Schlagwort: Hoffnung

Frohe! Ostern

Ostersonntag 2020

Ich erinnere mich noch gut an ein wunderschönes, zuversichtliches – für mich perfektes Osterfest. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, war so vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Ich war mit meinem Bruder im Ostergottesdienst morgens um neun. Es war wunderschön: voll Freude, eine einfühlsame Predigt.
Danach sind wir durchs Dorf gegangen. Es war friedlich und still. Der Frühling erwachte mit dem ersten grün. So wie heute.
An diesem Jahr haben ich Ostern immer gemessen. Ich dachte immer: „Ja, so muss Ostern sein! Nur so ist richtig Ostern! Voller Freude und Zuversicht! 
In diesem Jahr ist nun alles anders. Ist deswegen nicht „richtig“ Ostern?
In diesem Jahr lerne ich die andere Seite von Ostern kennen. 
Ja, ich sorge mich und nein, so ein Ostern haben wir ja alle nicht erlebt: Gottesdienste nur in der Ferne. Kein Osterbrunch. Kein Ostereiersuchen mit den Kindern. 
Das kann doch alles nicht wahr sein!
Wie soll es da Ostern werden, in unseren Herzen und Seelen.
Das kann doch alles nicht wahr sein…
Wenn wir genau hinschauen: Wir sind ganz nah dran! 
Im Grunde war beim allerersten Osterfest genau so.
Wenn wir uns die Osterberichte in der Bibel anschauen, dann wird klar:
Das war kein Freudenfest. Es war ein Fest der Zweifel, der Angst und der Trauer – und genau in diesen Moment wird die Saat der Hoffnung gelegt. Sie wird nur langsam aufgehen.

*

Schauen wir genau hin! In der Ostergeschichte begegnen uns nur zweifelnde und verzweifelte Menschen – Menschen, die alles verloren haben und irgendwie weiterleben müssen:
Die Jünger haben sich eingeschlossen. Sie sitzen zusammen, stumm und voller Angst, warten darauf, dass sie auch abgeholt werden. 
Der Feind lauert überall, innen und außen. 
Und was das allerschlimmste ist: Du kannst keinem mehr trauen. 
Judas, einer aus dem engsten Kreis, hat Jesus verraten. Petrus hat ihn verleugnet – und die anderen? Eingeschlafen, weggelaufen. 
Und jetzt? Halltet die Türen geschlossen! Bleibt unter euch! Draußen lauert der Feind. 
Und vermutlich auch hier drinnen. Angst ist ansteckend. 

*

Die zweite Ostergeschichte, die mir am Herzen liegt, ist die Emmaus Geschichte. Die beiden   haben sich gleich auf die Flucht begeben. Sie sind unterwegs nach Emmaus. Sie wollen ihr altes Leben zurück.
Flucht scheint ein Ausweg.

*
Und dann die wichtigsten: die Frauen am Grab. 
Sie machen sich am frühen Morgen auf. Sie tun, was sie noch tun können. Aber was hat das noch für einen Sinn?
Hoffnung? 
Hoffnung ist da keine am Ostermorgen. Ganz im Gegenteil. Ein Gemisch aus Angst und Trauer. 
Bleib zu Hause! Bleib in deinen vier Wänden! Rühr dich nicht. Sieh zu, dass du niemandem über den Weg läufst!
Aber wie willst du das auf Dauer aushalten?
Vielleicht kannst du zurück in dein altes Leben, an den See Genezareth. Vielleicht gelingt die Flucht nach Emmaus.

*

Aber du kannst auch was tun, wie die Frauen am Grab. Ein letzter Liebesdienst.
Das ist mir dieses Jahr Ostern besonders wichtig: 
Die Frauen sind die ersten, die die Auferstehung erleben. 
Diese Frauen, die etwas scheinbar Sinnloses tun. Sie wollen dem Toten einen letzten Liebesdienst erweisen. Sie versuchen, treu zu bleiben über den Tod hinaus. 
Die Frauen am Grab tun, was zu tun ist. 
Sie fühlen sich nicht als Heldinnen.
Sie sind wie vielen Frauen in den Krankenhäusern, in den Altenheimen, in den ambulanten Diensten. Sie sind einfach da für die, die Hilfe brauchen. 
Sie tun auch dann noch etwas, wenn man scheinbar nichts mehr tun kann. 
Sie sind verzweifelt wie die anderen, aber sie wollen sich wenigstens das letzte, ihre Trauer, nicht nehmen lassen. Mir ist dieses Jahr an Ostern klar geworden: Trauer ist eine Form der Treue.
Und noch einmal: die Frauen, die etwas tun und sei es nur ein letzter Liebesdienst, diese Frauen sind am nächsten dran an der neuen Wirklichkeit. 
Sie begegnen dem Auferstandenen als erste.

*

Also: Tun wir was! 
Beten wir für die Menschen, um die wir uns sorgen. Rufen wir sie an, wenn wir sie schon nicht besuchen können.
Schreiben wir einen Brief, eine SMS, ganz egal, lassen wir unserer Phantasie freien Lauf. 
Aber hüten wir uns vor dem Gedanken: „Ich kann ja doch nichts tun.“ 
Die Frauen, die etwas tun, die sind dem Auferstandenen am nächsten. Sie erfahren als erstes, dass er stärker ist als der Tod.

