Schlagwort: Liebe

Advent! Leg los!

„Advent“ heißt „Ankunft.“
Wo wollen wir ankommen?
Worauf warten wir eigentlich?
Erst mal auf einen schönen Heiligabend: Behaglichkeit, gutes Essen, Lichterglanz.
Klar, bis dahin ist noch viel zu tun – geschenkt, wir schaffen das, haben wir ja jedes Jahr. Aber so richtig Weihnachten ist, wenn die Kerzen brennen. Der magische Moment. Erleuchtet, perfekt, am besten für immer.
Das ist das Geheimnis: Wir warten auf den magischen Moment. Dafür arbeiten wir. Dafür lohnt die ganze Schinderei, der Stress, der Wahnsinn.
Wir warten auf den Kuss des Lebens, die große, ewige Liebe, die mich nie, niemals enttäuscht. Und dann, ja dann geht es los. Aber so richtig. Das ist mein ganz persönlicher Advent. Wenn ich endlich angekommen bin. Dann kann mich nichts und niemand mehr. Dann fange ich an zu leben.
Bethlehem ist anders. Zwei enttäuschte Menschen: frustriert von der Macht, die sie hin und her schubst, in die Fremde jagt.
Sie sind auch einander gar nicht so sicher:

„Von wem ist das Kind, Maria?“
„Warum reicht es nicht mal für eine vernünftige Unterkunft, warum sind wir hier gestrandet, in diesem elenden Stall, Josef? Was soll aus unserem Sohn bloß werden?“
Und doch: am Heiligen Abend stelle ich mir diese beiden als die glücklichsten Menschen der Welt vor. Sie sind angekommen; im Glück, im Leben, bei Gott.
Advent. Ankunft. Es mag dunkel sein in deinem Leben, mühsam und schwer. Doch wenn es einen einzigen Menschen gibt, für den du da sein kannst – wenn es einen einzigen gibt, der sich um dich sorgt, dann ist Advent. Dann bist du angekommen. Dann musst du nicht länger warten.

Dann leg los.

Mensch sein

Mensch sein

„Wenn ich ehrlich bin, bin ich enttäuscht. Als ich jung war, dachte ich, ich könnte das Menschsein überwinden. Jetzt bin ich sechzig und ich weiß, damit wird es nichts mehr, jedenfalls nicht in diesem Leben.“
Das sagt in dem Roman „Das Reich Gottes“ von E. Carrere ein frommer Mann zu seinem Freund. Der lacht ihn aus: „Das Menschsein überwinden hahaha! Sowas kannst auch nur du sagen. Wie naiv bist du eigentlich?“
„So, so, und warum treibst du Yoga?“ fragt der zurück.
Der Freund stutzt. Er könnte antworten: „um fit zu bleiben.“ Doch das wäre gelogen. Wenn er ehrlich ist, dann treibt er Yoga, um sein Bewusstsein zu erweitern.
Wie ist das bei mir?
Warum bin ich Christ? Warum beschäftige ich mich mit dem Glauben, versuche ein spirituelles Leben zu führen?
Wenn ich ehrlich bin, geht es mir genau darum: Ich will raus aus dem alltäglichen Kleinklein. Ich will mir keine Sorgen mehr machen um all den Schwachsinn, der mir das Leben schwermacht. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Doch das funktioniert nicht. Ich kann mein Menschsein nicht überwinden. Das Leben holt mich immer wieder ein. Das Leiden der anderen, der Ärger über mich selbst.
Aber was soll das Ganze dann? Warum soll ich mich überhaupt mit dem Glauben beschäftigen, wenn ich doch nur ein ganz normaler Mensch bleibe?
Jesus nennt sich selbst „Menschensohn“ – oder ganz einfach „Mensch.“ Er erzählt Geschichten aus dem Alltag: von Weinbauern, verlorenen Söhnen, von den Vögeln am Himmel und den Blumen auf dem Felde. Er ermutigt die Seinen: Seid füreinander da! Freut euch an euren Stärken und steht zu euren Schwächen.
Lasst euch an eure Bestimmung erinnern.
Seid Menschen.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Casting des Lebens

Casting des Lebens

Im Film Lalaland läuft die junge Schauspielerin Mia von einem Casting zum anderen. Sie ist immer top vorbereitet. Das eine Mal spielt sie eine ergreifend tragische Szene. Sie fängt sogar an zu weinen – in dem Moment klopft es an der Tür. Die Jury hat Kaffee bestellt. Mia ist raus. Beim nächsten Mal wird sie nach zehn Sekunden unterbrochen: „Danke, es reicht.“ Mia lächelt unsicher, packt ihre Sachen und bedankt sich auch noch. Vorbei.

