Schlagwort: Liebe

Dietrich Bonhoeffer und Gründonnerstag

Heute ist Gründonnerstag.
Wir Christinnen und Christen erinnern uns an das erste Abendmahl: Jesus sitzt mit seinen Jüngern am Tisch. Sie gehören alle zusammen. Dabei sind sie wahrlich keine Helden:
Judas wird ihn verraten. Petrus wird ihn dreimal verleugnen, bevor der Hahn kräht. Jakobus und Johannes werden einschlafen, als Jesus sie am meisten braucht. Aber er schickt keinen von ihnen weg. Sie sitzen alle miteinander am Tisch.
Wie mögen sie sich fühlen, am Tag danach?
Ob sie sich dieselbe Frage stellen wie viel, viel später Dietrich Bonhoeffer? 
Er wurde heute vor 75 Jahren, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, ermordet. 
Dietrich Bonhoeffer war der Seelsorger der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 – aber nicht mit stolzgeschwellter Brust, sondern getrieben von Ängsten und Zweifeln.
Er schreibt aus seiner Gefängniszelle:
„Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind
mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste
der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind
durch Erfahrung misstrauisch gegen die Menschen geworden… 
sind wir noch brauchbar?“
Heute ist Gründonnerstag. Es ist auch der Tag der Ängstlichen, der Zweifelnden, der Gebrochenen. Wir sitzen alle mit am Tisch. Niemand wird weggeschickt.
Die Liebe führt uns zusammen. 

Von Bäumen und Menschen

Der Förster Peter Wohlleben redet gern von der „menschlichen Seite“ der Bäume. 
Das klingt ja erst mal etwas seltsam. Aber dann erzählt er in seinem Buch von einem uralten Buchenstumpf in seinem Wald.  Der schlägt immer wieder aus. 
Peter Wohlleben sagt: „Mir wurden in diesem Moment klar: Dieser Baumstumpf wird von den gesunden, großen Buchen mitversorgt. Sie sorgen für ihn wie Kinder für ihre alte Eltern. Die Bäume stehen in ganz engem Kontakt!“
Ein Biologe schüttelt den Kopf. Er sagt in einem Interview: „Was mich an Wohlleben am meisten ärgert, ist, dass er die Bäume vermenschlicht. Die alte Wurzel ist streng genommen ein Schmarotzer. Gerade bei Buchen herrscht ein knallharter Kampf ums Überleben. Nur die wenigsten schaffen es bis ganz nach oben.“ 
„So, so“ denke ich. „Vermenschlichung ist schlecht…“
Aber du sprichst vom „Kampf ums Überleben.“ 
Dabei stehen die Buchen doch einfach nur im Wald rum und wachsen vor sich hin. Die „kämpfen“ doch gar nicht.“ 
Mir ist klar geworden: Wir brauchen diese Bilder, diese Vermenschlichung, um die Welt zu verstehen.  
Wir Christen sagen in der Karwoche: „Gott leidet mit diesem Menschen am Kreuz.“
Andere sagen: „So ein Unsinn! Wenn es überhaupt einen Gott gibt, dann leidet der nicht. Wir sind dem total egal. Jeder muss sehen, wo er bleibt.“
Auch hier zwei Bilder, die einander gegenüberstehen: 
Ewiger Kampf – oder ewige Liebe.
Beweisen kann ich nichts. Aber ich kann an den Bilder erkennen, wie ich zum Leben stehe, auch zu meinem eigenen. 
Ich glaube nicht an den kalten, harten Kampf ums Überleben. 
Ich glaube, dass die Liebe bei uns ist. 
Auch im Kreuz, auch im Leiden. 

Liebe zum Fahrrad?


