Ich gönn mir das

Artischocken gebacken, Tomatensugo, Pamesan…  Die Speisekarte klingt fantastisch. Aber die Preise sind es auch, soll ich wirklich…?
Da weht vom Nachbartisch ein Gesprächsfetzen herüber: „Ich schlafe jede Nacht acht Stunden“ sagt jemand. „Brauchst du das?“ fragt sein Gesprächspartner mit ernster Stimme. „Nö“ ist die fröhliche Antwort, „ich gönne mir das!“
„Wie schön!“ denke ich, „das habe ich ja lange nicht mehr gehört!  Einer, der sich was gönnt,  einfach so.
Mir begegnet oft genau das Gegenteil: Alles was der Mensch tut, ist ungeheuer sinnvoll. Und alles ist medizinisch oder sportwissenschaftlich abgesichert. Sonst geht gar nichts. Einen mächtigen Schub kriegt diese Art zu leben durch die digitaleTechnik.
Im Moment sind Fitnessarmbänder sehr in Mode. Du kannst ganzen Tag kontrollieren, wie viele Schritte du gehst, wie viele Kalorien du verbrennst, wie hoch dein Puls ist. Und am Abend weißt du dann genau, ob du ein richtig gutes und gesundes Leben geführt hast. Aber das ist noch nicht alles. Du kannst das Ding auch nachts tragen.  Und morgens, das ist der Clou, kannst du ablesen, wie gut du geschlafen hast. Und wenn du dann wirklich mal acht Stunden schläfst, kannst du das fein begründen: „Weißt du, ich brauche das, weil meine Tiefschlafphase ist viel zu kurz.“
Aber will ich das? Will ich wirklich so leben? Will ich alles kontrollieren und alles immer nur richtigmachen? Klar, manchmal schlafe ich schlecht. Aber das spüre ich morgens auch so, dafür brauche ich kein Messgerät. Sicher, es kann sinnvoll sein, genauen Regeln und Gesetzen zu folgen: Mönche halten einen genauen Tagesablauf ein, mit festen Zeiten für die Arbeit und fürs Gebet. Künstler geben für ihre Musik alles, üben jeden Tag stundenlang. Junge Sportler leben absolut asketisch. Wenn wir ein Ziel haben, dann müssen wir das auch verfolgen. Sonst bleibt es ein Traum. Das ist sinnvoll, doch es nicht der Sinn des Lebens.
Ich brauche auch das andere, ich brauche auch den freien Blick zum Himmel, dieses Gefühl: Das Leben ist schön! Einfach so! Du musst es dir nicht verdienen.
„Ich gönn mir das!“ hat der Mann am Nachbartisch gesagt. Recht hat er. Ich schaue noch mal in die Speisekarte: Ahrenhorster Edelwaller, glasiert, an chinesischem Blätterkohl.. Lecker!
Das gönn ich mir jetzt. Einfach mal so.

Andacht für NDR 1 „Himmel und Erde“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s