Autor: Friedhelm Meiners

Was ich am meisten vermisse

Meine Enkeltochter Ada ist vier Jahre alt. Sie weiß schon sehr genau Bescheid über „Abstandsregeln.“ Sie sagt: „Corona ist ein großer runder Ball.“ Diese Zeit geht auch an unseren Jüngsten nicht spurlos vorbei.
Was wird Ada in Erinnerung bleiben? 
Dass alle Menschen mit Masken rumgelaufen sind, daran wird sie sich später sicher erinnern. 
Was werde ich ihr später erzählen über diese Zeit? Wenn sie mich irgendwann fragt: 
„Was hast du am meisten vermisst?“
Dann werde ich ihr sagen:
„Die Menschen!
Ich habe Dich und Deine Geschwister vermisst, meine Familie, meine Freundinnen und Freunde. Ohne Euch kann ich nicht sein!“
Sicher, wir schreiben Emails, wir telefonieren, skypen, schicken SMS und kleine Videos – das ist schön, aber das ersetzt niemals den persönlichen Kontakt! 
Sie sagen Euch: „Die neue Welt ist digital.“ Lasst Euch das nicht einreden. Die neue Welt ist menschlich, oder sie ist nichts. Die Digitalisierung ist ein Werkzeug, nichts weiter.“
Wenn ich aus dieser Zeit etwas an die nächste Generation weitergeben möchte, dann dies: 
Was ich am meisten brauche sind die Menschen. 
Ich brauche den kurzen Schnack auf dem Markt, die Menschen in der Kneipe, die Stimmung im Stadion. 
Im Moment bleibe ich übrigens öfters stehen, wenn ich unterwegs jemanden treffe. Wir nehmen uns Zeit für ein kurzes Schwätzchen. Wir sind alle ausgehungert nach persönlichen Gesprächen. 
Ja, das wichtigste in meinem Leben sind die Menschen. Ich kann es kaum erwarten, sie alle wieder zu treffen.
In der Bibel heißt es: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ 
Ich würde heute noch einen Schritt weitergehen, ich würde sagen: 
„Du liebst deinen Nächsten wie dich selbst. Er ist ein Teil von dir. 
Vergiss das nie wieder.“ 

Frohe! Ostern

Ostersonntag 2020

Ich erinnere mich noch gut an ein wunderschönes, zuversichtliches – für mich perfektes Osterfest. Ich bin in einem kleinen Dorf aufgewachsen, war so vierzehn, fünfzehn Jahre alt. Ich war mit meinem Bruder im Ostergottesdienst morgens um neun. Es war wunderschön: voll Freude, eine einfühlsame Predigt.
Danach sind wir durchs Dorf gegangen. Es war friedlich und still. Der Frühling erwachte mit dem ersten grün. So wie heute.
An diesem Jahr haben ich Ostern immer gemessen. Ich dachte immer: „Ja, so muss Ostern sein! Nur so ist richtig Ostern! Voller Freude und Zuversicht! 
In diesem Jahr ist nun alles anders. Ist deswegen nicht „richtig“ Ostern?
In diesem Jahr lerne ich die andere Seite von Ostern kennen. 
Ja, ich sorge mich und nein, so ein Ostern haben wir ja alle nicht erlebt: Gottesdienste nur in der Ferne. Kein Osterbrunch. Kein Ostereiersuchen mit den Kindern. 
Das kann doch alles nicht wahr sein!
Wie soll es da Ostern werden, in unseren Herzen und Seelen.
Das kann doch alles nicht wahr sein…
Wenn wir genau hinschauen: Wir sind ganz nah dran! 
Im Grunde war beim allerersten Osterfest genau so.
Wenn wir uns die Osterberichte in der Bibel anschauen, dann wird klar:
Das war kein Freudenfest. Es war ein Fest der Zweifel, der Angst und der Trauer – und genau in diesen Moment wird die Saat der Hoffnung gelegt. Sie wird nur langsam aufgehen.

