Schlagwort: Gott

3. Advent

Ameisen?

  1. Advent
  2. Predigt über Kor. 4, 1-5 in St. Martini Braunschweig

Die Schriftstellerin Susanne Niemeyer erzählt folgende kleine Szene:
Ein kleines Mädchen hockte am Rand des Spielplatzes und sah sehr vertieft aus. „Was machst du?“, fragte ich. „Schau“, sagte es, „die Ameisen.“ Ich konnte nichts Besonderes entdecken. „Sie laufen umher und tragen Sachen und wissen nicht, dass ich sie angucke. Ist das nicht komisch?“ Nachdenklich fügt sie hinzu: „Für die Ameisen könnte ich Gott sein.“
„Wir sind Haushalter über Gottes Geheimnisse“ sagt Paulus.
Was heißt das? Sind wir die, die wissen, dass sie beobachtet werden? Immer? Wie wir hier rumkrabbeln, irgendwelche sinnlosen Dinge tun, uns abmühen mit wer weiß was?
Was sieht Gott, wenn er mich jetzt, in diesem Moment, beobachtet?
Ich bin in der Kirche. Auf der Suche nach… Ja, wonach?
Nach Gewissheit?
Nach der adventlichen Stimmung in all dem Trubel? Suche ich Kraft für meinen Alltag – oder will ich da einfach mal raus?
Was sieht Gott, wenn er mich beobachtet – wie das kleine Mädchen die Ameisen?
Ich kann das nicht sagen. Das ist sein Geheimnis. Gott sieht mehr als ich.
Das ist gar nichts besonderes. Ein Vogel, ein Habicht, sieht schon mehr als ich. Er kann eine Biene genauso scharf erkennen wie ich einen Baum – er sieht auch die aufsteigende Luft, die ihn nach oben trägt. Seine Augen sind den meinen weit überlegen. Er sieht, was mir verborgen ist.
Haushalter, Verwalter der Geheimnisse Gottes.
Das sollen wir sein, sagt Paulus.
Was hüten wir da?
Können wir etwas ahnen, etwas sehen von den Geheimnissen Gottes?
Der Habicht hat vier statt drei Rezeptoren in seinen Augen. Darum kann er mehr sehen als wir. Das ist sein Geheimnis.
Doch was ist das Geheimnis Gottes?
Schauen wir noch einmal auf das kleine Mädchen. Wie sie da hockt und auf die Ameisen schaut:
„Eigentlich könnte ich ihr Gott sein.“
Nein, nicht könnte…
In diesem Moment ist sie ihr Gott. Sie lässt sie in Ruhe. Doch sie könnte auch ganz anders. Ich denke noch mit Grausen an die Experimente, die wir als Kinder mit Ameisen, mit Schnecken, mit Fröschen getrieben haben.
Der Gott kann mit den Ameisen machen was er will.
Kann sie laufen lassen – kann aber auch mal eben mit dem Zeigefinger…
Und die Ameise kann nichts tun – außer im Bau, im Dunkel verschwinden. Sich verbergen vor den Augen ihres Gottes, vor den Augen dieses kleinen Mädchens, Herrin über Leben und Tod.
Doch das kleine Mädchen sagt ja ganz zu Recht:
„Die Ameisen wissen gar nicht, dass sie beobachtet werden.“ Es sei denn, etwas Schreckliches geschieht, die Herrin schlägt zu. Dann wissen die Ameisen, dass ihre Göttin grausam ist, unbarmherzig. Dann wissen sie, dass sie halt nur Ameisen sind. Unbedeutend, eine von vielen. Spielball des Schicksals.
Opfer der Willkür eines kleinen Mädchens.
Ich glaube, dass ist das Lebensgefühl vieler Menschen.
Wir haben Angst vor dem, was wir Schicksal nennen.
Wollen gar nicht wissen, was die Zukunft bringt.
Das Schicksal ist blind.
Doch wenn wir die Angst vor dem Schicksal halbwegs gebannt haben, dann kommt noch eine weitere hinzu:
Die Angst vor den anderen.
Was sollen die Leute sagen?
Ein harmloses Beispiel:
Ich kaufe mir ein neues Auto, einen Touran.
„Ein cooles Teil,“ sagt ein Freund, „ist praktisch und fährt super. Du musst nur wissen, welches Image du dir damit einkaufst.“
Ein Touran ist langweilig. Du bist ein Langweiler.

