Schlagwort: Glaube

Was weiß ich wirklich?

Eine alte Legende erzählt von vier blinden Weisen.
Ihr König bittet sie: „Findet heraus, was ein Elefant ist!“
Sie machen sich sofort auf den Weg und ertasten das Tier.
Als sie wieder zum König kommen, sagt der erste Weise:
„Ein Elefant ist wie ein langer Arm!“
„Unsinn! Ein Elefant ist wie ein riesiger Fächer!“ sagt der zweite.
Der Dritte meint: „Nein! Ein Elefant ist wie eine dicke Säule!“ 
Der vierte Weise behauptet: „Gar nicht wahr! Ein Elefant ist wie eine Schnur mit Haaren am Ende!“
Die Weisen fangen an, sich heftig zu streiten. 
„Hört auf!“ ruft der König,  
„Nun weiß ich, was ein Elefant ist:
Ein Elefant hat einen Rüssel wie einen langen Arm. 
Er hat Ohren wie riesige Fächer, 
Beine wie dicke Säulen und einen Schwanz wie eine Schnur.
Ich danke euch!“
Da werden die Weisen still.
Sie haben verstanden. 
Jeder hatte nur einen Teil des Elefanten ertastet – und jeder hatte gedacht, er kennt die ganze Wahrheit.
Ich denke, mit unserem Glauben, mit dem, was wir „Gott“ nennen, ist es genauso. 

Hex! Hex!

Meine Enkeltochter Ada ist drei Jahre alt. Sie liebt „Bibi und Tina.“ Das ist eine Zeichentrickserie über zwei Mädchen, die viele Abenteuer erleben. Eine von beiden, Bibi, kann „zaubern.“ 
Ada sitzt also vor dem Fernseher, schaut Bibi und Tina und ruft: „Opa! Limo!“ Ich frage sie: „Ada, wie heißt das Zauberwort?“ Sie strahlt mich an: „Auf die Plätze – fertig – los!“ Ich muss lachen. Ada hat gewonnen. Die Limo kommt sofort.
Ich erzähle die Geschichte einem Freund, seine Tochter Mia ist im selben Alter. 
Er lacht und nickt: „Das kenne ich. Mia hatte neulich im Kindergarten Zoff mit ihrer besten Freundin. Abends hat sie dann gebetet: 
„Lieber Gott, ich habe mich heute mit Marie gestritten. 
Bitte, bitte mach, dass Morgen alles wieder gut ist!
Hex! Hex!“
Ja, Kinder beten ganz unbekümmert. Sie wollen, dass ihre Probleme gelöst werden, ganz schnell und sofort. Kinder sagen dann schon mal „Hex! Hex!“ statt „Amen.“ Ich würde mich das nicht trauen. Aber wenn ich verzweifelt bin, wenn ich keinen Ausweg mehr weiß, dann fühle ich mich ganz genauso. Dann will ich auch, dass mein Gebet Zauberkraft hat: „Lass alles wieder gut werden! Ganz schnell und einfach so!“
Doch leider funktioniert das nicht. Ein Gebet ist keine Zauberformel. 
Bei „Bibi und Tina“ klappt das übrigens auch nicht. Wenn Bibi ruft „Hex! Hex!“ dann wird nicht alles sofort wieder gut. Aber: Die beiden Mädchen haben wieder Mut, sie trauen sich was. Und wirklich: Ihre Pferde schaffen den Sprung über den Graben! Doch springen müssen sie schon selbst. 
Wer betet lässt los und vertraut auf die Kraft, die uns hilft, im Leben zu bestehen.  
Ob Bibi gar nicht zaubert, sondern betet? Wer weiß…

Gesegnetes Neues Jahr


Wir begegnen uns zufällig in der Fußgängerzone. 
Ein kurzes Hallo und ich wünsche dem jungen Mann ein gesegnetes neues Jahr. 
„Gesegnet?“  fragt er und lächelt resigniert: 
„Glauben Sie wirklich, es gibt einen Gott, der sich für mich interessiert?“ 
Der junge Mann hat ein schweres Jahr hinter sich. Beruflich und privat. 
Er ist sehr selbstkritisch. Er hat immer geglaubt: Wenn du dich anstrengst, wenn du alles richtig machst, dann wird alles gut. Gott kann er sich nur als jemanden vorstellen, der alles in Ordnung bringt. 
Ehe ich etwas erwidern kann, ist in der Menge verschwunden. 
Schade.  
Ich hätte ihn gern an Maria und Joseph erinnert. 
Was haben die beiden falsch gemacht? Hätten sie dem Befehl des Kaisers nicht gehorchen sollen? Hätte Joseph auf seinem Recht auf eine vernünftige Unterkunft für seine Frau pochen sollen? Naive Fragen, ganz klar. Aber so denken wir, damit alles seine Ordnung hat. Und wenn nicht, dann muss irgendeiner Schuld haben. 
Maria und Joseph ziehen voll Vertrauen nach Bethlehem. Sie werden Opfer von Willkür und Gleichgültigkeit. Und Gott befreit sie nicht aus ihrer Not. Im Gegenteil. Auf den Stall folgt die Flucht nach Ägypten. Aber ihr Glaube wird nicht erschüttert, er wird verwandelt. 
Sie begegnen dem Gott, der sich für sie interessiert.
Sie sehen ihn in den Hirten, die ihre Scheu überwinden und Maria und Joseph in ihrem Elend besuchen. Sie spüren seine Kraft in den drei Weisen aus dem Morgenland, die das Licht der Welt suchen und es finden in diesem wehrlosen Kind. 
Sie fragen nicht nach dem Warum. 
Sie feiern das Leben, mitten in Wahnsinn und Angst. 
Das ist die Geburt des Glaubens. 
Das ist Segen – und nicht der naive Glaube, es müsse alles glatt gehen im Leben. 
Das hätte ich dem jungen Mann gern erzählt, damit er weiß, was ich meine, wenn ich ihm wünsche:
Gesegnetes neues Jahr! 

