Schlagwort: Karwoche

Von Bäumen und Menschen

Der Förster Peter Wohlleben redet gern von der „menschlichen Seite“ der Bäume. 
Das klingt ja erst mal etwas seltsam. Aber dann erzählt er in seinem Buch von einem uralten Buchenstumpf in seinem Wald.  Der schlägt immer wieder aus. 
Peter Wohlleben sagt: „Mir wurden in diesem Moment klar: Dieser Baumstumpf wird von den gesunden, großen Buchen mitversorgt. Sie sorgen für ihn wie Kinder für ihre alte Eltern. Die Bäume stehen in ganz engem Kontakt!“
Ein Biologe schüttelt den Kopf. Er sagt in einem Interview: „Was mich an Wohlleben am meisten ärgert, ist, dass er die Bäume vermenschlicht. Die alte Wurzel ist streng genommen ein Schmarotzer. Gerade bei Buchen herrscht ein knallharter Kampf ums Überleben. Nur die wenigsten schaffen es bis ganz nach oben.“ 
„So, so“ denke ich. „Vermenschlichung ist schlecht…“
Aber du sprichst vom „Kampf ums Überleben.“ 
Dabei stehen die Buchen doch einfach nur im Wald rum und wachsen vor sich hin. Die „kämpfen“ doch gar nicht.“ 
Mir ist klar geworden: Wir brauchen diese Bilder, diese Vermenschlichung, um die Welt zu verstehen.  
Wir Christen sagen in der Karwoche: „Gott leidet mit diesem Menschen am Kreuz.“
Andere sagen: „So ein Unsinn! Wenn es überhaupt einen Gott gibt, dann leidet der nicht. Wir sind dem total egal. Jeder muss sehen, wo er bleibt.“
Auch hier zwei Bilder, die einander gegenüberstehen: 
Ewiger Kampf – oder ewige Liebe.
Beweisen kann ich nichts. Aber ich kann an den Bilder erkennen, wie ich zum Leben stehe, auch zu meinem eigenen. 
Ich glaube nicht an den kalten, harten Kampf ums Überleben. 
Ich glaube, dass die Liebe bei uns ist. 
Auch im Kreuz, auch im Leiden. 

An den Wunden erkennen

Eine junge Frau sagt zu mir: „Ihr Männer redet immer nur über eure Erfolge. Ihr prahlt die ganze Zeit, was für Helden ihr seid. Ich finde das langweilig. Wenn ihr mal über Eure Niederlagen reden würdet, das wär viel spannender!“ 
Ich muss lachen. Stimmt. Wir Männer reden gern über unsere Heldentaten; und je älter wir werden, desto schlimmer wird das…
Keiner redet gern über seine Niederlagen.
Doch jetzt, in der Woche vor Ostern, in der Karwoche, ist genau das dran: 
In den Gottesdiensten und Andachten erinnern wir uns an das Leiden und das Kreuz Jesu. 
Damit sagen wir auch: Schmerz und Leiden gehören zum Leben. Wir müssen sie nicht verstecken. 
Das ist entscheidend für den christlichen Glauben und ich glaube auch für ein gutes, menschliches Leben. 
Als Jesus seinen Jüngern nach der Auferstehung das erste Mal begegnet, zeigt er ihnen als erstes die Wunden der Kreuzigung an seinen Händen und an der Seite. Und genau daran erkennen die Jünger Jesus wieder: an seinen Wunden; an dem, was das Leben ihm angetan hat. 
Das heißt doch irgendwie auch: Wenn ich meine Niederlagen und meine Wunden verstecke, dann verstecke ich mich selbst. Dann kann mich niemand wirklich kennenlernen. 
Ja, die Karwoche, ist schwer. Aber auch heilsam. An unseren Wunden, an dem, was das Leben aus uns gemacht hat, daran werden wir erkannt. 

Im Dunkel

Wann fängt Ihr Tag eigentlich an?
Bei mir ist das ganz klar: am frühen Morgen, bei einer Tasse Kaffee. Anschließend lege ich richtig los.
Und wann beginnt meine Woche?
Auch da muss ich nicht lange überlegen: Am Montagmorgen, wenn ich wieder durchstarte. 
Aber es gibt auch eine andere Sicht auf das Leben: 
Die christliche Woche startet mit dem Sonntag, dem Ruhetag. 
Unsere Tage beginnen eigentlich mitten der Nacht um 0 Uhr – und Weihnachten – für viele das hellste Fest – feiern wir in der dunkelsten Jahreszeit. 
Wir machen uns darüber normalerweise keine Gedanke, aber dahinter steckt schon die Frage:
Wann geschieht im Leben das Entscheidende? 
Im Hellen, wenn ich wach bin – oder im Dunkeln, wenn ich schlafe? 
Auf den ersten Blick scheint das klar:
Das Entscheidende geschieht am Tag, wenn ich aktiv bin. Der Schlaf dient nur zur Erholung. 
Aber ganz so einfach ist es eben doch nicht.
Noch ruhen scheinbar die Felder. Doch unter der Erde, im Dunkeln, keimen die Weizenkörner schon zu kleinen Pflanzen. Wenn sie ans Licht kommen, sind sie schon perfekt, müssen nur noch wachsen. 
Ein Baby braucht neun Monate. Wenn es ans Licht kommt, ist es schon vollkommen, ein Wunder.
Heute beginnt die Karwoche. Wir sprechen von Finsternis, von Leid und Tod. 
Wir sprechen aber auch von dem Leben, das durch die Finsternis ans Licht bricht. 
Wir sollten mehr vertrauen: 
Das Leben ist erst mal ein großes Geschenk.