Schlagwort: Spiritualität

Smartphone und Schokolade

„Gott begegnest du nur in der Stille.“ 
Das sagen zumindest viele spirituelle Lehrer.
Doch in die Stille kommen ist unglaublich schwer.
In einem Versuch bat man die Teilnehmer: „Setzen Sie sich für 15 Minuten in diesen Raum und tun Sie einfach mal gar nichts.“ 
Nur eines war den Testpersonen erlaubt: Auf dem Tisch stand ein großer, roter Button. Den konnten sie jederzeit drücken – allerdings bekamen sie dann einen Stromstoß. 
Das durften sie vorher schon mal ausprobieren und der Stromstoß war so schmerzhaft, dass die meisten sagten: „Das Ding fasse ich nie wieder an!“ 
Dann saßen sie allein im Zimmer. 
Stille. Fünfzehn lange Minuten nichts als Stille.
Und was geschah? Ein Viertel der weiblichen und zwei Drittel der männlichen Versuchsteilnehmer drückten mindestens einmal auf den roten Button. 
Es ist so: Wir können Stille nur schwer aushalten, müssen immer was tun. Kein Wunder, dass wir unser Smartphone so lieben:
Das Ding liegt wie eine Stück Schokolade auf dem Esstisch. Wenn mir langweilig wird, greife ich zu – mal sehen, ob wer geschrieben hat, wie das Wetter wird…

Ich lege das Smartphone ab und zu ganz bewusst beiseite. Halte es aus, mal nichts zu tun. Genieße die Stille. 

Mir fehlt nichts

Ich habe oft das Gefühl: Es muss vorangehen. Mein Leben soll anders werden, besser. Irgendwas fehlt immer. 
Einer Freundin ist es genauso gegangen. Sie wollte vor allem ruhiger und ausgeglichener werden. 
Sie ist dann nach Taize gereist, in dieses wunderbare Kloster in Burgund. Dort hat man viel Zeit für sich: Zeit zum Meditieren, Zeit zum Beten, Zeit für Stille. Aber man ist auch mit vielen Menschen zusammen. Man feiert dreimal am Tag Gottesdienst mit wunderbaren Gesängen, man redet über die Probleme der Welt.
Die Freundin hat die Zeit genossen – sie ist ein ganzes Jahr geblieben. 
Als sie zurückkommen ist, habe ich sie gefragt: 
„Was hast du aus Taize mitgebracht?“
Sie überlegt einen Moment. 
„Eigentlich.. nichts“ sagt sie. 
„Ich hatte ja schon alles, als ich hingegangen bin.“

„Was?“ frage ich „Dann war das ganze Jahr umsonst?“
Sie schüttelt den Kopf: „Nein! Auf keinen Fall!“ 
„Es fehlt mir an nichts! Das habe ich in Taize gelernt.“
Ich muss lachen: 
Sie hat Recht: Mir fehlt es auch an nichts. Ich habe alles. 
Es ist nur die Frage, was ich draus mache.

Magische Momente

Sonntagmorgen.
Ich sitze draußen, unter dem Dach im Innenhof, in eine dicke Decke gemummelt. Genieße diese besondere Stille. Plötzlich raschelt es im trockenen Laub. Die ersten Regentropfen fallen. Dann wird es wieder ganz still. Es beginnt zu schneien. Die ersten Schneeflocken schweben auf die Erde.

„Jede Schneeflocke fällt genau an den Ort, an dem sie liegen soll“

Eckhard von Hirschhausen erzählt in einem seiner Bücher von einem Besuch bei einem buddhistischen Mönch. Sie sitzen schweigend bei einer Tasse Tee, schauen dem Schneetreiben vor dem Fenster zu. Da sagt der Mönch diesen Satz: „Jede Schneeflocke fällt genau an den Ort, an dem sie liegen soll.“ Mir gefällt diese Vorstellung. Die Schneeflocke bleibt ja nicht allein. Sie wird Teil einer weißen Decke, wird selbst bedeckt. Sie bleibt auch nicht auf ewig hier liegen. Wird schmelzen, den Boden durchtränken und – wer weiß – im Frühjahr als Wassertropfen eine Rose zum Blühen bringen.
Ob das mit mir auch so ist? Bin ich genau da, wo ich sein soll? Manchmal habe ich dieses Gefühl. Dann geht es mir richtig gut.