Kaffee kochen

Kaffee kochen
Wir brauchen eine neue Kaffeemaschine. Da mache ich mich doch erst mal im Netz schlau, wie man „richtig Kaffee kocht.“
Ich lese und staune: „Am besten kaufen Sie sich einen guten alten Porzellanfilter. Dann brauchen Sie noch eine Kaffeemühle, ein Thermometer und eine Waage. Jetzt kann es losgehen: Erwärmen Sie das Wasser auf 94 Grad. Inzwischen mahlen Sie den Kaffee und wiegen ihn ab. Dann feuchten Sie den Papierfilter leicht an, füllen das Kaffeemehl ein und geben erst mal einen Schluck heißes Wasser…“
Ja geht´s noch? Wann soll ich das denn machen? Ich brauche morgens eine Tasse Kaffee, und zwar ruck zuck. Am besten nur schnell auf einen Knopf drücken…
Für den wahren Genießer ist das Kaffeekochen keine lästige Arbeit, sondern Genuss. Und der fängt schon bei der Zubereitung an: der Zauber des Augenblicks.
Es ist schon komisch: wenn mir jemand verspricht, etwas geht einfacher und schneller, dann leuchten meine Augen. Schneller und einfacher ist immer besser. Hauptsache ich spare Zeit. Tempo um des Tempos willen.
Dabei weiß ich genau: Alles braucht seine Zeit.
Kaffee kochen als Übung in Achtsamkeit – das wäre doch was. Vielleicht sollte ich mir tatsächlich wieder so einen alten Porzellanfilter besorgen und wenigstens am Wochenende in aller Ruhe einen Kaffee kochen.
Ein bisschen Poesie im Alltag wär doch schön.

Glauben Sie an Gott?

„Glauben Sie an Gott?“
Das fragt in der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ ein 16jähriger, schwer kranker Junge den Chefarzt. „Nein!“ sagt der Mediziner spontan; und dann, zögernd: „Ich hatte mal eine Nahtoderfahrung. Seitdem bin ich mir nicht mehr so sicher, ob da wirklich nur Synapsen und Hormone am Werk sind.“
Der Arzt glaubt, dass da etwas sein könnte, aber der Begriff „Gott“ passt nicht.
So geht es vielen. Das Wort „Gott“ löst bei ihnen Unbehagen aus. Sie meinen: „Wenn ich an „Gott“ glaube, dann kaufe ich ein uraltes, vollmöbliertes Haus. Für meine eigenen Vorstellungen ist da kein Platz mehr.“ Darum ist das Wort „Gott“ für sie schwierig.
Meinen Konfirmanden geht das ähnlich. Die sagen grinsend: „Herr Pastor, ich glaube nicht, dass Gott die Welt an sieben Tagen erschaffen hat.“ Sie sind ganz erstaunt, wenn ich dann antworte: „Ich auch nicht. Für mich ist die Schöpfungsgeschichte ein Bild für die Liebe, die das alles erschaffen hat.“
Glauben ist nicht Wissen. Glauben meint Suchen, Tasten, Fragen. Das ist mühsam, fordernd, aber auch wunderschön. Wunderschön sind die Momente, wenn mein Suchen ans Ziel kommt, meine Fragen eine Antwort finden: Gott ist die Liebe. Und ich kann sie sehen, fühlen, riechen: im Lächeln eines Kindes. Im Wind auf meiner Haut. Im Duft einer Rose. „In aller Freundschaft“

Puzzle Himmel und Erde

Mein Freund Ralph hat vier Kinder und eine große Leidenschaft: Er puzzelt. Am liebsten natürlich mit einem der Kinder. „Puzzeln hat was Meditatives!“ sagt er, „Wir machen was zusammen und können dabei schweigen oder reden, ganz wie wir wollen.“
Kürzlich hat Ralph eine gute Idee: Er nimmt ein Foto vom jüngsten Urlaub: die ganze Familie mitsamt VW Bus am Strand in Dänemark. Daraus hat er ein Puzzle machen lassen, 1.000 Teile. Der Plan: Er will es gemeinsam mit Vincent, seinem Jüngsten, zusammensetzen. 1.000 Teile – eigentlich kein Ding für zwei so geübte Puzzler. Die beiden machen sich also an die Arbeit. Die untere Hälfte ist auch schnell geschafft: Sand in verschiedenen Schattierungen, ein Muschelfeld, der Wassersaum, Vater, Mutter, Kinder… Total einfach, wie´s Brötchenbacken.
Allerdings hat Ralph eine Kleinigkeit übersehen: er hat das Foto an einem Sommertag gemacht. Und – na ja: über die Hälfte des Fotos besteht aus strahlend blauem Himmel. Mit anderen Worten: Jetzt liegen über 500 blaue Teile vor ihnen, eines sieht aus wie das andere.
Die beiden sitzen ratlos davor. Ralph fragt Vincent: „Was machen wir jetzt? Packen wir wieder ein?“
„Auf keinen Fall!“ sagt der. „Wir geben doch nicht auf! Ein Bild ohne Himmel! Das geht doch gar nicht! Los! Wir machen weiter!“
Und sie machen weiter. Hinterher erzählt mir Ralph:  „Es war eine elende Plackerei! Mal findest du Ewigkeiten keine zwei Teile, die zusammenpassen, du willst schon verzweifeln, dann wieder passen auf einmal drei, vier Puzzleteile wie von selbst und du machst weiter. Und irgendwann erkennst du die Nuancen: ein leichter Schatten, blau ist nicht gleich blau.“
Natürlich haben sie es geschafft: ein perfektes, großes Puzzle mit Himmel und Erde.
Vincent hat ja Recht: Was wäre die Erde ohne den Himmel? Unvorstellbar!
Doch die Erde ist uns vertrauter. Das mag auch daran liegen, dass im Alltag so viel nach unten schauen. Wir haben so viel zu tun, dass wir uns gar nicht für den Himmel interessieren. Und wir sind phantasielos, stellen uns den Himmel ganz einfach vor: Friede, Freude…
In Wirklichkeit ist es viel komplizierter. Und Vincent hat natürlich Recht: eine Erde ohne Himmel – das geht gar nicht.

 

Wenn es einen Gott gibt…

„Es gibt keinen Gott!“ sagt er wütend. „Der hätte den Menschen nie geschaffen! Der Mensch ist der reinste Pfusch! Macht alles kaputt!“
Ich muss lachen.
„Warum lachst du?“ fragt er, noch wütender.
Ich zeige hinter ihn: da kommt die kleine Anna um die Ecke gewackelt. Anna ist gut eineinhalb Jahre alt. Jetzt läuft sie fröhlich juchzend auf ihren Opa zu. Der strahlt über das ganze Gesicht und breitet die Arme aus.
„Pfusch?“ frage ich.
„Nein! Anna ist perfekt! Ein Wunder! Aber das meine ich auch nicht…“
Ich weiß, was er meint.
Er redet, wie wir alle gern reden. Er redet von „dem Menschen.“ Und „der Mensch“ ist von übel, der macht alles kaputt.
Doch „den Menschen“ gibt es nicht.
Es gibt nur viele liebenswerte Menschen, wie die kleine Anna und ihren Opa.
Und Gott, der Schöpfer?
Ich glaube nicht an einen Alleskönner Gott, an einen der an sieben Tagen die perfekte Welt geschaffen hat und fertig.
Nein, perfekt ist diese Welt wahrlich nicht. Aber wunderschön.
Louis Armstrong hat diese Schönheit besungen.
Auf Deutsch klingt das so:
Ich sehe Bäume so grün,
rote Rosen blühn,
sie öffnen sich
für dich und für mich.
Und ich denk bei mir selbst:
Gott, wie schön ist die Welt.

Ich sehe den Himmel tiefblau
und Wolken schneeweiß
ein ganz neuer Tag,
die Nacht ist vorbei
und ich denk bei mir selbst:
Gott wie schön ist die Welt.

Die Farben des Regenbogens
stehen am Himmel, wunderschön,
und leuchten in den Gesichtern der Menschen,
die vorübergehen.
Freunde schütteln die Hand,sagen: „Wie geht es dir?“
doch eigentlich ist gemeint:
„Ich mag dich so sehr.“
Und ich denk bei mir selbst:
Gott wie schön ist die Welt.

Ich höre Babys schreien,
sehe wie sie gedeihen.
Sie wissen viel mehr
Als man mich je  gelehrt
Und ich denk bei mir selbst:

Gott wie schön ist die Welt.

 

Ja, die Welt ist wunderschön.
Aber was ist mit dem Leid? Mit der geschundenen Natur?
Ich glaube: Gott ist die Liebe. Diese Liebe leidet mit jedem Spatz, der kein Platz mehr für sein Nest findet, weil wir alles zugepflastert haben und die Liebe breitet die Arme aus für jedes Baby, das in die Welt kommt, obwohl wir schon viel zu viele sind.