Autor: Friedhelm Meiners

aufgelesen…

… ein Gedicht von Uwe Dick, es lässt mich nicht mehr los.
Laut gelesen entwickelt es seine ganze Kraft – und sein Lächeln…

wer weiß denn…

wer weiß denn ihr gräserzungen
fabelschatten ob im innern
des denkens – unergründlich
wie das nachtaug der kröte
oder die wege des quarzes
durch den granit – statt eines
letzten wortes nicht doch
ein lächeln beschlossen ist…

jenes o kerkerherz, das du
deiner liebe – wie oft? – versagtest
(geröllnächte lawinentage und
dergleichen ausreden) obwohl
es einzig ihr bestimmt ist
echo: „dir fliegt mein herz
wie ein törichter vogel zu“ und:
„in die sterne baun wir unser nest.“

mehr glück als verstand
im reißenden flug der jahre
ein wenig halt zu finden
„und jemands stunde ist schon nah“
bitt ich nun – dem fliehen
des tages ausgesetzt wie du
meine schwarze zikade –
um die gunst des augenblicks…

daß ich es nicht schuldig bleib´
jenes lächeln – nachts beschworen
tags verraten? – ohne das mein wort
nur ein mundvoll leere ist
ölig wie ein tischgebet
bis ins requiem der mörder
die nicht leben und
nicht sterben können…

ein tag ohne lächeln – schwärzer
als eine nacht ohne stern

Uwe Dick

aufgelesen…

…in der SZ vom 17. Juli 2013

1936 schrieb ein Mädchen namens Phyllis an Albert Einstein einen Brief mit der Frage ihrer Sonntagsschulklasse:

Beten Wissenschaftler?

Fünf Tage später antwortete er ihr:

„Wissenschaftler glauben daran, dass sich jeder Vorgang, inklusive aller Angelegenheiten der Menschen, auf Grund von Naturgesetzen ereignet.
Deswegen wird kein Wissenschaftler daran glauben können, dass der Lauf der Dinge von einem übernatürlich manifestierten Wunsch wie einem Gebet, beeinflusst werden kann…
Gleichzeitig wird jeder, der sich ernsthaft mit Wissenschaft beschäftigt, irgendwann zu der Überzeugung kommen, dass sich in den Gesetzen der des Universums ein Geist manifestiert, der dem Geist des Menschen weit überlegen ist.
So führt die Beschäftigung mit der Wissenschaft zu einem sehr eigenen religiösen Gefühl, das sich allerdings gewaltig von der Religiosität eines naiveren Menschen unterscheidet.“

Ist Beten naiv?
Oder gibt es tatsächlich die Möglichkeit, zu diesem Geist, „der dem Geist des Menschen weit überlegen ist“ in Kontakt zu treten?

Reisezeit

Wir waren in Pont-Aven. Dort hat Paul Gauguin eine Weile gelebt, eine Malschule gegründet.
Ich war ein wenig enttäuscht. Ganz hübsch, ja, aber nichts besonderes, ein Ort wie viele. Und das Kreuz in der Kirche, das Gauguin zu seinem gelben Christus inspiriert hat? Na ja…
Aber was habe ich erwartet? Ich war für einen Nachmittag da, wollte möglichst viel sehen und habe mitgekriegt, was Touristen eben so mitkriegen. Ein paar Stunden reichen nie für einen Ort. Du siehst nur, was alle sehen.
Gauguin war monatelang hier.
Und er seinen eigenen Augen getraut, hat gemalt, was nur er sehen konnte: den gelben Christus, die Badenden an der Mühle im Bois d‘ Amour.
Reisen braucht Zeit.
Und den Mut zum eigenen Blick.

Keine Zeit?

Urlaub.
Endlich Zeit zum Lesen!
Ein Buch über die Zeit: Marc Wittmann, „Gefühlte Zeit – Kleine Psychologie des Zeitempfindens.“
Er zitiert Martin Heidegger:
„Das keine Zeit haben, das so aussieht wie der strengste Ernst, ist vielleicht die größte Verlorenheit an die Banalitäten des Daseins.“
Wenn der Mensch keine Zeit hat, hat er sich selbst verloren.
Ohne Zeit kein Ich.
Auf der anderen Seite: Wenn ich (zu viel) Zeit habe, werde ich nervös: „Will keiner was von mir? Bin ich abgehängt, nicht wichtig?“
Wir spüren die Zeit in der Bewegung und in der Ruhe – in der Arbeit und der Meditation. Auf die Balance kommt es an.
Balancieren.
Ich sehe den Jungen auf der Slackline. Es wirkt so spielerisch – und braucht so viel Übung. Er fällt immer wieder runter. Aber was soll´s? Er hat ja Zeit…

Keine Zeit?