*

Schauen wir genau hin! In der Ostergeschichte begegnen uns nur zweifelnde und verzweifelte Menschen – Menschen, die alles verloren haben und irgendwie weiterleben müssen:
Die Jünger haben sich eingeschlossen. Sie sitzen zusammen, stumm und voller Angst, warten darauf, dass sie auch abgeholt werden. 
Der Feind lauert überall, innen und außen. 
Und was das allerschlimmste ist: Du kannst keinem mehr trauen. 
Judas, einer aus dem engsten Kreis, hat Jesus verraten. Petrus hat ihn verleugnet – und die anderen? Eingeschlafen, weggelaufen. 
Und jetzt? Halltet die Türen geschlossen! Bleibt unter euch! Draußen lauert der Feind. 
Und vermutlich auch hier drinnen. Angst ist ansteckend. 

*

Die zweite Ostergeschichte, die mir am Herzen liegt, ist die Emmaus Geschichte. Die beiden   haben sich gleich auf die Flucht begeben. Sie sind unterwegs nach Emmaus. Sie wollen ihr altes Leben zurück.
Flucht scheint ein Ausweg.

*
Und dann die wichtigsten: die Frauen am Grab. 
Sie machen sich am frühen Morgen auf. Sie tun, was sie noch tun können. Aber was hat das noch für einen Sinn?
Hoffnung? 
Hoffnung ist da keine am Ostermorgen. Ganz im Gegenteil. Ein Gemisch aus Angst und Trauer. 
Bleib zu Hause! Bleib in deinen vier Wänden! Rühr dich nicht. Sieh zu, dass du niemandem über den Weg läufst!
Aber wie willst du das auf Dauer aushalten?
Vielleicht kannst du zurück in dein altes Leben, an den See Genezareth. Vielleicht gelingt die Flucht nach Emmaus.

*

Aber du kannst auch was tun, wie die Frauen am Grab. Ein letzter Liebesdienst.
Das ist mir dieses Jahr Ostern besonders wichtig: 
Die Frauen sind die ersten, die die Auferstehung erleben. 
Diese Frauen, die etwas scheinbar Sinnloses tun. Sie wollen dem Toten einen letzten Liebesdienst erweisen. Sie versuchen, treu zu bleiben über den Tod hinaus. 
Die Frauen am Grab tun, was zu tun ist. 
Sie fühlen sich nicht als Heldinnen.
Sie sind wie vielen Frauen in den Krankenhäusern, in den Altenheimen, in den ambulanten Diensten. Sie sind einfach da für die, die Hilfe brauchen. 
Sie tun auch dann noch etwas, wenn man scheinbar nichts mehr tun kann. 
Sie sind verzweifelt wie die anderen, aber sie wollen sich wenigstens das letzte, ihre Trauer, nicht nehmen lassen. Mir ist dieses Jahr an Ostern klar geworden: Trauer ist eine Form der Treue.
Und noch einmal: die Frauen, die etwas tun und sei es nur ein letzter Liebesdienst, diese Frauen sind am nächsten dran an der neuen Wirklichkeit. 
Sie begegnen dem Auferstandenen als erste.

*

Also: Tun wir was! 
Beten wir für die Menschen, um die wir uns sorgen. Rufen wir sie an, wenn wir sie schon nicht besuchen können.
Schreiben wir einen Brief, eine SMS, ganz egal, lassen wir unserer Phantasie freien Lauf. 
Aber hüten wir uns vor dem Gedanken: „Ich kann ja doch nichts tun.“ 
Die Frauen, die etwas tun, die sind dem Auferstandenen am nächsten. Sie erfahren als erstes, dass er stärker ist als der Tod.