Nein, du brauchst keinen Gott, der von außen draufschaut.
Die anderen reichen.
Sie sehen dich.
Sie warten nur drauf, dich zu beurteilen – zu verurteilen.
Langweiler ist da noch harmlos.
Du bist immer auf der Hut vor ihrer Meinung. Kannst nicht mal eine Meinungsumfrage machen wie die Politiker. Sie werden dir nicht sagen, was sie wirklich von dir denken. Außerdem ist ihre Meinung nur von kurzer Haltbarkeit – eben noch Hosianna…
Der Gott ist der, der dich beobachtet, von außen betrachtet.
Was sieht er?
Auf jeden Fall mehr, als du ihm zeigen willst.
Der Richtergott sitzt neben dir.
Und du bis es selbst für deinen Nächsten.
Paulus sagt: „Das ist mir völlig egal. Was ihr von mir haltet, interessiert mich überhaupt nicht.“
Doch er sagt das ohne Überheblichkeit. Er sagt: Ihr seid viel zu schnell mit eurem Urteil. Das erste, was ihr tut, wenn ihr einem Menschen begegnet, ist ihn taxieren: hübsch oder hässlich – gut oder schlecht…
Lasst das sein!
Euer ewiges Urteilen und Beurteilen führt euch in den Zynismus: „Der ist ja auch nicht besser…“ und in die Angst:
„Was, wenn die anderen?“
Fragt lieber nach dem, der euch so geheimnisvoll begegnet – der euch leben lässt. Jeden Tag, mit jedem Atemzug. Fragt nach dem, was euch wirklich trägt.
Was ist die Quelle meines Lebens?
Woraus speist sich alles, was in mir lebendig ist?
Ich bin in der Kirche. Auf der Suche nach dem Geheimnis Gottes.
Ich kann es fühlen, doch es fällt unendlich schwer, es auszudrücken.
Das Geheimnis findest du im kleinen Kind – verletztlich, hilflos. Du findest es in dem, der leidet für die anderen – du findest es in dem, der neu beginnt in all dem Leid. Der es durschreitet, überwindet.
Geheimnis Gottes. Ich kann seiner gewahr werden. Und ich soll es hüten wie einen kostbaren Schatz.
Mehr wird nicht von mir erwartet.

Amen.

 

 

 

 

 

Liebe und Talent

David Foster Wallace sagt über das Schreiben – über das Leben:

„Ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mir Gags ausdenke oder irgendwelche formalen Kapriolen schlage, bis mir klar wird, dass dieser ganze Kram eigentlich gar nicht der Geschichte dient; vielmehr dient er dem sehr viel düstereren Zweck, dem Leser zu vermitteln:
Hey! Schau mich an! Schau dir an, was ich für ein guter Schriftsteller bin! Lieb mich gefälligst!“
„Ich bin inzwischen überzeugt, dass gute Texte gewissermaßen zeitlos lebendig und heilig sind. Das hat eigentlich gar nicht so viel mit Talent zu tun, nicht mal mit einem richtig schillernden. Talent ist nur ein Werkzeug. Wie wenn man einen Stift hat der schreibt, statt einem, der nicht schreibt…
Mir scheint doch, der große Unterschied zwischen großer Kunst und mittelprächtiger Kunst liegt irgendwo im Herzensanliegen dieser Kunst…
Das hat etwas mit Liebe zu tun. Damit, die Disziplin aufzubringen, den Teil von sich sprechen zu lassen, der lieben kann, und nicht nur den, der einfach geliebt werden will…
Anscheinend läuft es bei den wirklich großen Schriftstellern so, dass sie dem Leser oder der Leserin etwas „schenken.“ Die Leserin verlässt ein echtes Kunstwerk schwerer, als sie es betreten hat. Voller. Die ganze Aufmerksamkeit und der Einsatz und die Arbeit, die man seinen Lesern abverlangen muss, darf nicht einem selbst zugutekommen – es muss ihnen zugutekommen.
Unser heutiges kulturelles Umfeld ist deswegen so tödlich, weil man solche Angst davor haben muss, das durchzuziehen.

Gefunden bei und zitiert nach
Zadie Smith, Sinneswechsel.

Liebe?

