Arm und reich?

Gedanken zu Jakobus 2,1-13

Martin Luther schätzte den Jakobusbrief überhaupt nicht. Er hätte ihn am liebsten aus dem Kanon der biblischen Schriften gestrichen. Folgende Begebenheit lässt ahnen warum.
Am Tag vor Heiligabend klingelt im Pfarramt das Telefon. Es meldet sich der Referent des neuen Oberbürgermeisters. Der ist erst vor wenigen Wochen gewählt worden. „Guten Tag Herr Pastor!“ sagt der Referent. „Der Herr Oberbürgermeister möchte gern an Heiligabend zu Ihnen in den Gottesdienst kommen.“ „Das ist aber schön!“ antwortet der Pastor. „Da freuen wir uns! Er ist wie jeder andere Christ herzlich willkommen!“
„Na fein. Könnten Sie bitte vier Plätze reservieren? Für ihn, seine Frau und die beiden Kinder?“
Der Pastor zögert keinen Moment: „Das tut mir leid! Reservierte Plätze gibt es in unserer Kirche nur für Rollstuhlfahrer. Ansonsten sind alle gleich und an Heiligabend gilt das Malerprinzip: Wer zuerst kommt, der malt zuerst. Wenn Herr Oberbürgermeister rechtzeitig erscheint, bekommt er auch gute Plätze, gleich in der ersten Reihe.“
Als er auflegt, ist er stolz auf sich. Er hat der Versuchung widerstanden. Die Reichen, die Angesehenen, werden in seiner Gemeinde nicht anders behandelt als die Armen. Ganz so, wie Jakobus es fordert.
Als er die Geschichte am Mittagstisch erzählt, ist sein Ältester ganz begeistert. „Richtig so! Das wäre ja noch schöner, dass wir für einen Politiker Plätze reservieren! Die wollen doch nur im letzten Moment kommen und dann sehen und gesehen werden. Das kommt überhaupt nicht in Frage!“
In der Woche nach Weihnachten kommt der Pastor ins Seniorenheim zur Andacht. Der Leiter begrüßt ihn ganz aufgeregt: „Stellen Sie sich vor! An Heiligabend war der neue Oberbürgermeister hier! Er hat sich richtig Zeit für uns genommen! Obwohl er noch weiter musste! Er wollte noch zur Polizei und ins Krankenhaus!“
„Aber es stand ja gar nichts darüber in der Zeitung!“ sagt der Pastor verblüfft.
„Nein, er war auch ganz allein hier. Ich glaube, er wollte diesen üblichen Aufriss nicht. Schon beeindruckend.“
In diesem Moment wird dem Pastor klar: Er ist in die Falle seiner Vorurteile getappt. Er hat lieblos gehandelt. Die Option für die Armen hat das Nachdenken über die Mächtigen und Reichen ersetzt. Die einen sind gut, die anderen schlecht. Und genau das sagt das Doppelgebot der Liebe eben nicht. Wer Menschen nach ihren äußeren Handlungen, Luther sagt „nach ihren Werken“ behandelt, wird sie schnell in Schubladen einsortieren: Mitleid für die einen und Misstrauen gegenüber den anderen.
Die Liebe lässt sich nicht von Vorurteilen leiten. Sie fragt, was mein Nächster jetzt gerade braucht. Das mag auch mal ein reservierter Platz im Gottesdienst sein.

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7 Gedanken zu “Arm und reich?

  1. In diesem speziellen Fall mag das stimmen,
    ich frage mich nur, was das mit dem Jakobus Brief zu tun hat?
    Im Jakobus Brief wird sinngemäss nur schlicht darüber geredet, daß ein Mensch,, der immer nur schöne Worte macht, schlisslich nicht glaubwürdig ist, weil er seine Worte nicht in Taten umsetzt? Richtig?

    Genau so unglaubwürdig ist z.B jemand, der ständig von Architektur redet, die schönsten Luftschlösser erschaffen kann, sagt man ihm aber, nun bau mir mal diese oder jene Garage, dann passt er, und sagt, er habe dafür die nötigen Kontakte, und das entsprechende Rüstzeug nicht zur Hand.

    Würdest du so jemand wohl dein Haus bauen lassen?

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    1. Der Zusammenhang drängt sich auf, wenn du den angegebenen Textabschnitt mal liest. Ich paraphrasiere: Nehmen wir mal an, zu euch in die Versammlung kommt ein Mann mit dicken Ringen an den Fingern und in den feinsten Zwirn gekleidet, und auch ein Armer mit dreckigen Klamotten. Wenn du nun dem Reichen sagst, „komm, setz dich hierher auf den Ehrenplatz“, und dem Armen, „bleib da hinten in der Ecke stehen“ oder auch „setz dich auf die Erde vor meine Füße“, werdet ihr dann nicht zu korrupten Richtern?