Mia ist so eine tolle junge Frau, hängt sich voll rein, doch das interessiert keinen. Zuletzt ist sie nur noch ausgelaugt, fühlt sich wie eine Null. Es reicht eben nicht zur Schauspielerin. Doch sie weiß nicht, warum. Ihre Richter bleiben stumm.

Im Casting des Lebens bin auch ich oft so ein stummer Richter: gefühllos, desinteressiert. Ich komme aus der Bäckerei und kann schon nicht mehr sagen, wie die Verkäuferin ausgesehen hat. Jemand erzählt mir von seinen Problemen und ich werde nervös: „Mach hinne, ich muss weiter,“ bin gedanklich schon wieder ganz woanders.

Leben geht anders. Leben heißt: Ich bin jetzt hier, ich bin für dich da, jetzt in diesem Moment.

Mia findet dann doch noch ihre Rolle, weil sie jemanden an ihrer Seite hat, der an sie glaubt, der für sie da ist, im richtigen Moment.

 

Lieb haben

„Lasst uns einander liebhaben“ heißt es im 1. Johannesbrief.
Was für ein schöner, schlichter Satz. Keine großen, aufwallenden Gefühle, kein stürmisches Meer, eher die ruhige See; schön, einfach und selbstverständlich.
Seit füreinander da. Einfach so. Nicht mehr und nicht weniger.
Der barmherzige Samariter hat den Schwerverletzten lieb, ist im entscheidenden Moment für ihn da, mehr nicht. Er wird ihn wohl nie wiedersehen. Doch das ist nicht wichtig.
Einander liebhaben. Das klingt so einfach. Doch warum will uns das so oft nicht gelingen?Ein Grund ist sicher: Wir meinen, keine Zeit zu haben.
„Wir sollten uns mal wieder treffen!“
„Komm doch mal vorbei.“
„Wenn du Zeit hast…“
Floskeln einer höflichen Gleichgültigkeit.
Einander Liebhaben braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Einander Liebhaben hütet sich aber auch vor zu großen Erwartungen.
In den Charts steht zurzeit ein Lied gerade ganz oben:
„I only miss you when I’m breathing,“
„Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.“
In der deutschen Übersetzung klingt das so:
„Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Ich brauch dich nur, wenn mein Herz schlägt.
Du bist die Farbe, die ich blute.
Du bist das Einzige, an das ich glaube.
Ich weiß, du kommst zurück zu mir und
ich werde hier auf dich warten, bis zum Ende.
Ohne deine Liebe weiß ich nicht, wie ich überleben soll.
Du bist, was mich am Leben erhält.
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Du bist die Droge, die ich brauche,
das Paradies nach dem ich suche.
Ich lebe und hoffe, dass da ein Grund ist.
Kann meine Lippen nicht bewegen, aber mein Herz schreit:
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Ich schreie deinen Namen, aber du antwortest mir nicht.
Schlage Alarm, erzähle es jedem.
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme…
Dieser Schlager klingt wie ein Psalm: Der Beter drängt, er hofft, er setzt alles auf eine Karte. Der Beter will in den Arm genommen werden, es soll ihm gutgehen. Er will sich verlieren, will das Gefühl: Ich bin etwas Besonderes, meine Liebe ist heilig. Er richtet sich an einen Menschen. Er kann und darf nur das Schöne an ihm sehen, alles andere wird ausgeblendet.
Doch was, wenn die Geliebte unter die Räuber fällt? Wo bleibst du dann mit deiner reinen, unbefleckten Sehnsucht?
Aber selbst wenn ich dieses Gebet als an Gott gerichtet verstehen wollte, wäre es mir unheimlich.
Nein, Gott, ich vermiss dich nicht, wenn ich atme, du bist ja immer da. Ich vermiss dich nur, wenn mir die Luft ausgeht, wenn ich nicht mehr weiterweiß.
Und was, wenn du, Gott unter die Räuber fällst? Wenn du ans Kreuz genagelt wirst? Ist das dann Gotteslästerung, eine Verletzung meiner religiösen Gefühle? Muss ich mir dann ein neues Objekt für meine Liebe suchen, ein heiliges, unantastbares?
„Wer liebt kennt Gott.“
Wir Christen sagen: Gott ist ein leidender, geschundener Mensch geworden, verlassen von allen; einer, der Hilfe braucht.
Der barmherzige Samariter hat das verstanden. Er ist einfach da, als er gebraucht wird. Er fragt ganz schlicht: „Was kann ich für diesen Menschen tun?“
„Lasst uns einander liebhaben, lasst uns für die Verfolgten, Geschundenen da sein und wir werden verstehen, was das heißt:
Gott ist die Liebe.
Ja, wir schaffen das.

