Schlagwort: Liebe

Zuversicht II

Der Dichter Sten Nadolny schreibt:
„Wenn Dir die Zuversicht ausgeht, erfinde sie.“
Der Satz gefällt mir.

*

Als ich das einer Freundin erzähle, sagt sie:
„Weißt du was? Ich bin Profi im Erfinden von Zuversichten.
Aber irgendwann schlägt dir der Selbstbetrug gnadenlos ins Gesicht.“
Ich erschrecke.
Ja, zur Zuversicht gehört Verletzlichkeit.
Sonst verkommt sie zu diesem hemdsärmeligen, gnadenlosen Optimismus, der mich den ganzen Tag anschreit, aus dem Radio, im Fernsehen. Die drehen sogar den Ton höher, damit ich es auch bloß nicht überhöre:
„Wenn es dir schlecht geht, bist du selber schuld! Du musst doch bloß…“
*
Zuversicht.
Ein schönes, altmodisches Wort.
„Sehen“ steckt drin; und „sich auf die Zukunft freuen.“
Zuversicht ist leise.

*

Sie ist Profi im (er)finden von Zuversichten.
Und sie ist verletzlich.
Hoffentlich bleibt sie beides.

*

Heute Morgen im Garten leuchtet der erste Mohn.

Über die Hoffnung…

„Die Hoffnung kann wie ein Pflanze sein,
die sprießt und wächst
und den Menschen am Leben erhält,
aber auch wie eine Wunde,
die nicht heilen will.“
Carsten Jensen, Wir Ertrunkenen, S. 71

Liebe, Ehe, Partnerschaft…

„…trotz all der Scheidungs- und Trennungsstatistiken gab es noch nie in der Geschichte so viele Menschen, die mit ein und demselben Partner so lange zusammenleben wie heute. 60 Prozent aller Deutschen leben in einer eheähnlichen Partnerschaft. Und 60 Prozent von denen mehr als 45 Jahre.
Da stellt sich die Frage: Was machen die richtig?“

aus einem Interview mit dem Paartherapeuten Arnold Retzer in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Februar 2012

Und was machen sie richtig?

Retzer meint: „Sie akzeptieren, was ihnen widerfährt.“

Gibt es die Hölle?

Eine Szene im Himmel:

„Und die Hölle?“ fragte ich.
„Was ist damit?“
„Gibt es eine Hölle?“
„Ach nein,“ antwortete sie, „das war nur notwendige Propaganda.“
„Das hat mich nämlich beschäftigt. Weil ich Hitler begegnet bin.“
„Das tun viele. Er ist so eine Art … Touristenattraktion, im Grunde genommen. Wie fanden Sie ihn?“
„Oh, ich habe ihn nicht kennengelernt,“ sagte ich bestimmt. „Er ist ein Mann, dem ich nicht die Hand geben würde. Ich hab ihn hinter einem Gebüsch beobachtet, wie er vorbeigegangen ist.“
„Ach, ja. Ziemlich viele machen es so.“
„Und da habe ich mir gedacht, wenn der hier ist, kann es keine Hölle geben.“
„Ein einleuchtender Schluss.“

aus: Julian Barnes, Eine Geschichte der Welt in 10 1/2 Tagen