      Und der Jakobusbrief hat schon mehr zu bieten als nur „der Glaube ohne Werke ist tot“. (Paulus sagt „Früchte“ statt Werke…)

      Nun, ganz ehrlich, ich sehe immer noch nicht ein, warum der Oberbürgermeister mit seiner Familie (!) reservierte Plätze im Gottesdienst gebraucht haben soll. Warum sollte er eine Vorzugsbehandlung benötigen, womit sie verdient haben?
      Haben andere Leute auch einen Referenten, der anrufen kann und Plätze reservieren? Ich habe keinen, und deshalb bekomme ich allsonntäglich bestenfalls nur den Strohstuhl hinter der Kanzel, und muß eh die meiste Zeit stehen…

      Und: auch wenn keine Presse dabei war, der Weihnachtsbesuch im Altersheim ist nicht von reiner Nächstenliebe geprägt, sobald der OB „mit der Amtskette“, also als OB, dort auftritt.

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    2. Richtig. Das ist die eine Seite des Jakobus Briefes. Und da stimme ich ihm auch voll zu: „An ihren Taten sollt ihr sie erkennen.“ Und dass Armut bekämpft werden muss ist gar keine Frage.
      Aber Jakobus hat auch die andere Seite: eine starre Trennung zwischen Menschen, zwischen arm und reich. Die Armen sind die Guten und die Reichen die Bösen. Und genau da setzt meine Kritik an. Wenn wir aufhören, nach den Motiven zu fragen – und wenn wir die einen per se für gut erklären. Da unterschätzen wir sie gewaltig. Auch das ist ja eine Bevormundung der „Armen:“ es wird ihnen unterstellt, dass sie immer nur „die Verführten“ sind. Und den „Reichen“ werden grundsätzlich schlechte Motive unterstellt. So kommen wir nicht weiter. Und natürlich zähle ich mich zu den „Reichen“ – mag sein, dass auch daher meine „allergische Reaktion“ kommt…
      Schönen Sonntag!
      Dein
      Friedhelm

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      1. Ich hab das in meiner Predigt heute angedeutet. Jakobus polemisiert tatsächlich, er überspitzt und karikiert – und ist trotzdem derart anspruchsvoll, daß selbst Mutter Teresa nicht nachkommen konnte. In einem hat er sicher recht: die Selbstgenügsamkeit, die Jesus am reichen Kornbauern brandmarkt, ist eher eine Versuchung derer, die alles (zu) haben (glauben) als derjenigen, die ihren Mangel deutlich spüren.
        Und er bleibt ja auch bei dem reichen Luden nicht stehen, sondern geht weiter. Da ist die Sache mit dem Richten (war da nicht neulich bei Udo Vetter von einem Amtsrichter zu lesen, der durch seine eigenen Urteile eine Präzedenz schaffen wollte, damit er selbst wegen seiner Radarfotos milde beurteilt wurde?), da ist die Sache mit „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Der Arme und der Reiche dienen eher als Anschauungsmaterial, und letztlich ist beides, Vorzug und Rückstufung, keine Liebe.
        Reich sind wir eigentlich alle. Auch wenn ich bei weitem kein A13 beziehe (aber auch keine Miete zahle). Selbst Armut in Deutschland ist Armut auf hohem Niveau, verglichen mit der Südhalbkugel.

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      2. Danke Dir für Deinen Kommentar!
        Ja, reich sind w i r alle – aber nicht alle auf unserer Halbkugel. Und wir behandeln die Armen nicht gerade vorbildlich in unseren Gemeinden, dessen bin ich mir bewusst. Aber das darf eben auch nicht ins andere Extrem umschlagen…
        Beste Grüße und eine schöne Woche
        Friedhelm

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  2. Die Verbreitung eines rechtsunwirksame Text, samt Luthertext, der derzeit andererseits mit extremsten Hass/Hetzreden auffallend, gemäß EKD-Propaganda die Welt (Kosmus) für immer verändert haben soll, ist rechtlich zur Glaubhaftmachung abstrus. Hier die Ergänzung mit moderne Sage (ohne Daten, Namen), ist diffus. Sie wissen nicht was sie denken, reden, tun. Bleibt eine Art übergäriges Dialekt.Ob einem OB, der vom Bund zur Neutralität legitimisiert ist, Vereinsnahmung als Christ zusagt, bzw. ob es der Realität entspricht, ist meinerseits nicht zu beurteilen. Volksgenossen und Fremde lieben? Gewiss, wenn sie den Rachen des Klerus füllen, der doch auserählt mit Messgewand, Befchen, Albe Stolar oder gar Bischofstab Besseres ist. Einkommen eines OB steht in Abhängigkeit von Land, Gemeindegröße, deckt sich vielleicht durchschnittlich mit Bischofsbesoldung.
    Wenn Klerus auf der Kanzel steht, mache ich daran nicht mehr Nächstenliebe, nur mehr Ver-rücktheit aus. Reinheit (Ideal des Altertum) gibt es ohnehin nicht. Mensch ist auch kein Gewächs, welches Früchte erbringt. Anonyme Autoren waren keine Botaniker, Zoologen, Humanwissenschaftler.
    Allenfalls gibt es Fruchtschmiere, dh. Lipid, bzw. Talg, infolge Ernährung,Umwandlungsprozess. In medizinischen Bezeichnungen gibt es auch Kerne beim Mensch.

    Äppel sollte man auch in der Äppel-klau-sur der Erbsünderfabrik besser morgens, nicht am Abend essen. (Wegen der todbringenden Übergärung). Tee aus Chrisamthemen wirken gegen Herzklopfen, schlechten Schlaf und schwache Nerven. Frage die 100jährigen Japaner oder Arzt und Apotheker.:-)

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