt der Pastor verblüfft.
„Nein, er war auch ganz allein hier. Ich glaube, er wollte diesen üblichen Aufriss nicht. Schon beeindruckend.“
In diesem Moment wird dem Pastor klar: Er ist in die Falle seiner Vorurteile getappt. Er hat lieblos gehandelt. Die Option für die Armen hat das Nachdenken über die Mächtigen und Reichen ersetzt. Die einen sind gut, die anderen schlecht. Und genau das sagt das Doppelgebot der Liebe eben nicht. Wer Menschen nach ihren äußeren Handlungen, Luther sagt „nach ihren Werken“ behandelt, wird sie schnell in Schubladen einsortieren: Mitleid für die einen und Misstrauen gegenüber den anderen.
Die Liebe lässt sich nicht von Vorurteilen leiten. Sie fragt, was mein Nächster jetzt gerade braucht. Das mag auch mal ein reservierter Platz im Gottesdienst sein.