Pep Guardiola hat gesagt:
„Alles, was ich in meinem Leben tue, tue ich, um geliebt zu werden.“
Wer wollte leugnen, dass das stimmt? Ich strebe nach Anerkennung, nach Liebe.
Die anderen sollen mich toll finden, bewundern, lieben für das, was ich tue.
Sollen sie?
Einerseits schon.
Aber es ist schrecklich, wenn das alles ist.
„Alles was ich tue, tue ich um geliebt zu werden.“
Dieser Satz allein ist eine Tragödie.
Ich brauche auch den zweiten:
„Alles, was ich tue, kann ich nur tun, weil ich geliebt werde.“
Ich gebe zurück? Nein, das wäre zu wenig. Ich mache was draus.
Das Leben ist beides. Balzen um Liebe und geliebt werden, einfach so.

Der betende Mensch

Der Homo sapiens, der intelligente Mensch, ist nicht die Krone der Schöpfung.
Der Gipfel der Evolution ist der Homo orans, der betende Mensch.
Er hat die Fähigkeit, nach seiner eigenen spirituellen Existenz zu suchen, sich zu weiten, über sich selbst hinaus zu gehen.
Wenn du betest, kehrst du dich nach innen, löst dich von den materiellen Dingen und begegnest Gott, wie immer du ihn jetzt verstehst.
Im Idealfall öffnest du dich nach dieser Reise allen Menschen.
Im Gebet bist du liebend unterwegs:
zu dir selbst, zu einem Menschen, zur Schöpfung – und machst zwischendurch kurz Halt bei Gott.

Gott spielen

Andacht auf NDR 1 Radio Niedersachsen – Mittwoch, 12.02.14 – Gott spielen

Ich habe mit meinen Konfirmandinnen und Konfirmanden eine kleine Phantasiereise gemacht. Dabei müssen alle für einen Moment still sitzen und – wenn möglich – die Augen schließen. Dann beginnt die Phantasiereise:
Stell dir vor, es ist Sonntagnachmittag. Das Wetter ist schön und dir ist langweilig. Du checkst über das Internet kurz, wo alle deine Freunde sind, dann rufst du sie zu einem kleinen Grillen im Park zusammen. Jeder bringt was mit und ihr habt eine Menge Spaß. Nur Melanie nicht. Die sitzt die ganze Zeit nur da. Sie sieht auch ganz verheult aus. Du fragst sie, was los ist. Sie fängt an zu weinen. Sven, ihr Freund, ist in letzter Zeit so komisch. Hat kaum noch Zeit für sie. Du gehst kurz beiseite, ziehst dein Smartphone heraus und überprüfst das mal eben. Tatsächlich! Sven hat sich in den letzten Tagen vier Mal mit dieser Mona aus der Parallelklasse getroffen! Du nimmst ihn sofort beiseite: „Hör zu! Wenn du Melanie verarschst, bist du hier raus, ist das klar?“ Sven senkt sofort schuldbewusst den Kopf und nickt: „Entschuldige! Wird nicht wieder vorkommen!“ Er geht ganz schnell zu Melanie und nimmt sie in den Arm. Die beiden sind wieder glücklich. „Wie schön ist das Leben!“ denkst du, „Ich habe alles im Griff und alle sind glücklich.“

Soweit die kleine Phantasiereise. „Wenn das ginge, das wäre doch super!“ meinen die Konfirmanden. Mit der Vorstellung, Sven zu überwachen und ihn zur Not auch aus der Clique zu schmeißen, haben sie kein Problem. „Wieso? Der hat hoch selber Schuld! Wer sich nichts zu Schulden kommen lässt…“

Ich frage nach: „Wie würdet ihr euch denn in Svens Situation fühlen?“
„Na ja, toll wäre das nicht. Ich würde mich irgendwie gestalkt fühlen“, sagt Hannah. „Aber das geht doch sowieso nicht!“, sagt Ben. „Ist ja alles nur Phantasie.“

„Von wegen!“, sagt Dennis, „das ist überhaupt kein Problem! Das ist technisch schon lange möglich. Wir müssen uns nur alle bei einer `Freunde App` anmelden. Das ist kostenlos. Und schon weiß jeder von uns, was der andere tut!“

Meine Konfis werden nachdenklich.
Wir reden lange über die Frage: Darf man das? Alles über einen anderen wissen? Ihm alles sagen, was er zu tun und zu lassen hat? Dürfen wir — Gott spielen? 

Dein Wille geschehe

Wort zum Sonntag für die Braunschweiger Zeitung.

