Schlagwort: Leiden

In schwerer Zeit

(geschrieben für die Hospiz Zeitschrift)

Erst war es nur so ein Geräusch in der Ferne, ein Gerücht. Ja, da ist irgendwas. Aber es ist weit weg. Wird schon nicht so schlimm sein. Dann kommt es näher, wird größer. Und plötzlich überrollt es dich mit aller Macht. Nichts ist mehr wie vorher. Von einem Tag auf den anderen wird dein ganzes Leben auf den Kopf gestellt. 
Du musst nicht arbeiten, hast viel Zeit. Das hast du dir immer gewünscht. Doch jetzt kannst du nichts mit der Zeit anfangen. Du musst nicht arbeiten? Du darfst nicht! Das frühe Aufstehen, der nörglige Kollege. Plötzlich fehlt es dir. 
Du siehst es nicht, du hörst es nicht hörst. Doch es hat die Macht übernommen. Es regiert dein Leben. Du bist wütend auf dich selbst, auf die anderen. Das kann doch nicht sein, dass mich das so gefangen nimmt! Dass ich an nichts anderes mehr denken kann! Du hast Angst. Was wird kommen? Wird es jemals wieder so wie vorher? 
Dabei geht es dir doch gut! Du hast doch alles: dein Zuhause, zu essen und zu trinken, die Sonne scheint…
Leben in Zeiten von Corona. 
So fühlt sich das für mich gerade an. 
Wenn diese Zeit irgendetwas Gutes hat, dann dies: Ich bekomme eine Ahnung, wie es Menschen geht, die plötzlich aus der Kurve geworfen werden, oft von einem Tag auf den anderen, weil sie selbst erkrankt sind oder ein geliebter Mensch. Ich bekomme eine Ahnung von ihrer Angst, ihrer Wut, ihrer Ohnmacht. 
Ich spüre auch, was in solchen Zeiten am meisten fehlt: die Familie, die Freunde – aber auch all die anderen, die uns mehr oder weniger zufällig über den Weg laufen. 
Wir können auf vieles verzichten, doch ohne Menschen können wir nicht sein. 
Wir leben in schwerer Zeit. 
Auch im Hospiz gibt es Einschränkungen, die uns allen wehtun. Wir können zurzeit nicht einfach so vorbeischauen. 
Nutzen wir unsere Phantasie. Sein wir kreativ, wir können so viel tun: Nachrichten schreiben, Fotos schicken, ein Geschenk abgeben… 
All die kleinen Zeichen sagen: 
„Ich bin bei Dir. Ich hab Dich lieb.“ 

An den Wunden erkennen

Eine junge Frau sagt zu mir: „Ihr Männer redet immer nur über eure Erfolge. Ihr prahlt die ganze Zeit, was für Helden ihr seid. Ich finde das langweilig. Wenn ihr mal über Eure Niederlagen reden würdet, das wär viel spannender!“ 
Ich muss lachen. Stimmt. Wir Männer reden gern über unsere Heldentaten; und je älter wir werden, desto schlimmer wird das…
Keiner redet gern über seine Niederlagen.
Doch jetzt, in der Woche vor Ostern, in der Karwoche, ist genau das dran: 
In den Gottesdiensten und Andachten erinnern wir uns an das Leiden und das Kreuz Jesu. 
Damit sagen wir auch: Schmerz und Leiden gehören zum Leben. Wir müssen sie nicht verstecken. 
Das ist entscheidend für den christlichen Glauben und ich glaube auch für ein gutes, menschliches Leben. 
Als Jesus seinen Jüngern nach der Auferstehung das erste Mal begegnet, zeigt er ihnen als erstes die Wunden der Kreuzigung an seinen Händen und an der Seite. Und genau daran erkennen die Jünger Jesus wieder: an seinen Wunden; an dem, was das Leben ihm angetan hat. 
Das heißt doch irgendwie auch: Wenn ich meine Niederlagen und meine Wunden verstecke, dann verstecke ich mich selbst. Dann kann mich niemand wirklich kennenlernen. 
Ja, die Karwoche, ist schwer. Aber auch heilsam. An unseren Wunden, an dem, was das Leben aus uns gemacht hat, daran werden wir erkannt. 