Liebe ohne Leiden?

Andacht für den NDR, Radio Niedersachen, „Himmel und Erde“

Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden.“ Erinnern Sie sich? So hieß ein Schlager von Udo Jürgens. Er hat ihn 1984 für seine Tochter Jenny gesungen. „Ich wünsch ich Dir Liebe ohne Leiden und Glück für alle Zeit.“ Das wäre so schön. Ja, das wünschen Väter ihren Töchtern. Obwohl wir natürlich genau wissen, dass das nicht geht. Und Udo Jürgens wusste das natürlich auch.

Tatsächlich. Liebe ohne Leiden gibt es nicht. Man ist eine Weile verliebt, Schmetterlinge im Bauch… Doch auf die Dauer reicht das nicht. Liebe ohne Leiden wäre wie ein Schiff ohne Tiefgang. Wenn ich einen Menschen wirklich liebe, dann will ich ihn so annehmen wie er ist. Ich will für ihn da sein, wenn es ihm schlecht geht. Ich will ihm Mut machen in den Mühen des Alltags.
Ich werde oft gefragt: Wenn Gott unser Vater ist, müsste er dann nicht dafür sorgen, dass seine Kinder nicht leiden? Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass er im Leiden bei uns ist.
Wie ein Vater von vier Kindern, der gefragt wird: „Welches deiner Kinder liebst du am meisten?“ „Keins von ihnen! Ich liebe alle meine Kinder gleich!“ antwortet er. „Ach komm!“ bohrt der Frager, „mach dir doch nichts vor! Der Vater denkt lange nach. Dann sagt er: „Du hast Recht. Ich liebe immer das Kind am meisten, um das ich mich am meisten sorge. Wenn eines meiner Kinder krank ist, dann liebe ich das am meisten.
Wenn eines Probleme in der Schule hat – liebe ich das am meisten. Wenn ein Kind Liebeskummer hat – dann liebe ich das am meisten. Und wenn ein Kind das Gefühl hat, ein Versager zu sein, dann liebe ich das am meisten.“
Genau das wünscht Udo Jürgens auch seiner Tochter: jemanden, der immer an ihrer Seite steht. Sein Lied ist fast ein Gebet:
Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden, und eine Hand, die Deine hält
Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden und dass Dir nie die Hoffnung fehlt
Und dass Dir Deine Träume bleiben und wenn du suchst nach Zärtlichkeit,
wünsch ich Dir Liebe ohne Leiden und Glück für alle Zeit

Den anderen ändern?

Andacht für den NDR, Radio Niedersachsen

Der leere Parkplatz
Wir kennen uns schon ewig. Ich mag ihn wirklich gern. Aber ab und zu bringt er mich zur Weißglut. Jahrelang habe ich mich darüber geärgert:
Er kommt immer auf den letzten Drücker! Das bringt mich so auf die Palme! Das war schon in der Schule so! Kurz vor der Lehrerin noch eben in die Klasse gehuscht.
Ich habe immer gedacht: Das muss doch nicht sein! Der kann doch mal eine Viertelstunde früher aufstehen!
Der müsste mal so richtig …
Ja, ich hab ihm schon das ein oder andere Mal einen richtig schönen Denkzettel gewünscht, damit er sich endlich mal ändert. Doch dann habe ich diese kleine Geschichte gefunden:

