Kategorie: Allgemein

Buße…

„Es geht mir gut, solange ich mich wehren kann.“

Sie war Jahrgang 1919. Und das war ihr Leitspruch. Ihr Leben lang.

Sich diesen Satz zu Herzen nehmen, kann auch eine Form der Buße sein:
Ich werde mein Leben selbst in der Hand behalten.
Auch gegen die, die es gut mit mir meinen.

Kriegsgräber

Kriegsgräber
Wir wandern mit unseren Konfirmanden durch den Harz, zum Soldatenfriedhof zwischen Torfhaus und Oderbrück. Der Friedhof ist sehr gepflegt, die Inschriften gut zu erkennen. Hier liegen junge Menschen begraben, fast noch Kinder, sechzehn, siebzehn Jahre alt. Erschossen in den letzten Wochen und Tagen des Krieges. Einige noch im Mai 1945. Die Konfirmanden gehen von Grabstein zu Grabstein. Lesen. Schweigen.
Als wir weitergehen, finden sie ihre Sprache wieder. Kurze Sätze: „Mein Bruder ist sechzehn.“ „Ich hätte dann ja nur noch zwei Jahre…“ Einer erzählt von seiner Großmutter. Ihr Bruder ist in Russland vermisst.
Sie fragen: „Wie konnte das passieren? So junge Menschen!“
„Sie waren das letzte Aufgebot. Häuserkampf in Braunlage. Sollten verteidigen – ja was eigentlich?“
Der zweite Weltkrieg. Für vierzehnjährige ist das eine Ewigkeit her. Doch auf dem Soldatenfriedhof kommt die Geschichte näher. Krieg. Sie bekommen eine Ahnung, was das heißt.
Heute, am Samstag vor dem Volkstrauertag, sammeln Braunschweiger Bürger in der Innenstadt für die Kriegsgräberfürsorge. Sie stoßen dabei auch auf Unverständnis: „Was soll das noch? Der Krieg ist doch schon lange vorbei!“ Nein. Er ist nicht vorbei. Nicht für die, die sich noch erinnern an ihre Väter und Brüder, an den Bräutigam, der nicht zurückkam. Sie brauchen Orte der Erinnerung. Er ist auch nicht vorbei für die Jüngeren. Sie brauchen diese Orte des stummen Protestes der Toten: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!

10 Smartphone Gebote

Meine Konfis haben sie geschrieben:

10 Smartphone Gebote.
Verfasst von den Konfirmanden aus St. Martini und St. Michaelis in Braunschweig:

1. Du sollst nicht mobben.
2. Gib nicht zu viel von dir preis.
3. Du sollst nicht stalken.
4. Du sollst keine fremden Seiten manipulieren.
5. Unterscheide öffentliches und privates.
6. Lass auf Feiern und in Gruppen dein Smartphone aus.
7. Kenne deine Grenzen
8. Hab Respekt vor den anderen.
9. Sei verständnisvoll.
10. Sei nicht feige, sondern mutig und ehrlich.

Erntedank

Ich will einen Tee kochen. Und ärgere mich erst mal. Der Wasserkocher ist voll. Das Wasser kalt. Ich nehme immer warmes Wasser. Weil es schneller geht und weil es Energie spart, ein bisschen jedenfalls.
Ich ziehe den Wasserkocher aus der Halterung, will das kalte Wasser in den Ausguss kippen.
Ich zögere:
Bist du verrückt? Du sparst jetzt einen Tropfen Öl, wenn überhaupt. Und was ist eigentlich kostbarer? Wasser oder Öl?
Der Mensch soll am Tag ungefähr zwei Liter pro Tag trinken.
Du bist also gerade dabei, die Hälfte deines Tagesbedarfs im Ausguss zu versenken.
Eine Sonnenblume, heißt es, braucht sehr viel Wasser: ungefähr einen halben Liter Wasser pro Tag. Ich könnte sie also zwei Tage lang versorgen!
Ich schüttele den Kopf, stelle den vollen Behälter zurück und drücke auf den Knopf.
Ohne Wasser kein Leben.

Übrigens:
1000 Liter Öl kosten 830 €.
1000 Liter Wasser 1,78 €.

