Der verborgene Gott

Er sagt: „Es ist zu viel passiert. Ich kann nicht mehr glauben.“Ich kann nichts antworten, sein Leid ist zu groß. Er hatte immer geglaubt, dass das Leben gerecht ist, irgendwie. Wenn du gesund lebst, dich an die Regeln hältst, wird alles gut. Doch so ist es nicht.
Wir sollen Gott lieben und fürchten.
Warum fürchten?
Weil wir ihn nie „verstehen,“ weil das, was wir mit dem Wort „Gott“ bezeichnen höher ist als unsere Vernunft.
„Im echten Leben ähnelt Gott dem, wie wir ihn uns vorstellen ungefähr so wie der Leopard der Hauskatze.
Er ist größer, ja. Aber er ist auch furchterregender und viel, viel seltener zu sehen. Gott ist der Gott der tiefen Wälder – nicht der Gärten – ist der geheimnisumwitterte Gral der Sucher. Du kannst dein Leben in einem Wald voller Gott verbringen und ihn nie zu Gesicht bekommen, höchstens Spuren seiner Anwesenheit wahrnehmen:
Eine plötzliche Stille, gefolgt von den Rufen zu Tode erschrockener Menschen, das Gefühl, dass sich etwas knapp außerhalb deines Gesichtsfeldes bewegt.
Oder du hast Glück: gehst im nebligen Morgengrauen spazieren, schaust dich um und siehst für den Bruchteil einer Sekunde etwas Wildes, Erschreckendes, Wunderschönes.
In diesem Sekundenbruchteil prägt sich das Bild unauslöschlich in dein Gedächtnis ein und lässt dich begierig nach mehr zurück.
Die Suche nach Gott ist wie die Suche nach Gnade: Sie wird einem gewährt, aber nicht oft, und man weiß nie, wann oder wie.“

(Ich habe diese Passage in Helen Macdonald`s Roman „H wie Habicht“ gefunden und umgeschrieben.)

 

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