Schlagwort: Gott

Was weiß ich wirklich?

Eine alte Legende erzählt von vier blinden Weisen.
Ihr König bittet sie: „Findet heraus, was ein Elefant ist!“
Sie machen sich sofort auf den Weg und ertasten das Tier.
Als sie wieder zum König kommen, sagt der erste Weise:
„Ein Elefant ist wie ein langer Arm!“
„Unsinn! Ein Elefant ist wie ein riesiger Fächer!“ sagt der zweite.
Der Dritte meint: „Nein! Ein Elefant ist wie eine dicke Säule!“ 
Der vierte Weise behauptet: „Gar nicht wahr! Ein Elefant ist wie eine Schnur mit Haaren am Ende!“
Die Weisen fangen an, sich heftig zu streiten. 
„Hört auf!“ ruft der König,  
„Nun weiß ich, was ein Elefant ist:
Ein Elefant hat einen Rüssel wie einen langen Arm. 
Er hat Ohren wie riesige Fächer, 
Beine wie dicke Säulen und einen Schwanz wie eine Schnur.
Ich danke euch!“
Da werden die Weisen still.
Sie haben verstanden. 
Jeder hatte nur einen Teil des Elefanten ertastet – und jeder hatte gedacht, er kennt die ganze Wahrheit.
Ich denke, mit unserem Glauben, mit dem, was wir „Gott“ nennen, ist es genauso. 

Glauben Sie an Gott?

„Glauben Sie an Gott?“
Das fragt in der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ ein 16jähriger, schwer kranker Junge den Chefarzt. „Nein!“ sagt der Mediziner spontan; und dann, zögernd: „Ich hatte mal eine Nahtoderfahrung. Seitdem bin ich mir nicht mehr so sicher, ob da wirklich nur Synapsen und Hormone am Werk sind.“
Der Arzt glaubt, dass da etwas sein könnte, aber der Begriff „Gott“ passt nicht.
So geht es vielen. Das Wort „Gott“ löst bei ihnen Unbehagen aus. Sie meinen: „Wenn ich an „Gott“ glaube, dann kaufe ich ein uraltes, vollmöbliertes Haus. Für meine eigenen Vorstellungen ist da kein Platz mehr.“ Darum ist das Wort „Gott“ für sie schwierig.
Meinen Konfirmanden geht das ähnlich. Die sagen grinsend: „Herr Pastor, ich glaube nicht, dass Gott die Welt an sieben Tagen erschaffen hat.“ Sie sind ganz erstaunt, wenn ich dann antworte: „Ich auch nicht. Für mich ist die Schöpfungsgeschichte ein Bild für die Liebe, die das alles erschaffen hat.“
Glauben ist nicht Wissen. Glauben meint Suchen, Tasten, Fragen. Das ist mühsam, fordernd, aber auch wunderschön. Wunderschön sind die Momente, wenn mein Suchen ans Ziel kommt, meine Fragen eine Antwort finden: Gott ist die Liebe. Und ich kann sie sehen, fühlen, riechen: im Lächeln eines Kindes. Im Wind auf meiner Haut. Im Duft einer Rose. „In aller Freundschaft“

Wenn es einen Gott gibt…

„Es gibt keinen Gott!“ sagt er wütend. „Der hätte den Menschen nie geschaffen! Der Mensch ist der reinste Pfusch! Macht alles kaputt!“
Ich muss lachen.
„Warum lachst du?“ fragt er, noch wütender.
Ich zeige hinter ihn: da kommt die kleine Anna um die Ecke gewackelt. Anna ist gut eineinhalb Jahre alt. Jetzt läuft sie fröhlich juchzend auf ihren Opa zu. Der strahlt über das ganze Gesicht und breitet die Arme aus.
„Pfusch?“ frage ich.
„Nein! Anna ist perfekt! Ein Wunder! Aber das meine ich auch nicht…“
Ich weiß, was er meint.
Er redet, wie wir alle gern reden. Er redet von „dem Menschen.“ Und „der Mensch“ ist von übel, der macht alles kaputt.
Doch „den Menschen“ gibt es nicht.
Es gibt nur viele liebenswerte Menschen, wie die kleine Anna und ihren Opa.
Und Gott, der Schöpfer?
Ich glaube nicht an einen Alleskönner Gott, an einen der an sieben Tagen die perfekte Welt geschaffen hat und fertig.
Nein, perfekt ist diese Welt wahrlich nicht. Aber wunderschön.
Louis Armstrong hat diese Schönheit besungen.
Auf Deutsch klingt das so:
Ich sehe Bäume so grün,
rote Rosen blühn,
sie öffnen sich
für dich und für mich.
Und ich denk bei mir selbst:
Gott, wie schön ist die Welt.