*

Und was wird aus den anderen?
Ja, die erfahren es auch. 
Die Emmaus Jünger sind auf der Flucht. 
Auf ihrem Weg gesellt sich ein Fremder zu ihnen. Der Fremde fragt sie aus und sie erinnern sich. 
Die Emmaus Jünger gehen den Weg der Erinnerung. 
Ihr Weg ist schmerzhaft. Sie müssen viel loslassen. Müssen sich von ihren Idealen und Vorstellungen lösen. „Wir haben geglaubt, er sei der Messias.“ 
Ich denke, sie haben eher geglaubt, er sei ihr ganz eigener Messias. Einer, der sie von der Last des Lebens befreit. Doch so einfach ist es mit dem Glauben eben nicht, auch nicht an Ostern.
Die Emmaus Jünger erkennen den Auferstandenen am Abend – in einer ganz alltäglichen Geste, im Brotbrechen. 
Gemeinsame Mahlzeiten, an einem Tisch sitzen, feiern. Das ist mehr als Nahrungsaufnahme. Das ist Nahrung für die Seele. 
Das wird uns in diesem Jahr schmerzhaft bewusst.
Doch sie haben nur kurz Gemeinschaft mit dem Auferstandenen. Als sie ihn erkennen, ist er schon wieder fort. Sie können seiner nicht habhaft werden. Sie können ihn nicht festhalten. Sie können vor dem Kreuz auch nicht fliehen. Sie müssen ihr Leben leben. Erlösung ist nicht Erlösung vom Leben, vom Alltag, sondern im Alltag. 
Und zuletzt erreicht die Botschaft die Auferstehung auch die eingeschlossenen Jünger, die wie gelähmt in ihrem Raum sitzen. Auch sie brauchen eine ganze Zeit, um zu glauben. 
Und eins ist mir noch deutlich geworden an diesem Ostern:
Die Frauen am Grab, die Emmaus Jünger, die Zwölf: 
Sie brauchen einander. Sie müssen miteinander reden über ihre Zweifel, über ihren Glauben, über das, was sie gesehen und erlebt haben. 
Genau wie wir: Wir brauchen einander. Kein Mensch kann für sich allein leben. Kein Mensch kann für sich allein glauben. 
Sein wir füreinander da. 
Gerade jetzt, wo wir ganz neue Wege zueinander finden müssen.
Nein, fröhlich ist Ostern dieses Jahr nicht.
Aber froh kann es sein – froh in der Saat der Hoffnung, die gerade aufgeht, damals so heute.
Frohe Ostern!  

Dietrich Bonhoeffer und Gründonnerstag

Heute ist Gründonnerstag.
Wir Christinnen und Christen erinnern uns an das erste Abendmahl: Jesus sitzt mit seinen Jüngern am Tisch. Sie gehören alle zusammen. Dabei sind sie wahrlich keine Helden:
Judas wird ihn verraten. Petrus wird ihn dreimal verleugnen, bevor der Hahn kräht. Jakobus und Johannes werden einschlafen, als Jesus sie am meisten braucht. Aber er schickt keinen von ihnen weg. Sie sitzen alle miteinander am Tisch.
Wie mögen sie sich fühlen, am Tag danach?
Ob sie sich dieselbe Frage stellen wie viel, viel später Dietrich Bonhoeffer? 
Er wurde heute vor 75 Jahren, kurz vor Ende des 2. Weltkrieges, ermordet. 
Dietrich Bonhoeffer war der Seelsorger der Widerstandskämpfer vom 20. Juli 1944 – aber nicht mit stolzgeschwellter Brust, sondern getrieben von Ängsten und Zweifeln.
Er schreibt aus seiner Gefängniszelle:
„Wir sind stumme Zeugen böser Taten gewesen, wir sind
mit vielen Wassern gewaschen, wir haben die Künste
der Verstellung und der mehrdeutigen Rede gelernt, wir sind
durch Erfahrung misstrauisch gegen die Menschen geworden… 
sind wir noch brauchbar?“
Heute ist Gründonnerstag. Es ist auch der Tag der Ängstlichen, der Zweifelnden, der Gebrochenen. Wir sitzen alle mit am Tisch. Niemand wird weggeschickt.
Die Liebe führt uns zusammen. 