 

Urlaub.

Endlich Zeit zum Lesen – ein Buch über die Zeit:

Marc Wittmann, Gefühlte Zeit – Kleine Psychologie des Zeitempfindens.

Er zitiert Martin Heidegger:

„Das keine Zeit haben, das so aussieht wie der strengste Ernst,
ist vielleicht die größte Verlorenheit an die Banalitäten des Daseins.“

Wenn der Mensch keine Zeit hat, hat er sich selbst verloren.

Ohne Zeit kein Ich.

Auf der anderen Seite: Wenn ich (zu viel) Zeit habe, werde ich nervös: „Will keiner was von mir? Bin ich abgehängt, nicht wichtig?“

Wir spüren die Zeit in der Bewegung und in der Ruhe – in der Arbeit und der Meditation. Auf die Balance kommt es an.

Balancieren.

Ich sehe den Jungen auf der Slackline.
Es wirkt so spielerisch – und braucht so viel Übung. Er  fällt immer wieder runter.
Aber was soll´s? Er hat  ja Zeit…

 

Lebensart

Morgens um neun, irgendwo in der Bretagne:
Vor dem Nobelrestaurant „Perle Noire“ sitzen drei Männer, trinken einen Espresso und genießen den atemberaubenden Blick aufs Meer.
Das Besondere daran? Es sind Müllmänner!
Ihr Wagen steht gleich um die Ecke. Sie sitzen jeden Morgen hier, ihr Pausenritual. Französische Lebensart! In Deutschland unvorstellbar…
Das andere schon: Einer ist im Müllwagen sitzen geblieben; der jüngste von ihnen, so um die zwanzig. Tickert in sein Smartphone. Scheint interessanter zu sein als der Espresso, die Kollegen, das Meer.
Schöne neue Welt…

Dein Wille geschehe

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung.

Samstagmorgen.
Ich stehe beim Bäcker in der Schlange. Draußen regnet es wie aus Kübeln.
„Na Herr Pastor,“ sagt die Frau neben mir, „das ist jetzt ja wohl das Wetter für das ganze Wochenende.“ Ihre Stimme klingt ein wenig vorwurfsvoll, als wollte sie sagen: „Als Pastor können Sie doch wohl wenigstens für gutes Wetter sorgen, oder?“
Wir wissen es ja alle: So funktioniert das nicht. Aber manchmal würden wir schon ganz gern unsere Bestellung aufgeben:
„Das Picknick ist vorbereitet, das Fahrrad aufgepumpt – jetzt musst Du nur noch für gutes Wetter sorgen. Ist ja nicht zu viel verlangt, oder?“
Das Gebet hat eine große Kraft, doch es ist keine Wunscherfüllungsmaschine.
Beten ist eher eine Haltung:
Dein Wille geschehe…
Dieser Wille ist zu groß für mein Begreifen. Ich verstehe Dich oft nicht. Ich weiß nicht, was Du heute mit mir, mit Deiner Welt vorhast.
Aber Dein Wille geschieht. Auch ohne dass ich etwas tue
*
Ich habe im Garten ein Stück Rasen umgebrochen, für die neue Saat vorbereitet.
Nun liegt die Erde dort, im satten Braun und krümelig und wartet.
Sie wartet auf Regen und Sonne. Die Erde nimmt, was kommt: den Grassamen, den wir aussäen – aber auch den Löwenzahn, vom Wind herbei gepustet.
Sie wartet auch auf das, was in ihr ruht: kleine Pflanzen, die ich nicht rausgesammelt habe; Samen, so klein, dass mein Auge sie nicht wahrnimmt. Das alles wird wachsen. Einfach so.
In einem alten irischen Segen heißt es:
„Ob du es merkst oder nicht,
ohne Zweifel entfaltet die Schöpfung sich so,
wie sie es soll.“
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Die Predigt zu Himmelfahrt

Gestern die Hummel an der Scheibe – heute die ganze Predigt.
Was sagt man an Himmelfahrt?
Frohe Himmelfahrt ja eher nicht…
Also: Euch und Ihnen einen schönen Tag!