Samstagmorgen.
Ich stehe beim Bäcker in der Schlange. Draußen regnet es wie aus Kübeln.
„Na Herr Pastor,“ sagt die Frau neben mir, „das ist jetzt ja wohl das Wetter für das ganze Wochenende.“ Ihre Stimme klingt ein wenig vorwurfsvoll, als wollte sie sagen: „Als Pastor können Sie doch wohl wenigstens für gutes Wetter sorgen, oder?“
Wir wissen es ja alle: So funktioniert das nicht. Aber manchmal würden wir schon ganz gern unsere Bestellung aufgeben:
„Das Picknick ist vorbereitet, das Fahrrad aufgepumpt – jetzt musst Du nur noch für gutes Wetter sorgen. Ist ja nicht zu viel verlangt, oder?“
Das Gebet hat eine große Kraft, doch es ist keine Wunscherfüllungsmaschine.
Beten ist eher eine Haltung:
Dein Wille geschehe…
Dieser Wille ist zu groß für mein Begreifen. Ich verstehe Dich oft nicht. Ich weiß nicht, was Du heute mit mir, mit Deiner Welt vorhast.
Aber Dein Wille geschieht. Auch ohne dass ich etwas tue
*
Ich habe im Garten ein Stück Rasen umgebrochen, für die neue Saat vorbereitet.
Nun liegt die Erde dort, im satten Braun und krümelig und wartet.
Sie wartet auf Regen und Sonne. Die Erde nimmt, was kommt: den Grassamen, den wir aussäen – aber auch den Löwenzahn, vom Wind herbei gepustet.
Sie wartet auch auf das, was in ihr ruht: kleine Pflanzen, die ich nicht rausgesammelt habe; Samen, so klein, dass mein Auge sie nicht wahrnimmt. Das alles wird wachsen. Einfach so.
In einem alten irischen Segen heißt es:
„Ob du es merkst oder nicht,
ohne Zweifel entfaltet die Schöpfung sich so,
wie sie es soll.“
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Gott

Mein Sohn Johannes hat am Telefon einer Frau „Frohe Weihnachten“ gewünscht.
Die hat schnippisch geantwortet: „Wir haben damit nichts am Hut. Wenn Sie einen Gott haben, der sich für Sie interessiert, dann wünschen ich Ihnen eine gute Zeit“
Wenn es einen Gott gibt, der sich für dich interessiert.
Das ist in der Tat die entscheidende Frage.
Wenn wir Christen sagen: „Gott ist Mensch geworden,“ dann beginnt das im Stall von Bethlehem. Wenn alle anderen denken du bist am Ende, ist er da. In der Gestalt derer, die nicht lange fragen. Die einfach da sind. Gott ist Vater und Mutter geworden; Hirte, der beisteht, König, der schenkt.
So ist es bis heute. Im Hospiz, wo Verwandte und Schwestern nicht mehr fragen. Einfach da sind. Bei der Weihnachtsfeier für die, die heute Abend kein Zuhause haben. Wo Menschen Brötchen schmieren, den Baum schmücken, Kerzen anzünden. In den Familien, die es schwer haben, aber füreinander da sind, trotz allem. Der Gott, der sich für dich interessiert. Da kannst du ihn erleben. Mittendrin im Leben. Denn er ist Mensch. Geworden.

Himmelfahrt?

Eine nette Geschichte zum Thema.
Einen schönen Himmelfahrtstag wünscht Euch
Euer Friedhelm