Ich sehe den Himmel tiefblau
und Wolken schneeweiß
ein ganz neuer Tag,
die Nacht ist vorbei
und ich denk bei mir selbst:
Gott wie schön ist die Welt.

Die Farben des Regenbogens
stehen am Himmel, wunderschön,
und leuchten in den Gesichtern der Menschen,
die vorübergehen.
Freunde schütteln die Hand,sagen: „Wie geht es dir?“
doch eigentlich ist gemeint:
„Ich mag dich so sehr.“
Und ich denk bei mir selbst:
Gott wie schön ist die Welt.

Ich höre Babys schreien,
sehe wie sie gedeihen.
Sie wissen viel mehr
Als man mich je  gelehrt
Und ich denk bei mir selbst:

Gott wie schön ist die Welt.

 

Ja, die Welt ist wunderschön.
Aber was ist mit dem Leid? Mit der geschundenen Natur?
Ich glaube: Gott ist die Liebe. Diese Liebe leidet mit jedem Spatz, der kein Platz mehr für sein Nest findet, weil wir alles zugepflastert haben und die Liebe breitet die Arme aus für jedes Baby, das in die Welt kommt, obwohl wir schon viel zu viele sind.

 

Sehnsucht

Wenn irgendwo Fahnen im Wind knattern, wenn es grau ist wie heute, dann überkommt mich die Sehnsucht nach dem Meer.
Die Nordsee, am liebsten.
Grau und stürmisch. Lange Spaziergänge am Strand. Der Wind bläst dich fast weg. Sand peitscht dir ins Gesicht. Du drehst dich weg. Schaust übers Meer.
Es zieht dich an und lässt dich erschauern.
Sich raus wagen in das Unbekannte.
Halt suchen, wo es keinen gibt. Alles riskieren.
Den Sternen vertrauen, sie kennen die Richtung.
Dich tragen lassen in der kleinen Nussschale, die du dein Leben nennst.
Das Meer.
Aus ihm kommt alles Leben – dorthin kehrt es zurück.
Wovon rede ich?
Vom Meer? Von Gott?
Von meiner Ahnung von beidem.

Gott?

Gott?

 

„Glauben Sie an Gott?“
Das fragt in der Krankenhausserie „In aller Freundschaft“ ein 16jähriger, schwer kranker Junge den Chefarzt. „Nein!“ antwortet der sofort. Dann sagt er zögernd: „Aber ich hatte mal eine Nahtoderfahrung. Seitdem bin ich mir nicht mehr so sicher, ob da wirklich nur Synapsen und Hormone am Werk sind..“
Der Arzt glaubt, dass da etwas sein könnte, etwas Großes, das er nicht in Worte fassen kann – aber der Begriff „Gott“ passt nicht.
So geht es vielen Menschen. Sie sind auf der Suche, haben eine Ahnung – aber das Wort „Gott“ löst bei ihnen Unbehagen aus. Sie meinen: „Wenn ich an „Gott“ glaube, dann kaufe ich ein uraltes, vollmöbliertes Haus. Ich kann einziehen. Aber für meine eigenen Vorstellungen und Gedanken ist kein Platz. Wenn du mich fragst, ob ich an Gott glaube, nagelst du mich fest.“
Das geht auch meinen Konfis so. Die sagen dann: „Ich glaube nicht, dass Gott die Welt an sieben Tagen erschaffen hat.“ Sie ganz erstaunt, wenn ich ihnen antworte: „Ich auch nicht.“
Für mich ist die Geschichte von der Erschaffung der Welt kein Tatsachenbericht. Sie ist ein Bild für die Quelle der Liebe, aus der alles entspringt.
Glauben ist nicht Wissen. Glauben ist suchen, tasten. Das ist mühsam, aber ich kann auch nicht damit aufhören. Die Frage nach dem, was alles trägt wird mich immer begleiten. Ich werde immer suchen.
Und die Bibel? Sie erinnert mich: Der Name Gottes ist unaussprechlich, viel zu groß für meinen Verstand. Ich soll mir auch kein Bild machen von dem, was wir „Gott“ nennen. Die Bibel ist voller Geschichten und Weisheiten. Das sind Samen, die mir ins Herz gelegt werden. Was daraus wird, liegt nicht bei mir. Manches wird blühen – anderes erreicht mich gar nicht.
Ich suche – und werde gefunden.

