Schlagwort: Mut

Ein bisschen mehr Amsel

Heute Morgen hat mich eine Amsel geweckt. Mitten im Januar. Es ist dunkel und kalt – und sie singt ihr Frühlingslied. Sie singt von dem, was ich eigentlich ja auch weiß: Es wird wieder Frühling. Ich kann mich drauf freuen. Klar, es bleibt noch eine ganze Zeit dunkel und kalt. Aber ganz langsam wird es schon wieder heller. 
In dieser schweren Zeit wünsche ich mir ein bisschen mehr Amselgesang. Zu oft tue ich so, als ob es für immer Winter bleibt. Als ob ich nur noch diese Landschaft sähe: kahle Bäume, grauer Himmel.
Dabei muss ich mir nur einen Moment Zeit nehmen und genau hinschauen: Im Garten wachsen Winterlinge, Schneeglöckchen, Gänseblümchen. Die Boten des Frühlings zeigen sich schon. 
Und dann höre ich Gesang der Amsel. Wie schön. Sie erinnert mich:
Auch in diesen so harten Zeiten, es wird wieder Frühling.
Der indische Dichter Tagore schreibt: „Der Glaube ist der Vogel, der das Tageslicht spürt, bevor der Morgen dämmert.“ 

Wer lebt, stört.L

„Wer lebt, stört“ hab ich neulich gelesen. Das stimmt: Wer lebt, stört.
Aber das gilt auch umgekehrt: „Wer nicht stört, lebt nicht.“
Ich sitze im Café. Neben mir ein junges Paar mit ihrem Kind, so ungefähr zwei Jahre alt. Die Eltern sind ins Gespräch vertieft, die Kleine sitzt still in ihrem Buggy. Nach 20 Minuten kommt mir das seltsam vor. Warum ist das Kind so ruhig? Warum quengelt sie nicht und will raus aus ihrer Karre? Dann sehe ich es: die Kleine hat ein Smartphone in der Hand! Spielt irgendein „lustiges Kinderspiel“ und ist völlig in den Bann gezogen.
Ich sitze daneben und sage kein Wort. Geht mich ja nichts an…  Aber irgendwer müsste doch diesen Eltern mal was sagen! Das Kind wird doch hyperaktiv und kann nachts nicht schlafen…
Aber ich will ja nicht stören.
Da schaut die Kleine hoch, schmeißt das Smartphone weg und schreit. Der Papa sucht hektisch nach dem Gerät, die Mama springt auf und nimmt das Kind aus dem Buggy. Die Kleine läuft fröhlich kreischend durchs Café und verschwindet hinterm Tresen. Einige Erwachsene gucken genervt.
Wer lebt, stört. Und wer stört, macht sich nicht beliebt. Aber wer nicht stört auch nicht.

Die Frage der Fragen

Die Frage der Fragen
Gestern haben wir in einem Gottesdienst unsere „Wackelzähne“ aus dem Kindergarten verabschiedet. Sie kommen nach den Sommerferien in die Schule. Wir wünschen Euch, liebe Kinder, Gottes Segen für Euren weiteren Lebensweg! Geht Eure Wege mutig und fröhlich!
Und wir wünschen Ihnen, liebe Eltern, dass Sie Ihre Kinder dabei mutig und mit viel Liebe unterstützen. Das ist nicht immer einfach.
Es gibt so viele falsche Träume: Der Vater, der will, dass sein Sohn so gut Fußball spielt wie Mario Götze. Die Mutter, die ihre Tochter schon auf dem Laufsteg sieht… Kinder werden viel zu oft auf Rollen und Vorbilder festgelegt. Sie jagen Idealen hinterher, die sie niemals erreichen können.
Es dauert dann oft lange, bis sie ihre Gaben erkennen und den Mut finden, ihren eigenen Weg zu gehen.
Darum, liebe Eltern: Verwechseln Sie Liebe nicht mit falschen Träumen. Haben Sie den Mut, Ihre Kinder ihre eigenen Wege gehen zu lassen, auch wenn es weh tut. Erinnern Sie sich immer wieder daran:
Ihre Kleinen sind vor allem eins: Geliebte Kinder Gottes. So gewollt, wie sie sind.
Dabei mag Ihnen diese alte jüdische Weisheit helfen. Martin Buber hat sie aufgeschrieben. Er nennt sie die Frage der Fragen:
„Vor dem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Sussja, warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht David gewesen?
In der kommenden Welt wird man mich fragen: Sussja, warum bist du nicht Sussja gewesen?“
Pastor Friedhelm Meiners, St. Martini

(Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung

Advent

Advent
In der Tradition ist der Advent auch eine harte Zeit: die kleine Fastenzeit.
Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen.
Dabei ist es so naheliegend:
Zwei Menschen müssen in die Dunkelheit. Gemeinsam und jeder für sich allein. Eine unsinnige Reise. Befohlen von einer fremden Macht.
Ein gefährlicher Weg liegt vor dir.
Was tust du in so einer Situation?
Du hältst inne. Wappnest dich für das, was vor dir liegt.
Du kannst nur mitnehmen, was du tragen kannst. Wähle es sorgfältig aus.
Besinn dich auf deine Kräfte. Besinn dich auf den Mut und die Liebe, die in dir wohnen. Du weißt nicht, ob du das Ziel erreichst. Es hängt nicht nur von dir ab.
Bald geht es los. Du wirst Abschied nehmen von deinen Verwandten und Freunden. Dabei wirst du manche schöne und manche böse Überraschung erleben. Wer ist dein Freund? Wer hat Angst und keine Zeit? Du bist auf dich allein gestellt. Und bist es nicht. Sammle deine Kräfte für den Weg in die Dunkelheit. Oder durch die Dunkelheit? Am Anfang des Weges weiß man das nie.
Es wird keinen Raum geben in der Herberge. Die Gefahren sind groß, die Menschen hartherzig. Du wartest. Fassungslos. Wehrlos. Auf den Fluren der Krankenhäuser. In den Mühlen der Bürokratie.
Sei klug bei jedem Schritt, den du tust. Doch bleib auch offen: Du wirst überrascht sein, wie viel Liebe und Sympathie dir begegnen.
Es ist Raum in der Herberge, im Stall. Und sie sind da: Fremde mit großen, offenen Herzen. Sie können dir nichts abnehmen. Aber sie sind behutsam. Sie achten dich in deiner Angst und in deiner Not. Sie werden dir beistehen. Sie werden deinem Körper Gutes tun und deiner Seele Kraft schenken. Sie werden die besten Kräfte in dir wecken. Sie begleiten dich nur einen Moment. Ganz und gar. Und können dir schenken, was du am nötigsten brauchst:
Hoffnung.
Advent.