Ich komme in die Küche und schaue zum Fenster.
Eine Hummel kracht verzweifelt gegen die Scheibe. Das Leben ist dahinter; der blaue Himmel, die Blumen, das saftige grün. Sie kann es sehen, doch sie kommt nicht hin.
Das Fenster ist einen Spalt breit offen. Aber sie kann den Spalt nicht finden. Weil sie Leben mit Panik verwechselt. Weil ihr Leben nur noch Panik ist.
Du siehst das Leben, dein Leben. Aber du kommst nicht hin. Rast an der Scheibe lang. Hoch und runter. Hoch und runter. Hörst das Leben nicht mal mehr. Bist gefangen in den Geräuschen deiner Angst. Und wenn dich jemand in die richtige Richtung stupsen willst, dann wehrst du dich. Weißt ja genau, wo es langgeht. Rauf und runter. Rauf und runter.
Irgendwann bist du am Ende.
Sitzt resigniert auf der Fensterbank.
Wartest auf den Tod.
Ich stülpe ein Glas über die Hummel. Bringe sie nach draußen. Sie sitzt auf dem Rand. Zögert einen Moment, als ob sie es noch gar nicht fassen könnte und dann fliegt sie davon. Ihre ganz persönliche Himmelfahrt.
„Du kannst fliegen!“ denke ich.
*
Himmelfahrt.
Die Sehnsucht nach Freiheit. Endlich fliegen können. Abheben. Alles hinter sich lassen. All den Kram, den Alltag – alles, was mich beschwert, am Boden hält, niederdrückt.
Manchmal habe ich das ja auch.
„An Tagen wie diesen.“
„Über den Wolken.“
„Und alles, was uns groß und wichtig erscheint – ist plötzlich nichtig und klein.“
Ich brauche diese Momente.
Poesie.
Verliebt sein ins Leben.
Warum kann das nicht immer so sein?
Warum kann ich dieses Gefühl, diese Lebenshaltung nicht festhalten?
Glaube ich nicht genug?
*
Die kleine Hummel düst los.
Versonnen schaue ich ihr nach.
Sie zieht ihre Kreise.
Genießt ihre Freiheit.
„Hallo! Ihr Männer aus Galliläa!
Was glotzt ihr in den Himmel? Da werdet ihr ihn nicht finden!“
Was wird die kleine Hummel tun?
Dasselbe wie immer.
Nektar sammeln, zum Nest fliegen, Nektar sammeln.
Alles wie immer.
Und ich?
Für mich wird es auch Zeit. Der Abwasch wartet. Dafür bin ich ja schließlich in die Küche gekommen.
Der Glaube entscheidet sich im Alltag. In den kleinen Dingen des Lebens.
*
Jesus fastet vierzig Tage und Nächte in der Wüste und ist Gott besonders nahe.
Er steigt mit seinen Jüngern auf einen hohen Berg und sie werden verklärt. Sie treffen Mose und Elia.
Christi Himmelfahrt.
Immer wieder werden uns solche besonderen spirituellen Erlebnisse geschildert.
Und immer wieder werden wir auch davor gewarnt.
Nach vierzig Tagen und Nächten Fasten in der Wüste ist Jesus Gott sehr Nahe – aber auch dem Teufel. Er ist versucht, seine neue Kraft nur für sich allein zu nutzen.
Die Jünger wollen auf dem Berg der Verklärung bleiben. Sie wollen Hütten bauen. Aber das geht nicht. Sie müssen wieder runter, in den Alltag.
Und nun die Himmelfahrt.
Die Jünger schauen versonnen hinterher. Sie würden so gerne mit. In den Himmel. Wie die Hummel hinter der Scheibe.
Aber das geht nicht. Die Männer in Weiß schicken sie zurück in ihren Alltag.
„Hey! Ihr habt eine Aufgabe! Nehmt euer Leben gefälligst ernst!“
An Tagen wie diesen, in solchen besonderen, heiligen Momenten bekommt ihr neue Kraft. Aber sie ist kein Selbstzweck! Nutzt sie für die Welt, für die Menschen, die Gott euch anvertraut!
Ihr seid gerade Gott begegnet, sicher.
Aber in eurem Alltag tut ihr das auch.“
Wir werden in der Bibel immer wieder davor gewarnt, solche spirituellen Erlebnisse über zu bewerten, sie mit dem Leben zu verwechseln.
Warum?
*
Ich arbeite im Braunschweiger Hospiz mit.
Da herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Die Gäste fühlen sich aufgehoben, zu Hause.
„Fühlen Sie sich wohl hier?“ habe ich einen Gast gefragt. Er hat gelächelt: „Sich wohl fühlen drückt das gar nicht aus. Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie gut es mir hier geht.“
So ähnlich höre ich das ganz oft.
Woran liegt das?
Der ehemalige Leiter, Michael Knobel, hat das auf den Punkt gebracht.
Er hat immer gesagt:
„Wir sind hier nicht heilig. Wir machen einfach unseren Job.“
Und genau so ist es.
Die Schwestern und Krankenpfleger und auch die ganzen Ehrenamtlichen sind Menschen wie du und ich. Sie machen ihren Job. Und sie machen ihn richtig gut. Sie sind für die Menschen da, die ihnen anvertraut sind. Sie tun alles, damit sie sich wohl fühlen. Und sie gehen abends nach Hause, manchmal kaputt wie ein Bauarbeiter nach acht Stunden Steine schleppen.
Aber: Sie sind nicht heilig. Sie tun nicht so, als ob das Hospiz ein ganz besonderer Ort wäre, mit einer ganz besonderen Atmosphäre – obwohl das so ist. Hier leben ganz normale Menschen – liebenswürdig und mackig, bescheiden und mit ganz verrückten Wünschen. Ein Gast wollte zum Beispiel die Glocken von St. Martini noch mal hören. Kein Problem: Volles Geläut an einem ganz normalen Mittwoch um 17 Uhr. Wir haben ihm eine Freude gemacht. Nicht mehr und nicht weniger.
Nein, sie sind nicht heilig. Ich bin immer wieder erstaunt, wie normal es im Hospiz zugeht. Wie normal, aber auch wie freundlich und zugewandt.
„Wir sind hier nicht heilig.“
Was ist damit gemeint?
Wer heilig ist, sondert sich ab, will etwas besonderes sein.
Das sind die Mitarbeiter im Hospiz nicht, das wollen sie auch nicht sein. Und gerade das macht sie besonders.
*
Starrt nicht in den Himmel. Seid gewiss, dass ihr gerade da, wo ihr jetzt seid, genau richtig seid. Träumt nicht von einem anderen, einem heiligen Leben.
Tut das, was gerade jetzt dran ist.
*
Und was ist mit den ganz besonderen spirituellen Erfahrungen, wie bei den Jüngern an Himmelfahrt?
Sie sind schön. Sie schenken uns Kraft.
Aber sie sind auch gefährlich. Weil wir uns ganz schnell einbilden, wir wären heilig, etwas Besonderes. Und weil wir denken, das müsste jetzt immer so sein.
Es ist ein bisschen so wie verliebt sein:
ein tolles Gefühl. Manchmal vergeht es. Und manchmal wird Liebe draus. Aber wenn ein Paar nach zwanzig Jahren immer noch so tut, als ob sie sich gerade kennengelernt hätten – dann ist das merkwürdig, oder?
Gott ist uns in den Mühen des Alltags genau so nahe wie in den besonderen Momenten.
Leben wir beides.
Der Himmel ist nicht hinter der Scheibe.
Er ist mitten unter uns.
Amen.

