Schlagwort: Himmel

Puzzle Himmel und Erde

Mein Freund Ralph hat vier Kinder und eine große Leidenschaft: Er puzzelt. Am liebsten natürlich mit einem der Kinder. „Puzzeln hat was Meditatives!“ sagt er, „Wir machen was zusammen und können dabei schweigen oder reden, ganz wie wir wollen.“
Kürzlich hat Ralph eine gute Idee: Er nimmt ein Foto vom jüngsten Urlaub: die ganze Familie mitsamt VW Bus am Strand in Dänemark. Daraus hat er ein Puzzle machen lassen, 1.000 Teile. Der Plan: Er will es gemeinsam mit Vincent, seinem Jüngsten, zusammensetzen. 1.000 Teile – eigentlich kein Ding für zwei so geübte Puzzler. Die beiden machen sich also an die Arbeit. Die untere Hälfte ist auch schnell geschafft: Sand in verschiedenen Schattierungen, ein Muschelfeld, der Wassersaum, Vater, Mutter, Kinder… Total einfach, wie´s Brötchenbacken.
Allerdings hat Ralph eine Kleinigkeit übersehen: er hat das Foto an einem Sommertag gemacht. Und – na ja: über die Hälfte des Fotos besteht aus strahlend blauem Himmel. Mit anderen Worten: Jetzt liegen über 500 blaue Teile vor ihnen, eines sieht aus wie das andere.
Die beiden sitzen ratlos davor. Ralph fragt Vincent: „Was machen wir jetzt? Packen wir wieder ein?“
„Auf keinen Fall!“ sagt der. „Wir geben doch nicht auf! Ein Bild ohne Himmel! Das geht doch gar nicht! Los! Wir machen weiter!“
Und sie machen weiter. Hinterher erzählt mir Ralph:  „Es war eine elende Plackerei! Mal findest du Ewigkeiten keine zwei Teile, die zusammenpassen, du willst schon verzweifeln, dann wieder passen auf einmal drei, vier Puzzleteile wie von selbst und du machst weiter. Und irgendwann erkennst du die Nuancen: ein leichter Schatten, blau ist nicht gleich blau.“
Natürlich haben sie es geschafft: ein perfektes, großes Puzzle mit Himmel und Erde.
Vincent hat ja Recht: Was wäre die Erde ohne den Himmel? Unvorstellbar!
Doch die Erde ist uns vertrauter. Das mag auch daran liegen, dass im Alltag so viel nach unten schauen. Wir haben so viel zu tun, dass wir uns gar nicht für den Himmel interessieren. Und wir sind phantasielos, stellen uns den Himmel ganz einfach vor: Friede, Freude…
In Wirklichkeit ist es viel komplizierter. Und Vincent hat natürlich Recht: eine Erde ohne Himmel – das geht gar nicht.

 

Der Astronaut

Im Radion höre ich zurzeit am liebsten ein Lied  Andreas Bourani: „Der Astronaut.“  Bouranis Lied „Ein hoch auf uns“ macht ja schon gute Laune, aber der „Astronaut“ hat Tiefgang. Da steckt alles drin: die Freude an der Schönheit unserer Welt und die Klage über ihren Zustand.
Das Lied nimmt uns mit ins Weltall:
„Im Dunkel der Nacht, hier oben ist alles so friedlich, doch da unten gehts ab, / Wir alle tragen dazu bei, doch brechen unter der Last, / Wir hoffen auf Gott, doch haben das Wunder verpasst, / Wir bauen immer höher bis es ins Unendliche geht, / Fast acht Milliarden Menschen, doch die Menschlichkeit fehlt.“
Ja, manchmal ist es zum Verzweifeln. Ich muss aufpassen, dass ich nicht verbittere. Aber ich weiß genau: ich halte das nur aus, ich kann nur etwas ändern, wenn ich auch die Schönheit dieser Welt noch sehe:
Ein Astronaut hat es gut. Er sieht die Welt von oben. Wenn er aus dem Fenster schaut, zieht unser wunderschöne blaue Planet an ihm vorbei. Der Astronaut Rusty Schweickart erzählt: „Es ist unbeschreiblich. Du schaust aus dem Fenster und siehst das alles an dir vorüberziehen:  Kalifornien, Florida … Dann freust du dich auf die Westküste von Afrika, auf den Sinai, auf Europa… Und plötzlich fällt es dir wie Schuppen von den Augend. Dir wird klar: Seit deiner Schulzeit hast die Erde immer mit Linien gesehen. Auf den Landkarten sieht immer Linien!  Sie markieren die Grenzen zwischen den Staaten, oft tödliche Grenzen. Doch von da oben siehst du: Diese Grenzen gibt es gar nicht! Sie sind nichts als eine Einbildung von uns Menschen.“
Tja, so ist das, wenn man den Blickwinkel Gottes einnimmt. Dann sieht die Welt anders aus. Dir wird klar: Wir Menschen gehören alle zusammen, wir sind Kinder der Schöpfung. Ich würde ja auch mal gerne von oben auf die Erde blicken, wie der Astronaut von Andreas Bourani. Aber in den Weltraum werde ich wohl nicht mehr kommen. Schade.
Aber auf der anderen Seite ist das auch ganz egal. Ich muss nämlich gar nicht so weit weg.  Die grenzenlos Schönheit dieser Welt liegt vor mir, direkt vor meinen Augen. Ich muss nur hinschauen.Ich bin seit neuestem stolzer Opa, meine Enkeltochter heißt Ada. Sie ist fünf Monate alt. Und wenn die mich anlächelt, dann ist es passiert! Dann geht es mir genau so wie dem Astronauten von Sido und Andreas Bourani:
Ich heb ab. Nichts hält mich am Boden…
„Ich seh‘ die Welt von oben / Der Rest verblasst im Grau /
Ich hab Zeit und Raum verloren hier oben / Wie ein Astronaut.“

Andacht für NDR 1 „Himmel und Erde“

 

Gibt es die Hölle?

Eine Szene im Himmel:

„Und die Hölle?“ fragte ich.
„Was ist damit?“
„Gibt es eine Hölle?“
„Ach nein,“ antwortete sie, „das war nur notwendige Propaganda.“
„Das hat mich nämlich beschäftigt. Weil ich Hitler begegnet bin.“
„Das tun viele. Er ist so eine Art … Touristenattraktion, im Grunde genommen. Wie fanden Sie ihn?“
„Oh, ich habe ihn nicht kennengelernt,“ sagte ich bestimmt. „Er ist ein Mann, dem ich nicht die Hand geben würde. Ich hab ihn hinter einem Gebüsch beobachtet, wie er vorbeigegangen ist.“
„Ach, ja. Ziemlich viele machen es so.“
„Und da habe ich mir gedacht, wenn der hier ist, kann es keine Hölle geben.“
„Ein einleuchtender Schluss.“

aus: Julian Barnes, Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Tagen