Von Bäumen und Menschen

Der Förster Peter Wohlleben redet gern von der „menschlichen Seite“ der Bäume. 
Das klingt ja erst mal etwas seltsam. Aber dann erzählt er in seinem Buch von einem uralten Buchenstumpf in seinem Wald.  Der schlägt immer wieder aus. 
Peter Wohlleben sagt: „Mir wurden in diesem Moment klar: Dieser Baumstumpf wird von den gesunden, großen Buchen mitversorgt. Sie sorgen für ihn wie Kinder für ihre alte Eltern. Die Bäume stehen in ganz engem Kontakt!“
Ein Biologe schüttelt den Kopf. Er sagt in einem Interview: „Was mich an Wohlleben am meisten ärgert, ist, dass er die Bäume vermenschlicht. Die alte Wurzel ist streng genommen ein Schmarotzer. Gerade bei Buchen herrscht ein knallharter Kampf ums Überleben. Nur die wenigsten schaffen es bis ganz nach oben.“ 
„So, so“ denke ich. „Vermenschlichung ist schlecht…“
Aber du sprichst vom „Kampf ums Überleben.“ 
Dabei stehen die Buchen doch einfach nur im Wald rum und wachsen vor sich hin. Die „kämpfen“ doch gar nicht.“ 
Mir ist klar geworden: Wir brauchen diese Bilder, diese Vermenschlichung, um die Welt zu verstehen.  
Wir Christen sagen in der Karwoche: „Gott leidet mit diesem Menschen am Kreuz.“
Andere sagen: „So ein Unsinn! Wenn es überhaupt einen Gott gibt, dann leidet der nicht. Wir sind dem total egal. Jeder muss sehen, wo er bleibt.“
Auch hier zwei Bilder, die einander gegenüberstehen: 
Ewiger Kampf – oder ewige Liebe.
Beweisen kann ich nichts. Aber ich kann an den Bilder erkennen, wie ich zum Leben stehe, auch zu meinem eigenen. 
Ich glaube nicht an den kalten, harten Kampf ums Überleben. 
Ich glaube, dass die Liebe bei uns ist. 
Auch im Kreuz, auch im Leiden. 

An den Wunden erkennen

Eine junge Frau sagt zu mir: „Ihr Männer redet immer nur über eure Erfolge. Ihr prahlt die ganze Zeit, was für Helden ihr seid. Ich finde das langweilig. Wenn ihr mal über Eure Niederlagen reden würdet, das wär viel spannender!“ 
Ich muss lachen. Stimmt. Wir Männer reden gern über unsere Heldentaten; und je älter wir werden, desto schlimmer wird das…
Keiner redet gern über seine Niederlagen.
Doch jetzt, in der Woche vor Ostern, in der Karwoche, ist genau das dran: 
In den Gottesdiensten und Andachten erinnern wir uns an das Leiden und das Kreuz Jesu. 
Damit sagen wir auch: Schmerz und Leiden gehören zum Leben. Wir müssen sie nicht verstecken. 
Das ist entscheidend für den christlichen Glauben und ich glaube auch für ein gutes, menschliches Leben. 
Als Jesus seinen Jüngern nach der Auferstehung das erste Mal begegnet, zeigt er ihnen als erstes die Wunden der Kreuzigung an seinen Händen und an der Seite. Und genau daran erkennen die Jünger Jesus wieder: an seinen Wunden; an dem, was das Leben ihm angetan hat. 
Das heißt doch irgendwie auch: Wenn ich meine Niederlagen und meine Wunden verstecke, dann verstecke ich mich selbst. Dann kann mich niemand wirklich kennenlernen. 
Ja, die Karwoche, ist schwer. Aber auch heilsam. An unseren Wunden, an dem, was das Leben aus uns gemacht hat, daran werden wir erkannt. 

