Autor: Friedhelm Meiners

Epiphanias oder die Macht der Gewohnheit

Immer wenn ich an der Auffahrt Rüningen auf die Autobahn fahre, fahre ich Richtung Berlin. In die Innenstadt geht es über die Alte Frankfurter Straße. So einfach ist das.
Heute war ich in Rüningen noch kurz zur Bank. Jetzt will ich schnell über die Autobahn in die Innenstadt. Ich fädele mich ein und fahre – Richtung Berlin. Zehn Minuten Umweg! Ich bin so wütend! Ist ja schließlich nicht das erste Mal, dass mir das passiert!
Die Macht der Gewohnheit: Immer wenn ich in Rüningen auf die Autobahn fahre, fahre ich Richtung Berlin.
Es ist wohl so: Am häufigsten verirre ich mich auf meinen vertrauten Wegen. Ich denke nicht mehr nach und weil diese Wege mir so vertraut sind, glaube ich, dass ich auf ihnen jedes Ziel erreichen kann.
Heute feiern wir Epiphanias, den Tag der Weisen aus dem Morgenland.
Mutige Männer, die neue, unbekannte Wege gehen. Sie folgen einem unbekannten Stern, wollen dem Geheimnis des Lebens auf den Grund gehen. Dafür nehmen die Weisen viel auf sich. Sie ziehen in die Fremde. Sie wissen nicht, was sie erwartet und ob sie ihre Heimat jemals wiedersehen. Rein äußerlich gehen diese Männer ganz neue Wege.
Doch innerlich bleiben sie in ihren alten, vertrauten Mustern. Die Weisen können sich das Neue nur groß vorstellen. Es muss von den Mächtigen und Starken dieser Welt ausgehen. Wie sonst soll sich etwas ändern?
So suchen sie also einen mächtigen König und landen im Palast des Herodes. Doch dort finden sie nur Angst und Furcht vor dem Neuen. Die Weisen müssen weiter, nach Bethlehem, in eine kleine Stadt, zu einem kleinen Kind, arm und wehrlos. Erst da erkennen sie, was wirklich zählt und kehren nach Hause zurück, erfüllt von der Liebe – und auf neuen Wegen.

Heiligabend

Wissen Sie, was mir in diesem Jahr an der Weihnachtsgeschichte besonders wichtig ist?
Niemand gibt kluge Ratschläge!
Zwei Menschen gehen in die Dunkelheit. Getrieben von finsteren Mächten. Ein Akt der Willkür. Sie können sich nicht wehren.
Die ganze Weihnachtsgeschichte atmet Respekt und Achtung vor dem Schicksal dieser beiden Menschen.
Die Hirten kommen und sehen sie in ihrem tiefen Elend.
Doch sie wahren Abstand.
Es fällt kein Satz wie „Jetzt müsst ihr aber…“ oder „Wie konntet ihr nur?“
Die Hirten überschreiten niemals die Grenze, die Menschen beschämt und noch tiefer ins Elend stürzt.
Kein Vorwurf. Kein Ratschlag.
Die Hirten sind einfach nur da, nehmen die Situation an.
Dann kommen die Weisen aus dem Morgenland.
Weitgereiste Männer mit viel Erfahrung und einem reichen Wissensschatz.
Hier schweigen auch sie.
Geheimnis der Heiligen Nacht.

(Auszug aus meiner Heiligabend Predigt)

Ihnen und Euch allen: Frohe Weihnachten!

Kinder, Geschenke und Dankbarkeit

Wir reden über Weihnachten, Kinder und Geschenke.
Frau M. sagt: „Früher waren die Kinder viel dankbarer. Ich weiß noch, wie meine Tochter vor mir stand: mit einem Paar selbstgestrickter Handschuhe in der Hand – und sie strahlte mich an! So was gibt es doch heute gar nicht mehr.“
Ist das so?
Ich will es nicht wahrhaben, aber ja: Das ist so.
Frau B. erzählt von einer Freundin, die bei ihren Enkeln zu Weihnachten eingeladen ist. Sie freut sich sehr auf Heiligabend im Kreis der Familie – bis auf die Bescherung. Das Urenkelkind bekommt von jedem ein Geschenk. Die Erwachsenen stehen mit ihren Päckchen Schlange. Der Kleine reißt eins nach dem anderen begeistert auf – und legt das Geschenk achtlos beiseite. Das nächste wartet ja schon. Und der nächste Erwachsene auch. Will sehen, was der Kleine zu „seinem“ Geschenk sagt.
„Diese Bescherungen sind mir ein Greul!“ sagt die Urgroßmutter, „das Kind kann sich doch gar nicht mehr freuen.“
Kann es schon. Es darf nur nicht. Muss ja auspacken.
Und dann sitzt das Kind eine halbe Stunde später und baut aus all den wunderschönen roten Schleifen von all den Paketen einen Zaun für die Schafe an der Krippe. Hingebungsvoll und mit strahlenden Augen.
Und die Erwachsenen?
Ach die. Die bekommen das gar nicht mit. Ist ja vorbei, der Geschenkemarathon.
Jetzt wird gegessen.