Himmelfahrt?

Die Hummel kracht verzweifelt gegen die Scheibe.
Das Leben ist dahinter; der blaue Himmel, die Blumen, das saftige grün. Sie kann es sehen, doch sie kommt nicht hin.
Das Fenster ist einen Spalt breit offen. Aber sie kann den Spalt nicht finden. Weil sie Leben mit Panik verwechselt. Weil ihr Leben nur noch Panik ist.
Du siehst das Leben, dein Leben. Aber du kommst nicht hin. Rast an der Scheibe lang. Hoch und runter. Hoch und runter. Hörst das Leben nicht mal mehr. Bist gefangen in den Geräuschen deiner Angst. Und wenn dich jemand in die richtige Richtung stupsen willst, dann wehrst du dich. Weißt ja genau, wo es langgeht. Rauf und runter. Rauf und runter.
Irgendwann bist du am Ende.
Sitzt resigniert auf der Fensterbank.
Wartest auf den Tod.
Ich stülpe ein Glas über die Hummel. Bringe sie nach draußen. Sie sitzt auf dem Rand. Zögert einen Moment, als ob sie es noch gar nicht fassen könnte und dann fliegt sie davon. Ihre ganz persönliche Himmelfahrt.
Du wirst paar Kreise ziehen. Die Freiheit genießen. Und dann? Dasselbe wie immer. Nektar sammeln, zum Nest fliegen, Nektar sammeln.
Alles wird sein wie immer.
Oder?