Im Dunkel

Wann fängt Ihr Tag eigentlich an?
Bei mir ist das ganz klar: am frühen Morgen, bei einer Tasse Kaffee. Anschließend lege ich richtig los.
Und wann beginnt meine Woche?
Auch da muss ich nicht lange überlegen: Am Montagmorgen, wenn ich wieder durchstarte. 
Aber es gibt auch eine andere Sicht auf das Leben: 
Die christliche Woche startet mit dem Sonntag, dem Ruhetag. 
Unsere Tage beginnen eigentlich mitten der Nacht um 0 Uhr – und Weihnachten – für viele das hellste Fest – feiern wir in der dunkelsten Jahreszeit. 
Wir machen uns darüber normalerweise keine Gedanke, aber dahinter steckt schon die Frage:
Wann geschieht im Leben das Entscheidende? 
Im Hellen, wenn ich wach bin – oder im Dunkeln, wenn ich schlafe? 
Auf den ersten Blick scheint das klar:
Das Entscheidende geschieht am Tag, wenn ich aktiv bin. Der Schlaf dient nur zur Erholung. 
Aber ganz so einfach ist es eben doch nicht.
Noch ruhen scheinbar die Felder. Doch unter der Erde, im Dunkeln, keimen die Weizenkörner schon zu kleinen Pflanzen. Wenn sie ans Licht kommen, sind sie schon perfekt, müssen nur noch wachsen. 
Ein Baby braucht neun Monate. Wenn es ans Licht kommt, ist es schon vollkommen, ein Wunder.
Heute beginnt die Karwoche. Wir sprechen von Finsternis, von Leid und Tod. 
Wir sprechen aber auch von dem Leben, das durch die Finsternis ans Licht bricht. 
Wir sollten mehr vertrauen: 
Das Leben ist erst mal ein großes Geschenk. 

Der Apfelbaum

Die letzten Nächte waren noch mal frostig. Morgens ist am Vogelhaus bei mir vorm Fenster wieder der Bär los. Die Stare, Spatzen und Meisen haben mächtig Hunger nach den kalten Nächten und machen richtig Alarm. Ich beobachte sie durch die Scheibe. In Windeseile haben sie das ganze Futter weg gepickt und fliegen wieder davon.
Ich schaue ihnen hinterher und beneide sie: „Die Vögel haben es gut,“ denke ich, „die sind frei. Können fliegen, wohin sie wollen. Und wir sitzen hier fest, dürfen kaum noch aus dem Haus.“ 
Aber halt! Ganz so ist es ja doch nicht! Meine Gedanken, meine Träume und meine Phantasie können ja auch fliegen, sogar weiter als der kleine Spatz, der sich da gerade auf den Weg macht.
Ich schließe für einen Moment die Augen. 
Lasse meine Gedanken fliegen. In unserem Garten steht ein Apfelbaum. Noch ist er kahl, aber er treibt schon aus, auch wenn ich nichts davon sehe. Er lässt sich nicht aufhalten. Im Mai wird er viele wunderschöne rosa Blüten tragen. Und wer weiß, vielleicht geht es uns und dann auch schon ein wenig besser. Im September trägt er dann große, rote Äpfel, gereift in schwerer Zeit. Dann werde ich zurückdenken an diesen Frühling, an all die Sorgen, die wir uns umeinander gemacht haben. Ich werde mich aber auch dankbar erinnern an all die Menschlichkeit, die mir begegnet ist, die Hilfsbereitschaft und die vielen Menschen, die bis an den Rand ihrer Kräfte für uns da waren.
Bei all meinen Sorgen, Gott hat mir Phantasie geschenkt ich kann sie für einen Moment fliegen lassen. Ich kann mir Kraft schenken lassen für das, was in diesen schweren Zeiten zu tun ist. 

Echtes Leben – oder was Menschen bereuen

Die Passion Jesu beginnt mit einem Fest.
Die Stimmung ist gut. 
Da tritt plötzlich eine Frau hinter Jesus, öffnet ein Fläschchen und salbt ihn mit kostbarem Öl. Dieses Öl ist Stand heute mindestens 1.000 € wert. 
Die Jünger sind empört: „Was machst du da? Man hätte das Öl verkaufen können und das Geld an die Armen verteilen! Das ist doch nicht nötig!“
Jesus widerspricht ihnen: „Lasst sie in Ruhe! Sie hat etwas Gutes für mich getan! Das wird man ihr nie vergessen!“
Wir bereuen am meisten, was wir nicht getan haben. 
Wir geizen viel zu oft mit unserer Zeit, mit unserem Geld. 
Die Reue kommt später:
„Als die Kinder klein waren…“ 
„Wir dachten, wir haben noch so viel Zeit…“
Doch das Großzügige, Verschwenderische hat es schwer in einer Welt, die so viel Aufmerksamkeit frisst: 
Wir sitzen mit Ada, unserer Enkeltochter, in einer Pizzeria. Ada ist vier Jahre alt. Sie interessiert sich für alles. In der Pizzeria ist am frühen Abend noch nicht viel los, nur zwei, drei Tische sind besetzt. An einem Tisch sitzt eine junge Frau, offensichtlich eine Mitarbeiterin. Sie hat nichts zu tun und starrt regungslos auf ihr Smartphone. Ada schaut sie eine Weile interessiert an, dann stubst sie mich an: „Opa, ist die echt?“
Ja, wie ist das mit dem echten Leben? Was verspielen wir, wenn wir mehr Zeit digital verbringen als mit echten Menschen? Ist die nächste Kurznachricht wirklich wichtiger als der Mensch am Nachbartisch – das Foto auf Instagram schöner als der echte Sonnenuntergang?Wir bereuen vor allem, was wir nicht getan haben – ganz egal, was für „gute Gründe“ wir dafür hatten. 