Ja, ich brauche diese kleinen, magischen Momente. Sie geben mir Kraft für den Alltag. In der Bibel gibt es viele Geschichten, die davon berichten: Jakob träumt von der Himmelsleiter, Jesus geht mit seinen Jüngern auf einen Berg, Johannes sieht einen neuen Himmel und eine neue Erde. Doch diese Momente sind nicht dazu da, damit ich abhebe. Sie geben mir Kraft für den Alltag. Auch daran werde ich an diesem Sonntag noch erinnert.
Auf dem Auto einer Freundin finde ich folgenden Satz:

„Vor der Erleuchtung musst du holzhacken. Danach auch.“

In der Tat: Ich musste am Abend noch heftig Schnee schippen…

Gott?

Gott?

 

„Glauben Sie an Gott?“
Das fragt in der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ ein 16jähriger, schwer kranker Junge den Chefarzt. „Nein!“ antwortet der sofort. Dann sagt er zögernd: „Aber ich hatte mal eine Nahtoderfahrung. Seitdem bin ich mir nicht mehr so sicher, ob da wirklich nur Synapsen und Hormone am Werk sind..“
Der Arzt glaubt, dass da etwas sein könnte, etwas Großes, das er nicht in Worte fassen kann – aber der Begriff „Gott“ passt nicht.
So geht es vielen Menschen. Sie sind auf der Suche, haben eine Ahnung – aber das Wort „Gott“ löst bei ihnen Unbehagen aus. Sie meinen: „Wenn ich an „Gott“ glaube, dann kaufe ich ein uraltes, vollmöbliertes Haus. Ich kann einziehen. Aber für meine eigenen Vorstellungen und Gedanken ist kein Platz. Wenn du mich fragst, ob ich an Gott glaube, nagelst du mich fest.“
Das geht auch meinen Konfis so. Die sagen dann: „Ich glaube nicht, dass Gott die Welt an sieben Tagen erschaffen hat.“ Sie ganz erstaunt, wenn ich ihnen antworte: „Ich auch nicht.“
Für mich ist die Geschichte von der Erschaffung der Welt kein Tatsachenbericht. Sie ist ein Bild für die Quelle der Liebe, aus der alles entspringt.
Glauben ist nicht Wissen. Glauben ist suchen, tasten. Das ist mühsam, aber ich kann auch nicht damit aufhören. Die Frage nach dem, was alles trägt wird mich immer begleiten. Ich werde immer suchen.
Und die Bibel? Sie erinnert mich: Der Name Gottes ist unaussprechlich, viel zu groß für meinen Verstand. Ich soll mir auch kein Bild machen von dem, was wir „Gott“ nennen. Die Bibel ist voller Geschichten und Weisheiten. Das sind Samen, die mir ins Herz gelegt werden. Was daraus wird, liegt nicht bei mir. Manches wird blühen – anderes erreicht mich gar nicht.
Ich suche – und werde gefunden.

Was trägt

Treffen im Meer zwei junge Fische einen alten. Sagte der alte Fisch: „Na Jungs, wie ist das Wasser heute?“
Die beiden jungen Fische schwimmen wortlos weiter. Nach einer Weile fragt der eine den anderen: „Was zum Teufel ist Wasser?“
So geht das. Du lebst vor dich hin und weißt gar nicht, was dich trägt. Alles ist so selbstverständlich. Aber was hätten die beiden jungen Fische davon, wenn sie wüssten, was Wasser ist? Na ja, sie würden sich nicht mehr wundern, dass es im Leben mal kalt und mal warm ist, denn Wasser hat nun mal nicht immer die gleiche Temperatur. Es wäre ihnen auch klar, dass sie manchmal von einer großen Welle getragen werden. Alles ist leicht, geht wie von selbst. Dann wieder müssen sie gegen mächtige Strömungen ankämpfen, müssen aufpassen, dass sie nicht mitgerissen werden. Aber das Wasser trägt sie immer. Darauf können sie sich verlassen.
Wer die Kräfte kennt, die sein Leben bestimmen, kann besser mit ihnen umgehen und weiß auch, dass er nicht alles selbst bestimmt.
Ich bin mit Wasser getauft. Manchmal lasse ich mich treiben wie im Meer an einem blauen Sommertag. Dann wieder wirbelt es mich durcheinander und ich muss aufpassen, dass ich nicht untergehe. Doch die Kraft, die mich trägt, ist immer da – es tut gut, das zu wissen.