Ein junger Mann ist zur Ausbildung bei einem großen Autokonzern. Sein Abteilungsleiter nimmt sich seiner an und nimmt die Aufgabe sehr ernst. Da der junge Mann noch keinen Führerschein hat, holt er ihn jeden Morgen von zu Hause ab und nimmt ihn mit ins Werk. Der Chef ist immer sehr früh dran. Wenn sie im Werk ankommen, ist der Parkplatz noch leer. Doch er fährt immer bis ganz nach hinten durch und sie müssen einen weiten Weg bis zu ihrem Arbeitsplatz laufen.

Am dritten Tag kann der junge Mann sich die Frage nicht mehr verkneifen: „Warum fahren Sie eigentlich immer bis ganz nach hinten? Der ganze Parkplatz ist doch noch frei!“ Er antwortet: „Die früh kommen, können gut noch ein Stück laufen. Darum sollten sie hinten parken. Aber die, die morgens spät dran sind, brauchen die Plätze weiter vorn, damit sie es noch rechtzeitig zur Arbeit schaffen.“

Was für ein weiser Mann! Er liebt es, morgens rechtzeitig anzukommen, ganz gemütlich zum Arbeitsplatz zu schlendern und in aller Ruhe zu beginnen. Aber er versucht nicht, die anderen zu erziehen. Er lässt sie so sein, wie sie sind.
Wie viel sinnlose Zeit und Energie geht mit dem Versuch drauf, die anderen von meiner und nur von meiner Art zu leben zu überzeugen.
Ja, jetzt sehe ich meinen alten Schulfreund mit anderen Augen. Als ich einer Freundin davon erzähle, sagt die schmunzelnd:

Versuche nie, jemanden dir gleich zu machen. Denn Gott weiß – und du weißt es im Grunde auch: einer von deiner Sorte ist mehr als genug.

Liebe deine Feinde

Meditation für die Evangelische Zeitung

„Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen nicht widerstehen sollt, sondern: Wenn dich jemand auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die andere hin. Wenn dich jemand verklagen will und dir den Rock nehmen will, gib ihm auch den Mantel. Wenn dich jemand zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, so geh zwei mit ihm. Gib dem, der dich bittet und wende dich nicht von dem ab, der etwas von dir borgen will.
Ich habt gehört, dass gesagt ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel seid. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.
Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für einen Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Geschwistern freundlich seid, was tut ihr Besonderes? Tun nicht dasselbe auch die Ungläubigen?
Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.“
(Matthäus Evangelium, Kapitel 5, Vers 38-48)