Liebe ohne Leiden?

Andacht für den NDR, Radio Niedersachen, „Himmel und Erde“

Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden.“ Erinnern Sie sich? So hieß ein Schlager von Udo Jürgens. Er hat ihn 1984 für seine Tochter Jenny gesungen. „Ich wünsch ich Dir Liebe ohne Leiden und Glück für alle Zeit.“ Das wäre so schön. Ja, das wünschen Väter ihren Töchtern. Obwohl wir natürlich genau wissen, dass das nicht geht. Und Udo Jürgens wusste das natürlich auch.

Tatsächlich. Liebe ohne Leiden gibt es nicht. Man ist eine Weile verliebt, Schmetterlinge im Bauch… Doch auf die Dauer reicht das nicht. Liebe ohne Leiden wäre wie ein Schiff ohne Tiefgang. Wenn ich einen Menschen wirklich liebe, dann will ich ihn so annehmen wie er ist. Ich will für ihn da sein, wenn es ihm schlecht geht. Ich will ihm Mut machen in den Mühen des Alltags.
Ich werde oft gefragt: Wenn Gott unser Vater ist, müsste er dann nicht dafür sorgen, dass seine Kinder nicht leiden? Ich glaube das nicht. Ich glaube, dass er im Leiden bei uns ist.
Wie ein Vater von vier Kindern, der gefragt wird: „Welches deiner Kinder liebst du am meisten?“ „Keins von ihnen! Ich liebe alle meine Kinder gleich!“ antwortet er. „Ach komm!“ bohrt der Frager, „mach dir doch nichts vor! Der Vater denkt lange nach. Dann sagt er: „Du hast Recht. Ich liebe immer das Kind am meisten, um das ich mich am meisten sorge. Wenn eines meiner Kinder krank ist, dann liebe ich das am meisten.
Wenn eines Probleme in der Schule hat – liebe ich das am meisten. Wenn ein Kind Liebeskummer hat – dann liebe ich das am meisten. Und wenn ein Kind das Gefühl hat, ein Versager zu sein, dann liebe ich das am meisten.“
Genau das wünscht Udo Jürgens auch seiner Tochter: jemanden, der immer an ihrer Seite steht. Sein Lied ist fast ein Gebet:
Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden, und eine Hand, die Deine hält
Ich wünsch Dir Liebe ohne Leiden und dass Dir nie die Hoffnung fehlt
Und dass Dir Deine Träume bleiben und wenn du suchst nach Zärtlichkeit,
wünsch ich Dir Liebe ohne Leiden und Glück für alle Zeit