Advent

Advent
In der Tradition ist der Advent auch eine harte Zeit: die kleine Fastenzeit.
Ich habe lange gebraucht, um das zu verstehen.
Dabei ist es so naheliegend:
Zwei Menschen müssen in die Dunkelheit. Gemeinsam und jeder für sich allein. Eine unsinnige Reise. Befohlen von einer fremden Macht.
Ein gefährlicher Weg liegt vor dir.
Was tust du in so einer Situation?
Du hältst inne. Wappnest dich für das, was vor dir liegt.
Du kannst nur mitnehmen, was du tragen kannst. Wähle es sorgfältig aus.
Besinn dich auf deine Kräfte. Besinn dich auf den Mut und die Liebe, die in dir wohnen. Du weißt nicht, ob du das Ziel erreichst. Es hängt nicht nur von dir ab.
Bald geht es los. Du wirst Abschied nehmen von deinen Verwandten und Freunden. Dabei wirst du manche schöne und manche böse Überraschung erleben. Wer ist dein Freund? Wer hat Angst und keine Zeit? Du bist auf dich allein gestellt. Und bist es nicht. Sammle deine Kräfte für den Weg in die Dunkelheit. Oder durch die Dunkelheit? Am Anfang des Weges weiß man das nie.
Es wird keinen Raum geben in der Herberge. Die Gefahren sind groß, die Menschen hartherzig. Du wartest. Fassungslos. Wehrlos. Auf den Fluren der Krankenhäuser. In den Mühlen der Bürokratie.
Sei klug bei jedem Schritt, den du tust. Doch bleib auch offen: Du wirst überrascht sein, wie viel Liebe und Sympathie dir begegnen.
Es ist Raum in der Herberge, im Stall. Und sie sind da: Fremde mit großen, offenen Herzen. Sie können dir nichts abnehmen. Aber sie sind behutsam. Sie achten dich in deiner Angst und in deiner Not. Sie werden dir beistehen. Sie werden deinem Körper Gutes tun und deiner Seele Kraft schenken. Sie werden die besten Kräfte in dir wecken. Sie begleiten dich nur einen Moment. Ganz und gar. Und können dir schenken, was du am nötigsten brauchst:
Hoffnung.
Advent.

Buße…

„Es geht mir gut, solange ich mich wehren kann.“

Sie war Jahrgang 1919. Und das war ihr Leitspruch. Ihr Leben lang.

Sich diesen Satz zu Herzen nehmen, kann auch eine Form der Buße sein:
Ich werde mein Leben selbst in der Hand behalten.
Auch gegen die, die es gut mit mir meinen.

Kriegsgräber

Kriegsgräber
Wir wandern mit unseren Konfirmanden durch den Harz, zum Soldatenfriedhof zwischen Torfhaus und Oderbrück. Der Friedhof ist sehr gepflegt, die Inschriften gut zu erkennen. Hier liegen junge Menschen begraben, fast noch Kinder, sechzehn, siebzehn Jahre alt. Erschossen in den letzten Wochen und Tagen des Krieges. Einige noch im Mai 1945. Die Konfirmanden gehen von Grabstein zu Grabstein. Lesen. Schweigen.
Als wir weitergehen, finden sie ihre Sprache wieder. Kurze Sätze: „Mein Bruder ist sechzehn.“ „Ich hätte dann ja nur noch zwei Jahre…“ Einer erzählt von seiner Großmutter. Ihr Bruder ist in Russland vermisst.
Sie fragen: „Wie konnte das passieren? So junge Menschen!“
„Sie waren das letzte Aufgebot. Häuserkampf in Braunlage. Sollten verteidigen – ja was eigentlich?“
Der zweite Weltkrieg. Für vierzehnjährige ist das eine Ewigkeit her. Doch auf dem Soldatenfriedhof kommt die Geschichte näher. Krieg. Sie bekommen eine Ahnung, was das heißt.
Heute, am Samstag vor dem Volkstrauertag, sammeln Braunschweiger Bürger in der Innenstadt für die Kriegsgräberfürsorge. Sie stoßen dabei auch auf Unverständnis: „Was soll das noch? Der Krieg ist doch schon lange vorbei!“ Nein. Er ist nicht vorbei. Nicht für die, die sich noch erinnern an ihre Väter und Brüder, an den Bräutigam, der nicht zurückkam. Sie brauchen Orte der Erinnerung. Er ist auch nicht vorbei für die Jüngeren. Sie brauchen diese Orte des stummen Protestes der Toten: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

10 Smartphone Gebote

Meine Konfis haben sie geschrieben:

10 Smartphone Gebote.
Verfasst von den Konfirmanden aus St. Martini und St. Michaelis in Braunschweig:

1. Du sollst nicht mobben.
2. Gib nicht zu viel von dir preis.
3. Du sollst nicht stalken.
4. Du sollst keine fremden Seiten manipulieren.
5. Unterscheide öffentliches und privates.
6. Lass auf Feiern und in Gruppen dein Smartphone aus.
7. Kenne deine Grenzen
8. Hab Respekt vor den anderen.
9. Sei verständnisvoll.
10. Sei nicht feige, sondern mutig und ehrlich.

Erntedank

Ich will einen Tee kochen. Und ärgere mich erst mal. Der Wasserkocher ist voll. Das Wasser kalt. Ich nehme immer warmes Wasser. Weil es schneller geht und weil es Energie spart, ein bisschen jedenfalls.
Ich ziehe den Wasserkocher aus der Halterung, will das kalte Wasser in den Ausguss kippen.
Ich zögere:
Bist du verrückt? Du sparst jetzt einen Tropfen Öl, wenn überhaupt. Und was ist eigentlich kostbarer? Wasser oder Öl?
Der Mensch soll am Tag ungefähr zwei Liter pro Tag trinken.
Du bist also gerade dabei, die Hälfte deines Tagesbedarfs im Ausguss zu versenken.
Eine Sonnenblume, heißt es, braucht sehr viel Wasser: ungefähr einen halben Liter Wasser pro Tag. Ich könnte sie also zwei Tage lang versorgen!
Ich schüttele den Kopf, stelle den vollen Behälter zurück und drücke auf den Knopf.
Ohne Wasser kein Leben.

Übrigens:
1000 Liter Öl kosten 830 €.
1000 Liter Wasser 1,78 €.