Die Zeit zurückdrehen

Zurück in die Gegenwart 

Bei uns im Esszimmer steht eine wunderschöne alte Uhr. Sie ist ein Erbstück aus der Familie meiner Frau. Jeden Sonntagmorgen ziehe ich sie auf. Und dann ist sie nicht mehr zu halten, dann rennt sie los. Die ersten drei Tage der Woche ist sie ihrer Zeit weit voraus, mindestens zwei, drei Minuten pro Tag. Ich drehe ihren Minutenzeiger immer wieder zurück. So. Jetzt stimmt ihre Zeit wieder. Die Uhr ist genau in der Gegenwart, im Hier und Jetzt.
Ach, wenn das bei mir doch auch so einfach ginge. Es gibt Tage, da bin ich wie aufgezogen, meine Gedanken sind wie Trolle. Sie jagen mich weit in die Zukunft. Schon beim Aufwachen schreien sie mich an: „Los! Sieh zu, dass du hochkommst! Es gibt viel zu tun!“ An diesen Tagen bin ich ein Getriebener, denke nur darüber nach, was ich noch alles zu tun habe und wie ich das bloß schaffen soll. Ich bin dann nie ganz bei der Sache, nie ganz bei dem, was ich gerade tue.
Dabei sind genau das die schönsten Momente in meinem Leben: Wenn jemand den Zeiger zurückdreht, mich in die Gegenwart holt, wenn ich die Zeit vergesse.
Ich sehe mit meiner Enkeltochter zu, wie sie mit ihrem neuen Bauernhof spielt. Sie ist durch nichts aus der Ruhe zu bringen. Ich genieße die Sonne bei einem langen Spaziergang mit meiner Frau. Ich vergesse die Zeit beim Gespräch mit einem Freund. Nie spüre ich das Leben so intensiv wie in diesen Momenten. 
Ich drehe den Zeiger an unserer alten Uhr zurück, hole tief Luft und denke: „So. Jetzt sind wir beide genau da, wo wir hingehören: in der Gegenwart, in diesem Moment.“

Gott, Geheimnis des Lebens, ich glaube, dass die Gegenwart, dass genau dieser Moment     ein Geschenk ist. 
Ich glaube, hilf meinem Unglauben…

Die kananitische Frau

17. Sonntag nach Trinitatis

13. Oktober 2019

Die Irritation

Samstag Nachmittag. Die junge Pfarrerin freute sich auf ein paar ruhige Stunden.
Zu dieser Zeit störte sie niemand und sie konnte in aller Ruhe ihre Predigt vorbereiten. 
Aber heute war sie unruhig, fahrig. Der Predigttext lag ihr schwer im Magen. 
Die Geschichte von der kananitischen Frau. 
Wie sollte sie diesen Text predigen, wo er sie selbst so sehr irritierte?
„Es ist nicht recht, den Kindern das Brot wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.“ 
„Wie konnte Jesus so etwas sagen?“
„Wie konnte er eine Frau mit einem Hund vergleichen? 
Das ist Frauen verachtend!“ dachte sie.
„Und ich habe im Studium gelernt: Jesus war seiner Zeit weit voraus! Er hat die Frauen in seiner Umgebung ernst genommen. Zum Kreis der Jünger gehörten auch viele Frauen. Und nun diese Geschichte! Das passt doch überhaupt nicht. 
Wie soll ich ihm da noch glauben? Wie soll ich an ihn glauben? 
Und wie soll er da ein Vorbild für meine Gemeinde sein? Mit diesem Vorurteilen gegenüber ausländischen Frauen? Und dann heißt es in der Dogmatik: Christus, der ohne Sünde ist, ist für unsere Sünden gestorben. 
Aber so wie er mit dieser Frau umgeht, das ist doch eine klare Sünde! Nichts sonst! Wie soll ich das alles verstehen?
Ob ich vielleicht doch lieber einen anderen Text predige? Nein! Ich werde mich nicht drücken! 
Und vielleicht sind wir ja heute weiter – als Jesus zu seiner Zeit…“