Karfreitag – Der Kreuzschlepper

Der Kreuzschlepper
In Franken in der Nähe von Volkach führt mitten durch die Weinberge der sogenannte „Bildstockweg.“
Bildstöcke sind sehr alte Denkmäler aus Stein, manchmal auch aus Holz.
Mitten in der wunderschönen Landschaft mit Blick auf den Main stehen sie am Wegesrand als Orte der Meditation und des Gebetes für die Weinbauern. Sie laden ein zu einem Moment der Ruhe mitten in der harten Arbeit.
Auf all diesen Bildstöcken sind Szenen aus dem Leiden Jesu dargestellt: die Kreuzigung, die Abnahme vom Kreuz, Maria mit ihrem toten Sohn im Arm.
Diese Bildstöcke erinnern an etwas, das wir allzu schnell vergessen:
Das Leiden gehört zum Leben.
Unser Glaube geht noch weiter: das Leiden gehört zur Geschichte Gottes mit uns Menschen. Es ist kein Webfehler, den wir nur endlich beseitigen müssen, damit sich unser Leben endlich richtig und glücklich anfühlt.
Es ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, das Leiden durch Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit, Krankheit und Krieg, zu bekämpfen, so wie Jesus das getan hat.
Aber wir müssen auch aushalten, ertragen. Wir müssen mitgehen mit denen, die zu tragen haben. Manchmal einfach nur da sein.
Die Bildstöcke in den Weinbergen erinnern daran.
Auf einem dieser Bildstöcke ist Christus unter der Last des Kreuzes gestürzt und stemmt sich gerade wieder hoch, die rechte Hand auf einen Stein gestützt.
Es ist das Lieblingsmotiv der Weinbauern. Sie nennen ihn den Kreuzschlepper. Sie sagen: „Er ist wie wir. Muss schleppen.“
Der Kreuzschlepper.
Jesus schleppt sein Kreuz nach Golgatha.
Und ich frage mich: Warum tut er das?
Warum rafft er sich wieder auf? Er weiß doch, was komm!
Sie werden ihn ans Kreuz nageln. Er wird unerträgliche Schmerzen leiden und zuletzt ersticken.
Warum schleppst du dein Kreuz weiter?
Warum bleibst du nicht einfach liegen?
Weil du musst.
Du hast keine Wahl.
Du wirst nicht gefragt.
Du musst.
Leben.
Kämpfen.
Bis zum bitteren Ende.
Wenn wir einen Menschen begleiten, ist das nicht anders.
Wir schleppen.
Schleppen seine Krankheit mit.
Schleppen, wenn das Alter zur Last wird.
Schleppen den Schmerz.
Die Last der Trauer.
Die Einsamkeit.
Jesus hatte ein reiches und erfülltes Leben, war immer für andere da.
Jetzt findet sich jemand, der ihm tragen hilft.
Ein Fremder, Simon aus Kyrene. Der will nicht, sie müssen ihn zwingen.
So geht es uns ja manchmal auch, wenn wir einen Menschen begleiten müssen. Wir haben Angst, wollen nicht.
Doch unsere Motivation ist nicht wichtig.
Wir müssen. Sind da. Schleppen mit.
Manchmal helfen wir wie Veronica. Sie wischt Jesus mit ihrem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht.
Ein kurzer Moment. Eine Geste. Und das Leiden geht weiter. Doch macht das ihr Tun sinnlos?
Der Kreuzschlepper.
Er muss.

Karfreitag

Karfreitag.
Du denkst nach über das Leid des Einen.
Den Gekreuzigten.
Er steht dir vor Augen.
Auch wenn du es nicht wahrhaben willst: unter dem Kreuz stehst du im Zentrum des Glaubens. Im Zentrum des Lebens.
Dieser grausige Tod vor fast 2000 Jahren.
Geht dich das überhaupt noch was an?