„Liebe deine Feinde.“
Das ist die Vollendung der christlichen Ethik. Wenn ich das könnte, wäre ich ein wahrer Heiliger, wie Franz von Assisi, wie Martin Luther King, wie Mahatma Gandhi. Doch warum soll ich das tun? Und wie soll das gehen?
Soll ich meine Feinde lieben, damit sie bessere Menschen werden? Soll ich ihnen ein Beispiel in guter, christlicher Lebensführung geben und darauf hoffen, dass sie mir folgen? Das wäre nicht mehr als ein frommer Wunsch. Jesus selbst muss erfahren, dass seine Folterer ihn keinen Deut besser behandeln, weil er keinen Widerstand leistet, ganz im Gegenteil. Ignatius weist darauf hin, dass die Soldaten immer schlimmer werden, wenn man sie gewähren lässt. Wer von der Macht der Gewalt fasziniert ist, wird sich nicht von Gewaltlosigkeit überzeugen lassen. Wer mir den Mantel nimmt, wird sich freuen, wenn ich ihm auch die Jacke gebe. Wer mich beschämt, wird mich um so mehr verachten, wenn ich ihm keinen Widerstand leisten. Pädagogisch kann das Gebot der Feindesliebe nicht gemeint sein.
Die zweite Frage lautet: Wie kann ich in einer Welt voller Gewalt die Feindesliebe leben und überleben?
Eine Möglichkeit besteht darin, sich aus der Welt zurückzuziehen. Das Gebot der Feindesliebe gilt dann nur in eigenen, christlichen Gemeinschaft. Für die ersten Christen war das möglich. Sie waren eine kleine, verfolgte Minderheit. In den ersten Jahrhunderten ist es ihnen strikt verboten, in den Militärdienst einzutreten. Doch nach der konstantinischen Wende, als der christliche Glaube zur Staatsreligion wird, ändert sich alles. Jetzt findet man das absolute Gewaltverbot nur noch bei den sogenannten Häretikern. Aus ihrer Haltung spricht oft das Erschrecken über eine Kirche, die mit Gewalttätern paktiert: die Waldenser im Gegenüber zum Papsttum des Mittelalters, die Täufer zur Reformation, Tolstoi zur russisch orthodoxen Kirche, Martin Luther King zum christlichen Abendland. Immer wieder stehen Menschen auf und sagen nein zur Gewalt, die den Glauben verrät, die die Menschheit teilt in gut und böse. Und immer wieder müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen: „Ihr wollt euch nur die Hände nicht schmutzig machen, zieht euch zurück aus der Welt und lasst den Staat das tun, was nötig ist.“
Doch ihr Verzicht auf Gewalt dient immer dazu, den anderen zu schützen, ihm einen Ort der Geborgenheit und der Sicherheit zu geben, das Leben lebenswert zu machen. Ihr Verzicht auf Gewalt richtet sich gegen einen Staat und eine Kirche, die der Verführung der Gewalt nicht widerstehen und sie gegen die Menschen richten.
Doch es gibt auch die andere Seite. Dietrich Bonhoeffer, der Seelsorger der Hitler Attentäter vom 20. Juni 1944, sieht in dieser Situation keinen anderen Weg als den der Gewalt. Er sagt: „Du kannst nicht zusehen, wie ein Irrer mit dem Auto den Kudamm herunter rast, du musst ihm ins Lenkrad greifen.“
Heute würden wir sagen: Du kannst nicht zusehen, wenn jemand mit einem Kanister Benzin in Richtung Asylbewerberheim läuft.
Der Grad ist schmal. Doch das Ziel kann nicht sein, ein Heiliger zu werden, geliebt und geehrt. Die vollkommene Liebe hat nicht sich selbst im Blick. Und wer wollte leugnen, dass die Gewalt der Liebe immer im Wege steht. Sie ist immer auch ein Verrat an der vollkommenen Liebe des Gottes, den ich nicht verstehe, denn er lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini in Braunschweig

Kinder und Ausländer

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung:

„Gibt es bei euch im Kindergarten auch Ausländer?“ fragt Tante Angela die kleine Emma.
„Nein. Nur Kinder.“ antwortet sie.
Ihre Tante erinnert sich daran, warum sie so froh ist, in Deutschland zu leben: weil es bei uns genau so sein soll: alle Menschen sind gleich! Es ist egal, wo sie herkommen, welcher Religion sie angehören oder welche Sprache sie sprechen. Wir Christinnen und Christen sagen: Wir sind alle Kinder Gottes.
Doch täuschen wir uns nicht, der Kindergarten ist kein Idyll.
„Hier gibt es nur Kinder, keine Ausländer“ heißt nicht, hier gibt es keinen Streit und keine Auseinandersetzungen, ganz im Gegenteil. In der Sandkiste geht es heiß her. Die Kinder sind eben noch ins Spiel vertieft – und streiten sich im nächsten Augenblick wie die Kesselflicker. Aber sie vertragen sich auch ganz schnell wieder
Doch „Ausländer“ ist da keine Kategorie. Heute spielt Emma mit Arzu, morgen spielt sie mit Sophie. Kinder verstehen sich. Sie lernen Sprachen ganz schnell. Auch die ohne Worte.
Wenn jemand aneckt und nervt, bekommt er vielleicht Ärger. Aber kein Kind fliegt aus dem Kindergarten, weil es einem anderen Kind nicht passt. Und kein Kind darf machen was es will, egal ob es blonde Haare hat und hochdeutsch spricht oder schwarzhaarig ist und gerade erst Deutsch lernt.
Ausländer? Was soll das sein?
Einer, der in einem anderen Land lebt. Das ist spannend, aber hier spielt das keine Rolle.
Kinder haben ein gutes Gespür dafür, wenn es anderen schlecht geht oder sie ungerecht behandelt werden. Sie versuchen sofort zu helfen.
Jesus sagt: „Lasst die Kinder zu mir kommen. Ihnen gehört das Reich Gottes.“

