Schlagwort: Eltern

Hannah geht

Hannah war damals so ungefähr fünf Jahre alt. Sie wusste schon sehr genau, was sie wollte – und sie ging keinem Streit mit ihrer Mutter aus dem Weg.  Eines Tages reichte es ihr: „Mama, ich gehe jetzt!“ sagte sie wütend und holte, ihren kleinen Koffer aus der Spielecke. 
„Ist gut mein Kind!“ sagte ihre Mutter und half ihr beim Packen. Gemeinsam packten sie alles ein, was man mit fünf so zum Leben braucht: Hannahs Kuscheltier, ihr Lieblingsbuch…
Ihre Mutter schmierte ihr sogar noch ein Brot und schnitt ihr einen Apfel, damit sie unterwegs nicht hungern musste. 
Dann machte Hannah sich auf den Weg. Ihre Mutter stand an der Tür und winkte ihr hinterher. 
Doch schon an der nächsten Straßenecke bekam sie so ein Heimweh, dass sie ganz schnell wieder nach Hause lief. Und da stand ihre Mutter immer noch in der Tür, strahlte sie an und nahm ihr Kind in die Arme: „Das ist aber schön, dass du wieder da bist!“
Wenn Jesus die Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt, dann meint er im Grunde genau das: 
Nicht nur unsere Kinder, auch wir Erwachsenen brauchen genau das: Dieses Gefühl, wir können loslassen – wir können uns auf den Weg machen – und wir können doch immer wieder zurückkehren – nach Hause! 
Hannah ist übrigens inzwischen eine sehr selbstbewusste, tolle junge Frau.

Ehrgeiz und Zufriedenheit

Daniel Kahneman schreibt in seinem Buch „Schnelles Denken, langsames Denken:
„Die Ziele von Teenagern beeinflussen das, was ihnen widerfährt, wohin sie es bringen und wie zufrieden sie sind. Ein Rezept für ein unglückliches Erwachsenenalter besteht darin, Ziele festzusetzen, die besonders schwer zu erreichen sind.“ (495)
Das ist für mich vor allem eine Warnung an uns Eltern: Was tun wir unseren Kindern an, wenn wir unsere Wunschvorstellungen auf sie projizieren?

Elternglück und Bibelworte

Mich fröstelt. Der Frühling hat sich wieder verzogen. Und jetzt fängt es auch noch an zu regnen. Ich stehe vor einem gemütlichen Café. Drinnen ist es warm. Ich rieche den Kaffee durch die Scheibe.
Direkt am Fenster sitzt eine Mutter mit ihrem kleinen Sohn auf dem Schoß. Sie hält ihm ein Bilderbuch hin. Noch schaut er rein – und sie gelangweilt in die Gegend.
Sie wirkt angestrengt und leicht genervt.
Wo soll sie bei diesem Wetter auch hin mit ihrem Kind.
Auf den Spielplatz?
Vergiss es.
Durch die Fußgängerzone bummeln? Der Kleine bleibt an jeder Ecke stehen. Und dir frieren die Füße ab.
So ist sie im Café gestrandet. Hier ist es warm. Auszuhalten, solange der Kleine halbwegs ruhig bleibt.
Elternglück ist kein Zuckerschlecken.
Sie schaut auf. Merkt, dass ich sie beobachte. Ich gehe schnell weiter.
Ich bin in Hannover auf einer Fortbildung und jetzt für eine Stunde in der Stadt unterwegs, weil ich mir Gedanken über ein Bibelwort machen soll:

„… der unsere Seelen am Leben erhält und lässt unsere Füße nicht gleiten.“

Ich würde die junge Mutter zu gern fragen, wie sie diesen Satz versteht. Natürlich traue ich mich nicht. Sie würde sich nur blöd angemacht fühlen:
„Komm, lass mich in Ruhe. Für so was habe ich gerade wirklich keinen Nerv!“
Aber , spannend fänd ich schon, was ihr dazu einfällt…

Namen…

Der Personalchef liest den Namen auf ihrer Bewerbung und schaut sie bedauernd an: „Sie haben es schwer, oder?“ Die junge Frau nickt traurig. Sie heißt mit Vornamen Chantal Paris. Ihre Eltern haben es sicher gut gemeint. Aber sie haben ihr eine schwere Bürde auferlegt. Natürlich ist das Unsinn. Natürlich kann man niemanden nach seinem Namen beurteilen. Und wir tun es doch.
Und wenn wir einem Kind einen Namen geben, dann geht es nicht nur um Wohlklang. Dann geht es um Erwartungen.
Namen erzählen Geschichten. Die Geschichten der Eltern eines Kindes: Ihre Sehnsucht nach der großen, weiten Welt; ihren Dank und ihre Freude für dieses Kind, ihre Erinnerung an einen lieben Menschen. Und mit diesen Geschichten sind immer auch Erwartungen verbunden, bewusst oder unbewusst:
Es wäre schön, wenn du so wirst wie dein Großvater.
Wir wünschen dir, dass du die große, weite Welt kennenlernst, dass du Erfolg hast.
Wir geben dir einen normalen, unauffälligen Namen, damit du es leicht hast und gut durchs Leben kommst.
Wir geben dir einen außergewöhnlichen Namen, damit jeder gleich hört: Du bist etwas Besonderes.
All das schwingt mit im Namen eines Menschen – mal bewusst, mal unbewusst. Und das Kind wird damit leben – dürfen oder müssen, je nachdem.