Abraham

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung:

Urlaub in der Bretagne.
Ich gönne mir jeden Morgen ein kleines Ritual: setze mich auf die Terrasse eines Cafés, trinke einen Espresso und genieße den herrlichem Blick auf den Atlantik.
Am Nachbartisch sitzt ein alter Mann: vom Wetter gegerbtes Gesicht, grauer Bart und eine Pfeife im Mund. „Ein alter französischer Seebär“ denke ich. „Der ist bestimmt lange Jahre mit seinem Fischerboot aufs Meer gefahren und jetzt genießt er seinen Ruhestand.“
Nach drei Tagen spricht er mich an – im besten Schwiizerdütsch! Ein Urlauber, genau wie ich.
Er hat natürlich auch gerätselt, was ich wohl für einer bin und auf einen sozialen Beruf getippt. So ganz falsch liegt er damit ja nicht. „Und Sie?“ frage ich, „was machen Sie?“ „Ich bin von Haus aus Psychologe“ erzählt er, „habe viele Jahre in Kinder- und Jugendheimen gearbeitet. Aber als die Kinder aus dem Haus sind, haben meine Frau und ich noch mal ganz von vorne angefangen. Wir sind nach Schweden gezogen, an den Siljansee. Da bieten wir im Winter für die Touristen Schlittenfahrten an. Wir haben über dreißig Hunde – und natürlich ein paar Hühner, Schafe…“
„Und?“ frage ich, „Wie ist das neue Leben?“ Er lächelt „Ich habe Jahre gebraucht, um mich zu gewöhnen. Unser Dorf hat fünfzig Einwohner. Der nächste Nachbar wohnt zweihundert Meter weiter. In der Stadt hast du immer was vor. Die Zeit ist knapp. Und jetzt? Wenn der Nachbar vorbeikommt, gibt es erst mal einen Kaffee. Immer. Die Männer reden nicht dauernd über ihren Beruf. Aber sie fragen dich sofort: „Wann warst du das letzte Mal angeln und was hast du gefangen?“
Der Mann am Meer erinnert mich an Abraham. Er ist im Alter gemeinsam mit seiner Frau in ein fremdes Land gezogen. Er hat ein neues Leben und einen neuen Glauben gefunden.
Er wirkt glücklich.
Das macht Mut.

Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

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12 Gedanken zu “Abraham

      1. …das stimmt natürlich…aber darum geht es ja gar nicht, sondern darum, sich den Mut zu bewahren, etwas Neues anzufangen, wenn ein Abschnitt beendet wurde…aber das wissen wir sicherlich beide…

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      2. …in dem oben wiedergegebenen Wort zum Sonntag von Pastor Friedhelm Meiners geht es genau darum, so habe ich es zumindest verstanden…er änderte sein Leben, in dem er nach Schweden ging und dann macht er eben mal Urlaub in seiner alten Heimat…aber vorher ist er „ausgestiegen“ und hat sein Leben komplett geändet…

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      3. Stimmt. Und dafür bewundere ich ihn. Ob ich den Mut hätte? Eher nicht. Bin eher so der sesshafte Typ 😉
        Liebe Grüße und schönes Wochenende!
        Wünscht
        Friedhelm Meiners

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  1. Ach, ihr deutschen Kollegen seid ja so arg seßhaft… hier liegt die durchschnittliche Verweildauer in einer Pfarrstelle bei etwa sechs Jahren, Tendenz leicht steigend (die neue KO schreibt sechs statt fünf Jahre als Mindestverweildauer vor, und neuerdings eine Obergrenze von 12 Jahren).

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    1. Schwer zu sagen. Vielleicht liegts mit am Kirchenverständnis, das nicht nur sehr antikatholisch ist hier, sondern auch einerseits theologisch liberal, andererseits antiklerikal, ähnlich wie in manchen freikirchlichen Gruppierungen. Wenn der Pastor nicht lange bleibt, baut er sich keine Hausmacht auf…
      Außerdem sind die Franzosen von Haus aus Nörgler gegen alles, was ihnen als aufgestülpte Autorität vorkommt. Und sei es der Pastor. Der wird dann eben auch gern als Sündenbock in die Wüste geschickt.

      Ich habe im Prinzip deine Frage nicht beantwortet, denn sie stellt die Frage nach den Ursachen unter den deutschen Kollegen. Warum sind sie seßhaft, manchmal so sehr, daß vom Vikariat bis zur Pensionierung kein Gemeindewechsel stattfindet? Ist das hinterfragt? Ich weiß es nicht.

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      1. Die Frage ist ja auch kaum zu beantworten. Sicher gibt es auch ganz unterschiedliche Motive…
        Aber ich habe etwas über Eure Arbeit in Frankreich erfahren – und über die französische Mentalität. Danke Dir!
        Liebe Grüße aus dem sesshaften Deutschland 😉
        Dein
        Friedhelm

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