Die Sprache Gottes

„Gott hat viele Sprachen. Eine davon ist die Musik“

(David Foster Wallace).

Sie war krank. Fünfzehn lange Jahre. Die Familie hat sich gekümmert, ist bis an die Grenzen gegangen. Zuletzt saß sie im Rollstuhl, konnte nichts mehr, diese einst so blühende Frau, Mutter, Schwester und Freundin. Und nun heißt es Abschied nehmen. Ein Lied aussuchen, das zu ihr passt. Reinhard Mey hat sie immer gern gehört. Seine Alben haben wir immer noch für sie gespielt, bis zum Schluss. Wir hören noch mal rein. „Gute Nacht Freunde…“ Schon bei den ersten Klängen öffnen sich bei mir alle Schleusen, „es wird Zeit für mich zu gehen.“  Der Schmerz, die Trauer, alles bricht raus. Ich habe das Gefühl, Reinhart Mey hat das Lied nur für sie geschrieben. Ich sitze wieder in ihrem verwunschenen Garten. Sie ist mir ganz nah, die große Gastgeberin, die warmherzige Freundin, die immer ein offenes Ohr für mich hat, eine Zigarette und natürlich ein letztes Glas im Stehen. Die letzten fünfzehn Jahre, die Krankheit, all das Leid, sind für einen Moment wie weggefegt. Sie ist wieder da, diese tolle Frau, die mir so viel gegeben hat. Dieser Moment tut so weh und so gut.
„Gute Nacht Freunde…“ wie oft habe ich das schon gehört und nichts ist passiert. Jetzt zerreißt es mich.
Die Musik entfaltet eine ungeheure Kraft. Sie weckt Gefühle, Erinnerungen, entführt in eine andere Welt. Du kannst das nicht steuern. Mal dringt sie dir tief ins Herz, mal erreicht sie dich gar nicht. Du kannst ihre Wirkung auch nicht einfach wiederholen, weißt nie, was beim nächsten Hören geschieht. Musik ist wunderschön und unverfügbar. Sie trägt dich in ungeahnte Höhen und stürzt dich in tiefste Tiefen.
Ja, Musik ist die Sprache Gottes.

 

 

Mensch sein

Mensch sein

„Wenn ich ehrlich bin, bin ich enttäuscht. Als ich jung war, dachte ich, ich könnte das Menschsein überwinden. Jetzt bin ich sechzig und ich weiß, damit wird es nichts mehr, jedenfalls nicht in diesem Leben.“
Das sagt in dem Roman „Das Reich Gottes“ von E. Carrere ein frommer Mann zu seinem Freund. Der lacht ihn aus: „Das Menschsein überwinden hahaha! Sowas kannst auch nur du sagen. Wie naiv bist du eigentlich?“
„So, so, und warum treibst du Yoga?“ fragt der zurück.
Der Freund stutzt. Er könnte antworten: „um fit zu bleiben.“ Doch das wäre gelogen. Wenn er ehrlich ist, dann treibt er Yoga, um sein Bewusstsein zu erweitern.
Wie ist das bei mir?
Warum bin ich Christ? Warum beschäftige ich mich mit dem Glauben, versuche ein spirituelles Leben zu führen?
Wenn ich ehrlich bin, geht es mir genau darum: Ich will raus aus dem alltäglichen Kleinklein. Ich will mir keine Sorgen mehr machen um all den Schwachsinn, der mir das Leben schwermacht. Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein.
Doch das funktioniert nicht. Ich kann mein Menschsein nicht überwinden. Das Leben holt mich immer wieder ein. Das Leiden der anderen, der Ärger über mich selbst.
Aber was soll das Ganze dann? Warum soll ich mich überhaupt mit dem Glauben beschäftigen, wenn ich doch nur ein ganz normaler Mensch bleibe?
Jesus nennt sich selbst „Menschensohn“ – oder ganz einfach „Mensch.“ Er erzählt Geschichten aus dem Alltag: von Weinbauern, verlorenen Söhnen, von den Vögeln am Himmel und den Blumen auf dem Felde. Er ermutigt die Seinen: Seid füreinander da! Freut euch an euren Stärken und steht zu euren Schwächen.
Lasst euch an eure Bestimmung erinnern.
Seid Menschen.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Lieb haben