„Dieses Fahrrad ist nie geliebt worden!“ schnauzt mich mein Fahrradhändler an, als ich mit dem noch gar nicht so alten Rad meines Sohnes um die Ecke komme.
Ich hatte gedacht, da wär noch was zu retten…Er hat ja Recht: mein Sohn hat höchstens mal Luft aufgepumpt – aber Pflege und Reparaturen – null…„Okay.“ denke ich, „Man kann ein Fahrrad sicher besser behandeln als ein sechzehnjähriger, ab und zu mal putzen, die Bremsen reparieren oder wenigstens die Kette ölen – aber sein Fahrrad lieben? Das ist doch wohl reichlich übertrieben. So´n Fahrrad ist schließlich nur ein Gebrauchsgegenstand.
Mein Sohn ist inzwischen erwachsen. Aber diese kleine Geschichte ist bei mir hängengeblieben. Heute verstehe ich meinen Fahrradhändler. Er kann über Fahrräder schwärmen wie kein zweiter, hat ein unglaubliches Fachwissen. Er liebt seinen Beruf und er tut alles dafür, dass seine Kunden genau das Fahrrad bekommen, dass sie brauchen.  Kein Wunder, dass der Mann seine Fahrräder wirklich liebt. Er kennt sie genau, ihre Vorzüge und Tücken, er weiß um ihre Bruchstellen – und die Leidenschaft, mit der sie gemacht wurden.
Ist doch eigentlich immer im Leben so. Wenn man nicht einfach nur gleichgültig benutzt, wenn man genau hinguckt, dann muss man ins Herz schließen. Dann fängt man an zu lieben. 

Ein Fahrrad lieben?

„Dieses Fahrrad ist nie geliebt worden!“ schnauzt mich mein Fahrradhändler an, als ich mit dem noch gar nicht so alten Rad meines Sohnes um die Ecke komme. Ich hatte gedacht, da wär noch was zu retten…
Er hat ja Recht: mein Sohn hat höchstens mal Luft aufgepumpt – aber Pflege und Reparaturen – null…
„Okay.“ denke ich, „Man kann ein Fahrrad sicher besser behandeln als ein sechzehnjähriger, ab und zu mal putzen, die Bremsen reparieren oder wenigstens die Kette ölen – aber sein Fahrrad lieben? Das ist doch wohl reichlich übertrieben. So´n Fahrrad ist schließlich nur ein Gebrauchsgegenstand.
Mein Sohn ist inzwischen erwachsen. Aber diese kleine Geschichte ist bei mir hängengeblieben. Heute verstehe ich meinen Fahrradhändler. Er kann über Fahrräder schwärmen wie kein zweiter, hat ein unglaubliches Fachwissen. Er liebt seinen Beruf und er tut alles dafür, dass seine Kunden genau das Fahrrad bekommen, dass sie brauchen.
Kein Wunder, dass der Mann seine Fahrräder wirklich liebt. Er kennt sie genau, ihre Vorzüge und Tücken, er weiß um ihre Bruchstellen – und die Leidenschaft, mit der sie gemacht wurden. Ist doch eigentlich immer im Leben so. Wenn man nicht ex und hopp macht, sondern genau hinguckt, dann muss man ins Herz schließen. Dann fängt man an zu lieben.

22.222 Tage

22.222 Tage

Was für ein Sommer! Und ich hatte einen Ohrwurm. Mit einem Mal war er da. Ein Lied von Reinhard Mey:
„So viele Sommer mit dir verbracht,
mit dir geliebt und geweint und gelacht.
Lass uns den Sommertag heut‘ glücklich leben,
wie viele Sommer mag es noch geben?“

O ja, dieser Sommer hatte für mich viele glückliche Tage. Und dann gab es für mich ein ganz besonderes Jubiläum. Ich habe das zufällig mitgekriegt: Ich bin in diesem Sommer genau 22.222 Tage alt geworden. Klingt ganz schön alt. Aber ganz ehrlich: 22.222 – so wahnsinnig viel finde ich das gar nicht. Wenn mich jemand gefragt hätte: „Wie viele Tage bist du schon auf der Erde?“ dann hätte ich noch eine Null drangehängt. Denn in meinen 61 Jahren habe ich schon ganz schön viel erlebt.
Ich finde, das ist ein gutes Zeichen: Wenn sich das Leben sich so reich anfühlt. Dafür bin ich dankbar. Und die schönsten Tage? Es waren die Tage der Liebe.
Noch einmal Reinhard Mey:
Die Liebe überstrahlt alles im Leben,
alle Gestirne verblassen daneben.
Die einzige Botschaft, der einzige Sinn,
die einzige Zuflucht liegt doch darin,
einander Trost und Wärme zu geben.
Die Liebe überstrahlt alles im Leben.
Das wünsche ich Ihnen heute: einen Tag, an dem die Liebe alles überstrahlt.

 

 

 

Glauben Sie an Gott?