Pharisäer und Zöllner

Predigt am 16. August in St. Martini

Pharisäer und Zöllner
11. Sonntag nach Trinitatis
„Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Zöllner.“
Das Phänomen kennen wir alle. Als Täter und Opfer. Ich bin gern anders als die anderen – und ich leide darunter, wenn ich ausgeschlossen werde, weil ich nicht so bin wie sie: zu alt oder zu jung, zu reich oder zu arm, zu links oder zu rechts – nicht richtig eben…
Aber die Rolle wechselt: mal bin ich Pharisäer, mal Zöllner. Mal froh, auf der richtigen Seite zu stehen, mal traurig, weil ich nicht dazu gehöre.
Das Phänomen hat sich nicht geändert. Und doch frage ich mich, ob Jesus dieses Gleichnis heute noch genau so erzählen würde.
Wo finde ich ihn noch, den selbstzufriedenen Pharisäer, den, der weiß, dass alles gut ist, der immer auf der richtigen Seite steht?
*
Ich kenne diesen Typen nur aus dem Fernsehen, von Pegida Demonstrationen oder vor Flüchtlingsheimen:
„Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Ausländer.“
Diese Menschen, die dann anonyme Leserbriefe gegen die Dompredigerin schreiben – Briefe, die so übel sind, dass sie nicht veröffentlicht werden können.
Stehe ich jetzt selbst auf der anderen Seite?
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie diese Brandstifter und Heckenschützen?“
Nein, ich glaube nicht. Ich bin Cornelia Götz dankbar für ihr mutiges Interview. Es ist nötig, dass wir als Christinnen und Christen klar Stellung beziehen für die Ärmsten der Armen, für die, die unsere Hilfe brauchen.
Und doch höre ich Jesu Warnung vor Selbstgerechtigkeit sehr deutlich: Sei dir deiner selbst, sei dir deines Lebensstils nie zu gewiss. Mach dich selbst nicht groß dadurch, dass du andere klein machst.
Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Ich finde diesen feisten, selbstgewissen Typen nur noch selten – auch nur selten in mir selbst.
Ich bin mir meiner nicht mehr gewiss. Ganz im Gegenteil, ich würde mir das manchmal wünschen, endlich mal sagen zu können: Ich bin froh, dass ich so bin wie ich bin.
*
Woran das liegt?
Ganz einfach:
Du darfst nicht mehr stillstehen.
Du darfst nicht einfach so zufrieden sein mit dem, was ist. Du musst dich verbessern, ständig und stetig. In der Technik gilt: das Bessere ist der Tod des Guten. Das Iphone 6 ist besser als das fünfer.
Der bessere Mitarbeiter ist eine Gefahr für den guten: er ist jünger und schneller.
Die heutigen sechzigjährigen, sagt man, sind so fit wie früher die Menschen mit vierzig. Schön und gut. Also versuch, so fit zu sein wie mit dreißig…
Wir sind immer unterwegs, immer dabei, uns zu optimieren, wir stellen uns nicht einfach hin und sage: „Danke, dass ich so bin wie ich bin.“
Stillstand ist Rückschritt, also: Weiter! Weiter! Weiter!
Der Pharisäer ist so selbstzufrieden, weil er alles richtig macht.
Mal ehrlich: Wer wollte das heute von sich noch behaupten?
Nein, wir sind aus einem anderen Grund selbstzufrieden:
Wir sind auf dem richtigen Weg wir verbessern uns ständig. Wir laufen mit Schwung und selbstgewiss in den seelischen Tod.
*
Ein Arzt hat mir von einer neuen Krankheit erzählt, die in letzter Zeit stark um sich greift. Er hat jetzt die ersten Patienten bei sich in der Klinik.
Diese Krankheit heißt Orthorexie:
Milch ist tabu, Zucker sowieso, Weizenprodukte werden verschmäht, selbst Obst und Gemüse aus dem konventionellen Anbau kommen nicht mehr auf dem Tisch. Gegessen werden nur noch wenige ausgewählte Lebensmittel, im Extremfall vielleicht nur im eigenen Garten Angebautes. Manche Menschen beschäftigen sich so intensiv mit gesunder Ernährung, dass sie davon krank werden.
Diese Menschen haben oft auch das Gefühl der Überlegenheit und einen starken Missionierungseifer. Sie wollen andere von ihrer Art, sich zu ernähren überzeugen.
*
Schrecklich, oder?
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Mann mit seiner Orthorexie!“
Dann doch lieber herzhaft in die fette Bratwurst beißen:
„Herr, sei mir dickem Sünder gnädig.“
Sie sehen, die Grenzen sind fließend und ich habe immer beides in mir:
den Selbstgerechten – und den Selbstgerechten.
Entweder freue ich mich, dass ich vegan lebe, dass ich so sportlich bin – oder ich äußere mich abfällig gegenüber denen, die wenigstens versuchen, halbwegs gesund zu leben.
Doch krank werden können beide: die einen sind übervorsichtig, die anderen übergewichtig.
Im Grunde sind beide wie dieser Pharisäer.
Was macht der Zöllner anders?
*
„Herr, sei mir armem Sünder gnädig.“
Er verzichtet auf etwas, das uns Pharisäern so unendlich wichtig ist.
Er verzichtet auf den Stolz.
Die englische Schriftstellerin Zadie Smith sagt: „Stolz ist doch etwas merkwürdiges. Sollte ich stolz auf meinen weißen Vater sein – oder auf meine schwarze Mutter? Ich habe nichts dafür getan, oder? Ich bin froh, dass ich diesen tollen, warmherzigen Vater habe und diese Mutter, die mir so viel liebe gegeben hat. Ich freue mich, ja. Aber Stolz?
Ich bin dankbar, dass ich in Großbritannien lebe, aber stolz darauf, Engländerin zu sein? Ach, ich weiß nicht…“
*
Dass wünsche ich uns selbstgerechten Pharisäern – die sind wir als Christinnen und Christen ohne Zweifel immer wieder: Ich wünsche uns, dass wir unseren Stolz überwinden und einfach nur dankbar sind für das große Geschenk des Glaubens.
Dass ich wünsche ich uns grüblerischen, an uns selbst zweifelnden Zöllnern – denn auch das ist uns ja nicht fremd: dass wir froh sind über die Liebe, die uns begleitet auf unseren gerade und unsren krummen Wegen.
Amen.