„Lasst uns einander liebhaben“ heißt es im 1. Johannesbrief.
Was für ein schöner, schlichter Satz. Keine großen, aufwallenden Gefühle, kein stürmisches Meer, eher die ruhige See; schön, einfach und selbstverständlich.
Seit füreinander da. Einfach so. Nicht mehr und nicht weniger.
Der barmherzige Samariter hat den Schwerverletzten lieb, ist im entscheidenden Moment für ihn da, mehr nicht. Er wird ihn wohl nie wiedersehen. Doch das ist nicht wichtig.
Einander liebhaben. Das klingt so einfach. Doch warum will uns das so oft nicht gelingen?Ein Grund ist sicher: Wir meinen, keine Zeit zu haben.
„Wir sollten uns mal wieder treffen!“
„Komm doch mal vorbei.“
„Wenn du Zeit hast…“
Floskeln einer höflichen Gleichgültigkeit.
Einander Liebhaben braucht Zeit und Aufmerksamkeit. Einander Liebhaben hütet sich aber auch vor zu großen Erwartungen.
In den Charts steht zurzeit ein Lied gerade ganz oben:
„I only miss you when I’m breathing,“
„Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.“
In der deutschen Übersetzung klingt das so:
„Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Ich brauch dich nur, wenn mein Herz schlägt.
Du bist die Farbe, die ich blute.
Du bist das Einzige, an das ich glaube.
Ich weiß, du kommst zurück zu mir und
ich werde hier auf dich warten, bis zum Ende.
Ohne deine Liebe weiß ich nicht, wie ich überleben soll.
Du bist, was mich am Leben erhält.
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Du bist die Droge, die ich brauche,
das Paradies nach dem ich suche.
Ich lebe und hoffe, dass da ein Grund ist.
Kann meine Lippen nicht bewegen, aber mein Herz schreit:
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme.
Ich schreie deinen Namen, aber du antwortest mir nicht.
Schlage Alarm, erzähle es jedem.
Ich vermiss dich nur, wenn ich atme…
Dieser Schlager klingt wie ein Psalm: Der Beter drängt, er hofft, er setzt alles auf eine Karte. Der Beter will in den Arm genommen werden, es soll ihm gutgehen. Er will sich verlieren, will das Gefühl: Ich bin etwas Besonderes, meine Liebe ist heilig. Er richtet sich an einen Menschen. Er kann und darf nur das Schöne an ihm sehen, alles andere wird ausgeblendet.
Doch was, wenn die Geliebte unter die Räuber fällt? Wo bleibst du dann mit deiner reinen, unbefleckten Sehnsucht?
Aber selbst wenn ich dieses Gebet als an Gott gerichtet verstehen wollte, wäre es mir unheimlich.
Nein, Gott, ich vermiss dich nicht, wenn ich atme, du bist ja immer da. Ich vermiss dich nur, wenn mir die Luft ausgeht, wenn ich nicht mehr weiterweiß.
Und was, wenn du, Gott unter die Räuber fällst? Wenn du ans Kreuz genagelt wirst? Ist das dann Gotteslästerung, eine Verletzung meiner religiösen Gefühle? Muss ich mir dann ein neues Objekt für meine Liebe suchen, ein heiliges, unantastbares?
„Wer liebt kennt Gott.“
Wir Christen sagen: Gott ist ein leidender, geschundener Mensch geworden, verlassen von allen; einer, der Hilfe braucht.
Der barmherzige Samariter hat das verstanden. Er ist einfach da, als er gebraucht wird. Er fragt ganz schlicht: „Was kann ich für diesen Menschen tun?“
„Lasst uns einander liebhaben, lasst uns für die Verfolgten, Geschundenen da sein und wir werden verstehen, was das heißt:
Gott ist die Liebe.
Ja, wir schaffen das.