O du mein Smartphone…

Ein Abend wie gemalt. Der Mond steht am Himmel, die Sterne funkeln.
Wir sitzen im Biergarten am Okerstrand, genießen den Spätsommer.
Am Nachbartisch ein junges Pärchen. Sie strahlt ihn mit großen Augen an.
Doch er?
Ich kann es nicht fassen! Er bekommt das gar nicht mit! Sein Blick ist starr nach unten gerichtet, auf sein Smartphone. Er tickert irgendeine Nachricht in das Gerät. Wahrscheinlich teilt er seinen Kumpels mit, wo er gerade ist. Triumph der Technik!
Der Zauber des Augenblicks ist verflogen.
Sie schaut gelangweilt in ihr Weinglas, er starrt weiter in sein Smartphone.
Als ich meinen Konfirmanden von dieser Szene erzähle, reagieren sie fast trotzig: „Ja Herr Meiners, so ist das heute! Man kann nicht mehr ohne! Schauen Sie sich doch mal um! In der Fußgängerzone! Im Bus! Sogar auf dem Fahrrad! Alle haben so ein Ding in der Hand. Man muss immer „on“ sein. Wer nicht dabei ist, ist so was von raus!“
Es stimmt. Überall starren Menschen auf diese kleinen Geräte und vergessen die Welt um sich herum. Ich kenne das auch. Es ist faszinierend: Ich sehe, was mein bester Freund in Sydney grade macht, höre Musik, die ich liebe, verbinde mich mit anderen, die das gleiche mögen wie ich, diktiere einen guten Gedanken für die Predigt am Sonntag.
Doch kein Mensch muss immer„on“ sein. Wir müssen lernen, mit den Dingern vernünftig umzugehen. Im Konfirmandenunterricht schreiben wir jetzt die „10 Gebote für den Umgang mit dem Smartphone.“ Und am Anfang steht die Erkenntnis:
Wer glaubt, ein Gerät kann einen Menschen ersetzen, den strahlen keine großen Augen an.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Smartphones oder NSA im Kleinen

Wir waren mit unseren Konfirmanden einen Tag pilgern. Das Wetter war gut, die Stimmung bestens. Nur eins hat gewaltig genervt: In jeder Pause hatten die Kids sofort ihre Smartphones in der Hand und tickerten los.
Das hat mich zu einer kleinen Phantasiereise inspiriert:

Stell dir vor: Du hast dein Leben total im Griff.
Du hast Zugang zu allem Wissen, was du brauchst!
Die Mathearbeit ist total schwer. Allen um dich herum steht der Angstschweiß auf der Stirn. Für dich ist das überhaupt kein Thema. Nach zehn Minuten bist du durch damit und glotzt gelangweilt an die Decke.
Du fährst mittags ganz entspannt mit der Straßenbahn nach Hause.
Den Typen dir gegenüber kennst du irgendwoher.
Aber du kannst dich beim besten Willen nicht erinnern. Du scannst ihn kurz und schon hast du das Bild vor dir: Klar! Das ist dieser Schläger aus deiner ehemaligen Schule! Dem gehst du besser aus dem Weg. Da pöbelt er dich auch schon an.
Doch kein Problem: Du hast immer Kontakt zu deinen Freunden und weißt genau, wo sie gerade sind. Ein Flüstern ins Mikro genügt und sie helfen dir. An der nächsten Haltestelle steigen zwei deiner Freunde ein und setzen sich dir gegenüber. Das Großmaul, das dich eben noch angemacht hat, ist auf einmal so klein mit Hut.
Schularbeiten? Musst du nicht mehr machen. Der Nachmittag gehört dir. Du kuckst erst mal in aller Ruhe deine Lieblingsserie, doch dann wird dir langweilig. Du checkst kurz, wo alle deine Freunde sind, dann rufst du sie zu einem kleinen Grillerchen im Park zusammen. Jeder bringt was mit und ihr habt eine Menge Spaß. Nur Melanie nicht. Die sitzt die ganze Zeit nur da. Sie sieht auch verheult aus. Du fragst sie, was los ist.
Und sie fängt auch gleich an zu weinen. Sven, ihr Freund, ist in letzter Zeit so komisch. Hat kaum noch Zeit für sie. Du checkst das mal eben. Tatsächlich! Der hat sich in den letzten vier
Mal mit dieser Schlampe aus der Parallelklasse getroffen! Du nimmst ihn sofort beiseite und machst ihm unmissverständlich klar: „Hör zu! Wenn du Melanie verarschst, bist du hier raus, ist das klar?“
Sven senkt sofort schuldbewusst den Kopf und nickt: „Entschuldige! Wird nicht wieder vorkommen! Versprochen!“ Er geht ganz schnell zu Melanie und nimmt sie in den Arm. Die beiden sind wieder glücklich.
„Wie schön ist das Leben!“ denkst du, als du abends im Bett liegst. Ich habe alles im Griff und alle sind glücklich.
Du bestellst dir noch schnell einen schönen Traum und schläfst selig ein.