*

Und was wird aus den anderen?
Ja, die erfahren es auch. 
Die Emmaus Jünger sind auf der Flucht. 
Auf ihrem Weg gesellt sich ein Fremder zu ihnen. Der Fremde fragt sie aus und sie erinnern sich. 
Die Emmaus Jünger gehen den Weg der Erinnerung. 
Ihr Weg ist schmerzhaft. Sie müssen viel loslassen. Müssen sich von ihren Idealen und Vorstellungen lösen. „Wir haben geglaubt, er sei der Messias.“ 
Ich denke, sie haben eher geglaubt, er sei ihr ganz eigener Messias. Einer, der sie von der Last des Lebens befreit. Doch so einfach ist es mit dem Glauben eben nicht, auch nicht an Ostern.
Die Emmaus Jünger erkennen den Auferstandenen am Abend – in einer ganz alltäglichen Geste, im Brotbrechen. 
Gemeinsame Mahlzeiten, an einem Tisch sitzen, feiern. Das ist mehr als Nahrungsaufnahme. Das ist Nahrung für die Seele. 
Das wird uns in diesem Jahr schmerzhaft bewusst.
Doch sie haben nur kurz Gemeinschaft mit dem Auferstandenen. Als sie ihn erkennen, ist er schon wieder fort. Sie können seiner nicht habhaft werden. Sie können ihn nicht festhalten. Sie können vor dem Kreuz auch nicht fliehen. Sie müssen ihr Leben leben. Erlösung ist nicht Erlösung vom Leben, vom Alltag, sondern im Alltag. 
Und zuletzt erreicht die Botschaft die Auferstehung auch die eingeschlossenen Jünger, die wie gelähmt in ihrem Raum sitzen. Auch sie brauchen eine ganze Zeit, um zu glauben. 
Und eins ist mir noch deutlich geworden an diesem Ostern:
Die Frauen am Grab, die Emmaus Jünger, die Zwölf: 
Sie brauchen einander. Sie müssen miteinander reden über ihre Zweifel, über ihren Glauben, über das, was sie gesehen und erlebt haben. 
Genau wie wir: Wir brauchen einander. Kein Mensch kann für sich allein leben. Kein Mensch kann für sich allein glauben. 
Sein wir füreinander da. 
Gerade jetzt, wo wir ganz neue Wege zueinander finden müssen.
Nein, fröhlich ist Ostern dieses Jahr nicht.
Aber froh kann es sein – froh in der Saat der Hoffnung, die gerade aufgeht, damals so heute.
Frohe Ostern!  

Dich Wiedersehen.

Einige Gedanken zum Gedenkgottesdienst im Hospiz

„Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21)

be ich mich nach dem Frühling gesehnt! Endlich wieder Sonne! Endlich wieder Grün! Die Störche sind wieder da – und die Schwalben, meine Lieblingsvögel. Das kann alles so schön sein. Und unglaublich trostlos.
Was nutzt mir das Neue, wenn du nicht da bist? Was soll das Grün der Bäume, wenn du es nicht siehst, der Gesang der Vögel, wenn du ihn nicht hörst?
Das Neue wischt die Tränen nicht ab. Der Schmerz bleibt. Und dass das Leben einfach so weiter geht ist nicht tröstlich. Es ist brutal.
Siehe, ich mache alles neu.
Wie soll mich das trösten, wenn ich dich verliere?
Wenn der Tod noch ist und Tränen und Geschrei?
Uns wird ja ständig Neues versprochen – Ablenkung, Tröstung, aber kein Trost. Uns wird gesagt: Das Leben hat doch noch so viel zu bieten! Jetzt mal los!
Doch das ist Vertröstung, kein Trost.
All das Neue wird helfen, dass die Wunde vernarbt. Doch sie wird bleiben. Und tief in mir wird der Schmerz bleiben und die Traurigkeit wird bleiben.
Nein, es wird nicht alles gut.
Und wenn alles neu wird, dann nur mit dir.
Kein Leid. Kein Geschrei. Keine Tränen.
Das kann nur sein, wenn du wieder da bist.
Das Neue ist nur gut, wenn du nicht vergessen wirst. Wenn du bleibst. Mit deinen Wunden. Aber ohne Schmerz. Wenn ich erkenne, dass dein Leben nicht umsonst war; dass du geliebt bist. Stärker, als ich dich je lieben kann.
Das Neue ist nur gut, wenn ich dich aufgehoben weiß. Und erkannt. Wie ich dich nie erkannt habe.
Du wirst nicht vergessen. Du gehst und bleibst.
Wir werden uns wiedersehen. Ohne Tränen. Ohne Leid.

Über die Hoffnung…

„Die Hoffnung kann wie ein Pflanze sein,
die sprießt und wächst
und den Menschen am Leben erhält,
aber auch wie eine Wunde,
die nicht heilen will.“
Carsten Jensen, Wir Ertrunkenen, S. 71