Der verborgene Gott

Er sagt: „Es ist zu viel passiert. Ich kann nicht mehr glauben.“Ich kann nichts antworten, sein Leid ist zu groß. Er hatte immer geglaubt, dass das Leben gerecht ist, irgendwie. Wenn du gesund lebst, dich an die Regeln hältst, wird alles gut. Doch so ist es nicht.
Wir sollen Gott lieben und fürchten.
Warum fürchten?
Weil wir ihn nie „verstehen,“ weil das, was wir mit dem Wort „Gott“ bezeichnen höher ist als unsere Vernunft.
„Im echten Leben ähnelt Gott dem, wie wir ihn uns vorstellen ungefähr so wie der Leopard der Hauskatze.
Er ist größer, ja. Aber er ist auch furchterregender und viel, viel seltener zu sehen. Gott ist der Gott der tiefen Wälder – nicht der Gärten – ist der geheimnisumwitterte Gral der Sucher. Du kannst dein Leben in einem Wald voller Gott verbringen und ihn nie zu Gesicht bekommen, höchstens Spuren seiner Anwesenheit wahrnehmen:
Eine plötzliche Stille, gefolgt von den Rufen zu Tode erschrockener Menschen, das Gefühl, dass sich etwas knapp außerhalb deines Gesichtsfeldes bewegt.
Oder du hast Glück: gehst im nebligen Morgengrauen spazieren, schaust dich um und siehst für den Bruchteil einer Sekunde etwas Wildes, Erschreckendes, Wunderschönes.
In diesem Sekundenbruchteil prägt sich das Bild unauslöschlich in dein Gedächtnis ein und lässt dich begierig nach mehr zurück.
Die Suche nach Gott ist wie die Suche nach Gnade: Sie wird einem gewährt, aber nicht oft, und man weiß nie, wann oder wie.“

(Ich habe diese Passage in Helen Macdonald`s Roman „H wie Habicht“ gefunden und umgeschrieben.)

 

3. Advent

Ameisen?

  1. Advent
  2. Predigt über Kor. 4, 1-5 in St. Martini Braunschweig

Die Schriftstellerin Susanne Niemeyer erzählt folgende kleine Szene:
Ein kleines Mädchen hockte am Rand des Spielplatzes und sah sehr vertieft aus. „Was machst du?“, fragte ich. „Schau“, sagte es, „die Ameisen.“ Ich konnte nichts Besonderes entdecken. „Sie laufen umher und tragen Sachen und wissen nicht, dass ich sie angucke. Ist das nicht komisch?“ Nachdenklich fügt sie hinzu: „Für die Ameisen könnte ich Gott sein.“
„Wir sind Haushalter über Gottes Geheimnisse“ sagt Paulus.
Was heißt das? Sind wir die, die wissen, dass sie beobachtet werden? Immer? Wie wir hier rumkrabbeln, irgendwelche sinnlosen Dinge tun, uns abmühen mit wer weiß was?
Was sieht Gott, wenn er mich jetzt, in diesem Moment, beobachtet?
Ich bin in der Kirche. Auf der Suche nach… Ja, wonach?
Nach Gewissheit?
Nach der adventlichen Stimmung in all dem Trubel? Suche ich Kraft für meinen Alltag – oder will ich da einfach mal raus?
Was sieht Gott, wenn er mich beobachtet – wie das kleine Mädchen die Ameisen?
Ich kann das nicht sagen. Das ist sein Geheimnis. Gott sieht mehr als ich.
Das ist gar nichts besonderes. Ein Vogel, ein Habicht, sieht schon mehr als ich. Er kann eine Biene genauso scharf erkennen wie ich einen Baum – er sieht auch die aufsteigende Luft, die ihn nach oben trägt. Seine Augen sind den meinen weit überlegen. Er sieht, was mir verborgen ist.
Haushalter, Verwalter der Geheimnisse Gottes.
Das sollen wir sein, sagt Paulus.
Was hüten wir da?
Können wir etwas ahnen, etwas sehen von den Geheimnissen Gottes?
Der Habicht hat vier statt drei Rezeptoren in seinen Augen. Darum kann er mehr sehen als wir. Das ist sein Geheimnis.
Doch was ist das Geheimnis Gottes?
Schauen wir noch einmal auf das kleine Mädchen. Wie sie da hockt und auf die Ameisen schaut:
„Eigentlich könnte ich ihr Gott sein.“
Nein, nicht könnte…
In diesem Moment ist sie ihr Gott. Sie lässt sie in Ruhe. Doch sie könnte auch ganz anders. Ich denke noch mit Grausen an die Experimente, die wir als Kinder mit Ameisen, mit Schnecken, mit Fröschen getrieben haben.
Der Gott kann mit den Ameisen machen was er will.
Kann sie laufen lassen – kann aber auch mal eben mit dem Zeigefinger…
Und die Ameise kann nichts tun – außer im Bau, im Dunkel verschwinden. Sich verbergen vor den Augen ihres Gottes, vor den Augen dieses kleinen Mädchens, Herrin über Leben und Tod.
Doch das kleine Mädchen sagt ja ganz zu Recht:
„Die Ameisen wissen gar nicht, dass sie beobachtet werden.“ Es sei denn, etwas Schreckliches geschieht, die Herrin schlägt zu. Dann wissen die Ameisen, dass ihre Göttin grausam ist, unbarmherzig. Dann wissen sie, dass sie halt nur Ameisen sind. Unbedeutend, eine von vielen. Spielball des Schicksals.
Opfer der Willkür eines kleinen Mädchens.
Ich glaube, dass ist das Lebensgefühl vieler Menschen.
Wir haben Angst vor dem, was wir Schicksal nennen.
Wollen gar nicht wissen, was die Zukunft bringt.
Das Schicksal ist blind.
Doch wenn wir die Angst vor dem Schicksal halbwegs gebannt haben, dann kommt noch eine weitere hinzu:
Die Angst vor den anderen.
Was sollen die Leute sagen?
Ein harmloses Beispiel:
Ich kaufe mir ein neues Auto, einen Touran.
„Ein cooles Teil,“ sagt ein Freund, „ist praktisch und fährt super. Du musst nur wissen, welches Image du dir damit einkaufst.“
Ein Touran ist langweilig. Du bist ein Langweiler.

