Schlagwort: Leben

Pharisäer und Zöllner

Predigt am 16. August in St. Martini

Pharisäer und Zöllner
11. Sonntag nach Trinitatis
„Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Zöllner.“
Das Phänomen kennen wir alle. Als Täter und Opfer. Ich bin gern anders als die anderen – und ich leide darunter, wenn ich ausgeschlossen werde, weil ich nicht so bin wie sie: zu alt oder zu jung, zu reich oder zu arm, zu links oder zu rechts – nicht richtig eben…
Aber die Rolle wechselt: mal bin ich Pharisäer, mal Zöllner. Mal froh, auf der richtigen Seite zu stehen, mal traurig, weil ich nicht dazu gehöre.
Das Phänomen hat sich nicht geändert. Und doch frage ich mich, ob Jesus dieses Gleichnis heute noch genau so erzählen würde.
Wo finde ich ihn noch, den selbstzufriedenen Pharisäer, den, der weiß, dass alles gut ist, der immer auf der richtigen Seite steht?
*
Ich kenne diesen Typen nur aus dem Fernsehen, von Pegida Demonstrationen oder vor Flüchtlingsheimen:
„Herr ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Ausländer.“
Diese Menschen, die dann anonyme Leserbriefe gegen die Dompredigerin schreiben – Briefe, die so übel sind, dass sie nicht veröffentlicht werden können.
Stehe ich jetzt selbst auf der anderen Seite?
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie diese Brandstifter und Heckenschützen?“
Nein, ich glaube nicht. Ich bin Cornelia Götz dankbar für ihr mutiges Interview. Es ist nötig, dass wir als Christinnen und Christen klar Stellung beziehen für die Ärmsten der Armen, für die, die unsere Hilfe brauchen.
Und doch höre ich Jesu Warnung vor Selbstgerechtigkeit sehr deutlich: Sei dir deiner selbst, sei dir deines Lebensstils nie zu gewiss. Mach dich selbst nicht groß dadurch, dass du andere klein machst.
Doch die Zeiten haben sich gewandelt. Ich finde diesen feisten, selbstgewissen Typen nur noch selten – auch nur selten in mir selbst.
Ich bin mir meiner nicht mehr gewiss. Ganz im Gegenteil, ich würde mir das manchmal wünschen, endlich mal sagen zu können: Ich bin froh, dass ich so bin wie ich bin.
*
Woran das liegt?
Ganz einfach:
Du darfst nicht mehr stillstehen.
Du darfst nicht einfach so zufrieden sein mit dem, was ist. Du musst dich verbessern, ständig und stetig. In der Technik gilt: das Bessere ist der Tod des Guten. Das Iphone 6 ist besser als das fünfer.
Der bessere Mitarbeiter ist eine Gefahr für den guten: er ist jünger und schneller.
Die heutigen sechzigjährigen, sagt man, sind so fit wie früher die Menschen mit vierzig. Schön und gut. Also versuch, so fit zu sein wie mit dreißig…
Wir sind immer unterwegs, immer dabei, uns zu optimieren, wir stellen uns nicht einfach hin und sage: „Danke, dass ich so bin wie ich bin.“
Stillstand ist Rückschritt, also: Weiter! Weiter! Weiter!
Der Pharisäer ist so selbstzufrieden, weil er alles richtig macht.
Mal ehrlich: Wer wollte das heute von sich noch behaupten?
Nein, wir sind aus einem anderen Grund selbstzufrieden:
Wir sind auf dem richtigen Weg wir verbessern uns ständig. Wir laufen mit Schwung und selbstgewiss in den seelischen Tod.
*
Ein Arzt hat mir von einer neuen Krankheit erzählt, die in letzter Zeit stark um sich greift. Er hat jetzt die ersten Patienten bei sich in der Klinik.
Diese Krankheit heißt Orthorexie:
Milch ist tabu, Zucker sowieso, Weizenprodukte werden verschmäht, selbst Obst und Gemüse aus dem konventionellen Anbau kommen nicht mehr auf dem Tisch. Gegessen werden nur noch wenige ausgewählte Lebensmittel, im Extremfall vielleicht nur im eigenen Garten Angebautes. Manche Menschen beschäftigen sich so intensiv mit gesunder Ernährung, dass sie davon krank werden.
Diese Menschen haben oft auch das Gefühl der Überlegenheit und einen starken Missionierungseifer. Sie wollen andere von ihrer Art, sich zu ernähren überzeugen.
*
Schrecklich, oder?
„Herr, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Mann mit seiner Orthorexie!“
Dann doch lieber herzhaft in die fette Bratwurst beißen:
„Herr, sei mir dickem Sünder gnädig.“
Sie sehen, die Grenzen sind fließend und ich habe immer beides in mir:
den Selbstgerechten – und den Selbstgerechten.
Entweder freue ich mich, dass ich vegan lebe, dass ich so sportlich bin – oder ich äußere mich abfällig gegenüber denen, die wenigstens versuchen, halbwegs gesund zu leben.
Doch krank werden können beide: die einen sind übervorsichtig, die anderen übergewichtig.
Im Grunde sind beide wie dieser Pharisäer.
Was macht der Zöllner anders?
*
„Herr, sei mir armem Sünder gnädig.“
Er verzichtet auf etwas, das uns Pharisäern so unendlich wichtig ist.
Er verzichtet auf den Stolz.
Die englische Schriftstellerin Zadie Smith sagt: „Stolz ist doch etwas merkwürdiges. Sollte ich stolz auf meinen weißen Vater sein – oder auf meine schwarze Mutter? Ich habe nichts dafür getan, oder? Ich bin froh, dass ich diesen tollen, warmherzigen Vater habe und diese Mutter, die mir so viel liebe gegeben hat. Ich freue mich, ja. Aber Stolz?
Ich bin dankbar, dass ich in Großbritannien lebe, aber stolz darauf, Engländerin zu sein? Ach, ich weiß nicht…“
*
Dass wünsche ich uns selbstgerechten Pharisäern – die sind wir als Christinnen und Christen ohne Zweifel immer wieder: Ich wünsche uns, dass wir unseren Stolz überwinden und einfach nur dankbar sind für das große Geschenk des Glaubens.
Dass ich wünsche ich uns grüblerischen, an uns selbst zweifelnden Zöllnern – denn auch das ist uns ja nicht fremd: dass wir froh sind über die Liebe, die uns begleitet auf unseren gerade und unsren krummen Wegen.
Amen.