„Glauben Sie an Gott?“
Das fragt in der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ ein 16jähriger, schwer kranker Junge den Chefarzt. „Nein!“ sagt der Mediziner spontan; und dann, zögernd: „Ich hatte mal eine Nahtoderfahrung. Seitdem bin ich mir nicht mehr so sicher, ob da wirklich nur Synapsen und Hormone am Werk sind.“
Der Arzt glaubt, dass da etwas sein könnte, aber der Begriff „Gott“ passt nicht.
So geht es vielen. Das Wort „Gott“ löst bei ihnen Unbehagen aus. Sie meinen: „Wenn ich an „Gott“ glaube, dann kaufe ich ein uraltes, vollmöbliertes Haus. Für meine eigenen Vorstellungen ist da kein Platz mehr.“ Darum ist das Wort „Gott“ für sie schwierig.
Meinen Konfirmanden geht das ähnlich. Die sagen grinsend: „Herr Pastor, ich glaube nicht, dass Gott die Welt an sieben Tagen erschaffen hat.“ Sie sind ganz erstaunt, wenn ich dann antworte: „Ich auch nicht. Für mich ist die Schöpfungsgeschichte ein Bild für die Liebe, die das alles erschaffen hat.“
Glauben ist nicht Wissen. Glauben meint Suchen, Tasten, Fragen. Das ist mühsam, fordernd, aber auch wunderschön. Wunderschön sind die Momente, wenn mein Suchen ans Ziel kommt, meine Fragen eine Antwort finden: Gott ist die Liebe. Und ich kann sie sehen, fühlen, riechen: im Lächeln eines Kindes. Im Wind auf meiner Haut. Im Duft einer Rose. „In aller Freundschaft“

Puzzle Himmel und Erde

Mein Freund Ralph hat vier Kinder und eine große Leidenschaft: Er puzzelt. Am liebsten natürlich mit einem der Kinder. „Puzzeln hat was Meditatives!“ sagt er, „Wir machen was zusammen und können dabei schweigen oder reden, ganz wie wir wollen.“
Kürzlich hat Ralph eine gute Idee: Er nimmt ein Foto vom jüngsten Urlaub: die ganze Familie mitsamt VW Bus am Strand in Dänemark. Daraus hat er ein Puzzle machen lassen, 1.000 Teile. Der Plan: Er will es gemeinsam mit Vincent, seinem Jüngsten, zusammensetzen. 1.000 Teile – eigentlich kein Ding für zwei so geübte Puzzler. Die beiden machen sich also an die Arbeit. Die untere Hälfte ist auch schnell geschafft: Sand in verschiedenen Schattierungen, ein Muschelfeld, der Wassersaum, Vater, Mutter, Kinder… Total einfach, wie´s Brötchenbacken.
Allerdings hat Ralph eine Kleinigkeit übersehen: er hat das Foto an einem Sommertag gemacht. Und – na ja: über die Hälfte des Fotos besteht aus strahlend blauem Himmel. Mit anderen Worten: Jetzt liegen über 500 blaue Teile vor ihnen, eines sieht aus wie das andere.
Die beiden sitzen ratlos davor. Ralph fragt Vincent: „Was machen wir jetzt? Packen wir wieder ein?“
„Auf keinen Fall!“ sagt der. „Wir geben doch nicht auf! Ein Bild ohne Himmel! Das geht doch gar nicht! Los! Wir machen weiter!“
Und sie machen weiter. Hinterher erzählt mir Ralph:  „Es war eine elende Plackerei! Mal findest du Ewigkeiten keine zwei Teile, die zusammenpassen, du willst schon verzweifeln, dann wieder passen auf einmal drei, vier Puzzleteile wie von selbst und du machst weiter. Und irgendwann erkennst du die Nuancen: ein leichter Schatten, blau ist nicht gleich blau.“
Natürlich haben sie es geschafft: ein perfektes, großes Puzzle mit Himmel und Erde.
Vincent hat ja Recht: Was wäre die Erde ohne den Himmel? Unvorstellbar!
Doch die Erde ist uns vertrauter. Das mag auch daran liegen, dass im Alltag so viel nach unten schauen. Wir haben so viel zu tun, dass wir uns gar nicht für den Himmel interessieren. Und wir sind phantasielos, stellen uns den Himmel ganz einfach vor: Friede, Freude…
In Wirklichkeit ist es viel komplizierter. Und Vincent hat natürlich Recht: eine Erde ohne Himmel – das geht gar nicht.