Der Rabbi oder: Die Reise in den Himmel

In einem kleinen Dorf lebte einmal ein Rabbi. Er lebte so, wie es sich für einen Rabbi gehört:
Er las jeden Tag in der Thora, ging jeden Sabbat in die Synagoge und hielt hier und da ein Schwätzchen mit den Dorfbewohnern.
So weit so gut. Alles war in bester Ordnung. Wenn da nicht… Ja, wenn der Rabbi nicht von Zeit zu Zeit verschwunden wäre. Er war dann einfach weg! Für einen ganzen Tag! Er war nicht in seiner Wohnung, auch in der Synagoge war er nicht zu finden. Wie vom Erdboden verschluckt! Für einen ganzen Tag!
Und am nächsten Morgen tauchte er wieder auf – gut erholt und bester Dinge – so, als ob nichts geschehen wäre.
So ging das eine ganze Zeit: Monate, Jahre…
Und je länger das so ging, desto neugieriger wurden die Dorfbewohner. Was machte ihr Rabbi bloß an diesem Tag?
Wo ging er hin?
Aber sie trauten sich auch nicht, ihn zu fragen.
„Nu,“ sagte Menasse eines Tages und lächelte verschmitzt, „wo soll er hingehen? Ins Städtchen wird er gehen, ein bisschen Zerstreuung suchen.“
Da wurden die anderen böse.
„Unser Rabbi? Ins Städtchen?“ rief Sarah, „Das glaubst du doch wohl selber nicht! Wirst am Ende noch behaupten, er trinkt Alkohol und vergnügt sich mit leichten Mädchen!“
„Nu, warum nicht,“ sagte Menasse, „ein Rabbi ist auch nur ein Mensch…“
„Nein! Niemals“ sagte Sarah und die anderen stimmten ihr zu, „unser Rabbi würde das nie tun!“
„Ja wo ist er denn dann?“ fragte Menasse. „Im Wald? Beeren suchen? Im Winter?“
„Das wissen wir auch nicht,“ meinte Jakob, „aber wenn unser Rabbi überhaupt irgendwo hingeht dann… dann in den Himmel! Jawohl!“
„Ja, unser Rabbi geht in den Himmel!“ stimmten die anderen zu und sie waren sehr froh.
„So, so… In den Himmel wird er gehen“ grinste Menasse „und was wird er dort machen, im Himmel?“
„Na, er wird Gott um Rat fragen, wie er den Menschen besser helfen kann. Und wie er die Thora noch besser auslegen kann für uns“ meinte Jakob.
„Ach nein“ sagte Sarah, „ich glaube, unser Rabbi wird im Himmel ein bisschen die Füße hochlegen und sich erholen. Hat ja schließlich genug mit uns zu tun, oder? Wird den himmlischen Chören zuhören und die Zeit genießen.“
„Ja, so wird es sein. Unser Rabbi ist ab und zu im Himmel.“ Stimmen die anderen noch ein mal zu.
Da waren alle Dorfbewohner so froh. Endlich hatten sie eine Erklärung für das Verschwinden ihres Rabbis.
Nur Menasse schüttelte den Kopf, brummte „in den Himmel – was für Kindsköpfe!“ und ging seiner Wege.
Doch die ganze Sache ließ ihm keine Ruhe. Als es mal wieder an der Zeit war, dass der Rabbi verschwinden würde, da hielt er ganz früh am Morgen vor seinem Haus Wache.
Tage lang. Er wollte schon fast aufgeben, denn es war Winter und draußen bitterkalt.
Da, endlich, eines Morgens kommt der Rabbi noch vor Sonnenaufgang aus dem Haus. Und merkwürdig: Er trägt Arbeitskleidung und hat eine Axt in der Hand.
„Was hat der denn vor?“ fragt sich Menasse „na, für den Himmel ist der aber nicht gekleidet. Und heimlich folgt er dem Rabbi.
Nach einer guten Stunde Fußmarsch kommen sie in ein kleines Wäldchen.
Der Rabbi nimmt seine Axt, schlägt einen Baum, macht ihn zu Brennholz Inzwischen ist es schon fast Mittag. Und Menasse versteht gar nichts mehr.
Der Rabbi verschnürt das Holz zu einem großen Bündel, legt es sich auf die Schultern und zieht los – in Richtung Städtchen.
„Also doch“ denkt Menasse und grinst. Vorsichtig folgt er dem Rabbi.
Nach einem langen, mühsamen Marsch kommen sie im Städtchen an.
„Bestimmt geht er ins Wirtshaus. Und bezahlt mit dem Holz“ denkt Menasse.
Doch der Rabbi geht am Wirtshaus vorbei, bis zum Rand des Städtchens zu einem alten, ärmlichen Haus.
Er klopft an.
Menasse hört eine alte, kränkliche Frauenstimme rufen
„Moment! Ich mach gleich auf!“
Nach einer ganzen Weile wird die Tür geöffnet und der Rabbi verschwindet im Haus.
„Das wird ja immer merkwürdiger“ denkt Menasse und er schleicht zum Fenster.
Und er sieht, wie der Rabbi das Bündel Holz ablegt, ein Feuer im Ofen macht, ein paar Worte mit der alten Frau wechselt und dann wieder geht – ohne dass er auch nur einen Pfennig für das Holz bekommen hätte.
Am nächsten Tag fragen ihn die anderen Dorfbewohner: „Nu sag schon! War der Rabbi im Himmel? Und wie ist es da? Was hat er da gemacht?“
„Nein,“ sagt Menasse da und schüttelt beschämt den Kopf.
„Unser Rabbi war nicht im Himmel – er war der Himmel.“