Die trauernde Frau

In diesem Moment klingelt es an der Haustür. „Da willst du endlich mal in Ruhe arbeiten“ seufzt die Pfarrerin und geht zur Tür. 
Vor ihr steht die alte Frau Schulz. Sie kennt sie aus der Frauenhilfe. „Guten Tag Frau Schulz! Was führt sie zu mir? Kommen sie doch herein!“ 
„Frau Pfarrerin, mein Mann! Er ist heute ins Krankenhaus gekommen! Es geht zu Ende. Und“ – sie zögert einen Moment – „er ist ja nicht in der Kirche. Das lässt mir keine Ruhe. Würden Sie ihn trotzdem beerdigen?“

„Ach Frau Schulz, ich würde Ihnen ja gerne helfen!“ seufzt die Pfarrerin, „aber Sie müssen mich verstehen, ich habe auch meine Prinzipien. Schließlich wollte ihr Mann ja nichts mehr von der Kirche wissen. Er ist ausgetreten. Und ich muss auch an all die anderen denken, die ihr Leben lang treu und brav zu ihrer Kirche gestanden haben. Nein, es tut mir leid, aber ich kann ihren Mann nicht beerdigen.“
„O mein Gott!“ sagt Frau Schulz verzweifelt, „dann geht er ohne Segen von dieser Welt!“ 
Die Pfarrerin erschrickt. Doch sie verdrängt dieses Erlebnis ganz schnell. Die Predigt muss fertig werden! 

Die Auslegung der Väter. 

Und sie liest in den Auslegungen der Alten, der Glaubensväter und -mütter. Sie erfährt: In der alten Kirche und im Mittelalter wurde der Glaube vor allem als Tugend verstanden. Zum Glauben gehörten in dieser Zeit z.B. Bescheidenheit, Ehrfurcht, Vertrauen, vor allem aber: Demut! So schreibt Augustin zu diesem Text: „Hund hatte der Herr sie genannt. Sie sagte nicht: „Ich bin es nicht!“  sondern sie sagte: „Ich bin es!“[1]
Ein Beispiel für Demut? Dachte unsere Pfarrerin, vielleicht ist diese Erklärung gar nicht so schlecht. Ein bißchen Demut würde manch einem von meinen Zuhörern auch ganz gut zu Gesicht stehen. 
Aber trotzdem! Jesus kann und darf eine Frau nicht mit einem Hund vergleichen! Er kann doch nicht erwarten, dass ein Mensch sich so unterwürfig wie ein Hund verhält!“ 
Sie sucht weiter nach Auslegungen dieses schweren Textes. 
Was sagte Martin Luther zu dieser Geschichte?
In der Reformation wird der Glaubestatt der Demutzum Zentrum der Geschichte. 
Martin Luther sagt: Diese Geschichte ist ein wunderbares Beispiel für den Glauben gegen den Augenschein. „Christus stellt sich hier so, wie das Herz es fühlt. Das Herz meint, es ist lauter Nein, also die reine Ablehnung da. Aber das ist nicht wahr. Darum muss sich das Herz von seinem eigenen Gefühl abwenden und das tiefe heimliche Ja unter und über dem Nein mit festem Glauben auf Gottes Wort fassen und halten, so wie diese Frau es tut.“[2]
Der Glaube gegen den Augenschein. 
Ein schöner Gedanke,“ denkt die Pfarrerin. „Auch wenn du glaubst, Gott ist ganz weit weg. Wenn du meinst er lehnt dich ab und hilft dir nicht. Seine Hilfe ist doch ganz Nahe.“ 
Vielleicht sollte ich hier meinen Schwerpunkt setzen. 
Doch dann schüttelt sie energisch den Kopf. „Ich will mich nicht drücken! Jesus vergleicht eine Frau mit einem Hund! Wie soll ich damit umgehen? 
Wie kann ich ihm da glauben? 
Wie kann ich glauben, dass er ohne Sünde ist? 
Wie kann ich seiner Lehre folgen?
Das ist die alles entscheidende Frage!