Nein, du brauchst keinen Gott, der von außen draufschaut.
Die anderen reichen.
Sie sehen dich.
Sie warten nur drauf, dich zu beurteilen – zu verurteilen.
Langweiler ist da noch harmlos.
Du bist immer auf der Hut vor ihrer Meinung. Kannst nicht mal eine Meinungsumfrage machen wie die Politiker. Sie werden dir nicht sagen, was sie wirklich von dir denken. Außerdem ist ihre Meinung nur von kurzer Haltbarkeit – eben noch Hosianna…
Der Gott ist der, der dich beobachtet, von außen betrachtet.
Was sieht er?
Auf jeden Fall mehr, als du ihm zeigen willst.
Der Richtergott sitzt neben dir.
Und du bis es selbst für deinen Nächsten.
Paulus sagt: „Das ist mir völlig egal. Was ihr von mir haltet, interessiert mich überhaupt nicht.“
Doch er sagt das ohne Überheblichkeit. Er sagt: Ihr seid viel zu schnell mit eurem Urteil. Das erste, was ihr tut, wenn ihr einem Menschen begegnet, ist ihn taxieren: hübsch oder hässlich – gut oder schlecht…
Lasst das sein!
Euer ewiges Urteilen und Beurteilen führt euch in den Zynismus: „Der ist ja auch nicht besser…“ und in die Angst:
„Was, wenn die anderen?“
Fragt lieber nach dem, der euch so geheimnisvoll begegnet – der euch leben lässt. Jeden Tag, mit jedem Atemzug. Fragt nach dem, was euch wirklich trägt.
Was ist die Quelle meines Lebens?
Woraus speist sich alles, was in mir lebendig ist?
Ich bin in der Kirche. Auf der Suche nach dem Geheimnis Gottes.
Ich kann es fühlen, doch es fällt unendlich schwer, es auszudrücken.
Das Geheimnis findest du im kleinen Kind – verletztlich, hilflos. Du findest es in dem, der leidet für die anderen – du findest es in dem, der neu beginnt in all dem Leid. Der es durschreitet, überwindet.
Geheimnis Gottes. Ich kann seiner gewahr werden. Und ich soll es hüten wie einen kostbaren Schatz.
Mehr wird nicht von mir erwartet.

Amen.