Liebe?

Pep Guardiola hat gesagt:
„Alles, was ich in meinem Leben tue, tue ich, um geliebt zu werden.“
Wer wollte leugnen, dass das stimmt? Ich strebe nach Anerkennung, nach Liebe.
Die anderen sollen mich toll finden, bewundern, lieben für das, was ich tue.
Sollen sie?
Einerseits schon.
Aber es ist schrecklich, wenn das alles ist.
„Alles was ich tue, tue ich um geliebt zu werden.“
Dieser Satz allein ist eine Tragödie.
Ich brauche auch den zweiten:
„Alles, was ich tue, kann ich nur tun, weil ich geliebt werde.“
Ich gebe zurück? Nein, das wäre zu wenig. Ich mache was draus.
Das Leben ist beides. Balzen um Liebe und geliebt werden, einfach so.

Himmelfahrt oder Leben kann man nicht alleine

Andacht für die Braunschweiger Zeitung

Leben kann man nicht alleine

Ich sitze im Garten. Schaue versonnen einer Pusteblume hinterher. Wie leicht sie in den Himmel schwebt. Schon ist sie entschwunden. Wo sie wohl landet, Wurzeln schlägt, Früchte trägt…
So mögen die Jünger Christi Himmelfahrt erlebt haben. Alles Schwere ist abgefallen. Seine Liebe wirkt; wird Wurzeln schlagen, Früchte tragen. Doch er selbst ist nicht mehr zu sehen.
Die Jünger dürfen noch einen Moment verweilen, den Himmel schauen. Doch dann stehen zwei Männer in weißen Gewändern neben ihnen: „Was schaut ihr nach oben? Geht zurück in euer Leben! Dort wird er euch begegnen und Kraft schenken.“
Ich senke meinen Blick auch wieder und lese weiter. Mein Buch ist gerade so spannend. Es trägt den Titel „Die Herrscher der Welt.“ Doch es handelt nicht von Menschen, sondern von Einzellern, Bakterien und Mikroben. Wir können sie nicht sehen, oft nicht einmal unter dem Mikroskop, doch ohne sie wäre das Leben auf dieser Erde nicht möglich. Ich lese von Ameisen, die seit Millionen Jahren Landwirtschaft betreiben. Kleine Tintenfische halten sich Bakterien wie Kühe im Stall. Die schenken ihnen keine Milch, sondern Licht für die Nacht. Am Morgen kehren sie zurück ins Meer.
Die Welt ist voller Wunder und wir können sie nicht sehen. Wir brauchen Bilder, um uns ihnen zu nähern.
Himmelfahrt ist so ein Bild für mich. In Jesus ist den Jüngern die Liebe Gottes begegnet. Sie können diese Liebe nicht festhalten. Doch sie wirkt, unsichtbar und kraftvoll.
Der Biologe Bernhard Kegel fasst seine Erkenntnisse in einem Satz zusammen:
„Leben kann man nicht alleine.“
Nicht ohne Menschen, nicht ohne Liebe. Du brauchst sie wie die Luft zum Atmen.
Die Jünger schauen einen Moment versonnen in den Himmel. Dann kehren sie froh zurück in ihren Alltag. Das will ich auch tun.
Friedhelm Meiners, Pastor an St. Martini

Heilig

Monolith.
Ruht in sich.
Fester Standpunkt.
Alles prallt ab.
Keiner kann ihm was.
Ein Ideal.
Ab und zu mein Ideal.
Schrecklich eigentlich:
Will Stein sein.
St. Ein.

