Den anderen ändern?

Andacht für den NDR, Radio Niedersachsen

Der leere Parkplatz
Wir kennen uns schon ewig. Ich mag ihn wirklich gern. Aber ab und zu bringt er mich zur Weißglut. Jahrelang habe ich mich darüber geärgert:
Er kommt immer auf den letzten Drücker! Das bringt mich so auf die Palme! Das war schon in der Schule so! Kurz vor der Lehrerin noch eben in die Klasse gehuscht.
Ich habe immer gedacht: Das muss doch nicht sein! Der kann doch mal eine Viertelstunde früher aufstehen!
Der müsste mal so richtig …
Ja, ich hab ihm schon das ein oder andere Mal einen richtig schönen Denkzettel gewünscht, damit er sich endlich mal ändert. Doch dann habe ich diese kleine Geschichte gefunden:

Ein junger Mann ist zur Ausbildung bei einem großen Autokonzern. Sein Abteilungsleiter nimmt sich seiner an und nimmt die Aufgabe sehr ernst. Da der junge Mann noch keinen Führerschein hat, holt er ihn jeden Morgen von zu Hause ab und nimmt ihn mit ins Werk. Der Chef ist immer sehr früh dran. Wenn sie im Werk ankommen, ist der Parkplatz noch leer. Doch er fährt immer bis ganz nach hinten durch und sie müssen einen weiten Weg bis zu ihrem Arbeitsplatz laufen.

Am dritten Tag kann der junge Mann sich die Frage nicht mehr verkneifen: „Warum fahren Sie eigentlich immer bis ganz nach hinten? Der ganze Parkplatz ist doch noch frei!“ Er antwortet: „Die früh kommen, können gut noch ein Stück laufen. Darum sollten sie hinten parken. Aber die, die morgens spät dran sind, brauchen die Plätze weiter vorn, damit sie es noch rechtzeitig zur Arbeit schaffen.“

Was für ein weiser Mann! Er liebt es, morgens rechtzeitig anzukommen, ganz gemütlich zum Arbeitsplatz zu schlendern und in aller Ruhe zu beginnen. Aber er versucht nicht, die anderen zu erziehen. Er lässt sie so sein, wie sie sind.
Wie viel sinnlose Zeit und Energie geht mit dem Versuch drauf, die anderen von meiner und nur von meiner Art zu leben zu überzeugen.
Ja, jetzt sehe ich meinen alten Schulfreund mit anderen Augen. Als ich einer Freundin davon erzähle, sagt die schmunzelnd:

Versuche nie, jemanden dir gleich zu machen. Denn Gott weiß – und du weißt es im Grunde auch: einer von deiner Sorte ist mehr als genug.

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