Schlagwort: Dankbarkeit

22.222 Tage

22.222 Tage

Was für ein Sommer! Und ich hatte einen Ohrwurm. Mit einem Mal war er da. Ein Lied von Reinhard Mey:
„So viele Sommer mit dir verbracht,
mit dir geliebt und geweint und gelacht.
Lass uns den Sommertag heut‘ glücklich leben,
wie viele Sommer mag es noch geben?“

O ja, dieser Sommer hatte für mich viele glückliche Tage. Und dann gab es für mich ein ganz besonderes Jubiläum. Ich habe das zufällig mitgekriegt: Ich bin in diesem Sommer genau 22.222 Tage alt geworden. Klingt ganz schön alt. Aber ganz ehrlich: 22.222 – so wahnsinnig viel finde ich das gar nicht. Wenn mich jemand gefragt hätte: „Wie viele Tage bist du schon auf der Erde?“ dann hätte ich noch eine Null drangehängt. Denn in meinen 61 Jahren habe ich schon ganz schön viel erlebt.
Ich finde, das ist ein gutes Zeichen: Wenn sich das Leben sich so reich anfühlt. Dafür bin ich dankbar. Und die schönsten Tage? Es waren die Tage der Liebe.
Noch einmal Reinhard Mey:
Die Liebe überstrahlt alles im Leben,
alle Gestirne verblassen daneben.
Die einzige Botschaft, der einzige Sinn,
die einzige Zuflucht liegt doch darin,
einander Trost und Wärme zu geben.
Die Liebe überstrahlt alles im Leben.
Das wünsche ich Ihnen heute: einen Tag, an dem die Liebe alles überstrahlt.

 

 

 

Einmal „Nein“ braucht dreimal „Ja“

 

 

Es klingelt an der Haustür. Vor mir steht eine junge Frau in Feuerwehruniform, eine ehemalige Konfirmandin. Sie ist schon seit Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr in Rüningen. „Hallo!“ sagt sie und lächelt mich an, „Ich wollte dir nur schnell Bescheid sagen: Wir räumen gerade den Baum weg, den der Sturm hinter der Kirche zerlegt hat.“ Und schon höre ich die Kettensäge aufheulen. Keine Stunde später ist der Weg wieder frei.
Vor gut einer Woche ist „Xavier“ über uns weggefegt ist. Was für ein Chaos! Der Hagenmarkt ein Ort der Verwüstung, überall in der Stadt Bäume auf den Straßen. Auch die wunderschöne Trauerweide an der Martinikirche hat der Sturm entwurzelt. Das ist erst zehn Tage her, doch heute sieht man schon so gut wie nichts mehr davon.
Die Feuerwehr, Alba und viele Gartenbaubetriebe haben ganze Arbeit geleistet.
Eigentlich ein Grund zur Dankbarkeit. Doch so sind wir nicht. Wir werden höchstens ärgerlich, wenn es nicht schnell genug geht: „Was denn, die Züge fahren immer noch nicht wieder planmäßig? Typisch!“ Was nicht klappt, sticht sofort ins Auge. Das Schöne halten wir für normal.
Ein guter Freund hat einmal gesagt: Wenn Du einmal „Nein“ sagst, musst du dreimal „Ja“ sagen, um das „Nein“ auszugleichen.
Wie viele Menschen demotivieren wir durch unser ständiges „Nein!“
Sie geben alles. Doch es reicht nicht. Es könnte höher, schneller besser sein. Es ist nie gut genug.
Dabei beginnt jeder Tag mit dem Ja zu mir.
Ja, die Welt ist immer noch ein schöner, ein hilfreicher Ort. Es gibt so viele Menschen, die einfach für mich da sind.
Dafür bin ich dankbar.