Die Zweifel

Sie findet einfach keinen Einstieg in ihre Predigt. Doch das liegt nicht nur an dieser Geschichte. Sie muss die ganze Zeit auch an die alte Frau Schulz und ihren todkranken Mann denken. Hatte sie sich zu schroff benommen? Nein! Sie hatte nur nach ihrer Überzeugung gehandelt! Aus tiefstem Herzen! Ausgetretene haben sich nun mal von der Kirche abgewendet! Die wollen doch nichts mehr mit uns zu tun haben! Die haben doch selbst Schuld! Ich lasse mich doch nicht ausnutzen! Außerdem ist es Ungerecht gegenüber unseren Mitgliedern! Es ist nicht richtig, dass ich meine Zeit für Ausgetretene verwende, wo ich noch nicht einmal genug Zeit für unsere eigenen Leute habe!“
Sie stockt. 
„Ich argumentiere genau wie Jesus,“ denkt sie, „die eigenen Leute sind mir lieb und teuer. Die anderen können mir gestohlen bleiben. Und wenn die Not noch so groß ist…“ 
Sie kann Jesus jetzt besser verstehen. 
Sie kann ihn verstehen, aber sie ist nicht einverstanden.
Wie soll einer ohne Sünde sein, der eine Frau mit einem Hund vergleicht?
Wie soll sie sich ihn zum Vorbild nehmen?

Überlegungen zum Text

Sie grübelt weiter: 
Jesus vergleicht die Frau mit einem Hund. 
Sie nimmt sein Urteil an. 
Sie ist demütig, okay. 
Sie glaubt?
Vielleicht. Vielleicht glaubt sie an die Macht des Wunderheilers. Und darum unterwirft sie sich so demütig. 
Warum hilft Jesus ihr?
Weil sie so laut schreit?
Nein! Von ihrem Schreien lässt er sich nicht beirren.
Weil er seine Vorurteile überwindet?
Nein, denn dann müsste er sich für seinen schlimmen Vergleich entschuldigen.
Jesus sagt zu ihr: „Du hast ein großes Vertrauen Frau! Was du willst soll geschehen!“ 
Worauf vertraut sie?
Auf diesen harten und unnachgiebigen Mann? 
Vielleicht.
Vielleicht glaubt sie aber noch viel mehr auf die Macht der Liebe, die in ihm wirkt. 
Die Liebe Gottes, die mächtiger ist auch als Vorurteile Jesu.
Vielleicht ist die Liebe Gottes der Schlüssel zum Geheimnis dieser Geschichte.
Jesus ist ohne Sünde, das könnte bedeuten: er traut der Liebe mehr als seinem eigenen Herzen und seinem eigenen Verstand. 
Die Liebe schwemmt alles weg, was ihn von Gott trennt. Darum ist er sein Sohn. Darum ist er ohne Sünde. 
Und in diesem Vertrauen kann er mir ein Vorbild sein: Die Liebe Gottes ist größer als meine Vorurteile, als meine ängstliche und verengte Sicht der Welt. 
Ja, denkt sie, so kann es gehen. In diese Richtung kann ich predigen. 
Jetzt kann ich anfangen, meine Gedanken aufzuschreiben.
Aber erst muss ich noch etwas erledigen.
Sie greift zum Telefonhörer.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft, bewahre eure Sinne und Herzen in Christus Jesus. 

Amen. 


[1]Nach Luz Mt Ev II, 431ff

[2]ebd. 432