Soweit ich sehen kann, steht in keiner anderen Religion der Tod des Religionsstifters im Zentrum – egal, ob du in ihm Gottes Sohn siehst oder nicht.
Das Kreuz im Zentrum.
Ob du es willst oder nicht – es hat Auswirkungen auf deinen Glauben.
Auf dein Leben.
Das Leiden des Einen.
Das Leiden der Vielen.
Dein Leiden.
Es gehört nicht nur dazu. Es ist nicht nur ein Makel. Es ist dein Erkennungsmal. Du trägst es immer mit dir. Wie Kain sein Mal auf der Stirn.
Der Gekreuzigte.
Seine Jünger werden ihn wiedersehen.
Und woran werden sie ihn erkennen?
An seinen Wundmalen.
Am Kopf.
Sie haben ihm eine Dornenkrone aufgepresst.
In den Händen und Füßen.
Sie haben ihn festgenagelt.
In der Seite.
Sie haben seine offene Flanke gefunden. Und hemmungslos drin rumgebohrt.
Die Wunden verheilen.
Doch der Schmerz? Die Erinnerung?
Die bleiben.
Nie wieder! Nie wieder möchtest du so etwas erleben.
Du wirst deine Wundmale verstecken.
Keiner soll sie sehen! Deine Freunde nicht und deine Feinde schon gar nicht.
Du versteckst deine Wunden.
Versteckst dich selbst. Willst nicht gesehen werden, nicht erkannt.
Verschwindest. Hinter der Maske.
Du denkst über die Wunden der anderen nach.
Siehst das Leid dieser Welt.
Denkst: „Ach, mir geht es doch gar nicht so schlecht – wenn ich an die Menschen in der Ukraine denke oder die Afrikaner, die auf Nussschalen versuchen, nach Europa zu kommen.“
Man muss immer nach unten schauen. Auf die, denen es wirklich schlecht geht. So ist das.
Ist das so?
Der Sohn Gottes versteckt seine Wunden nicht.
Er zeigt sie.
Seinen Vertrauten, seinen Freunden.
Und du?
Hast deine Wunden so gut versteckt, dass du sie selber nicht mehr siehst. Und wenn der alte Schmerz wieder aufbricht, wunderst du dich, wo er wohl herkommt.
Was haben sie dir für eine Dornenkrone in die Stirn gepresst?
Geflochten aus Vorurteilen und Denkverboten, aus „Das macht man nicht“ und „Das ist nun mal so.“
Und du?
Hast einen eleganten Hut aus deinen eigenen Gedanken, deinem Weltgebäude drüber gestülpt.
Die Narben darunter darf keiner sehen. Nicht mal du selbst.
Denkst in den Mustern, die sie dir eingeprägt haben.
Ist nun mal so.
Und sie haben dich auf deine Rolle festgenagelt.
„Hey! Du Weichei! Sei kein Mädchen!“
„Du läufst ja rum wie ein Kerl! So kriegst du nie einen ab!“
Und schon wusstest du, wo es langgeht. Und vor allem: Wo nicht.
„Aber das ist doch normal! Das geht doch allen so!“
Ja, so ist das. Nägel sind Massenware.
Aber das macht es nicht besser.
Und wie oft haben sie deine schwache Seite gesucht und gefunden – drin rumgebohrt, schon in der Schule, schon in der 1. Klasse. Kinder sind grausam.
Die Wunden sind da. Gut verborgen unter den Schichten deiner Jahre. So gut, dass du sie selbst kaum noch siehst.
Was kannst du tun?
Jesus ist sich seiner Wunden bewusst.
Und zeigt sie seinen Freunden.
Sie erkennen ihn an seinen Wunden. Sie gehören dazu. Machen ihn zum Sohn Gottes, zum Menschensohn.
Schau auf deine Wunden. Schäm dich nicht für sie.
Und immer wenn du denkst: „Das ist nun mal so!“ dann sei dir bewusst: Du hast den Hammer schon in der Hand und nagelst einen anderen fest auf das Gerüst, das du für das Leben hältst.
„Das ist nun mal so.“
*
Doch es ist nicht nur die Scham. Es gibt noch einen Grund, warum du deine Wunden so sorgsam versteckst, warum du sie niemandem zeigen willst.
Du willst niemanden damit behelligen.
Du willst niemandem zur Last fallen.
„Ich will niemandem zur Last fallen.“
Wie oft hörst du diesen Satz. Wie oft sagst du ihn selbst:
„Ach lass mal. Geht schon.“
„Ich will niemandem zur Last fallen.“
Was für ein schrecklicher Satz. Und so unsinnig. Du kannst nicht leben, ohne anderen zur Last zu fallen. Du hast als Baby geschrien, wie alle Babys. Warst deinen Eltern eine absolute Last, hat ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Du warst ihre Last – und warst ihr Leben. Eines ist ohne das andere nicht denkbar.
Liebe ohne Last ist wie Leben ohne Liebe.
Keinem zur Last fallen?
Schau auf Jesus in Gethsemane.
Der will in dieser Nacht auf keinen Fall allein sein. Er will, dass seine Jünger mit ihm wachen und beten. Ja, wer will ihnen zur Last fallen, er braucht ihre Liebe.
Doch sie sind nicht da.
Schlafen ein.
Immer wieder.
„Ich will keinem zur Last fallen.“
Diesen Satz hörst du immer wieder – und denkst es womöglich selbst.
Diese Debatte ist ja allgegenwärtig:
„Wenn ich krank werde oder alt und dement – dann will ich vorgesorgt haben. Dann will ich selbstbestimmt in Würde abtreten. Dann will ich keinem zur Last fallen.“
„Ich will keinem zur Last fallen.“
Wenn du diesen Satz sagst, oder wenn du ihn hörst, dann ist Karfreitag:
Weil du nicht glaubst, dass du der Liebe zur Last fallen darfst.
Oder weil du schläfst und deine Liebe nicht zeigst.
Doch Karfreitag ist nicht das letzte Wort.
Du wirst erkannt. An deinen Wunden.
Und du wirst erkennen:
Die Last ist leicht – wenn sie von der Liebe getragen wird.