Liebe und Talent

David Foster Wallace sagt über das Schreiben – über das Leben:

„Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mir Gags ausdenke oder irgendwelche formalen Kapriolen schlage, bis mir klar wird, dass dieser ganze Kram eigentlich gar nicht der Geschichte dient; vielmehr dient er dem sehr viel düstereren Zweck, dem Leser zu vermitteln:
Hey! Schau mich an! Schau dir an, was ich für ein guter Schriftsteller bin! Lieb mich gefälligst!“
„Ich bin inzwischen überzeugt, dass gute Texte gewissermaßen zeitlos lebendig und heilig sind. Das hat eigentlich gar nicht so viel mit Talent zu tun, nicht mal mit einem richtig schillernden. Talent ist nur ein Werkzeug. Wie wenn man einen Stift hat der schreibt, statt einem, der nicht schreibt…
Mir scheint doch, der große Unterschied zwischen großer Kunst und mittelprächtiger Kunst liegt irgendwo im Herzensanliegen dieser Kunst…
Das hat etwas mit Liebe zu tun. Damit, die Disziplin aufzubringen, den Teil von sich sprechen zu lassen, der lieben kann, und nicht nur den, der einfach geliebt werden will…
Anscheinend läuft es bei den wirklich großen Schriftstellern so, dass sie dem Leser oder der Leserin etwas „schenken.“ Die Leserin verlässt ein echtes Kunstwerk schwerer, als sie es betreten hat. Voller. Die ganze Aufmerksamkeit und der Einsatz und die Arbeit, die man seinen Lesern abverlangen muss, darf nicht einem selbst zugutekommen – es muss ihnen zugutekommen.
Unser heutiges kulturelles Umfeld ist deswegen so tödlich, weil man solche Angst davor haben muss, das durchzuziehen.

Gefunden bei und zitiert nach
Zadie Smith, Sinneswechsel.