 

Ich gönn mir das

Artischocken gebacken, Tomatensugo, Pamesan…  Die Speisekarte klingt fantastisch. Aber die Preise sind es auch, soll ich wirklich…?
Da weht vom Nachbartisch ein Gesprächsfetzen herüber: „Ich schlafe jede Nacht acht Stunden“ sagt jemand. „Brauchst du das?“ fragt sein Gesprächspartner mit ernster Stimme. „Nö“ ist die fröhliche Antwort, „ich gönne mir das!“
„Wie schön!“ denke ich, „das habe ich ja lange nicht mehr gehört!  Einer, der sich was gönnt,  einfach so.
Mir begegnet oft genau das Gegenteil: Alles was der Mensch tut, ist ungeheuer sinnvoll. Und alles ist medizinisch oder sportwissenschaftlich abgesichert. Sonst geht gar nichts. Einen mächtigen Schub kriegt diese Art zu leben durch die digitaleTechnik.
Im Moment sind Fitnessarmbänder sehr in Mode. Du kannst ganzen Tag kontrollieren, wie viele Schritte du gehst, wie viele Kalorien du verbrennst, wie hoch dein Puls ist. Und am Abend weißt du dann genau, ob du ein richtig gutes und gesundes Leben geführt hast. Aber das ist noch nicht alles. Du kannst das Ding auch nachts tragen.  Und morgens, das ist der Clou, kannst du ablesen, wie gut du geschlafen hast. Und wenn du dann wirklich mal acht Stunden schläfst, kannst du das fein begründen: „Weißt du, ich brauche das, weil meine Tiefschlafphase ist viel zu kurz.“
Aber will ich das? Will ich wirklich so leben? Will ich alles kontrollieren und alles immer nur richtigmachen? Klar, manchmal schlafe ich schlecht. Aber das spüre ich morgens auch so, dafür brauche ich kein Messgerät. Sicher, es kann sinnvoll sein, genauen Regeln und Gesetzen zu folgen: Mönche halten einen genauen Tagesablauf ein, mit festen Zeiten für die Arbeit und fürs Gebet. Künstler geben für ihre Musik alles, üben jeden Tag stundenlang. Junge Sportler leben absolut asketisch. Wenn wir ein Ziel haben, dann müssen wir das auch verfolgen. Sonst bleibt es ein Traum. Das ist sinnvoll, doch es nicht der Sinn des Lebens.
Ich brauche auch das andere, ich brauche auch den freien Blick zum Himmel, dieses Gefühl: Das Leben ist schön! Einfach so! Du musst es dir nicht verdienen.
„Ich gönn mir das!“ hat der Mann am Nachbartisch gesagt. Recht hat er. Ich schaue noch mal in die Speisekarte: Ahrenhorster Edelwaller, glasiert, an chinesischem Blätterkohl.. Lecker!
Das gönn ich mir jetzt. Einfach mal so.

Andacht für NDR 1 „Himmel und Erde“

Kinder, Geschenke und Dankbarkeit

Wir reden über Weihnachten, Kinder und Geschenke.
Frau M. sagt: „Früher waren die Kinder viel dankbarer. Ich weiß noch, wie meine Tochter vor mir stand: mit einem Paar selbstgestrickter Handschuhe in der Hand – und sie strahlte mich an! So was gibt es doch heute gar nicht mehr.“
Ist das so?
Ich will es nicht wahrhaben, aber ja: Das ist so.
Frau B. erzählt von einer Freundin, die bei ihren Enkeln zu Weihnachten eingeladen ist. Sie freut sich sehr auf Heiligabend im Kreis der Familie – bis auf die Bescherung. Das Urenkelkind bekommt von jedem ein Geschenk. Die Erwachsenen stehen mit ihren Päckchen Schlange. Der Kleine reißt eins nach dem anderen begeistert auf – und legt das Geschenk achtlos beiseite. Das nächste wartet ja schon. Und der nächste Erwachsene auch. Will sehen, was der Kleine zu „seinem“ Geschenk sagt.
„Diese Bescherungen sind mir ein Greul!“ sagt die Urgroßmutter, „das Kind kann sich doch gar nicht mehr freuen.“
Kann es schon. Es darf nur nicht. Muss ja auspacken.
Und dann sitzt das Kind eine halbe Stunde später und baut aus all den wunderschönen roten Schleifen von all den Paketen einen Zaun für die Schafe an der Krippe. Hingebungsvoll und mit strahlenden Augen.
Und die Erwachsenen?
Ach die. Die bekommen das gar nicht mit. Ist ja vorbei, der Geschenkemarathon.
Jetzt wird gegessen.