Dich Wiedersehen.

Einige Gedanken zum Gedenkgottesdienst im Hospiz

„Siehe, ich mache alles neu.“ (Offenbarung 21)

be ich mich nach dem Frühling gesehnt! Endlich wieder Sonne! Endlich wieder Grün! Die Störche sind wieder da – und die Schwalben, meine Lieblingsvögel. Das kann alles so schön sein. Und unglaublich trostlos.
Was nutzt mir das Neue, wenn du nicht da bist? Was soll das Grün der Bäume, wenn du es nicht siehst, der Gesang der Vögel, wenn du ihn nicht hörst?
Das Neue wischt die Tränen nicht ab. Der Schmerz bleibt. Und dass das Leben einfach so weiter geht ist nicht tröstlich. Es ist brutal.
Siehe, ich mache alles neu.
Wie soll mich das trösten, wenn ich dich verliere?
Wenn der Tod noch ist und Tränen und Geschrei?
Uns wird ja ständig Neues versprochen – Ablenkung, Tröstung, aber kein Trost. Uns wird gesagt: Das Leben hat doch noch so viel zu bieten! Jetzt mal los!
Doch das ist Vertröstung, kein Trost.
All das Neue wird helfen, dass die Wunde vernarbt. Doch sie wird bleiben. Und tief in mir wird der Schmerz bleiben und die Traurigkeit wird bleiben.
Nein, es wird nicht alles gut.
Und wenn alles neu wird, dann nur mit dir.
Kein Leid. Kein Geschrei. Keine Tränen.
Das kann nur sein, wenn du wieder da bist.
Das Neue ist nur gut, wenn du nicht vergessen wirst. Wenn du bleibst. Mit deinen Wunden. Aber ohne Schmerz. Wenn ich erkenne, dass dein Leben nicht umsonst war; dass du geliebt bist. Stärker, als ich dich je lieben kann.
Das Neue ist nur gut, wenn ich dich aufgehoben weiß. Und erkannt. Wie ich dich nie erkannt habe.
Du wirst nicht vergessen. Du gehst und bleibst.
Wir werden uns wiedersehen. Ohne Tränen. Ohne Leid.

Karfreitag – Der Kreuzschlepper

Der Kreuzschlepper
In Franken in der Nähe von Volkach führt mitten durch die Weinberge der sogenannte „Bildstockweg.“
Bildstöcke sind sehr alte Denkmäler aus Stein, manchmal auch aus Holz.
Mitten in der wunderschönen Landschaft mit Blick auf den Main stehen sie am Wegesrand als Orte der Meditation und des Gebetes für die Weinbauern. Sie laden ein zu einem Moment der Ruhe mitten in der harten Arbeit.
Auf all diesen Bildstöcken sind Szenen aus dem Leiden Jesu dargestellt: die Kreuzigung, die Abnahme vom Kreuz, Maria mit ihrem toten Sohn im Arm.
Diese Bildstöcke erinnern an etwas, das wir allzu schnell vergessen:
Das Leiden gehört zum Leben.
Unser Glaube geht noch weiter: das Leiden gehört zur Geschichte Gottes mit uns Menschen. Es ist kein Webfehler, den wir nur endlich beseitigen müssen, damit sich unser Leben endlich richtig und glücklich anfühlt.
Es ist unsere Aufgabe als Christinnen und Christen, das Leiden durch Ungerechtigkeit, Lieblosigkeit, Krankheit und Krieg, zu bekämpfen, so wie Jesus das getan hat.
Aber wir müssen auch aushalten, ertragen. Wir müssen mitgehen mit denen, die zu tragen haben. Manchmal einfach nur da sein.
Die Bildstöcke in den Weinbergen erinnern daran.
Auf einem dieser Bildstöcke ist Christus unter der Last des Kreuzes gestürzt und stemmt sich gerade wieder hoch, die rechte Hand auf einen Stein gestützt.
Es ist das Lieblingsmotiv der Weinbauern. Sie nennen ihn den Kreuzschlepper. Sie sagen: „Er ist wie wir. Muss schleppen.“
Der Kreuzschlepper.
Jesus schleppt sein Kreuz nach Golgatha.
Und ich frage mich: Warum tut er das?
Warum rafft er sich wieder auf? Er weiß doch, was komm!
Sie werden ihn ans Kreuz nageln. Er wird unerträgliche Schmerzen leiden und zuletzt ersticken.
Warum schleppst du dein Kreuz weiter?
Warum bleibst du nicht einfach liegen?
Weil du musst.
Du hast keine Wahl.
Du wirst nicht gefragt.
Du musst.
Leben.
Kämpfen.
Bis zum bitteren Ende.
Wenn wir einen Menschen begleiten, ist das nicht anders.
Wir schleppen.
Schleppen seine Krankheit mit.
Schleppen, wenn das Alter zur Last wird.
Schleppen den Schmerz.
Die Last der Trauer.
Die Einsamkeit.
Jesus hatte ein reiches und erfülltes Leben, war immer für andere da.
Jetzt findet sich jemand, der ihm tragen hilft.
Ein Fremder, Simon aus Kyrene. Der will nicht, sie müssen ihn zwingen.
So geht es uns ja manchmal auch, wenn wir einen Menschen begleiten müssen. Wir haben Angst, wollen nicht.
Doch unsere Motivation ist nicht wichtig.
Wir müssen. Sind da. Schleppen mit.
Manchmal helfen wir wie Veronica. Sie wischt Jesus mit ihrem Tuch den Schweiß aus dem Gesicht.
Ein kurzer Moment. Eine Geste. Und das Leiden geht weiter. Doch macht das ihr Tun sinnlos?
Der Kreuzschlepper.
Er muss.

Erfahrungen

Erfahrungen sind ein Kreuz, das wir unser Leben lang mit uns rumschleppen.
Jorge Bucay erzählt dazu folgende Geschichte:
Man hat den Elefanten im Zirkus mit einer Kette an einen lächerlichen Holzkeil gefesselt, den Keil einfach in die Erde gerammt.
Da steht er nun. Stundenlang. Den Kopf gesenkt und rührt sich nicht.
Warum?
Eine Bewegung, ein kurzer Ruck mit dem Fuß – er wäre frei!
Als er noch ganz klein war, hat man ihn mit seiner Kette an einen Betonklotz gefesselt. Tagelang hat der kleine Elefant versucht, sich zu befreien, hat an seiner Kette gerissen, bis sein Bein wund und aufgescheuert war. Vergeblich.
Er hat seine Erfahrung gemacht: Wenn sie dich anketten, hast du keine Chance. Du kommst nicht mehr los. Versuch es gar nicht erst!

Die Wanderer

Ein Wanderer traf an einer Weggabelung einen anderen, der in derselben Richtung unterwegs war. Sie gingen schweigend nebeneinander her. Nach einer Weile sagte der andere: „Ich bin müde, habe Hunger und Durst. Wie weit ist es noch bis zur nächsten Stadt?“
„Ungefähr zwanzig Kilometer“ antwortete er.
„Ich habe eine geniale Idee!“ sagte der andere: „Jeder von uns geht zehn!“

(gefunden bei Jorge Bucay, Der Innere Kompass)

So „geniale“ Menschen begegnen dir immer wieder.
Aber du weißt ja:
Niemand anderes kann deinen Weg gehen. Niemand weiß auch nur, wie weit er ist – nicht einmal du selbst.

Gute Vorsätze…

„Gute Vorsätze? Mit Tork Sanitärprodukten sind Sie bestens ausgestattet! Optimale Reinigungsergebnisse:
Damit wird Ihr 2015 sauber und rein!“ …aus einer Werbemail der Metro.

Total bekloppt – aber es viele „gute“ Vorsätze für das neue Jahr so schön auf den Punkt: alles soll sauber sein, proper und rein.
Doch nur wer nichts anfasst hat immer saubere Hände.

Ich wünsche mir fürs neue Jahr, dass ich leben lerne mit meinen Macken und denen der anderen:

„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat.“

Wir sind nicht heilig und müssen es auch nicht sein.

Frohes Neues Jahr!

Schicksal oder Blatt im Wind?

„Ich weiß nicht ob Mama Recht hatte,
oder ob Leutnant Dan Recht hatte,
ich weiß nicht…
ob jeder von uns sein Schicksal hat
oder nur zufällig dahin treibt wie ein Blatt im Wind.
Aber ich denke, es stimmt vielleicht beides.
Vielleicht passiert ja beides zur selben Zeit.
Du fehlst mir so, Jenny.“

Forrest Gump am Grab seiner Frau