Die Kids hatten glänzende Augen. „Wenn das ginge, das wäre doch super!“ meinten sie. Auch die Vorstellung, Sven zu überwachen und ihn zur Not auch aus der Clique zu schmeißen war kein Problem. Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt…
Erst als ich nachgefragt habe: „Wie würde es euch selber in seiner Situation gehen?“ wurden sie etwas nachdenklicher. Aber sie meinten schon: „Wir würden uns nicht mehr mit der anderen treffen.“
„Aber das geht ja sowieso nicht“ meinten sie dann. „Ist ja alles nur Phantasie.“
Von wegen.
Das Wissen der Welt steht über Google und Co zur Verfügung. Ich bin sicher, dass man die Lösung von Matheaufgaben finden kann und wenn ich das geschickt anstelle, brauche ich mich vor keiner Arbeit mehr zu fürchten.
Das Scannen von Personen ist schon möglich. Und spätestens wenn die Google Brille auf dem Markt ist, wird das zum Massenphänomen: „Wer ist die schöne Kleine da am Tisch gegenüber? Wo geht sie zur Schule? Was sind ihre Hobbies?“ Die Kids wurden ganz still, als sie das hörten.
Und schließlich: eine Clique zu überwachen, ist überhaupt kein Problem. Sie müssen sich nur alle bei „Meine Freunde suchen“ anmelden. Die App ist kostenlos. Und schon weiß der große Boss, was jeder tut.
Meine Konfis wurden sehr nachdenklich.
In der nächsten Stunde werden wir „10 Gebote zum Umgang mit Smartphones“ aufstellen. Ich bin gespannt.

Abraham

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung:

Urlaub in der Bretagne.
Ich gönne mir jeden Morgen ein kleines Ritual: setze mich auf die Terrasse eines Cafés, trinke einen Espresso und genieße den herrlichem Blick auf den Atlantik.
Am Nachbartisch sitzt ein alter Mann: vom Wetter gegerbtes Gesicht, grauer Bart und eine Pfeife im Mund. „Ein alter französischer Seebär“ denke ich. „Der ist bestimmt lange Jahre mit seinem Fischerboot aufs Meer gefahren und jetzt genießt er seinen Ruhestand.“
Nach drei Tagen spricht er mich an – im besten Schwiizerdütsch! Ein Urlauber, genau wie ich.
Er hat natürlich auch gerätselt, was ich wohl für einer bin und auf einen sozialen Beruf getippt. So ganz falsch liegt er damit ja nicht. „Und Sie?“ frage ich, „was machen Sie?“ „Ich bin von Haus aus Psychologe“ erzählt er, „habe viele Jahre in Kinder- und Jugendheimen gearbeitet. Aber als die Kinder aus dem Haus sind, haben meine Frau und ich noch mal ganz von vorne angefangen. Wir sind nach Schweden gezogen, an den Siljansee. Da bieten wir im Winter für die Touristen Schlittenfahrten an. Wir haben über dreißig Hunde – und natürlich ein paar Hühner, Schafe…“
„Und?“ frage ich, „Wie ist das neue Leben?“ Er lächelt „Ich habe Jahre gebraucht, um mich zu gewöhnen. Unser Dorf hat fünfzig Einwohner. Der nächste Nachbar wohnt zweihundert Meter weiter. In der Stadt hast du immer was vor. Die Zeit ist knapp. Und jetzt? Wenn der Nachbar vorbeikommt, gibt es erst mal einen Kaffee. Immer. Die Männer reden nicht dauernd über ihren Beruf. Aber sie fragen dich sofort: „Wann warst du das letzte Mal angeln und was hast du gefangen?“
Der Mann am Meer erinnert mich an Abraham. Er ist im Alter gemeinsam mit seiner Frau in ein fremdes Land gezogen. Er hat ein neues Leben und einen neuen Glauben gefunden.
Er wirkt glücklich.
Das macht Mut.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini